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Asche im Taubenschlag


Stadtteil: Wedding
Bereich: S-Bahnhof Wedding
Stadtplanaufruf: Berlin, Max-Josef-Metzger-Platz
Datum: 6. Dezember 2010

Die katholische Kirche hat sich lange und heftig gegen die Feuerbestattung gewehrt, weil dann bei der Auferweckung kein Körper mehr vorhanden ist, in den die Seele zurück kehren kann. Ist ein verwester und zu Erde gewordener Körper leichter aufzuerwecken als ein verbrannter, ist er mehr "vorhanden" als die Asche? Wollte man Gott nicht überfordern, der beim Jüngsten Gericht alle Hände voll zu tun hat und nicht auch noch Aschepartikel zu menschlichen Körpern zusammensetzen sollte? Das protestantische Berlin setzte sich jedenfalls 1911 durch und erlaubte das Kremieren (Verbrennen) der Verstorbenen. Für die Beerdigung der Urnen hatte man schon vorher mit dem Bau eines Urnenfriedhofs im Wedding begonnen, notfalls hätte man die Kremierung in anderen Ländern vorgenommen. Das wäre ein "Leichentourismus" geworden, wie wir ihn heute kennen, aber dazu später mehr. Robert Koch, der 1910 in Baden-Baden bei einem Sanatoriumsaufenthalt starb, ist in Baden-Baden eingeäschert worden, die Urne wurde nach Berlin gebracht und in seinem Arbeitszimmer im Institut aufgestellt, das man später in ein Mausoleum umwandelte (heute im Robert- Koch-Institut).

In Deutschland kann eine Urne nicht mit nach Hause genommen werden. Die Möglichkeit, Urnen ins Bücherregal zu stellen oder die Asche ständig mit sich herumzutragen, ist uns damit verwehrt. In den USA werden zu diesem Zweck "Urnen" als Schmuckkugeln (Weihnachtskugeln?), in Kerzenform, als Vogelhäuschen, als Diamantring oder als Anhänger, die man an einer Kette um den Hals trägt, angeboten. Oder man kann den Kopf des Verblichenen nachformen lassen, dann schaut er einen immer an. In einem einschlägigen Internetforum fragte ein User, ob es unbedingt der Kopf sein muss. Woran mag er gedacht haben? Eine weitere hilfreiche Idee aus den USA: Um die Asche fachgerecht in alle Winde zu verstreuen, kann man ein Aggregat mieten, das die Reste des Verstorbenen in die Luft bläst ("Scattering Urn Machine").

Bei uns und anderswo kann man Urnen in die Erde versenken oder in einem Kolumbarium abstellen. Diese Präsentation der Urnen in offenen Kammern oder Grabnischen geht auf eine alte römische Tradition zurück. Urnen wurden in übereinander liegenden Nischen beigesetzt, diese Form der Umschließung erinnerte an Taubenschläge, das Kolumbarium leitet sich daher von „columba“ ("Taube“) ab. Ein Kolumbarium kann ein würdiger Ort sein wie in Wilmersdorf, wo man anfangs einem Gartenhof im maurischen Stil für die Urnenbeisetzung schuf, später gab es wegen des begrenzten Platzes dort nur noch "volkstümliche" Beisetzungswände, in deren winzigen Kammern keine Urnen mehr, sondern nur noch die Aschekapseln des Krematoriums Platz fanden. Das Kolumbarium in Wedding ist in zwei Gebäudeflügeln am Krematorium untergebracht, die Wände innen sind hell verputzt, schmucklos schlicht, die Urnennischen gleichförmig, es ist nicht (jedenfalls nicht ständig) beleuchtet und nur schwach belichtet, es wirkt düster und lastend. Dass das nicht so sein muss, sieht man zum Beispiel an dem Kolumbarium in San Franzisko (siehe Bild).

Das Krematorium Wedding steht auf Berlins ältestem städtischen Friedhof (1828), der zum Schluss Armenfriedhof war und anstelle der Umwidmung zum Park 1902 in einen Urnenfriedhof umgewandelt wurde. Das erste Berliner Krematorium baute ein Messel-Schüler 1912 auf diesem Gelände. Seit 2003 ist es nicht mehr in Betrieb, weil die Bestattungsunternehmen die Verbrennungen billiger im Umland und noch sehr viel billiger in Tschechien vornehmen lassen, die immer weiter zurückgehende Auslastung der Berliner Krematorien musste zu einer "Marktbereinigung" führen. In dem 1922 gebauten Krematorium Wilmersdorf werden bereits seit 1990 keine Verbrennungen mehr durchgeführt. In Betrieb sind jetzt nur noch die Krematorien in Ruhleben (1975) und Baumschulenweg (1999).

