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Glücksritter der Industrialisierung


Stadtbezirk: Wedding
Stadtplanaufruf: Berlin, Voltastraße
Datum: 9. Januar 2007

Der Gründerpark Voltastraße gegenüber dem Humboldhain steht auf historischem Gelände: Es wurde 1868 als privates Schlachthaus mit einem Börsengebäude für den Viehhandel und eigenem Güterbahnhof von Bethel Strousberg gebaut. Der eigentliche Sinn war aber wohl nicht der Betrieb, sondern die Veräußerung des Schlachthauses, denn schon 4 Jahre später verhandelte man mit dem Magistrat Berlin über den Verkauf, aber die Kaufpreisforderung war zu hoch. So baute Berlin an der Landsberger Allee ein eigenes Schlachthaus, das Gelände an der Voltastraße wurde später durch die AEG übernommen und ausgebaut. 1985 entstand der Technologie- und Gründerpark, in dem wir heute unterwegs sind.

Wer war dieser Strousberg, der "Eisenbahnkönig" ? Vom Waisenkind zum Millionär und wieder zurück in die Armut. Das ist die Geschichte von Bethel Henry Strousberg, der 1823 in Ostpreußen geboren wurde und nach dem frühen Tod seiner Eltern bei einem Onkel in London unterkam. In London hat er das Finanz-und Bankenwesen kennengelernt, Jura studiert, promoviert und sich im Selbststudium ausführlich mit der Ökonomie beschäftigt. In demselben Lesesaal soll Karl Marx gleichzeitig am "Kapital" geschrieben haben. Bei einem einjährigen Auslandsaufenthalt in Amerika hat Strousberg weiteres ökonomisches Wissen aufgesaugt. Buchhalter, Versicherungsmakler, Journalist, Zeitungsherausgeber waren seine beruflichen Stationen, bevor er nach Berlin umsiedelte.

Durch seine Kontakte zur englischen Botschaft bekam er in Berlin die Möglichkeit, für englische Initiatoren bei der Planung und dem Bau der Eisenbahn zwischen Insterburg und Tilsit mitzuwirken, die 1865 fertiggestellt wurde. Seine Idee, die er dann später für eigene Projekte weiter einsetzte, war aus heutiger Sicht ganz modern: vom Ankauf des Bahngeländes bis zum Bau der Bahnhöfe und Signalanlagen wurden alle Arbeiten einem Generalunternehmer übertragen. Auch die Finanzierung war genial modern: statt Bargeld erhielten die Generalunternehmer Aktien der Bahngesellschaft. Weiterhin hatte er auch Elemente der aufgeblähten New Economy der 1990er Jahre vorweggenommen: die Ausgabepreise seiner Aktien waren bewußt überhöht angesetzt, kleine Rabatte auf diese Preise vermittelten den Eindruck eines Schnäppchens. Aushängeschild seiner Eisenbahngesellschaften waren oft bedeutende und wohlhabende Adlige, die mit ihrem Namen für die Seriosität der Projekte standen, ohne selbst Einfluss nehmen zu können. Aus alledem entstand das, was man schon damals das "System Strousberg" nannte. Und in seinem Weitblick hat er nicht nur national, sondern international, also in dem damals möglichen Rahmen global geplant, gebaut und gekauft.

Um von den Vorlieferanten unabhängig zu werden, kaufte Strousberg die Dortmunder Hüttenwerke und eine Lokomotivenfabrik, baute und kaufte er Walzwerke, eine Waggonbaufabrik, eine Brückenbauanstalt, eine Räderfabrik, ein Steinkohlenbergwerk. Er gründete eine eigene Zeitung, "Die Post". Für seine Mitarbeiter baute er eine große Arbeitersiedlung in Hannover. In sozialen Fragen zeigt er ebensolche Weitsicht wie in den ökonomischen: er verringerte die Fabrikarbeitszeit ohne Lohnkürzung von 12 auf 10 Stunden, baute Kantinen und Betriebskindergärten.

Für sich selbst kaufte Strousberg Rittergüter und ein böhmisches Schloss, mit 300.000 Morgen Land war er der größte Grundbesitzer Deutschlands. In der Wilhelmstraße ließ er ein Palais bauen, das wie der Görlitzer Bahnhof von seinem Hausarchitekten Orth entworfen wurde, der als Kirchenbaumeister bekannt war (Zionskirche, Gethsemane-Kirche).

Das Palais enthielt eine eigene Telegrafenstation und natürlich eine Gemäldesammlung und eine Bibliothek von beachtlichem Umfang, denn in seinem Haus sollte Gastfreundschaft, Kunstsinn und Komfort herrschen. In der Ausstellung "Stil(l)halten, Familienbilder im jüdischen Bürgertum" des Jüdischen Museums war 2004 das im Palais entstandene Familienbild der Strousbergs zu sehen, vor dem eine Spielzeugeisenbahn ihre Runden drehte. Das Palais diente später dem Englischen Königreich als Botschaft. Auch der heutige Neubau der englischen Botschaft ist nach der Ausbombung des ehemaligen Palais' auf diesem Grundstück errichtet worden.

