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Zwei Eimer Wasser holen


Stadtteil: Wedding
Bereich: Leopoldkiez
Stadtplanaufruf: Berlin, Leopoldplatz
Datum: 2. Februar 2015 (update), 14. November 2006

Die historische Straßenpumpe an der Utrechter Ecke Malplaquetstraße ist in ein Kunstwerk verwandelt worden. Ein Wassereimer steht vor der Pumpe, im Sockel ist der Vers eines holländischen "Kinderliedjes" eingraviert: "twee emmertjes water halen" (zwei Eimer Wasser holen). Aha, das ist hier das Holländische Viertel, auch Straßen sind hier nach Amsterdam, Utrecht und Groningen benannt, könnte man denken. Aber dann gibt es hier im Kiez andere Bezüge auf Belgien (Oudenarde), Italien (Turin), Frankreich (Malplaquet) und Bayern (Hochstädt). Also doch kein Holländisches Viertel, aber was verbindet alle diese Städte? Und so stößt man in unserer Stadt wieder auf Straßenbenennungen, die einen Krieg verherrlichen, so wie bei den französischen Ortsnamen in Steglitz und den elsässischen Ortsnamen im Prenzlauer Berg (1).

Der Soldatenkönig - Friedrich Wilhelm I. von Preußen - erinnerte sich so gern an die blutige Schlacht bei Malplaquet im Spanischen Erbfolgekrieg, dass er diesen Tag jedes Jahr feierlich beging. Sehr viel später an seinem 200. Geburtstag im Jahre 1888 ehrte ihn die Stadt Berlin, indem sie Straßen nach Orten benannte, in denen Schlachten dieses Krieges stattgefunden hatten. Dadurch fand indirekt der Franzosenhass neue Nahrung, denn im Erbfolgekrieg 1709 hatte Preußen gegen Frankreich gekämpft genau wie im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, der bei der Straßenbenennung erst ein paar Jahre her war.

Wenn in einer Erbmonarchie ein Herrscher der letzte seiner Dynastie war, dann löste sein Tod fast zwangsläufig eine Staatskrise aus. Versuchten andere Dynastien, mit Gewalt Thronfolgerechte durchzusetzen, kam es zu jahrelangen erbitterten Erbfolgekriegen. Als 1701 der letzte spanische Habsburger starb, wurde dreizehn Jahre lang um sein Erbe gerungen. Frankreich, Bayern und Savoyen kämpften gegen England, Österreich, Holland, Portugal, Preußen. (Interessant, hier führten Preußen und Bayern Krieg gegeneinander, sogar auf bayerischem Territorium). Schlachten gab es in Turin, Oudenarde, Malplaquet, Hochstädt - alles Ortsnamen, die wir auf den Straßenschildern im Wedding lesen. 1709 erlebte der spätere Soldatenkönig als 21jähriger Kronprinz die Schlacht von Malplaquet und war beeindruckt von den preußischen Truppen. Sein Vater - König Friedrich I. in Preußen (2) - hatte ihn früh an den Kriegsdienst herangeführt.

Mit sechs Jahren übernahm Friedrich Wilhelm das Kommando über ein Kavallerie- und ein Infanterieregiment. Mit zehn Jahren bekam er das Gut Wusterhausen geschenkt, wo er eine Privatgarde aus von ihm abhängigen Bauernsöhnen aufbaute, denen die Körpergröße eher ein Fluch, denn Segen war. Die "Langen Kerls" mussten sich zu Hause in den Bauernkaten geduckt bewegen, waren ungelenk und wurden gehänselt. Im Gefecht dagegen konnten sie längere Gewehrläufe besser füllen und genauer und weiter schießen. Diese ungewöhnliche Garde war nicht nur Spinnerei des Königs, sie hatte also auch kriegswichtige Vorzüge. Die Ausrichtung Preußens vor allem auf militärische Zucht und Disziplin gab Friedrich Wilhelm den Beinamen "Soldatenkönig" und führte zu einem heftigen Generationskonflikt mit seinem musisch interessierten Sohn, dem späteren Friedrich dem Großen.

