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Damenklo mit Guckloch


Stadtteil: Pankow
Bereich: Schönhauser Allee
Stadtplanaufruf: Berlin, Senefelderplatz
Datum: 18. Januar 2010

Wladimir Kaminer schreibt in seinem Buch "Schönhauser Allee" über "berühmte Persönlichkeiten auf der Schönhauser Allee":
"»Gehen Sie bitte raus, wir machen zu!«, sagte der freundliche Schwarzenegger, der in den »Schönhauser Arcaden« für die Sicherheit zuständig ist. Er stand gerade vor uns, die Beine breit, die Hände hinter dem Rücken - so bildete der Mann selbst eine Arkade. Mein Freund Juri und ich liefen ohne Anstrengung zwischen seinen Beinen hin­durch an die frische Luft. ... Quer über die Dänenstraße versuchte ein riesengroßer amerikanischer Ford aus den Siebzigerjahren falsch einzuparken. Plötz­lich stand uns die Kiste im Weg. Der Motor ging aus. Ein alter Mann stieg aus dem Wagen, knallte die Tür zu, da­bei fiel der Griff ab. Der Fahrer hatte lange graue Haare, die nach hinten gekämmt waren, trug eine Armeejacke und schwarze Lederstiefel. In der einen Hand hielt er ei­nen Stadtplan, mit der anderen machte er seine Hose auf und pisste unter seinen eigenen Wagen. »Oh God«, stöhnte er währenddessen. Dabei schaute er uns an. »Bukowski«, sagten wir beide gleichzeitig. Die Ähnlich­keit war frappierend. »Hallo Jungs!«, hustete uns Bukowski an, »ich kreise schon seit zwei Stunden in dieser Gegend herum und komme einfach nicht aus der verfluchten Stadt raus. Kennt ihr euch hier aus?«"

Bukowski haben wir hier nicht getroffen, aber es ist ja auch Winter und kalt. Vom U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz aus streben wir nach Norden. Die Schönhauser Allee war schon im königlichen Berlin eine Protokollstrecke, Friedrich der Große hatte seine Gattin Elisabeth Christine auf Dauer ins Schloss Niederschönhausen ausquartiert, für das Damenprogramm mussten die Staatsbesucher über die "Schönhausensche Landstraße" zu ihr fahren. Ab 1949 nutzten dann DDR-Präsident Wilhelm Pieck und später der DDR-Staatsrat das Schloss als Amtssitz und zu Repräsentationszwecken, schließlich diente es der DDR-Regierung als Gästehaus, und immer führte die Verbindung über die Schönhauser Allee.

Der DEFA-Film "Berlin - Ecke Schönhauser", der in den 1950er Jahren das Halbstarken-Problem in der DDR-Hauptstadt ausgerechnet an der Protokollstrecke spielen ließ und ein außergewöhnlich kritisches Bild der Lebenswirklichkeit in der DDR zeigte, war deshalb eine doppelte Provokation. Es gab im Film keine "sozialistische Heldenfiguren", sondern Prügeleien, Heuchelei, Fremdgehen und Schwärmerei für den Westen. Der Volkspolizist, der sich mit den Vergehen der Jugendlichen beschäftigt, bringt zum Schluss des Films seine Lebensweisheit auf den Punkt: "Wo wir nicht sind, sind unsere Feinde". Doch auch die feindlichen Brüder in West-Berlin liebten diesen Film nicht, beschrieb er doch Gewalt und Unterdrückung im Notaufnahmelager für Ostflüchtlinge in Marienfelde. Sechs Mal beschäftigten sich Beamte aus Wirtschaftsministerium, Auswärtigen Amt, Innenministerium, gesamtdeutschem Ministerium, Bundespresseamt, Bundeskanzleramt und Justizministerium mit einem Verbot des Films, bis der Verleih die Lust an einer Vorführung im Westen verloren hatte.

Am südlichen Ende ist die Schönhauser ein "Brauereiviertel". Wegen der Lage am Windmühlenberg konnten die benötigten Lager- und Kühlkeller hier mit wenig Aufwand hergestellt werden. Linker Hand auf unserem Weg liegt die Pfefferberg-Brauerei, rechts die Königstadt-Brauerei, beiden hatten wir bereits früher einen Besuch abgestattet (s.u.). Später taucht an der Ecke Sredzkistraße der markante Turm der Kulturbrauerei auf. Franz Schwechten, an dessen Anhalter Bahnhof wir gerade vor einer Woche waren, hat das ausgedehnte Brauereigelände einstmals für Schultheiß mit gelben Klinkerbauten in "historisierendem" (frühere Epochen zitierenden) Stil bebaut. In Berlin gibt es einige Türme von Schwechten, z.B. an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Apostel-Paulus-Kirche, St.- Simeon-Kirche Wassertorstraße, Grunewaldturm, AEG-Eingangsportal Brunnenstraße.

