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Mit der Klampfe durch das Land


Stadtteil: Steglitz
Bereich: Stadtparkviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Birkbuschstraße
Datum: 27. Januar 2014
Bericht Nr: 449

"Die Klampfe nehm' ich von der Wand / und fahr' in das herrliche sonnige Land / mit Singsang und Klingklang hinein".

Mit der Gitarre (Klampfe, Zupfgeige) oder Mandoline, den Rucksack auf dem Rücken, gingen Jugendliche in die freie Natur hinaus, entwickelten einen romantischen Lebensstil mit Lagerleben, Volkstanz und eigener Kluft. Sie wollten heraus aus den engen Wohnverhältnissen und den Quartieren der fortschreitenden Industrialisierung, aus den engen schulischen und gesellschaftlichen Grenzen, unabhängig sein von den Erwachsenen. Alles begann 1896 mit einer Schülerwandergruppe am Steglitzer Gymnasium, die ihre Wanderziele immer weiter ausdehnte: Grunewald, Teupitz, Thüringen, Spessart, Köln, Böhmerwald. Schon fünf Jahre später wurde im Ratskeller Steglitz 1901 der "Wandervogel" als Verein gegründet. Im ganzen Land und über seine Grenzen hinaus entwickelte sich schnell eine Jugendbewegung. 1913 hatte der aus mehreren Bünden zusammengeschlossene "Wandervogel" bereits 25.000 Mitglieder. Als der Erste Weltkrieg begann, zogen tausende als "Feldwandervogel" auf die Schlachtfelder, man wanderte gegen die Franzosen, aber mit der romantischen Begeisterung war es schnell vorbei.

In einer so großen Gemeinschaft gab es naturgemäß viele unterschiedliche Strömungen, Vereine spalteten sich ab, neue wurden gegründet. Es gab Berührungspunkte mit Pfadfindern, Freikörperkultur, Lebensreformbewegung, aber es fanden sich hier auch patriotische "Freideutsche" und völkische Tendenzen. Im Nazireich endete die Wandervogelbewegung zwangsweise, die Jugendlichen wurden in der Hitler-Jugend, gleichgeschaltet. In Steglitz - unserem heutigen Flanierziel - erinnern eine Gedenktafel am Rathaus und ein Gedenkstein mit dem Wandervogel-Logo im Stadtpark daran, dass diese Jugendbewegung hier entstanden ist.

Zwischen der S-Bahn und dem Stadtpark Steglitz liegt das Stadtparkviertel Steglitz, auch Neu-Steglitz genannt. Dort, wo heute das Wrangelschlösschen mit dem Schloßpark-Theater steht, war früher das Gutshaus Steglitz. Das Gut selbst erstreckte sich entlang des alten Handelswegs, der Schloßstraße (Bundesstraße 1). Letzter Gutsherr war der preußische Staatsminister Carl Friedrich von Beyme, nach seinem Tod kaufte der Domänenfiskus - also der Staat - das Gut und parzellierte 1848 die "Colonie Steglitz" rund um die Albrechtstraße bis zur Birkbuschstraße. Zu diesem Zeitpunkt fuhr bereits die Eisenbahn von Berlin nach Potsdam als "Stammbahn" (1) durch Steglitz. Ein Haltepunkt wurde 1839 eingerichtet und nach sechs Jahren wieder geschlossen, erst 19 Jahre danach hielt die Bahn hier endgültig. Nach einem schweren Unglück, als ein Kurierzug auf der ebenerdigen Strecke ungebremst in eine Personengruppe fuhr und 39 Menschen in den Tod riss, wurde die Trasse hochgelegt. Das erste Bahnhofsgebäude war ein umgebautes Bauernhaus, der Nachfolgebau an der erhöhten Trasse stand bis 1965, dann musste er dem Bau der Stadtautobahn Westtangente weichen.

Die Bahn schaufelte die Berliner zur Erholung raus vor die Tore der Stadt, und schon bald begann die Bebauung der neuen Kolonie. Erste Villen entstanden, so baute "Graupen-Schultze" - ein Kolonialwarenhändler - ein damals weit abgelegenes Haus an der heutigen Hauptallee des Stadtparks und feierte dort ausschweifende Feste, wenn man Steglitzer Gerüchten glauben darf. Bei einer solchen Gelegenheit soll einmal eine splitternackte Frau auf einem Pferd durch seinen Park geritten sein - heute würde das niemanden mehr aufregen. Südlich des heutigen Parks, Am Eichgarten, wurde 1879 ein Altersheim für pensionierte Lehrerinnen errichtet. Nur unverheiratete Frauen wurden damals als Lehrerinnen beschäftigt, eine Heirat führte zur Entlassung aus dem Schuldienst. Mit Wohntätigkeitsveranstaltungen wurde das Geld gesammelt, um Lehrerinnen nach Ende ihres Schuldienstes unterbringen zu können. Das Haus der Jugend Albert Schweitzer steht heute an der Stelle des zerbombten Feierabendheims.

