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Die Welt des Julius Pintsch


Stadtteil: Friedrichshain
Bereich: Ostbahnhof
Stadtplanaufruf: Berlin, Andreasstraße
Datum: 5. August 2013
Bericht Nr: 429

Wir leben in einer Welt, die Julius Pintsch und seine drei Söhne für uns geschaffen haben, und ahnen es nicht. Wenn sich die Türen der S-Bahn für uns öffnen, dann mit der Schwebetechnik von Pintsch. Der Bahnübergang, über den der Zug fährt, wird mit Pintsch-Technik gesichert, die Heizungsanlage in der Bahn hat Pintsch geliefert, die Beleuchtung für Lokomotive und Wagen genauso, und im Winter heizt seine Technik die Weichen, damit sie nicht einfrieren. Die Sicherungstechnik in Bahn- und Autotunneln liefert Pintsch, Schiffe finden ihre Route mit Bojen, Seelaternen und Leuchtfeuern von Pintsch. Das Blaulicht auf Funkwagen und Feuerwehrwagen - heute keine "Kaffeemühle" mehr, sondern eine Lichtbalkenanlage - kommt von Pintsch. Mit den Glimmlampen in Kaffeemaschinen, Mehrfachsteckdosen, Bügeleisen, Treppenlichtschaltern haben wir ein weiteres Pintsch-Produkt vor Augen (1). Die kontinuierliche Gaszufuhr für Bunsenbrenner und für die Gasbeleuchtung ("Glühstrümpfe") hat ein Pintsch erfunden, auch Gasmesser gehörten zu ihren frühesten Erfindungen, und elektrische Glühlampen kamen von Pintsch, wenn sie nicht von Osram waren. Ladestationen für Elektrofahrzeuge werden von Tochtergesellschaften der "Schaltbau Company" hergestellt, die aus dem vor 170 Jahren gegründeten Unternehmen Julius Pintsch hervorgegangen ist. Was für eine Geschichte, die das heutige Pintsch-Unternehmen in ihrer Selbstdarstellung hochjubelt als Entwicklung aus einer "Garagenfirma" wie Apple, Microsoft oder Google. Was heute die digitale Revolution ist, die die Startups nach oben spült, war zur Zeit Pintschs die industrielle Revolution, die ungeheure Energien freisetzen konnte, wenn Persönlichkeiten mit Ideen, Forschergeist, Energie und Durchsetzungsvermögen angezogen und mitgerissen wurden.

An der Andreasstraße in Friedrichshain - neben dem Stadtbahnbogen am Ostbahnhof - baute die Julius Pintsch AG das Fabrikgebäude, das als sichtbares Zeichen seiner Berliner Firmengeschichte erhalten geblieben ist. Angefangen hatte er 1843 am Stralauer Platz mit einem kleinen Klempnerbetrieb, der von der räumlichen Nähe zur englischen Gasanstalt profitierte. Er reparierte ihre mit Gas betriebenen Leuchten, kein anderer in Berlin konnte das. Er entwickelte einen Gasmesser und andere Apparate für die Gasgeräteindustrie. Bereits 5 Jahre später baute er sein erstes Fabrikgebäude am Stralauer Platz, 20 Jahre nach Betriebseröffnung zog er in ein größeres in die Andreasstraße. An der Straße entstand ein Wohngebäude, auf dem Hof die Produktionshalle. Für die Niederschlesisch-Märkische Eisenbahn - die ihren Hauptsitz nebenan am heutigen Ostbahnhof hatte - stellte Pintsch die Gasbeleuchtung für Eisenbahnen und Lokomotiven her und die Dampfheizungsanlagen für die Eisenbahnwaggons. Mehr als 50.000 Eisenbahnwagen und Lokomotiven waren 1893 mit dem Gaslicht von Pintsch ausgestattet.

Inzwischen hatte Julius Pintsch das Unternehmen auf seine drei Söhne übertragen. Die Produktion wurde auf mit Gaslicht betriebene Leuchtbojen und Leuchtfeuer für die Schifffahrt ausgedehnt. Leuchttürme wurden weltweit mit Pintsch-Leuchtfeuern ausgestattet, der Suezkanal mit Pintsch-Leuchtbojen auch bei Dunkelheit schiffbar gemacht. In Fürstenwalde entstand eine Fabrik für elektrische Glühlampen, Pintsch war zweitgrößter Lampenhersteller nach Osram. Bereits frühzeitig war damit der Übergang vom Gas zur Elektrizität erkannt worden. Als in den 1920er Jahren Eisenbahnen elektrifiziert wurden, lieferte Pintsch die notwendigen Generatoren, Lampen und Heizungen. Auch in die Rüstungsproduktion war Pintsch frühzeitig eingestiegen, bereits 1867 erhielt das Unternehmen den ersten Auftrag zum Bau von Torpedos.

