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Doppelte Elisabeth


Stadtteile: Prenzlauer Berg, Mitte
Bereich: Rosenthaler Vorstadt
Stadtplanaufruf: Berlin, Eberswalder Straße
Datum: 24. Oktober 2017
Bericht Nr.: 605

Die Heilige Elisabeth konnte Wassersuppe mit Kräutern und Blättern anbrennen lassen, weil sie während des Betens das Kochen vergaß. Nicht dafür wurde sie natürlich heiliggesprochen, sondern wegen ihrer Mildtätigkeit bis zur Grenze der Selbstverleugnung und für die Wunder, die man ihr zuschreibt. Elisabeth hatte für sich selbst wenig irdisches Glück gefunden, sie starb 1231 bereits mit 24 Jahren. Der thüringische Herrschersohn, dem sie als ungarische Königstochter schon als Kleinkind versprochen war, starb noch als Kind. Mit 14 Jahren heiratete sie seinen Bruder, der wenige Jahre später auf einem Kreuzzug zu Tode kam, als er die Heimat noch kaum verlassen hatte.

Sie geriet unter den Einfluss ihres fanatischen Beichtvaters, der ihr Vormund wurde, der sie isolierte und kontrollierte und dem sie bedingungslosen Gehorsam schwören musste. Über ihre Witwengüter verfügte der Vormund, sie selbst lebte in Armut und kümmerte sich hingebungsvoll um Arme und Kranke und wurde damit ein Vorbild der zeitgenössischen religiösen Armutsbewegung. Nach ihrem Tod sollen Wallfahrer zu ihrem Grab im Mittelalter vielfach Wunderheilungen erlebt haben.

So ein Lebensentwurf ist für uns heute undenkbar. Verständlich wird er aus der mittelalterlichen Vorstellung, dass der Sinn des Lebens weitgehend darin bestand, sich auf die Zeit im Jenseits vorzubereiten. Durch gute Taten schaffte man sich bessere Startbedingungen, um nicht im Fegefeuer zu landen.

Rosenthaler Vorstadt
In der Rosenthaler Vorstadt sind wir heute von Elisabeth zu Elisabeth unterwegs. Wir beginnen am St. Elisabeth-Stift in der Eberswalder Straße und haben an der Schinkelschen St. Elisabeth-Kirche an der Invalidenstraße unser Ziel erreicht. Friedrich der Große hatte die Rosenthaler Vorstadt vor der Stadtmauer erschließen lassen. Ursprünglich reichte sie von Mitte bis Gesundbrunnen und Prenzlauer Berg, am südlichen Ende des Mauerparks ist das „Dreiländereck“, hier treffen sich die Ortsteile. Heute wird nur noch der Bereich in Mitte zur Rosenthaler Vorstadt gerechnet. Während der Industriellen Revolution wurde die Vorstadt zu einem Arbeiterviertel mit der typischen Bebauung mit Mietskasernen. Aber auch spätklassizistische Häuser aus der Zeit der ersten Bebauung sind noch erhalten.

Die Straßennamen leiten sich von Orten im damaligen Norddeutschland ab (heute zum Teil Polen) und wurden ab 1861 festgelegt. Anwohner hatten vorher in einer Petition anstelle der Schwedter Straße Namen wie Hohenzollern-, Rauch-, Arndt-, Magdalenen- oder Pöhligstraße vorgeschlagen, aber der Magistrat entschied sich für eine einheitliche Benennung. Aus dem 18.Jahrhundert war die Bezeichnung "Verlorener Weg" überliefert. So bezeichnete man eine Straße, die im Nichts verläuft, ohne einen definierten Endpunkt zu haben.

St. Elisabeth-Stift
Es ist naheliegend, dass der Name Elisabeth von Institutionen benutzt wird, die selbst für die Benachteiligten, Armen und Kranken sorgen. Das Elisabeth-Stift in der Eberswalder Straße wurde 1877 als Siechenhaus für Frauen eröffnet. Heute wird es als Pflegeheim genutzt. Die starke plastische Wirkung des spätklassizistischen Baus wird durch mehrere vorspringende Bauteile erreicht.


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Auf dem Hof des St. Elisabeth Stiftes steht ein Glockenturm mit einer fremden Glocke. Aus einer baufälligen Fachwerkkirche in Templin wurde zu DDR-Zeiten die Glocke abtransportiert und hier beim Stift eingeweiht. Die Fachwerkkirche hatte man aufgegeben, nach der Wende konnte sie aber wieder hergestellt werden.