Auch der Leopoldplatz verweist auf den Spanischen Erbfolgekrieg. Friedrich Wilhelm hatte in diesem Krieg Leopold I. von Anhalt-Dessau kennen gelernt, der die preußischen Truppen befehligte. Es entstand eine Freundschaft zwischen beiden, der "Alte Dessauer" - wie Leopold genannt wurde - wurde ein enger Vertrauter des Soldatenkönigs. An den Alten Dessauer erinnert man sich auch deshalb bis heute, weil er den militärischen Gleichschritt erfunden hat, aber das ist eine andere Geschichte (3). Der Leopoldplatz wird hilfsweise herangezogen, um dem Kiez östlich der Müllerstraße bis zur Reinickendorfer Straße einen Namen zu geben, aber durchgesetzt hat sich "Leopoldkiez" noch nicht.

In New York vom Tellerwäscher zum Millionär, danach in Berlin weiterer kometenhafter Aufstieg als Industrieller, das ist die Lebensgeschichte von Sigmund Bergmann. Von seinen Erfindungen profitieren wir noch heute, sein Name ist uns aber nicht mehr geläufig. Dieses Schicksal teilt er mit Julius Pintsch (4), der anders als Borsig oder Siemens in Vergessenheit geraten ist. Bergmann war mit 18 Jahren nach New York ausgewandert. Als Hilfsarbeiter fing er an, bis Thomas Edison auf ihn aufmerksam wurde. Edison wird die Entwicklung der ersten in Serie herstellbaren Glühbirne zugeschrieben, jedenfalls bekam er das Patent dafür. Bergmann war an der Konstruktion des Lampensockels wesentlich beteiligt und arbeitete bald im eigenen Unternehmen eng mit Edison zusammen, produzierte Klingelanlagen, Telegrafenapparate, Phonographen, Installationsmaterialien und Sicherungen.

Mit 40 Jahren kam Bergmann nach Berlin zurück, sein Unternehmen in den USA hatte er gut verkauft. In Berlin baute er eine neue Produktion von Elektrobedarf, Elektromotoren, Dampf- und Schiffsmotoren, Dynamos und Zählern auf. Und zurück zu den Wurzeln - zur Glühbirne. Ab 1904 produzierte seine Bergmann Elektrizitätswerk AG im neuen Werk an der Oudenarder Straße die Bergmann-Metallfadenlampe, eine Glühbirne mit Metallfäden. Das Patent Edisons bezog sich auf Glühbirnen mit Kohlefäden, die Metallfadenlampe war also keine Patentverletzung. Glühbirnen mit Kohlefäden und mit Metallfäden konkurrierten jetzt jahrzehntelang miteinander. Bereits 1906 baute Bergmann einen neuen Produktionsstandort in Wilhelmsruh auf mit einem Metallwerk, einem Kabelwerk und ein Werk für Dampfturbinen, weil es in der Oudenarder Straße zu eng wurde (5).

Auf der Pariser Weltausstellung 1881 waren Räume mit Hunderten mit Edison-Lampen beleuchtet, eine technische Sensation. Emil Rathenau kaufte die Produktionsrechte für Deutschland und gründete die Deutsche Edison-Gesellschaft (6). 1884 wurde in der Berliner Schlegelstraße das erste Glühlampenwerk eingerichtet, aus der Edison-Gesellschaft wurde später die AEG. Doch auch Siemens und die Auer-Gesellschaft produzierten bald Glühlampen. 1920 brachten AEG, Siemens und Auer ihre konkurrierenden Glühlampenproduktionen in das neu gegründete Gemeinschaftsunternehmen Osram ein, Bergmann produzierte weiterhin in seinem Betrieb die Metallfadenlampen. Nach dem Tod von Sigmund Bergmann kaufte Osram seine Produktion und sein Werk auf und produzierte in der Oudenarder Straße im jetzt Osram Werk B (wie Bergmann) genannten Standort weiter. Europas größtes Glühlampenwerk war so entstanden.

