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Ein neues Bett als Geburtstagsgeschenk


Stadtteil: Prenzlauer Berg („Prenzelberg“)
Bereich: Schönhauser Allee
Stadtplanaufruf: Berlin, Senefelderplatz
Datum: 9. Januar 2017
Bericht Nr.: 575

Ob wir die Schönhauser Allee nur bei Schnee erleben? Vor sieben Jahren lag Schnee, als wir auf der 2,8 km langen Radialstraße - einer Magistrale Prenzelbergs - flaniert sind, und heute ist es wieder weiß. Bei dem Spaziergang 2010 waren wir den literarischen Wegen von Wladimir Kaminer gefolgt und hatten "Berlin - Ecke Schönhauser" aus der Sicht des DEFA-Films betrachtet. Andere Stadtwanderungen - ohne Schnee - führten uns zum Jüdischen Friedhof, zum Senefelderplatz, zu den Brauereien, zur Segenskirche, dem Gleimviertel. Wir wandelten am Bahnhof Schönhauser (U-Bahn als Hochbahn, S-Bahn unter Straßenniveau) unter dem Magistratsschirm, jenem Hochbahnviadukt, unter dem man nicht nass wird, weil die Stadt mit dem Bau einen Schirm aufgespannt hat. (Links zu diesen Zielen am Ende des Textes).

Heute haben wir neue Schwerpunkte an der Schönhauser gefunden, Wohlfahrtspflege und Bildung, aber auch DDR-Geschichte und zeitgenössischer Kommerz kommen in das Blickfeld. Das Gebiet um die Schönhauser als nördliche Fortsetzung des Scheunenviertels war wie dieses ein Zentrum jüdischen Lebens. Der Friedhof, ein Altersheim, ein Waisenhaus und nicht zuletzt die Synagoge in der Rykestraße zeugen davon.

Kooperative Grundschule am Senefelderplatz
Das gemeinsame Lernen behinderter und nicht behinderter Kinder in der Grundschule und Oberschule - Inklusion - ist ein politisches Ziel, für dessen Umsetzung bei den Eltern der Kinder ohne Handicap um Akzeptanz geworben werden muss, aber schließlich profitieren auch ihre Kinder besonders hinsichtlich der sozialen Kompetenz vom gemeinsamen Unterricht. Man kann auf Einsicht hoffen, denn "eine öffentliche Schule ist kein Wunschkonzert".

An der Schönhauser verfolgt die Kooperative Grundschule am Senefelderplatz das Konzept des "Förderns durch Stärken stärken". Von den 450 in ganz Pankow betroffenen Schülern werden rund 80 in dieser Grundschule unterrichtet. Sie hat sich das Ziel gesetzt, dass ihre "Schüler gern zur Schule kommen und gestärkt nach Hause gehen sollen. Die Freude am Lernen und das Vertrauen in die eigene Kraft stehen daher im Mittelpunkt". Der DDR-Schulbau von 1953 ist von der Straßenfront zurückgesetzt, so dass er gefällig einen Vorplatz umrahmt.

Schönhauser Allee 7
Schuhe bei den Schweden kaufen, dafür standen im letzten Monat die Sneakersfans stundenlang an. Hell leuchten die Schaufenster von "Sneakersnstuff", wo vorher ein Club in Gruselschloss-Atmosphäre mit angeschlossenem Tattoo-Studio keinen Blick ins Innerste erlaubte. Das White Trash hat das Berliner Nachtleben wesentlich mit geprägt. In einem ehemaligen China-Restaurant in der Torstraße gegründet, übernahm es die China-Anmutung auch an seinem zweiten Standort in der Schönhauser. Irgendwann kam das 80er Jahre Revival, da war "das White Trash der Ort, wo die ersten Jungs in Röhrenjeans auftauchten und Frauen wie über Nacht wieder asymmetrische Frisuren trugen". Den Umzug nach Treptow überstand der Club nicht, er ging pleite, wird aber zunächst weiter geführt.