St. Elisabeth-Kirche

Die St. Elisabeth-Kirche in der Invalidenstraße ist die größte der vier Vorstadtkirchen, die Schinkel im Auftrag seines Königs errichtet hat. "Bau'n Se billig, Schinkel", hatte Friedrich Wilhelm III. ihm mit auf den Weg gegeben. Mit dieser Herausforderung brachte er einen Entwurf hervor, der Ästhetik und Zweckmäßigkeit in Einklang brachte. Ohne besondere Verzierungen und ohne Türme, mit einem Saalbau auf rechteckigem Grundriss. Sechs Pfeiler tragen den Portikus vor dem Eingangsportal. Die übereinander angeordneten Fensterreihen auf der Seitenwand lassen eine Zweigeschossigkeit vermuten, beleuchten aber tatsächlich nur die Empore.

Nach einem Bombenangriff 1945 waren nur die Umfassungsmauern stehen geblieben und wurden zu DDR-Zeiten auch so belassen. Beim schrittweisen Wiederaufbau nach der Wende wurde - dem heutigen Denkmalverständnis folgend - der Innenraum nur unvollständig wieder hergestellt, er soll die Beschädigungen während des Krieges widerspiegeln. Inzwischen wird die Kirche als Kulturraum vermarktet, als "Ort der künstlerischen Entfaltung, der Improvisation, der Konzentration und des Dialogs von Kultur und Kirche".

Postamt Eberswalder Straße
In der Eberswalder Straße, nur wenige Grundstücke vom klassizistisch anmutenden Elisabeth-Stift entfernt, hat die Kaiserliche Oberpostdirektion nach 1910 einen an barocke Formen angelehnten Verwaltungsbau errichten lassen. Hier arbeitete das Postamt N 58, später kam ein Fernsprechamt hinzu, das Telefongespräche abwickelte. Heute ist die Post nur noch auf dem Hinterhof mit einer Briefsammelstelle vertreten, im Übrigen nutzt ein Polizeiabschnitt das Gebäude.

Drei Schulen von Hermann Blankenstein
Bei unserem Rundgang treffen wir auf drei Schulen, die der Berliner Stadtbaurat Hermann Blankenstein gebaut hat. Es sind staatliche Zweckbauten in Backstein, die zu einer Zeit entstanden, als Gründerzeitbauten Schmuckformen historischer Stile zitierten (Historismus). Er verwendete roten und gelbe Klinker und wenige Ornamente, zu denen aber meist ein Medaillon mit einem Berliner Bären gehörte. Was wir heute als abwechslungsreich erleben, wurde um 1900 als Uniformität kritisiert, als "städtische Livree, dieselben Gedanken und Formen gingen von einem Bau zum anderen über". Insgesamt soll Blankenstein in seiner 24jährigen Tätigkeit 120 Schulen gebaut haben. Einige davon kennen wir von unseren Stadtrundgängen, und auch die verwirrende nicht fortlaufende Zählweise der Gemeindeschulen konnten wir aufklären.

Gemeindeschule Schwedter Straße
Der Schulkomplex der 89. und 96. Gemeindeschule in der Schwedter Straße aus den 1870er Jahren war "seit Ende der 1990er Jahre wegen sinkender Schülerzahl nicht mehr für den Schulbetrieb erforderlich" Heute würde man das anders sehen, aber jetzt werden die Gebäude vom Künstler-Verein Milchhof und anderen genutzt. Die Backsteingebäude in unterschiedlichen Rottönen sind horizontal gegliedert mit Gesimsen, Terrakottafriesen und Ziegelbändern. Und natürlich fehlt der Berliner Bär nicht, Blankensteins Markenzeichen.


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Gemeindeschule Eberswalder Straße
Im folgenden Jahrzehnt baute Blankenstein die 117. und 178. Gemeindeschule an der Eberswalder Straße, von der heute nur noch das Lehrerwohnhaus steht. Der gedrungene Klinkerbau mit Bändern aus grün und gelb glasierten Ziegeln nahm auch das Standesamt auf. Zu DDR-Zeiten arbeitete hier der Rat des Stadtbezirkes. Heute nutzen unter anderem eine Tanzbühne ("wach, kritisch, mutig") und ein Figurstudio ("Figurlounge") das Gebäude.

Realschule Rheinsberger Straße
Höhere Schule - herausgehobene Architektur. Die 8. Realschule war eine von elf Städtischen Höheren Bürgerschulen, und das sieht man ihrer baulichen Gestaltung auch an. In den 1890er Jahren entstanden, verlässt sie das schlichte Entwurfsprinzip der Gemeindeschulen und zeigt formalen Reichtum der Fassade und dekorative Ziegelmuster im Sockel und unter der Traufe. An der Straßenfront stehen als niedrige Bauten Lehrerwohnhaus und Turnhalle. Das dreistöckige Schulgebäude befindet sich zurückgesetzt auf dem Hof. Die hohen Rundbogenfenster im obersten Stock spiegeln die Aula nach außen.