Osram ist als Wortschöpfung zusammengesetzt aus OSmium und WolfRAM, den Namen der verwendeten Materialien. Kunstwörter für Produkte gehen immer, siehe Haribo für Hans Riegel Bonn, Milka für Milch und Kakao, Alno-Küchen für Albert Nothdurft, Erdal-Schuhcreme aus der Erthalstraße. Die ehemaligen Industriegebäude an der Oudenarder, Groninger, Liebenwalder und Seestraße werden heute nicht mehr von Osram genutzt, hier ist ein vielfältiges Gewerbe- und Dienstleistungszentrum entstanden.

Was begegnet uns noch im Kiez? Schinkels Nazarethkirche am Leopoldplatz. Sie gehört zu den vier evangelischen Vorstadtkirchen, die der preußische König Friedrich Wilhelm III. in den 1830er Jahren bei Schinkel in Auftrag gegeben hatte, damit Gotteshäuser nahe bei den Menschen errichtet werden (7). Weiterhin der kleine Park am Ruheplatzweg, der rückwärtig an den Urnenfriedhof Wedding angrenzt. 1828 wurde dieser älteste städtische Friedhof Berlins errichtet und später in einen Urnenfriedhof umgewandelt (8). In der Turiner Straße der ehemalige Garnisonsfriedhof mit Grabplatten für Gefallene beider Weltkriege. "Nicht lang hab ich mein Eheglück genossen" klagt eine Witwe auf einem Grabstein, ihr Held hatte die Pflicht über die Liebe gestellt.

Ein Grabstein ehrt einen im Ersten Weltkrieg Gefallenen aus einer Minenwerferkompanie. Es wäre naiv, zu glauben, dass es nach der Ächtung der Landminen so etwas heute nicht mehr geben würde. Auch die Bundeswehr hat zum Auslegen von Panzerabwehrminen Minenverlegepanzer im Einsatz und verwendet Minen mit Aufhebeschutz, die effektiv gegen Räumung schützen. Und die Schweizer Armee bietet Jobs als Minenwerferkanonier an, die mit ihren Geschossen die Operationen der Infanterie unterstützen: "Du magst es, wenn es knallt? Ob als Richter, Lader oder Munitionswart – du bist die Feuerunterstützung der Infanterie". Das ist ein Originaltext, keine Satire.

Viele Trödelläden gibt es im Kiez, auch technische Geräte früherer Generationen, die alt sind ohne Altertumswert zu haben, werden angeboten. Ein Anwesen mit Denkmalwert ist an der Liebenwalder Straße 2-3 erhalten geblieben: Die vorstädtische Bebauung mit einem zweigeschossigen Wohnhaus und einer Remise auf dem Hof, in der eine Zinkgießerei betrieben wurde, ist nicht von großstädtischen Mietshäusern verdrängt worden.

Und wo gehen wir essen? Das Schraders im Karl-Schrader-Haus hatten wir vor Jahren gelobt (9), jetzt findet man auf der Karte fast ausschließlich Burger, und danach ist uns nicht. Auf der anderen Seite der Müllerstraße in der Ostender finden wir das Restaurante Corallo, das anständige italienische Kost in akzeptabler rustikaler Umgebung anbietet, hier beschließen wir den heutigen Rundgang.



(Ursprünglicher Spaziergang am 14. November 2006, Text- und Bilderupdate am 2. Februar 2015)

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(1) Straßenbenennungen nach dem Deutsch-Französischen Krieg: Mit der Klampfe durch das Land
(2) König Friedrich I. in Preußen: Friedrich I., König IN Preußen
(3) Der Alte Dessauer und der militärische Gleichschritt: Brückentag
(4) Mehr über Julius Pintsch: Die Welt des Julius Pintsch
(5) Bergmann-Borsig-Werke: Vier Enden hat Berlin
(6) Deutsche Edison-Gesellschaft, AEG: Militärkommando und Mediengarten
(7) Schinkels Vorstadtkirchen: Vorstadtkirchen Schinkels
(8) Urnenfriedhof Wedding: Asche im Taubenschlag
(9) Ein früherer Rundgang links und rechts der Müllerstraße: Ungeschminkte Bodenständigkeit

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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