Bei unserem Rundgang im Wedding lag das Krematorium am Weg, ich hatte gar nicht erwartet, dass es offen ist, aber natürlich muss das Kolumbarium zugänglich sein, solange nicht ein Investor die Urnen an einen anderen Ort auslagert. Und wieder liegt ein Postamt an unserer Route, das N 65 in der Gerichtstraße. Beim letzten Mal hatten wir das W 35 in Tiergarten und vor kurzem das Postamt in der Bergstraße in Steglitz als repräsentative Bauten der staatlichen Post gesehen. Im Wedding ist in den 1920er Jahren eine sachliche Fassade vor einem Stahlskelettbau entstanden, die expressionistische Anklänge mit plastischen Elementen und abstrakten Reliefbändern und einem stilisierten Reichsadler über dem Hauptportal aufweist. Der Straßenname verweist auf das Hochgericht, das hier tagte, der Galgen stand bis 1840 auf dem südlich gelegenen Gartenplatz.

Das Dorf Wedding lag irgendwo nahe dem Nettelbeckplatz an der heutigen Ringbahn, vielleicht wird man Reste des mittelalterlichen Gutshofs einmal ausgraben. Heute wird der Wedding hier von Bayer beherrscht, den Namensbestandteil "Schering", der nach der Übernahme des traditionsreichen Berliner Unternehmens durch Bayer noch vorhanden war, hat man gerade entsorgt. Der alte Zugang zum S-Bahnhof Wedding, der in einem Viadukt liegt, wurde nach der Verschiebung des Bahnsteigs Richtung Müllerstraße unwichtig, er ist unter viel Beton verborgen. Am anderen Eingang an der Reinickendorfer Straße ging beim Ausbau der Bahnstrecke ein Kino verloren, das vor dem Mauerbau für Ost- Berliner mit der Ringbahn leicht erreichbar war. Man hatte es 1952 im Hof in einer kriegbeschädigten Fabrikhalle als 'Clou Lichtspieltheater' eingerichtet, nach dem Mauerbau spielte es türkische Filme, bis es als "Sputnik Film GmbH & Co Kino KG" noch einmal aufdrehte und ein engagiertes Programm zeigte. Nach der Wende wurde es unter Denkmalschutz gestellt, was aber den Abriss nicht verhindern konnte. In der Einfahrt der Reinickendorfer Str.113 kann man in Schaukästen Informationen über das Kino nachlesen.

Gegenüber dem Max-Josef-Metzger-Platz steht an der Müllerstraße die St.- Josephs-Kirche, eine katholische Pfarrkirche, die nach dem Patron der Arbeiter benannt ist. Mit ihrem neoromanischen Stil und der Fassade aus Sandstein hebt sich diese Basilika von den Backstein- und Putzbauten der Umgebung deutlich ab. Ein paar Schritte weiter an der Triftstraße zeigt ein Schulbau aus gelbem und rotem Klinker mit Bärenornament unter dem Giebel deutlich die Handschrift des Berliner Stadtbaurats Hermann Blankenstein. Die Antonstraße führt geradewegs auf die Wittler-Brotfabrik zu, statt Wittler-Haus steht jetzt "Goldenherz" am Gebäude, immerhin in einer Schriftart, die der ursprünglichen angeglichen ist. Wittler war Berlins erste und zwischen den Weltkriegen die größte Backfabrik Europas, hier wurden bis zu 2.000 Arbeiter beschäftigt, täglich wurden 66.000 Brote hergestellt. Im 6.Stock wurden die Rohstoffe angeliefert, die Produktion durchlief alle Etagen des Hauses über Teig mischen, Brot backen, kühlen, verpacken der Fertigware und verladen im Erdgeschoss.

Unser Flaniermahl nahmen wir am Abend im Petrocelli in der Eisenacher Straße ein. Dieses Lokal ist erwähnenswert: Trotz geringer Belegung - also nicht stressbedingt - wurde uns eine offensichtlich wesentlich überhöhte Rechnung präsentiert, die mehrere Speisen und Getränke anderer Gäste enthielt. Nach unserer freundlichen Reklamation gab es weder ein Wort der Entschuldigung noch einen Versöhnungsschnaps - ein Lokal mit solchen Manieren sollte man nicht weiterempfehlen, darum hier noch mal der Name: Petrocelli in der Eisenacher Straße, nicht empfehlenswert.

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Unsere Route
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Einfach nur nass
Unverbaubarer Blick