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Gesetzestreue Steinewerfer


Stadtteil: Prenzlauer Berg
Bereich: Gleimviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Gethsemanestraße
Datum: 5. April 2010

"Es ist eine ... Selbstverständlichkeit, dass die Menschen das Haus, in dem sie leben wollen, selbst planen und gestalten können" (Bertolt Brecht).

Bürgerbeteiligung ist wie Naturschutz heute selbstverständlicher Bestandteil jedes Bauplanungsverfahrens. Sie ist institutionalisiert, es gibt Vorschriften, die zumindest formal eingehalten werden müssen. Mitreden und mitentscheiden werden zwar gefordert, sind aber unbequem, und wenn Betroffene den Experten der Verwaltung gegenüberstehen, dann ist Einmischung in politische Entscheidungsprozesse notwendig. Visionen, Kreativität und Phantasie sind gefragt und Kommunikationsstrategien, damit man mit seinem Engagement auch wahrgenommen wird, denn erst durch die öffentliche Wahrnehmung können Dinge bewegt werden.

Die behutsame Stadterneuerung der 1980er Jahre in Berlin geht auf solche Einmischung zurück. Wohnungsleerstand und unterlassene Reparaturen führen in Kreuzberg zur "Instandbesetzung", die trotz Gesetzesverstößen von der Bevölkerung mit Sympathie begleitet wird. Die Besetzer beginnen sofort mit der Instandsetzung, um dort kollektiv wohnen und arbeiten zu können und zeigen damit den Erhaltungswert der alten Häuser. "Lieber instandbesetzen als kaputtbesitzen" zeigt Früchte, in der Stadtplanung beginnt die Abkehr von der Flächensanierung hin zur behutsamen Stadterneuerung unter weitgehender Erhaltung der alten Substanz.

Die Bürgerinitiative SO 36 hatte sich bewusst über bestehende Regeln hinweggesetzt, denn "auch bis zum 12.12.80, jenem Tag, der nicht nur Berlin so in Aufregung versetzte, wurden schon Steine in den Kreuzberger Straßen geschmissen. Und zwar seit Jahren. Doch von diesen 'Steineschmeißern' wollte und sollte sich niemand distanzieren. Denn es handelte sich um von privaten Spekulanten und senatseigenen Wohnungsbaugesellschaften angeheuerte Abrissfirmen, die billigen und guten Wohnraum zerstörten. Stein für Stein. Und in aller Regel bezahlt aus öffentlichen Steuergeldern."

Im März 2010 berichtete der WDR über Hausbesetzer in Amsterdam, die aus einem leer stehenden Gebäude ein lebendiges Zentrum für das Viertel machten. Bis heute dauern weltweit Versuche an, gegen die sinnlose Zerstörung billigen Wohnraums anzukämpfen, denn das "Bewegungsgesetz" der Gentrifizierung wiederholt sich: Erst kommen die Künstler und die alternative Szene, geben einem herunter gekommenen Stadtteil Flair, dann kommen die Investoren, um daraus Kapital zu schlagen. Für die Lösung dieses Konflikts gibt es kein einfaches Rezept, denn die Städte stehen im nationalen und internationalen Wettbewerb um die zahlungskräftigen Bürger, die sich im Internet- und Globlisierungszeitalter überall niederlassen können und mit attraktiven Angeboten gelockt werden müssen.

Verdrängung ist auch zu befürchten, wenn Investoren aus reinen Profitinteressen heraus Mietwohnungsbestände kaufen. Gegen den Verkauf einer Wohnanlage zwischen Gneist- und Buchholzer Straße bildete sich im Jahr 2000 eine Mieterinitiative, die den Wohnraum sichern und die Mitsprache bei der Sanierung der Gebäude und das Wohnen und Leben in gewohnter Umgebung bei bezahlbare Mieten erreichen wollte. Daraus entstand mit viel Mut, eigenem Engagement, eigenen und öffentlichen Mitteln die Wohnungsbaugenossenschaft "Bremer Höhe", die heute 570 Wohnungen zu Preisen unterhalb des Mietspiegels vermietet. Es gibt kein Einzeleigentum, aber auch keine Spekulation, die Genossen wohnen so sicher wie in einer eigenen Wohnung, für den Eintritt in die Genossenschaft kaufen sie einmalig einen Genossenschaftsanteil von 5.000 Euro, der nicht verfällt.