Schönhauser Allee 8
Die Fassade des fünfgeschossigen Vorderhauses ist mit halbrunden Erkern, Putten, einer Balustrade, Sandsteineinfassungen als vertikale Bänder und als Portalumrandung geschmückt. Im ersten Hof verweist ein Schild auf die "Park- und Abstellfläche" einer Fleischerei, in die schon vor Jahren ein Restaurant als Nachnutzer eingezogen ist. Auch draußen über dem Laden ist der alte Schriftzug "fleischerei" zu finden.


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Im letzten Hinterhof mit den Resten eines zerbombten Seitenflügels befindet man sich plötzlich im Freien, ein Schornstein der Königstadt-Brauerei grüßt von Ferne, Graffiti beherrschen die Wände.

The Barn

Wer am Prenzelberg Mütter mit ihren Kindern aus seinem Geschäft aussperrt, der muss schon etwas Besonderes zu bieten haben. Schließlich steht die Aufforderung: "Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter" sinnbildlich und verbindlich für diesen Kiez. "The Barn" - die Scheune - hat es gewagt und hat es geschafft. Das Café für "kompromisslosen Kaffeegenuss" verhindert mit einem Betonpoller mitten im Eingang - "so einer Art künstlicher Türsteher" - den Zugang für Kinderwagen. Wer sein Kleinkind auf den Arm nimmt, wird trotzdem nicht bedient. Alle anderen können ihren Kaffee in absoluter Ruhe genießen, Musik vom Band gibt es nicht und Laptops sind in eine Ecke verbannt. Wer Milch in den Kaffee haben möchte und sich das nicht ausreden lässt, kann nur eine der angebotenen ausgesuchten Kaffeesorten bekommen, denn der wahre Genuss sei nur mit purem Kaffee möglich.

Gesprochen wird nur englisch, schließlich kommen echten Barista - Kaffeemeister, Kaffeesommeliers - aus New York oder London. Die englische Sprache ist in dieser Ecke unentbehrlich, schließlich wird auch im Sneakersnstuff und wurde im White Trash nur englisch gesprochen. Der Inhaber von The Barn hat jetzt auch das traditionsreiche Kranzler am Kudamm übernommen. Ganz so konsequent wie an der Schönhauser wird der Gast hier nicht umerzogen, aber erfüllt werden die Erwartungen langjähriger Gäste auch nicht. Man stelle sich einmal vor, das Sacher in Wien würde nur noch Kekse statt Torte im Angebot haben (zugegeben, ein etwas zugespitzter Vergleich). Jedenfalls ist am Kudamm das Angebot für eine Tortenschlacht zu spartanisch und die älteren Damen sind enttäuscht, dass es keine Kännchen Kaffee mehr gibt. Neue Gäste müssen her.

DDR-Beratungsbüro für Arzneimittel
In einem Büro in der Schönhauser 8 wurde zu DDR-Zeiten westlichen Pharmafirmen „Patientengut“ für Arzneimitteltests vermittelt. Diese "immateriellen Exporte" waren nichts anderes als Arzneimittelversuche an nichts ahnenden Patienten in DDR-Kliniken. Preußisch-korrekt gab es als Rechtsgrundlage die „Ordnung zur Durchführung von honorierten klinischen Auftragsuntersuchungen“. So kamen der Arbeiter-und-Bauern-Staat an Devisen und die Arzneimittelhersteller an Testergebnisse ohne Haftungsrisiko. Vor allem Roche, Ciba-Geigy und Sandoz prüften hier Medikamente gegen Bluthochdruck, Herzinsuffizienz, Angstzustände, Depressionen, Asthma, Allergien oder Krebs auf ihre Wirksamkeit. Manche Patienten überlebten die Tests nicht. Arzneimittelversuche kommen aktuell auch deshalb wieder in den Fokus, weil man darüber diskutiert, Demenzkranke als Testpersonen einzusetzen.

U-Bahn aus dem Untergrund
Zwischen den Bahnhöfen Eberswalder Straße und Senefelderplatz kommt die U-Bahn aus dem Untergrund, sie wird Richtung Pankow zur Hochbahn. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass hier die einfacheren Viertel beginnen, denn den Wohlhabenden wollte man eine Bahnlinie vor dem Wohnzimmerfenster der Beletage nicht zumuten. Das war schon in Schöneberg so, wo die U-Bahnen Richtung Gleisdreieck erst hinter dem KaDeWe aus der Tiefe auftauchen und am Nollendorfplatz in den ersten Hochbahnhof einfahren. Im Prenzelberg besinnt sich die U2 vor dem nahenden Alt-Pankow dann auch wieder und kehrt in den Untergrund zurück.


