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Militärkommando und Mediengarten


Stadtteil: Wilmersdorf
Bereich: Schmargendorf, Hohenzollerndamm
Stadtplanaufruf: Berlin, Flinsberger Platz
Datum: 11. Januar 2011

"Auspacken - Einschalten - Geht nicht" - so wurde der AEG-Werbespruch "Aus Erfahrung Gut" vom Volksmund umgedeutet. Die AEG ist in Berlin groß geworden und hat hier zahlreiche Spuren hinterlassen, in Frankfurt am Main wurde sie schließlich beerdigt.

Emil Rathenau hatte dem amerikanischen Erfinder Edison die Glühlampen-Patente abgekauft und 1883 die Deutsche Edison-Gesellschaft auf dem Gelände der heutigen "Edisonhöfe" in Mitte gegründet, die bereits vier Jahre später wegen der erweiterten Produktpalette in "Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft" (AEG) umbenannt wurde. Das "Beamtentor" an der Brunnenstraße markiert den Eingang zu dem Fabrikgelände, das von Peter Behrens für die AEG ausgebaut wurde, vorher war hier ein Schlachthof von Bethel Henry Strousberg. An der Ackerstraße baute Franz Schwechten später das AEG-Apparatewerk, und in der Hussitenstraße entstand nach Peter Behrens' Entwurf die AEG-Turbinenhalle. An einem weiteren Standort in Oberschöneweide wurden ein Kabelwerk. eine Transformatorenfabrik, eine Automobilfabrik (NAG) und ein Wohnhaus für Rathenau gebaut.

Mit dem Industriekonzern Siemens bestand eine Konkurrenz auf vielen Gebieten, die beide Seiten durch Marktaufteilungen und Absprachen zu begrenzen suchten. Im Berliner U-Bahn-Bau musste die AEG aufgeben, ohne ihre Strecke Gesundbrunnen-Neukölln vollenden zu können. AEG und Siemens unternahmen 1901 Schnellfahrversuche mit Triebwagen für die Militäreisenbahn nach Jüterbog und auch andere Projekte wurden gemeinsam betrieben, beispielsweise das Glühlampenwerk Osram. Bei der Berliner Stromversorgung hatte die AEG die Nase vorn, die Vorgängerin der BEWAG wurde von ihr gegründet und betrieben. In Hennigsdorf wurden im Ersten Weltkrieg Flugzeuge gebaut. Autos, Eisenbahnen, Flugzeuge - die AEG stand für wesentlich mehr als Elektro- und Haushaltsgeräte.

Nach Ende des 2.Weltkriegs zieht die AEG-Zentrale in ein neues Hochhaus in Frankfurt/Main, in Berlin verbleibt eine Zweigniederlassung, an der unser heutiger Spaziergang am Hohenzollerndamm beginnt. 1982 bricht das Unternehmen zusammen, das 1970 noch mit 178.000 Mitarbeitern an zwölfter Stelle in der Weltrangliste der größten Elektrounternehmen stand. Teilbereiche werden in selbstständige Unternehmen ausgegliedert, mit dem restlichen Kernunternehmen will Edzard Reuter 1985 die Daimler-Benz AG zu einem integrierten Technologiekonzern erweitern. 1996 liquidiert sein Nachfolger Schrempp, dessen Vision eine Welt-AG ist, den Reuterschen Zukauf, das ist das Ende der AEG (1).

Nachdem die AEG ihre Hauptverwaltung nach Frankfurt/Main verlegt hatte, verblieb in Berlin eine Zweigniederlassung am Hohenzollerndamm in einem Gebäudekomplex auf der Höhe des Stadions Wilmersdorf. Dieser großflächige Verwaltungsbau, der sich in die Cunostraße herumzieht, wurde 1937 für die Reichswehr gebaut. Das für Berlin und Brandenburg zuständige Wehrkreiskommando III hatte hier seinen Sitz. In der Weimarer Republik hatte sich mit Unterstützung dieses Wehrkreiskommandos die "Schwarze Reichswehr" entwickelt, eine illegale Truppe, verteilt auf unterschiedliche Organisationen, Vereine und Brigaden, mit der insgeheim die Wiederaufrüstung trotz des Verbots im Versailler Friedensvertrag von 1920 vorangetrieben wurde. Die Nationalsozialisten konnten so für den Ausbau der Wehrmacht auf eine bereits vorhandene Reservetruppe zurück greifen.

