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Graffitifreie Zone


Stadtteil: Wedding
Bereich: Sprengelkiez
Stadtplanaufruf: Berlin, Sparrplatz
Datum: 17. August 2009

Graffitifreie Zone - ist das in Berlin vorstellbar? Neben den Krekelkrakeln, dem aneinander gereihten Schriftzeichen-Gekritzel aus einfarbigen Strichen, dessen Sinn nur im Hinkritzeln zu bestehen scheint, gibt es eine bunte Platte von Stylewriting, Symbolen, Comics, Abziehbildchen, Aufklebern, Folien, Schablonen-Abbildern, Scratchings. Allein um die Graffiti aus Schriftzeichen ("Writing Styles") zu definieren, braucht ein Dokument aus dem Internet 6.500 Wörter auf 13 Textseiten. Die Bremer Schulsenatorin stellt den Schulen für den Kunstunterricht einen Graffiti-Arbeitsbogen von 269 Seiten zur Verfügung, der allein zum Stylewriting mehr als 100 Seiten Anleitung enthält.

Ungefragt und anonym werden sie auf fremden oder öffentlichen Oberflächen angebracht, die Graffiti-Elemente, wie auch immer sie aussehen, Für die Polizei sind sie schlicht Sachbeschädigung. Immerhin macht die Polizei eine Ausnahme für bloße Mitteilungen, Liebesbekundungen und politische Äußerungen, "Ick liebe Dir" darf man auch weiterhin ungestraft an die Brücke malen. "Tatwerkzeuge" sind Farbspraydosen, Faserstifte, Nothämmer, Schleifpapier usw. Diesen rückt die "Gemeinsame Ermittlungsgruppe Graffiti" beim Berliner Landeskriminalamt zu Leibe,

Einen privaten Kampf gegen volksverhetzende Graffitis führt Frau Mensah-Schramm. "Ich beseitige nicht generell Graffiti, sondern ausschließlich Hassparolen und Nazisymbole" sagt sie, und erzeugt damit sehr unterschiedliche, zum Teil auch heftige Reaktionen (von "Rote Sau" über "Die hat ja 'ne Macke" bis zu "Wie gut, dass es Leute gibt, die nicht wegschauen"). Die Polizei wurde einmal gerufen mit dem Hinweis: ""Hier ist eine Frau, die hat Schmierereien beschmiert".

In der öffentlichen Diskussion stehen Graffiti irgendwo zwischen Kunst und Vandalismus. Ästhetische Mitgestaltung des Stadtbilds, Meinungsäußerungen, Gesellschaftskritik werden oft toleriert. Markierungen, die der "Bananensprayer" an besonderen Orten der Kunstvermittlung anbringt, empfinden die so ausgezeichneten Galerien und Museen sogar als Ehre. Kaugummis auf dem Pflaster werden - unter dem Kunstbegriff betrachtet - wohl eher Unart als Streetart sein. Klograffiti bilden eine eigene Kategorie.

Graffiti sind eine unorthodoxe Ausdrucksform in der Massengesellschaft, und wie viele unorthodoxe Formen werden sie irgendwann vermarktet. Die Tate Galerie in London zeigte vor kurzem eine Ausstellung "About Street Art", die Berliner Galerie Circleculture hat sich auf Street Art spezialisiert. Illegale Objekte an den Außenwänden als bezahlte Kunst an den Innenwänden. Agenturen bieten farbenfrohe Wandgestaltungen, um Schmierereien an Privathäusern und Geschäftsgebäuden zu verhindern. Im Internet sucht jemand "für eine Aktion Sprayer die in 7 deutschen Großstädten vorgefertigte Stencils anbringen. Das ganze wird ganz gut bezahlt." Und in der Jugendarbeit werden "gute Graffiti" eingesetzt, um die Energie der Jugendlichen in gesellschaftlich erwünschte Bahnen zu lenken.

