Bezirke
  ALLE ZIELE     Personen     Themen     Aktuell     Forum  
Charlottenburg-Wilmersdorf
Friedrichshain-Kreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Mitte
Die alte Mitte
Regierungsviertel, Hauptbahnhof und mehr
Tiergarten
Wedding
Neukölln
Pankow
Reinickendorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Treptow-Köpenick
Allgemein:
Startseite
Ich bin NEU hier
Hinweise
Kontakt
Impressum
Links
SUCHEN
Sitemap

Sachbearbeiter in Käfighaltung


Stadtteil: Mitte
Stadtplanaufruf: Berlin, Sellerstr.
Datum: 4. Juli 2006

Ein Rundgang nördlich der Invalidenstraße berührt immer wieder die jüngste deutsch-deutsche Geschichte, die Berliner Mauer, aber auch königliche und kaiserliche Zeiten.

Wir beginnen nahe dem Invalidenpark mit dem Gebäudeensemble, das heute das Naturkundemuseum, das Verkehrsministerium und Institute der Humboldt-Uni beherbergt. Erbaut wurde es 1875 auf dem Grundstück der ehemaligen Königlichen Eisengießerei. 70 Jahre lang wurde hier vorher alles gegossen, was sich sinnvollerweise aus Eisen herstellen ließ: das von Schinkel entworfene Denkmal auf dem Kreuzberg, mehrere kleine Brücken im Charlottenburger Schlosspark, Alt-Berliner Gasleuchten und Parkbänke, Gewichte, Neujahrsplaketten für den Kaiser. Sogar eine Dampflokomotive wurde hergestellt, ein Dampfkessel mit Rädern drunter, kam aber über mehrere Ehrenrunden auf dem Fabrikhof nicht hinaus.

Das heutige Gebäudeensemble bittet an einer Eingangspforte: "Gott helf". Welcher der drei Bereiche (Ministerium, Museum, Uni) diese Aufforderung nötig hat, ist nicht erkennbar, man kann sie allen Dreien als Unterstützung empfehlen. Der Köter, der einen Seiteneingang bewacht, ist nicht aus Eisen gegossen, sondern wahrscheinlich aus Bronze, das damals den Eisenguss ablöste.

Über den Invalidenfriedhof gehen wir am Spandauer Schifffahrtskanal entlang, der nach dem Mauerbau durch den ersten Mauertoten weithin bekannt wurde, ein DDR-Bürger wollte den Kanal Richtung Westen durchschwimmen. Es sind aber später auch östliche Grenzsoldaten durch "Feuerschutz" westlicher Polizisten umgekommen, was in unserer Erinnerung weitgehend fehlte. An der Kieler Straße steht noch ein alter Wachturm, der durch die Nach-Wende-Bebauung in den Hof eines Neubaus gerutscht ist. Hier gibt sich auch der Berliner Mauerweg durch Wegweiser zu erkennen.

Die Kieler Brücke, eine kleine hölzerne Hängebrücke, wird von zwei Joggern im schnellen Gleichschritt genommen, und schon sehen wir den Effekt, dass eine marschierende Kompanie eine solche Brücke durch Resonanz zum Einsturz bringen könnte: das Brücklein fängt so heftig an zu schwingen, dass ich entsetzt meinen Fuß auf die sichere Uferbefestigung zurücksetze. So bringt sich der "Alte Dessauer", der Erfinder des militärischen Gleichschritts, immer wieder in Erinnerung.

Vor der Sellerstraße machte die Mauer früher einen Bogen um das Umspannwerk Scharnhorst, einen 1927 entstandenen Backsteinbau mit ausdrucksvoll gegliederter Fassade, in dem heute das Vattenfall-Kundencenter untergebracht ist. Von weitem sieht es so aus, als hätte dieser Bau einen eigenen Wachturm auf dem Dach. Der Glaskasten auf dem Gebäude stand aber auf Westberliner Gebiet und muss daher eine andere Funktion gehabt haben.

An der Sellerstrasse sehen wir als Gegengewicht die Ausdruckslosigkeit mancher moderner Bürobauten beim Schering-Verwaltungsgebäude. Hier werden offensichtlich Sachbearbeiter in Käfighaltung untergebracht, die anschließende Rotunde dient sicherlich der Buchhaltungsbeschleunigung wie bei den Teilchenbeschleunigern.
Über die Chausseestraße kehren wir zu unserem Ausgangspunkt zurück. Der ehemalige Übergang Chausseestraße ist von seinen Proportionen her noch fast völlig erhalten, die freie Fläche vor den weit entfernten Brandmauern der Wohnhäuser konserviert hier bei einer vielbefahrenen Verbindungsachse die Vergangenheit. Auf dem Gehsteig sind hoppelnde Hasen als Metallplatten eingelassen. Mit diesen Skulpturen "Kaninchenzeichen" von Karla Sachse wurde 1999 der Grenzübergang markiert. Aber warum Kaninchen? "Die Tiere waren die einzigen Wesen, die sich friedlich im Niemandsland des Todesstreifens bewegen konnten, sie kümmerten sich nicht um die politisch geschaffene Realität und waren zu leicht für die Minen. Somit symbolisieren die Kaninchen die Hoffnung auf Überwindung menschlicher Grenzen. Als die Mauer fiel, hoppelten die Kaninchen dann zum Großteil in den Tiergarten" (Berliner Zeitung).

Heute hätten die Kaninchen eine Spielwiese im nahegelegenen verwaisten Stadion der Weltjugend. Eine riesige Brache, nur am Rand hat sich eine sportliche Aktivität eingerichtet: hier kann man Golfbälle abschlagen üben.

Nach einem langen Rundgang ruhen wir in einem Biergarten hinter der Ecke Chausseestraße/Invalidenstraße unsere müden Füße aus.

Klicken Sie hier, um zur Galerie zu gelangen.

Mitte hat einen neuen Chef
Zwei Eimer Wasser holen