Heute heißt der Gebäudekomplex „Jardin des Media“, hier werden die Räume in einer "ungewöhnlichen und anspruchsvollen Architektur und einer bedeutende Geschichte" vermietet. Der Garten wurde mit dem Anbau verschiedener Gemüsesorten zum Projekt "Wir lieben Umwelt". Am Hohenzollerndamm schließt sich bis zur Landecker Straße eine Wohnanlage mit aufwendigen Verklinkerungen und Reliefs an. An Landecker und Kranzer Straße liegen die Altbauvilla und der Neubau der Weberbank, die eine West-Berliner Nachkriegsinstituion ist: sie wurde als Privatbank gegründet und dann von der Landesbank Berlin zur Westdeutschen Landesbank und schließlich zur Mittelbrandenburgischen Sparkasse weitergereicht. Der Namenszusatz "Privatbankiers" wird nicht mehr verwendet und ob die Sparkasse als Mutter mit der neuen fremden Tochter zurechtkommt, wird sich zeigen. Der 1914 im "Muthesius-Stil" erbaute Altbau hatte schon immer "Stallgeruch", zuerst als Wohnhaus einer Bankerfamilie, dann als Domizil der "Berliner Industriebank", die subventionierte Darlehen in West-Berlin verwaltete.

Hinter der Kreuzkirche an der Forckenbeckstraße liegt eine Wasserfläche, eingerahmt von ein paar Bäumen und Sträuchern. Sie wird als Regenrückhaltebecken verwendet, bei starken Regenfällen verhindert man so ein Überlaufen der Kanalisation. Die Berliner Innenstadt hat eine Mischwasserkanalisation, in der Schmutzwasser und Regenwasser gemeinsam transportiert werden. Bei Wolkenbrüchen sind die Kapazitäten des Kanalnetzes überfordert. Ideal wäre es, den ersten "Spülstoß" mit Schmutzwasser passieren lassen und erst das nachkommende, nur wenig verdreckte Wasser direkt in Vorfluter leiten, das lässt sich in der Praxis aber kaum realisieren. Statt dessen wird das durch den Regen verdünnte Schmutzwasser in Rückhaltebecken gespeichert und - wenn es die Kapazität der Pumpwerke nach dem Abflauen der Niederschläge wieder zulässt - zu den Klärwerken gepumpt. Für die Zwischenspeicherung hat man beispielsweise am Weigandufer einen Stauraumkanal gebaut, ansonsten versucht man Regenwasser aufzufangen und in bewachsenen Bodenfiltern zu reinigen (Beispiel Adlershof), bevor es in Flüsse und Kanäle gelangt. Die Wasserbetriebe erheben seit Jahren eine Gebühr für die versiegelte Fläche von Grundstücken, die die Versickerung von Regenwasser verhindert. Für neue Bauvorhaben ist dies ein ökologisches Steuerungselement, für den ganzen vorhandenen Baubestand aber wirkt es wie eine Möglichkeit, einen zusätzlichen Euro zu verdienen. Die Entsorgung des Niederschlagswassers auf Straßen und Plätzen wird dem Land Berlin zusätzlich in Rechnung gestellt.