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Auerbachsches Waisenhaus
Andere Menschen zu fördern, denen es nicht gut geht, Institutionen zu gründen oder zu unterstützen, die diese Aufgabe übernehmen, oder als Kunstförderer aufzutreten, sind wohltätige Handlungen, auf die man immer wieder trifft, wenn man sich mit der Stadtentwicklung beschäftigt. Denken wir an James Simon, der mit der Benennung des Eingangsbaus zur Museumsinsel eine lang verdiente Ehrung bekommt oder an Heinz Berggruen, der seine bedeutende Picasso-Sammlung seiner Heimatstadt überlassen hat. Bürgerschaftliches Engagement haben beispielsweise auch August Borsig, Carl Bolle, Rudolf Virchow, Georg von Bunsen gezeigt, als sie mit der Gründung des Asyl-Vereins Menschen in einer nahezu ausweglosen Notlage halfen. Und im Wedding gibt es entlang der Reinickendorfer Straße mehrere von Stiftungen gebaute Häuser mit sozialer Bestimmung

Die "Baruch Auerbach´schen Waisen-Erziehungs-Anstalten für jüdische Knaben und Mädchen" sind verschwunden, doch ein eindrucksvolles Denkzeichen erinnert an deren Häuser in der Schönhauser. Die Bewohner von den Nazis verfolgt, die Häuser von Bomben zerstört, erinnert nur noch ein gut präsentiertes Fragment der Grundstücksmauer an das Waisenhaus, das Auerbach 1897 in einem Ensemble von Backsteingebäuden eingeweiht hatte. Baruch Auerbach war Lehrer an der Knabenschule der Jüdischen Gemeinde. 1833 gründete er in der Rosenstraße ein Waisenhaus für Knaben, gefolgt von einem Waisenhaus für Mädchen. Beide Institutionen wurden in den Neubauten an der Schönhauser zu einem gemeinsamen Waisenhaus zusammengelegt. 55 Jahre lang war es ein "Elternhaus für Waisen", dann wurden von den Nazis die Lehrer und Kinder in Konzentrationslager deportiert. Drei Jahre später ist durch Bomben das Haus zerstört und die ortsgebundene Erinnerung durch spätere Neubebauung ausgelöscht worden. Erst das Denkzeichen hat die Wohltätigkeit aus einer vergangenen Zeit wieder ans Tageslicht geholt.

Jüdisches Altersheim
Das Jüdische Altersheim in der Schönhauser 22 nahm Menschen jüdischen Glaubens ab 60 Jahren auf, die mindestens 15 Jahre in Berlin lebten. Carl Schwatlo, der überwiegend "Postpaläste" wie das Postfuhramt und andere Postdienstgebäude wie das heutige Kommunikationsmuseum entworfen hat, baute das Altersheim im Auftrag der Jüdischen Gemeinde. Die Mittel für den Bau der Altersversorgungsanstalt stiftete Moritz Manheimer. Er war Konfektionär, durch Aufträge der preußischen Armee für Uniformen und Mäntel wurde er zu einem sehr reichen Mann. Das Ehepaar Manheimer blieb kinderlos und begann, sich um Arme und Benachteiligte zu sorgen. Die Manheimer-Stiftung finanzierte in Berlin 40 Projekte, Altersheime, Lehrlingsheime, Spitäler genauso wie junge Talente. Auf die Religion kam es Manheimer nicht an, auch nicht-jüdische Menschen erlebten ihn als Mäzen.