Gemeindeschule am Arkonaplatz
Schon vor Beginn von Blankensteins Tätigkeit als Stadtbaurat wurde 1865 am Arkonaplatz die 25. Gemeindeschule errichtet, ein Bau mit gelber Ziegelfassade. Das war zeitgleich mit der Erschließung der Vorstadt, die Schule gehört zu den ältesten Schulbauten Berlins. Später wurde durch einen seitlichen Anbau in gleicher Fassadenoptik die Symmetrie des Bauwerks aufgegeben. Ein turmartiger Aufbau krönt den Erweiterungsteil.

Predigerhaus
Angrenzend an die Schulgebäude ist in der Schwedter Straße ein Wohnhaus für Prediger, Küster und Kirchendiener der Zionsgemeinde errichtet worden. Es ist niedriger als die Schule und die umgebende Wohnbebauung. Der gelbe Klinkerbau ist durch Gesimse mit roten Bändern auf jeder Etage horizontal gegliedert. Ungewöhnlich sind die massiven Konsolen im Dachgesims, zwischen denen sich kleine Fenster befinden. Eine vergleichbare Bauform wiesen oft Lehrerwohnhäuser auf.


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Factory
Auf einem ehemaligen Brauereigelände zwischen Rheinsberger und Bernauer Straße wird Zukunft gemacht: Hier hat sich die "Factory" angesiedelt, ein Campus für Start-ups als Arbeitsplatz und Netzwerk. Die Homepage der Factory gibt es nur in englischer Sprache, die Ansprüche sind klar. Als Mitglieder und Partner nennt die Factory beispielsweise Google, Telekom, Deutsche Bank, Ergo aber auch Unternehmen wie Gemüsering, die regionale Produkte anbieten. Und auch Großinvestoren wie Frank Thelen sind hier vertreten, der mit anderen Investoren zusammen in der TV-Show "Höhle des Löwen" (n-tv) Start-ups begutachtet und die interessantesten in sein Imperium aufnimmt.

Mauertunnel Tunnelfluchten
Als der DDR immer mehr Bürger durch Abwanderung in den Westen abhanden kamen, mauerte sie die Verbliebenen ein. Der Weg aus dem Land heraus wurde als "Republikflucht" geahndet. Die Mauer diente nach ihrer Deutung dazu, westdeutschen Agenten, Schleusern und Menschenhändlern das Handwerk zu legen. Wer das Land verlassen wollte, musste auf spektakulären Wegen die Grenze überwinden. Aus dieser Not heraus wurden von West-Berlin aus Fluchttunnel unter der Mauer hindurch gebuddelt. Allein unter der Bernauer Straße sind 12 Tunnel dokumentiert, nicht durch alle kamen wirklich Menschen in die Freiheit.

Der spektakulärste Tunnel mit einer Länge von 145 Metern in 12 Meter Tiefe führte aus einem West-Berliner Keller in der Bernauer Straße 57 zur Strelitzer Straße 55 in Ost-Berlin. Im Oktober 1964 wurden an zwei Tagen 57 Menschen hindurch geschleust. Für einen Fluchttunnel war das eine "Massenflucht". Am zweiten Tag beendeten DDR-Grenzer die Flucht. Ein Fluchthelfer schoss mit einer Pistole und verletzte einen Vopo, der anschließend im Maschinengewehrfeuer seiner Kameraden starb, als er sich aufrichten wollte. Für die DDR-Propaganda war der Fluchthelfer ein Mörder, erst nach der Wende kam durch die Stasi-Akten die Wahrheit ans Licht.

Freiluftschule
Vor dem Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportstadion nutzt die Straßenbahn eine Wendeschleife, wenn sie nicht bis zum Hauptbahnhof durchfährt. In diesem Bereich ist 1921 eine Freiluftschule in drei Baracken eingerichtet worden. Bis zu 300 tuberkulosekranke Kinder erhielten hier an drei Tagen in der Woche Unterricht. Sie hielten sich unbekleidet im Freien auf, die Freiluft-Sonnen-Behandlung galt als Standardtherapie bei Tuberkulose. Aus der Idee, das natürliche Klima als Heilmittel einzusetzen, sind die Luftkurorte entstanden.

In der Invalidenstraße setzen wir uns für das Flaniermahl zu einem neu eröffneten Italiener. Bis auf den zu kurz gekochten Broccoli ist das Essen in Ordnung, doch die ungenießbar sehnigen Filetspitzen bei einem späteren Besuch bringen mich dazu, das Lokal nicht für Wiederholungen vorzusehen.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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