Die Wohngebäude Pappelhöfe, Schönhauser Höfe und Gneisthöfe, die heute von der Genossenschaft Bremer Höhe verwaltet werden, wurden ab 1871 - Geschichte wiederholt sich - von der bereits 1848 gegründeten „Berliner gemeinnützigen Baugesellschaft“ gebaut, die eine Mieterselbstverwaltung erreichen wollte: Die Häuser sollten im Mietkaufsystem an „Mietgenossenschaften“ der Bewohner übergeben werden, blieben allerdings im Besitz der Gesellschaft, da die Kosten von den Arbeiterfamilien nicht aufgebracht werden konnten. Es war der erste konkrete Lösungsansatz für die dramatische Zuspitzung des Wohnungsproblems im Zeitalter der Industrialisierung. Victor Aimé Huber setzte sich nach einer Forschungsreise nach Manchester für "Die Selbsthülfe der arbeitenden Klassen durch Wirtschaftsvereine und innere Ansiedlung" ein und wurde damit zum Vordenker der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft.

Die gemeinnützige Baugesellschaft errichtete im Gleimviertel um die Gethsemanekirche herum zunächst "Cottages" (Ein- und Zweifamilienhäuser im englischen Stil), die aber nach 20 Jahren wieder abgerissen wurden, um eine bessere Ausnutzung der Grundstücke mit fünfgeschossigen Mietshäusern zu erreichen. Die Häuser wurden mit aufwändigen Fassadengestaltungen, Fenstereinrahmungen, Stuckelementen, Ornamenten versehen und ohne Hinterhöfe gebaut. Von den für die Innenhöfe vorgesehenen Gemeinschaftseinrichtungen wurde aber nur eine "Kinderbewahranstalt" verwirklicht.

Die Fassaden der den Gethsemaneplatz begrenzenden Wohnhäuser gehören zu den prächtigsten in Prenzlauer Berg, einem als Arbeiterviertel entstandenen Bezirk. Die Gethsemanekirche wurde in der bewegten Zeit im Herbst 1989 vor der Wende zu einem der wichtigsten Zentren des Widerstands innerhalb der DDR mit Fürbittgottesdiensten, Mahnwachen und friedlichen Demonstrationen. Den Grundstein für die Kirche hatte die "Kirchenjuste" Kaiserin Auguste Viktoria gelegt. Der Bau gehört zu jenen 53 Kirchen, die im Verlauf von nur 15 Jahren (1890-1905) mit kaiserlicher Unterstützung in und um Berlin entstanden, weil Kaiser Wilhelm II. hoffte, auf diese Weise ein “Bollwerk gegen die Sozialdemokratie” errichten zu können. Die Bedeutung für die Friedens- und Demokratiebewegung der DDR wird heute symbolisch durch zwei Kunstwerke gezeigt: Zum einen die Kieler Bronzeplastik "Der Geistkämpfer" von Ernst Barlach, die die DDR angekauft hatte und auf dem Bebelplatz aufstellen wollte und den "Segnende Christus" aus der ehemaligen Versöhnungskirche, die die DDR gesprengt hatte, weil sie auf dem Mauerstreifen im Wege stand. Mit dem "Geistkämpfer" verband Barlach eine Idee von höherer Wahrheit, des Aufgehens im Höheren, der Selbstüberwindung, des Übersichhinauskommens.

Nimmt man am S-Bahnhof Schönhauser Allee den östlichen Ausgang, so wie wir es getan haben, dann steht man gleich auf der Greifenhagener Brücke, die seit 1910 als Fußgängerbrücke über die S- Bahntrasse führt und mit Blechtafeln mit Jugendstilelementen verziert ist. Da die Brücke verschmiert und beklebt ist, erhält man den Blick auf die gestanzten Ornamente nur von der Bahnseite her. Unser Rundgang im Gleimviertel führt uns über die Pappelallee unter dem "Magistratsschirm" hindurch zur Cantianstraße. Hier wollen wir an der Ecke Milastraße im Restaurant Ribbeck einkehren, das wir vor Jahren einmal besucht haben. Die Birne hängt noch draußen, aber die Räume sind zu vermieten. Ein paar Häuser weiter gab es ein Bierlokal in einem Gewölbe, auch das steht leer. Enttäuscht nehmen wir mit einem Italiener in einer Querstraße Vorlieb, der nach einem italienischen Regisseur benannt ist und annehmbares Essen auf den Tisch bringt.

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Zur Versöhnungskirche auf dem Mauerstreifen steht mehr in dem Bericht
Gemeingefährliche Bestrebungen

Den "Magistratsschirm" finden Sie hier:
Unter dem Magistratsschirm

Weiteres zur „Kirchenjuste“:
Die schöne Weyde an der Spree

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Unsere Route:
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