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Ich sagte: Wir möchten mit


Stadtteil: Mitte
Bereich: Waisenstraße/Klosterstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Klosterstraße
Datum: 14. September 2008

"Ich sagte: Wir möchten mit. Der Fahrer sagte: 'rein und hinlegen."

Der Denkmaltag im September machte es möglich, dort hineinzuschauen, wo man sonst vorbeigehen muss oder nichtsahnend vorbeigeht. Eine Tür im Vorraum des U-Bahnhofs Klosterstraße ist geöffnet, das lockt mich in den Tunnel und zwischen die Gleise. Sorgsam abgesichert von BVG-Mitarbeitern schlängeln sich Gruppen von Menschen durchs Halbdunkel, BVGler geben an vielen Informationspunkten geduldig Auskunft.

Wenn die U-Bahn von Stadtmitte kommend Richtung Alexanderplatz die zwei Spreearme der Fischerinsel unterfahren hat, trifft sie auf ein Gewirr unterirdischer Bauten. "Wehrkammer" steht ordentlich an einer Tür im südlichen Bahnhofsvorraum. Hier werden keine mittelalterlichen Waffen gelagert, sondern absenkbare Tore bedient, die den U-Bahnschacht vor plötzlich eindringendem Wasser aus der Spreeunterfahrung schützen sollen. Im nördlichen Bahnhofsvorraum gibt es eine unscheinbare, heute geöffnete Tür, die in ein imposantes unterirdisches Brückenbauwerk führt, das die Gleise unterquert, Zur Frankfurter Allee und nach Lichtenberg sollte hier eine weitere Linie führen, der Bahnsteig Klosterstraße war hierfür vorbereitet, er ist ungewöhnlich breit, weil er das nicht gebaute Gleis überdeckt.

Das gleislose Tunnelbauwerk endet blind nach 100 Metern, man kann aber vorher unter den befahrenen Gleisen der U2 hindurch zum Klostertunnel laufen, der U-Bahngeschichte pur vermittelt. Auf der U2 sind Kleinprofilzüge unterwegs, die keine Betriebswerkstatt in Ostberlin erreichen konnten, dort fuhren Züge im Großprofil. Also brauchte man eine Abbiegung zur U5, an der die Betriebswerkstatt liegt. Die Gleis-Spurweite innen von 1,435 m ist glücklicherweise identisch, aber man brauchte einen Übergang zwischen den Stromabnehmern, die unterschiedlich gepolt sind und entgegengesetzt von unten bzw. von oben den Strom abgreifen.

Aus der Entstehungszeit der U-Bahn gab es an der Waisenstraße, der Parallelstraße zur Klosterstraße einen U-Bahntunnel ("Waisentunnel") und einen nie vollendeten U-Bahnhof "Voltairestraße". Diese unsinnige direkte Nachbarschaft zu einem bereits bestehenden U-Bahnhof erklärt sich aus der Entwicklung der Verkehrsbauten: Siemens und AEG waren vor dem 1.Weltkrieg als Konkurrenten im Berliner U-Bahnbau tätig. Die AEG hatte den Bau einer Strecke von Gesundbrunnen nach Neukölln übernommen, die einen neuen Bahnhof Voltairestraße direkt neben dem bestehenden Bahnhof Klosterstraße vorsah. Nach dem Krieg, als ihre Bahnbaugesellschaft pleite ging, war die AEG nicht über einige Teilbauten (u.a. den Waisentunnel und Bahnhof) hinausgekommen. Die Stadt baute weiter, gab den Standort Voltairestraße aber zugunsten des Alexanderplatzes und der Jannowitzbrücke auf und verlegte lediglich ein Betriebsgleis von der U5 in der Richtung Jannowitzbrücke in den jetzt überflüssigen Waisentunnel.

So musste nun die Ost-BVB nur einen kurzen Abzweig von der Klosterstraße zum Waisentunnel durch die Erde zu treiben und mit einem stromschienenlosen Abschnitt für die Umsetzung der Stromabnehmer ausstatten, dann konnte sie in "ihrem" Netz autark arbeiten.

Der unfertige Bahnhof Voltairestraße hat im 2.Weltkrieg eine neue Funktion bekommen, als er zum Luftschutzbunker umgebaut wurde. Auf 300 Metern Länge wurden drei voneinander unabhängige Bunkerbereiche mit insgesamt 1.000 Schutzplätzen errichtet, Die Kabinen waren nummeriert und konnten von den Bewohnern der umliegenden Straßen nur mit besonderen Bunkerausweisen betreten werden. Einer der Bunkerausstiege, durch den man am Ende des heutigen Rundgangs wieder ans Licht kam, befindet sich direkt vor dem Rest der alten Berliner Stadtmauer in der Waisenstraße.

Nach dem Mauerbau hat die DDR auch hier wie in anderen "Unterwelten" Champignons gezüchtet (siehe Bericht über die Königstadt-Brauerei). Der Waisentunnel wurde Schauplatz einer nicht wiederholbaren spektakulären Flucht von Ostberlinern nach Westberlin. Ein Ost-BVBler wusste, dass der Anschluss des Tunnels an die U8 nicht überwacht wird und hielt die in Nord-Süd-Richtung von Westberlin durch Ostberlin nach Westberlin ohne Halt durchfahrende BVG-U-Bahn mit dem allgemeinen Notsignal (kreisförmiges Schwenken einer roten Taschenlampe) an. "Ich sagte: Wir möchten mit. Der Fahrer sagte: 'rein und hinlegen." So kam er mit seiner Familie in den Westen. Die Alliierten hielten die Flucht geheim, um den U-Bahn-Transitverkehr nicht zu gefährden.




Freiheit bis zu den Wolken
Kaffee statt Alkohol - da kommen keine Gäste