Das Regenrückhaltebecken liegt direkt hinter der Kreuzkirche. Dieses expressionistisches Bauwerk, das uns heute begeistert, wurde von manchen als "unabhängig und kühn" aufgenommen, man könne aber auch "nicht unberechtigt Befremden" der Kirchenbesucher wahrnehmen, schrieb eine Zeitung. So ruft auch die "Ewigkeitssprache" von Sakralbauten ganz unterschiedliche Empfindungen hervor. Die Kirche wurde von Ernst Paulus und seinem Sohn entworfen. Paulus hat mehrere Kirchen gebaut (u.a. die Segenskirche, die Osterkirche) und Häuser der Künstlerkolonie Schmargendorf nahe Breitenbachplatz, die Sparkasse am Markt in Jüterbog (2). Der rechteckige Kirchturm mit drei Spitzen und der achteckige Zentralbau sind getrennte Bauwerke, die Sitzplätze ermöglichen freie Sicht auf den Altar durch den abfallenden Fußboden, ein in Meißen gebranntes weißes Altarkreuz gab der Kirche ihren Namen. Der Bau aus Eisenklinkern hat gedrehte Klinkersäulen, Säulenfiguren und ein Portal in Pagodenform. 1916 als nicht kriegwichtiger Bau eingestuft, wurde die Kirche erst 1927 eingeweiht (3).

Weitere Wohnbauten liegen an unserem Weg. Die Handelsgesellschaft für Grundbesitz des Bankiers Carl Fürstenberg kaufte kurz vor 1900 den Schmargendorfer Bauern ganze Ländereien ab und bebaute sie nach und nach großflächig mit repräsentativen Wohnblocks, beispielsweise Hohenzollerndamm/Auguste-Victoria-Straße/Kissinger Straße oder Ilmenauer Straße, wo eine kupferne Wandplatte stolz auf das "Eigentum der Handelsgesellschaft ..." hinweist. Am Flinsberger Platz finden wir neben Villen eine kleine Wohnanlage, die von Scharoun erbaut wurde. An der Reinerzstraße schließlich steht eine Kleinhaussiedlung im "Heimatstil", hier wurden kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs bescheidene Häuser zur Linderung der Wohnungsnot errichtet. Steildach oder Flachdach, das war auch ein Kampf um die Weltanschauung. Das Flachdach stand für die neue Sachlichkeit des Bauens, mit dem Satteldach wurde an vertraute Baustile der Heimat angeknüpft, in der Nazizeit wurde es der sichtbare Ausdruck der richtigen Baugesinnung (4). Hier in der Siedlung sind es Walmdächer über allen vier Gebäudeseiten mit augenähnlich aus dem Dach herausgewölbten Gauben und mit seitlichen Giebelfenstern, insgesamt ein fremder Anblick, der weder zu Berlin noch zu den angrenzenden Villenbereichen zu passen scheint.

Die Botschaft des Staates Israel in der Auguste-Viktoria-Straße besteht aus mehreren unterschiedlichen Kuben und Baukörpern und der diagonal durch das Grundstück verlaufenden "Jerusalem marble", einer Mauer, die einen verglasten Gebäuderiegel durchschneidet, der aus einer massiven Säulenform abgeleitet ist. Sie steht als Symbol für die Klagemauer von Jerusalem. Der Bau stammt aus 2001, zwei Jahre später wurde die Mauer gebaut, die die palästinensischen Gebiete von Israel abtrennt, heute würde man mit einem solchen Symbol am Bau wahrscheinlich zurückhaltender umgehen.

An der Hubertusallee besteigen wir den Bus Richtung Zoo und lassen die vielen Themen dieses Rundgangs nachwirken.

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Anknüpfungspunkte dieses Spaziergangs zu anderen Berichten auf der Homepage:

(1) AEG:
Schnellfahrversuche: Bei der Ballonfahrt ohnmächtig geworden
Schlachthof Strousberg: Glücksritter der Industrialisierung
Oberschöneweide: Die schöne Weyde an der Spree
U-Bahn-Bau: Ich sagte: Wir möchten mit
Turbinenhalle: Kathedrale der Arbeit, Tempel der Produktion

(2) Bauten von Paulus:
Segenskirche: Vom Prenzelberg zur Rosenthaler Vorstadt
Osterkirche: Graffitifreie Zone
Künstlerkolonie: Private Stationsansage

(3) Innenansichten der Kreuzkirche: Kirche und Moschee in Farbe

(4) Zehlendorfer Dächerkrieg: Schwarzes Korps und "Weiße Juden"
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