"Lessers Farm" und zwei weitere Gärtnereien boten entlang der Birkbuschstraße Pflanzen, Gewächse und Gartenbedarf an, das Angebot war der damals noch weitgehend ländlichen Gegend angepasst. Mit der zunehmenden Miethausbebauung hatten die Betriebe keine Chance mehr, sie gaben auf und nun wurden auch auf ihren Grundstücken mehrgeschossige Wohnhäuser errichtet. Neben privaten Eigentümern waren Baugesellschaften und Baugenossenschaften in dem Viertel aktiv. Der Beamten-Wohnungsverein baute an der Klingsorstraße zwei Wohnanlagen. Über die Straße hinweg entstand bei dem zweiten Baukomplex ein Brückenbau, der städtebauliche Akzente setzt. Fahrzeuge und Fußgänger haben jeweils eigene rundbogenförmige Durchlässe.

Die Gartenheim-Genossenschaft Steglitz errichtete an der Straße Im Gartenheim (!) und der Dijonstraße eine Reihenhaus-Siedlung mit variantenreicher Architektur. Die Dachgeschosse der zweistöckigen Reihenhäuser sind voll ausgebaut, die Hauszeilen sind mit Vor- und Rücksprüngen, teilweise mit kubischen Baukörpern gegliedert. Ein ganz anderes Bild bieten die vier Reihenhäuser in der Orleansstraße. Hier führen massiv eingefasste einläufige Freitreppen zum Eingang im Hochparterre hinauf. Sogar eine von Gustav Lilienthals Burgen im Tudor-Stil findet sich an der Schallopp- Ecke Lutherstraße (2). Am Anfang der Sedanstraße stehen mehrere fünfgeschossige Wohnbauten mit dekorativem Fachwerk in den oberen Etagen, die Fassaden sind reich mit Ornamenten geschmückt.

Dijonstraße, Sedanstraße, Orleansstraße - die Namen französischer Städte sind keine Verbeugung vor dem Nachbarn, sondern Siegerpose gegenüber dem besiegten Erbfeind. Sie erinnern an den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, der von den Deutschen gewonnen wurde und der der Proklamation des Kaiserreichs in Versailles 1871 vorausging. Eine unheilvolle geschichtliche Linie zieht sich von da aus über den verlorenen Ersten Weltkrieg mit dem Friedensvertrag ("Diktat") von Versailles bis zu Hitlers Überfall auf Frankreich im Zweiten Weltkrieg. Auch im Kollwitzkiez wurden in diesem Kontext Straßen nach Orten in Elsass-Lothringen benannt (3). Und im Leopoldkiez in Wedding wurde mit Straßenbenennungen an einen weiteren Krieg gegen die Franzosen erinnert, den Spanischen Erbfolgekrieg (4).

In der Kolonie Steglitz haben sich das Friedrichsstift und das Lutherstift niedergelassen. 1890 erbaute das "Friedrichs-Stift für arme und verwaiste Soldatenkinder" sein Haus an der Birkbuschstraße. In der Lutherstraße steht das Luther-Stift der Diakonie, das sich seit 1896 um das "Wohnen und Betreuen alter Menschen" kümmert. Das Lutherstift wurde als gotischer Backsteinbau mit Türmen errichtet. Nach Kriegsbeschädigung ist das Gebäude vereinfacht mit Putzfassaden und ohne Türme wieder aufgebaut worden.

Solange die Kolonie Steglitz ländlich geprägt war, bestand kein Bedarf an Erholungsflächen. Dies änderte sich, als Miethäuser das Viertel verdichteten und viele Villen verdrängten. 1905 begann die Gemeinde, für die Anlage eines Parks Grundstücke anzukaufen. Beim Bau des Teltowkanals (5) war der Wasserlauf der Bäke teilweise in den Kanal integriert, teilweise aber auch trocken gelegt worden. Solche Flächen konnten ebenfalls in den neuen Stadtpark einbezogen werden. Der Park wurde als Landschaftsgarten angelegt, ein Springbrunnen und mehrere künstliche Teiche entstanden, außerdem ein Musikpavillon, Liegewiesen und Spielplätze. Mehrere Skulpturen schmücken den Park und der Gedenkstein für die Wandervogel-Bewegung wurde ebenfalls hier aufgestellt.

Der Schriftsteller Franz Kafka ging - als er in Steglitz wohnte - gern im Stadtpark spazieren. Dass er nicht nur über unerklärliche Abgründe, über Verlorenheit und Schrecken schreiben konnte, zeigte sich bei seiner Begegnung im Park mit einem weinenden kleinen Mädchen. Es hatte seine Puppe verloren und war sehr verzweifelt. Kafka erzählte dem Mädchen, dass die Puppe ihm geschrieben hätte, dass sie verreisen würde, den Brief hätte er zu Hause. Seine Freundin Dora Diamant hat in einem Interview beschrieben, wie es weiter ging: Die Korrespondenz soll drei Wochen gedauert haben, in denen die Puppe größer wurde, in die Schule kam, neue Leute kennen lernte - und das Mädchen immer wieder ihrer Liebe versicherte. Am Ende soll Kafka sogar ein Happy End geschrieben haben, sein einziges: Die Puppe hatte einen Mann kennen gelernt und geheiratet und konnte deshalb nicht zu dem Mädchen zurückkehren.

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Zu diesem Bericht gibt es einen Forumsbeitrag: Steglitz (27.1.2014)

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(1) Mehr über die Stammbahn Berlin-Potsdam: Stammbahn nach Düppel
(2) Gustav Lilienthals Burgen im Tudor-Stil: Burgen
(3) Kollwitzkiez: Wer war Rudolf Mücke?
(4) Leopoldkiez: Zwei Eimer Wasser holen
(5) Mehr über den Teltowkanal: Teltowkanal



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