Die Görlitzer Bahn mit dem inzwischen abgebrochenen Berliner Kopfbahnhof gehörte zu den Projekten, mit denen er nebenbei die Stadtentwicklung, die Verkehrsinfrastruktur in Stadt und Land und die Industrialisierung maßgeblich vorantrieb. Insgesamt baute er in Deutschland rund 1.700 km Eisenbahnstrecke, entwickelte Eisenbahnen in Ungarn, in Russland und schließlich in Rumänien, wo ein Streckennetz von 900 km geplant war.

Aber das Systen Strousberg nahm kein gutes Ende, die Finanzierungstricks halfen nur, solange es mit hoher Geschwindigkeit vorwärts ging. Der Zusammenbruch einer russischen Bank, der er mehrere Millionen Kredite schuldete, führte zu seiner Verhaftung in Moskau und der Verurteilung wegen Bestechung und Kreditbetrugs. Es war wohl Bismarck, der seine Freilassung nach zwei Jahren Haft erreichte, schließlich war Strousberg Abgeordneter des Reichstags. Zu Hause liefen inzwischen Konkursverfahren nach dem vollständigen Zusammenbruch seines Imperiums. Das Palais in der Wilhelmstraße und alles andere Vermögen reichten nicht aus, die immensen Schulden zu decken. Aus der Konkursmasse gingen wieder neue Unternehmen hervor, z.B. die Hanomag-Werke in Hannover. Engels schrieb an Karl Marx, dass er Bücher aus Strousbergs Bibliothek im Konkursverfahren erstanden habe. Das war für ihn wie eine Trophäe, nachdem Engels während Strousbergs guten Zeiten an Karl Marx geschrieben hatte: "Der größte Mann in Deutschland ist unbedingt der Strousberg. Der Kerl wird nächstens Deutscher Kaiser. Überall, wohin man kommt, spricht alles nur von Strousberg."

Strousberg ist 1884 in der Berliner Taubenstraße entweder in der Dachkammer einer früheren Köchin oder in einem kleinen Hotel "in großer Dürftigkeit" gestorben. Auf dem Alten Sankt-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg ist er in einem Mausoleum mit Backsteinfassade und Spitzbogenfenstern beigesetzt. In seinem autobiographischen Buch "Dr. Strousberg und sein Wirken Von ihm selbst geschildert" (1), entstanden in der russischen Gefangenschaft, hat er sich selbst ein Denkmal gesetzt.

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(1) Dr. Strousberg und sein Wirken von ihm selbst geschildert. Mit einer photogr. Tafel und einer Eisenbahn-Karte. Berlin, Guttentag, 1878. 486 S.

Mehr über die Geschichte der AEG an diesem Standort: Wandernde Friedhöfe und Fabriken

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Eine zeitgenössische Quelle:
"Eisenbahn von Call nach Hellenthal"
Ein flammender Hilferuf aus dem Unterhaltungsblatt und Anzeiger für den Kreis Schleiden von 1869
"Glücklicherweise gibt es auch in unserem Staate noch Männer dieser Art und unter ihnen ist der weltbekannte Dr. Strousberg nicht der Letzte. Dieser große Industrielle, dem der Neid und die Bewunderung gleichzeitig den ehrenden Namen „Eisenbahnkönig“ beilegten, sei Euer Mann! Sein anerkanntes Genie, unterstützt durch eine unbeugsame Thatkraft, hat ihn zum Schöpfer der großartigsten und segensreichsten Unternehmungen gemacht, ganze Gegenden, die von kurzsichtigen und engherzigen Eisenbahngesellschaften als nicht ergiebig links liegen gelassen wurden, hat er durch seine Schienenwege aufgeschlossen und dadurch „ergiebig“ gemacht. Warum soll dieser Mann, der augenblicklich sogar für das abgelegene und noch dazu so sehr unkulitvirte Rumänien die eisernen Maschen eines umfangreichen Eisenbahnnetzes knüpft, nicht auch unserem ungleich besseren Eifellande zu Hülfe kommen?

Darum Eifelbewohner und in Sonderheit Ihr Industrielle des herrlichen Schleidener Thales wendet Euch in Eurer Bahnnot an den Eisenbahnkönig Dr. Strousberg, gebt ihm genügenden Aufschluß über die hiesigen Verhältnisse und Ihr werdet ohne große Opfer und weitläufige Scheerereien Euere Wünsche in kürzester Zeit mit dem schönsten Erfolge gekrönt sehen. Vergnügt Euch aber nicht mit einer Zweig= oder Sackbahn von Call nach Hellenthal, sondern laßt Euren jungfräulichen Boden durch eine neue Masche mit eingeflochten werden in das allgemeine europäische Eisenbahnnetz. Arbeitet deßhalb auf der Linie Cöln, Zülpich, Gemünd, Hellenthal, St. Vith hin - also auf eine direkte Verbindung zwischen Cöln und der in Aussicht stehenden belgischen Moselbahn.

Strousberg, der Mann der That, wird diesen Weg dem Dampfroß in kürzerer Zeit zugänglich machen als die Rh. Eisenbahn dazu gebraucht, um mit ihrem beliebten „Wenn“ und „Aber“ fertig zu werden."
(Im Internet: Wisoveg - Wirtschafts-, Sozial- und Verkehrsgeschehen im Rheinland)



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