"Zum Geburtstag bitte keine Präsente, schenkt mir für eines meiner Häuser ein neues Bett". Manheimer machte Werbung für seine wohltätigen Vorhaben, nahm sich selbst aber sehr zurück. Bis 1919 wurde das Altersheim in der Schönhauser vollständig durch Spenden finanziert, da war er bereits drei Jahre tot. Die Verlegerdynastie Mosse und die Familien Cassirer (Kunsthändler, Industrielle, Gelehrte) gehörten zu den prominenten Förderern. Direkt hinter dem Altersheim grenzt der Jüdische Friedhof an. Über die Friedhofsmauer hinweg gibt es eine optische Einheit mit dem Grab der Manheimers, die okker-gelben Klinker des Grabdenkmals sind identisch mit dem Ziegelmaterial des Altersheims.

Mit "Alterstransporten" wurden im Dritten Reich die Bewohner des Altersheims in die Konzentrationslager gebracht. Nach Kriegsende übernahm die DDR-Volkspolizei das Gebäude. Sie richtete im Keller Gefängniszellen und eine Waffenkammer ein. Einen Atomkrieg hätten die Volkspolizisten besser als die übrigen Bewohner des Viertels überstanden, denn ab 1971 gab es im Keller einen Atombunker. Nach der Wende hat nach langem Leerstand ein Investor Eigentumswohnungen "mit traumhaftem Blick" in das Altersheim eingebaut, der Blick geht auf den Jüdischen Friedhof.

Photoautomat
Den Vorhang beiseite geschoben, den Sitz in die richtige Höhe gedreht, in die quadratische Kabine hineingedrängt, hingesetzt, Vorhang zu, Geld eingeworfen, versucht ein ernstes Gesicht zu machen, es blitzt 4mal - so entstanden in den 1960ern die Passfotos, vier am Stück schwarz-weiß auf einem Streifen. Manchmal haben sich auch Paare beim Küssen fotografiert. In Köln beobachtet: Ein Pärchen sitzt drin und küsst sich nach dem Fotografieren weiter. Ein Moralist reißt den Vorhang zur Seite und schreit: "Es hat 4mal geblitzt!!!"


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Später ging man zum Fotografen, biometrische Fotos wurden amtlich vorgeschrieben. Handys und Selfies waren der neue Spaß. Und plötzlich stehen die Photoautomaten wieder in der Partymeile - „Photographiere dich selbst!“, vier Aufnahmen kosten zwei Euro. Nachtschwärmer sitzen zu zweit auf einen kleinen Hocker, schneiden Grimassen, verkleiden sich, prosten sich zu, ziehen sich nackt aus oder halten ein Schild „Happy Birthday“ hoch. Ungeduldig warten sie, bis die musealen Apparate nach 5 langen Minuten den Bilderstreifen in den Ausgabeschlitz gleiten lassen. Und dann kommt die Lärmbelästigung, die die Anwohner auf die Palme bringt: Das Gackern, Lachen und Kreischen beim Betrachten der Fotos, schwarzweiß und kernig.

Inzwischen gibt es im Apple-Store den "Passbildautomaten für die Hosentasche", eine App genannt "Photomat", mit der die Ästhetik alter Passfotos simuliert wird. Welch ein Missverständnis! Wo bleibt das Erlebnis, die Provokation, das Warten, das Gruppen-Kreischen?

Genuss und Vergnügen
Ein italienisches Lokal in der Kollwitzstraße, das "Genuss" und "Vergnügen" in seinem Namen führt, könnte eines unserer Lieblingslokale werden. Spartanisch beim offenen Wein, nur Hauswein rot und weiß wird angeboten, aber ausführlich bei allem, was auf den Teller kommt, dazu freundliche und aufmerksam bedient, hier fühlen wir uns wohl.

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Andere Stadtwanderungen mit Bezug zur Schönhauser Allee:
> Schönhauser Allee (2010): Damenklo mit Guckloch
> Jüdischer Friedhof: Liebend und geliebt badetest du in meiner Seele
> Senefelderplatz: Bedürfnisse
> Brauereien:
>> Es gibt kein Bier in der Brauerei
>> höchstselbst mit Biersuppe aufgezogen
> Segenskirche: Vom Prenzelberg zur Rosenthaler Vorstadt
> Gleimviertel, Gneiststraße: Gesetzestreue Steinewerfer
> Magistratsschirm: Unter dem Magistratsschirm
> Currywurstbude Konnopke: überirdisch bewegt

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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