Senefelderplatz und Jüdischen Friedhof hatten wir bereits bei früheren Spaziergängen besucht, genauso die Segenskirche (s.u.). Unter der Hochbahn an der Eberswalder Straße verkauft Berlins bekanntester Wurstmaxe "Konnopke" seine Ware, Currywurst mit Pommes für 3,30, über die Stadt hinaus bekannt, ein angeblicher Insidertipp vieler Reiseführer, ein "Hotspot des Berlin-Tourismus" (Tagesspiegel). Wenn im Sommer 2010 die BVG ihre Hochbahnpfeiler sandstrahlt, soll Konnopke solange schließen und luftdicht verpackt werden. Vielleicht klappts, inzwischen gibt es ja auch Konnopke-Filialen.

Der S-Bahnhof Schönhauser Allee ist 1879 auf der Ringbahn eröffnet worden. Nach dem Mauerbau 1961 fuhr die S-Bahn nicht mehr auf der Ringbahn westlich nach Gesundbrunnen, sondern auf den extra elektrifizierten Güterbahngleisen im Bogen nördlich nach Bornholmer Straße und von dort weiter nach Buch. Im Volksmund hieß diese Umleitung um West-Berlin herum die "Ulbrichtkurve". Am Umsteigebahnhof Schönhauser Allee fährt die U-Bahn als Hochbahn auf dem "Magistratsschirm" (s.u.) und die S-Bahn in einer Vertiefung unterhalb der Straße - verkehrte Welt.

Das Kino Colosseum wurde 1924 in einer ehemaligen Wagenhalle der Berliner Straßenbahn eröffnet, damals noch mit Stummfilmen mit Orchesterbegleitung. Nach kriegbedingtem Zwischenspiel als Lazarett wurde es zum DDR-Premierenkino, eine Funktion, die es 1963 an das Kino International in der Stalinallee abgeben musste. Nach der Wende wurde das Colosseum Teil eines Multiplex-Kinos.

Am Ende unseres Spaziergangs ist ein Kneipenbesuch angesagt, schlagen wir hierzu noch einmal bei Wladimir Kaminer nach:
"Juri und ich wollten schon mehrmals unseren Stammimbiss wechseln, aber so einfach ist es nicht. Die Schön­hauser Allee ist kein Paradies für Kneipengänger. Der »Burger-King« an der Ecke Paul-Robeson-Straße ist BSE-verseucht. »Pezo del Tore« gegenüber ist eigentlich keine Kneipe, sondern eine vegetarische Sekte. ... Und der thailändische Imbiss in der Nähe ist als Stammkneipe fest in den Händen der schwulen Bauarbeiter des Bezirks. Diejenigen, die in den kleinen Imbiss nicht reinpassen, gehen rüber in die »Bärenhöhle«. Das »Nirwana« ist eine langweilige Stripteasebar, wo sich einige Pankower Haus­frauen ausziehen und nackt auf dem Tresen tanzen. ... Uns bleibt nur »Attila«, der König der Hühner. Sein Laden hat aber auch einige Vorteile: Wir sind dort fast die einzigen Kunden und genießen deswegen die gesamte Aufmerksamkeit des Besitzers."

Das trifft nicht unseren Geschmack, deshalb suchen wir selbst und gehen in der Pappelallee in das einzige Berliner Lokal, das zwei Gucklöcher zum Damenklo hat (was wir aber erst dort entdecken). Wo kann man sonst die Damen beim Händewaschen und Nasepudern beobachten, wenn man dies will? Eigentlich ist das "Lorberth" ja ein Feinkostladen mit kleiner Abendkarte, und mit dem Essen sind wir ausgesprochen zufrieden.

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Im Text erwähnt wurden folgende Stadtspaziergänge:

über den Magistratsschirm: Unter dem Magistratsschirm
über die Königstadt-Brauerei: höchstselbst mit Biersuppe aufgezogen
über die Pfefferberg-Brauerei und den Senefelderplatz: Bedürfnisse
über die Segenskirche: Vom Prenzelberg zur Rosenthaler Vorstadt
über den Jüdischen Friedhof: Liebend und geliebt badetest du in meiner Seele
über den Anhalter Bahnhof: Einstein im Untergrund


Sektempfang in der Leichenhalle
Zigaretten, Problem und schwarze Knochen