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Gemeingefährliche Bestrebungen


Stadtteil: Wedding
Bereich: Rosenthaler Vorstadt
Stadtplanaufruf: Berlin, Bernauer Straße
Datum: 8. Februar 2010

Farbige Neubaublocks an der Bernauer Straße und Hussitenstraße verweisen auf den "Vaterländischen Bauverein", ein in heutiger Zeit merkwürdig anmutender Name, verbinden wir doch mit den letzten "vaterländischen" Bauherren den dunkelsten Teil unserer Vergangenheit. Auf seiner Homepage geht der Bauverein nicht auf seine Geschichte ein, sondern zählt nur die 34 Wohnhausgruppen auf, die er verwaltet.

In seiner "Novemberbotschaft" 1881 hatte Kaiser Wilhelm I. vor dem Reichstag "die Heilung der sozialen Schäden" durch "positive Förderung des Wohles der Arbeiter" verkünden lassen. Anlass waren die im Zuge der Industrialisierung aufgetretenen heftigen Missstände bei den Lebens- und Arbeitsbedingungen, (z.B. fehlender Arbeitsschutz, Kinderarbeit, "Mietskasernen", Massenarmut), die den Arbeiterorganisationen und Sozialdemokraten erheblichen Zulauf gebracht hatten. Der Versuch Bismarcks, diese Bewegungen durch die "Sozialistengesetze" („Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie") zu unterdrücken, war gescheitert, und so redete man jetzt unverblümt davon, dass man das Problem "nicht ausschließlich im Wege der Repression sozialdemokratischer Ausschreitungen" lösen könne.

Bismarck brachte daraufhin im Reichstag die Sozialgesetze ein (1883 Krankenversicherung, 1884 Unfallversicherung). 1889 verabschiedete der Reichstag das Gesetz zur Alters- und Invaliditätsversicherung. Ab 1897 schaffte Vizekanzler Arthur von Posadowsky-Wehner, von manchen auch "Der Rote Graf" genannt, den Ausgleich mit der Sozialdemokratie und brachte eine neue Sozialpolitik auf den Weg mit Regelungen z.B. zur Arbeitszeit, über das Verbot der Kinderarbeit und zum Mutterschutz (1).

Missstände bei der Wohnungsversorgung versuchte man durch Baugenossenschaften wie den "Vaterländischen Bauverein" zu überwinden. Es war eine christlich-patriotische, kaisertreue Gesinnungsgemeinschaft, die mit Geldern aus dem Preußischen Wohnungsfürsorgefonds (1895) und einem Reichsfond für den Wohnungsbau finanziert wurde. Gründer waren der Evangelische Arbeiterverein, christliche Gewerkschaften und der Jungmännerverein der Versöhnungsgemeinde, weshalb der erste Bau an der "Versöhnungs-Privatstraße" entstand. Diese Straße fiel nach dem 2.Weltkrieg der Stadtsanierung zum Opfer, von der ersten Wohnanlage der Baugenossenschaft ist aber ein Teil erhalten geblieben.

Schon der "Baedeker" hatte damals diese Anlage mit sechs umbauten Höfen als Sehenswürdigkeit eingestuft. Die Höfe sind bauliche Zitate verschiedener Epochen vom Mittelalter bis zur wilhelminischen Zeit und sollen sicher über das reine Wohnen hinaus den Bewohnern etwas Bildung vermitteln. Der Romanische Hof (Berlin als Fischerdorf im 12. Jahrhdt.), der Altmärkische Hof (märkische Backsteingotik) und der Nürnberger Hof (kurfürstliche Residenzstadt 16. Jahrhdt.) sind im Wesentlichen erhalten, der Renaissance-Hof (Residenzstadt 17. Jahrhdt.) wurde seines Schmucks beraubt, der Barock-Hof (königliche Residenzstadt) und der Moderne Hof (Kaiserstadt der Gründerjahre) sind der Nachkriegs- Sanierung zum Opfer gefallen. Sanierung, darunter verstand man zwischen 1970 und 1980 den weitgehenden Abriss der Altsubstanz und den Neubau von reinen Wohnungsblocks, die belebende Mischung mit Läden und Kleingewerbe war damals nicht zeitgemäß. Auflockerung, Entkernung und Begrünung hieß das und bedeutete, dass die Bewohner zum großen Teil in das Märkische Viertel umgesetzt wurden.

Die Standards der vom Vaterländischen Bauverein 1903 geschaffenen Wohnungen waren für die Zeit beispielhaft, sie hatten Küchen, Vorratskammern, Innentoiletten, Balkon oder Loggia und Gemeinschaftseinrichtungen wie Badeanstalt, Bibliothek, Kindergarten, Spielplatz.

Im Zuge des Mauerbaus wurde die ganz in der Nähe an der Bernauer Straße stehende Versöhnungskirche gesprengt und nach der Wende in moderner Form neu errichtet, daneben befindet sich die Mauergedenkstätte. Von hier ist es nur ein kleiner lohnender Fußweg zu der historischen Anlage des Vaterländischen Bauvereins in der Hussitenstraße 4. Nördlich der Voltastraße befindet sich das ehemalige AEG- Gelände. Beidseits der Voltastraße stand vorher der Schlachthof, den der "Eisenbahnkönig" Strousberg errichten ließ (2). Ein Gewölbekeller unter dem Gewerbehof Wattstraße/Voltastraße erinnert noch an die Schlachthaus-Zeit. In diesem Kiez der Rosenthaler Vorstadt gibt es als weitere interessante Bauten die nach Licht, Luft und Sonne strebende Ernst-Reuter-Schule mit verglastem halbrundem Vorbau (Nachkriegsmoderne) und den ehemaligen Pferdebahn- Betriebshof an der Usedomer/Jasmunder Straße mit einer riesigen stützenfreien Autobushalle mit markanten Oberlichtern.

Am Nordbahnhof haben wir unseren Spaziergang begonnen, am U-Bahnhof Voltastraße beenden wir ihn. Dieser U-Bahnhof ist von Peter Behrens, dem Hausarchitekten und Designer der AEG entworfen und von Alfred Grenander vollendet worden, dem Berlin eine Vielzahl von U-Bahnbauten verdankt. Da wir schon tagsüber unterwegs sind, nehmen wir das traditionelle Abendessen der Flaneure bei einem späteren Treffen im "Renger-Patzsch" an der Wartburgstraße ein. Das Lokal, das einem Fotografen gewidmet ist, lässt mit seiner schlichten Einrichtung die Fotografien an den Wänden besonders hervortreten und die Flammkuchen mit Auberginen, Blutwurst oder Kürbiskernen findet man nicht überall.

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(1) Mehr über die Sozialistengesetze: Bismarcks Sozialisten- u. Sozialgesetze
(2) Mehr zur AEG Brunnenstraße und zum "Eisenbahnkönig" Strousberg in diesem Bericht:
Glücksritter der Industrialisierung


Zwei Eimer Wasser holen
Gesund trotz vieler Apotheken