So auch im Sprengelkiez, in dem wir heute flanieren. Hier wurden "die besten Graffiti-Sprayer für die Gestaltung von kahlen Brandmauern am Sprengelpark gesucht". Das Quartiersmanagement Sparrplatz und das Jugendprojekt Spraymobil veranstalteten dazu einen Wettbewerb, um "arbeitslose, kreative Jugendliche zu qualifizieren, Aufträge im Bereich der Innen- und Außen-Wandgestaltung zu akquirieren (Fassadenmalerei, Rollladengestaltung, Graffiti-Schutz) und einen eigenen Betrieb zu gründen."

Der Sprengelkiez ist ein Vorzeigegebiet im Wedding, und dass große Teile des Bereiches frei sind von (illegalen) Graffitis ist etwas, das uns sofort auffällt. Nordöstlich des Spandauer Schifffahrtkanals am Nordgraben bis zur Müllerstraße erstreckt sich eine Wohngegend mit mehreren außergewöhnlichen Bauten. und wenn Gysi vom Wahlplakat herunter fordert "Reichtum für alle", dann ist das bei der Wohnqualität schon teilweise verwirklicht, ganz ernst meinen wird er selbst das sicherlich nicht.

Die Wohnungsbaugenossenschaft BBWO, die1892 als Berliner Spar- und Bauverein gegründet wurde, verwaltet ein vom Messel-Schüler Paul Kolb errichtetes Gebäudeensemble an Nordgraben, Buchstraße und Fehmarner Straße. Stolz prangt die Jahreszahl 1905 über dem Eingangsportal. Eine Hausbewohnerin lässt sich vor dem gut gesicherten Zugang erweichen, uns in den Innenhof mitzunehmen. In völliger Ruhe und Abgeschiedenheit gruppieren sich 184 Wohnungen um mehrere gepflegte Innenhöfe. Ein Park von Fahrrädern in den vorgesehenen Bereichen in den Hausdurchgängen. Alles strahlt Lebensqualität aus.

Um die Ecke in der Buchstraße 3 ein einzelnes Haus, dessen Fassade Jugendstil ausstrahlt. An der Südseite des Spandauer Schifffahrtkanals gegenüber dem Nordufer das Moabiter Heizkraftwerk, bei dem alte Bausubstanz und neue Technikbauten sich nicht harmonisch ergänzen, sondern miteinander leben müssen. An der Föhrer Straße dann der Backsteinbau des Robert-Koch-Instituts.

Der Rückweg führt uns durch die Sprengelstraße zur Osterkirche. Hier trafen sich 2003 Jesus und Buddha bei einem Projekt des ökumenischen Kirchentags. Neben ihrer eigentlichen Bestimmung als Gotteshaus ist diese Kirche ein sozialer und kultureller Treffpunkt für den Kiez. Unter anderem ist hier "Laib und Seele" zu Hause, ein Projekt der "Berliner Tafel" für Bedürftige.

Noch ein letztes Wort zu den Straßennamen hier im Kiez, die keiner einheitlichen Idee folgen. Das deutsche Reich hatte Kiautschou 1897 für 99 Jahre von China als Flottenstützpunkt gepachtet, wurde es aber nach dem Versailler Vertrag wieder los. Ein Teil der Samoainseln wurde 1878 deutsch, auch hier setzte der Völkerbund ein Ende. Christian Leopold von Buch war ein anerkannter Paläontologe, der die erste geologische Karte Deutschlands erarbeitet hat. Konrad Sprengel hatte entdeckt, dass die Bienen die Blumen bestäuben, aber 50 Jahre lang glaubte ihm keiner. Der Hugenotte Rochus Graf zu Lynar schließlich war der Erbauer der Spandauer Zitadelle.

Durch den Sprengelpark laufen wir bis zur Kiautschoustraße, Dort nehmen wir unsere Auszeit im auszeit, der sommerlichen Hitze entsprechend bleibt es bei einem Salat und einem Bier.

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Unsere Route
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Wedding an der Panke
Wind in den Dünen