Der Übergang vom Familienunternehmen zum international tätigen Konzern war 1907 erreicht, als die Gasapparate-, Maschinen- und Glühlampenfabriken zu einer Aktiengesellschaft zusammengeschlossen wurden. Oskar Pintsch - einer der drei Söhne und Mitunternehmer - hatte zu dieser Zeit ein Jahreseinkommen von 675.000 Mark, zum Vergleich: der Reichskanzler verdiente 48.000 Mark jährlich. Das Vermögen von Oskar Pintsch betrug (umgerechnet auf heutige Kaufkraft) 30 Mio. Euro.

Andererseits unterstützten die Pintschs wohltätige Projekte und Stiftungen. Oskar Pintschs Ehefrau Helene hatte einen "Krüppel-Heil- und Erziehungsverein" gegründet und den Bau und Unterhalt des Oskar-Helene-Heims finanziert, das zu einem international wegweisenden Zentrum der Orthopädie wurde. Hierfür ehrte man Helene Pintsch mit dem höchste Damenorden des Königreiches Preußen ("Luisenorden").

Bereits zu Lebzeiten wurden Straßen nach den Pintschs benannt. Dem Senior Julius Pintsch ist die Pintschstraße in der Nähe des Stralauer Platzes gewidmet, sein Sohn Richard wurde in Neukölln durch die Pintschallee geehrt. Beerdigt ist die Pintsch-Familie in einer Grabhalle, die ihresgleichen sucht. Wie ein Privatfriedhof steht die offene Säulenhalle auf dem Friedhof der Georgen-Parochialgemeinde an der Greifswalder Straße, "eines der wohl größten und imposantesten Grabmale Berlins" (Landesdenkmalamt). Nach unserem Spaziergang zu Berliner Weinbergen in der letzten Woche (2) ist dieser Friedhof besonders interessant für uns: Er liegt an der Barnimkante des Urstromtals und hat eine beträchtliche Höhendifferenz von 12 Metern, er wurde 1814 auf ehemaligen Weinbergen des Prenzlauer Berges angelegt.

Mit dem Übergang in eine Aktiengesellschaft leistete sich das Pintsch-Unternehmen ein neues Firmengebäude an der Andreasstraße an der Stelle der bisherigen Wohnbauten. Die Architekten Cremer und Wolffenstein errichteten einen quadratischen Bau, der weit in das Betriebsgelände hinein reichte. Seine Straßenfassade betont über die gesamte Gebäudehöhe den dreiachsigen Eingangsbereich, die beiden unteren Etagen werden mit behauenen Quadern optisch verbunden, über dem Dachgeschoss thront ein Dreiecksgiebel wie bei einem Tempel (Tympanon). Allegorische Figuren auf der Fassade zeigen die Arbeit mit Hand (Schmied) und Kopf (Ingenieur).

Heute produziert hier kein Pintsch mehr, das Gebäude steht leer. In der DDR-Zeit gab es eine Nachfolge durch einen Volkseigener Betrieb, während in Westdeutschland ein Neuanfang unter dem Namen Pintsch versucht wurde. Das West-Unternehmen wurde von dem "alternden Playboy" (Spiegel) Baron Thyssen-Bornemisza gekauft und letztlich in die Insolvenz getrieben, hat sich dann aber als internationale "Schaltbau Company" neu formiert, die den Namen Pintsch in ihren Tochtergesellschaften weiter führt.

Vom Ostbahnhof sind wir heute bis zum Boxhagener Kiez unterwegs. Die East-Side-Gallery beginnt gegenüber dem Ostbahnhof an der Mühlenstraße, zwischen Mauer und Spree liegt der East-Side-Park auf dem Gelände des ehemaligen Grenzkontrollwegs. Wir wenden uns Richtung Andreasplatz, dessen Lage nur noch durch eine Skulptur angedeutet wird. Früher wurde er durch zwei Figuren eingerahmt, deren Thema die Arbeiteridylle ist - eine Idylle, die man in der Realität von 1898 nicht finden konnte. Die Skulptur "Mutter mit Kind" - nach dem Vorbild der Madonnen-Ikonographie - musste inzwischen zum Volkspark Friedrichshain umziehen. Am ursprünglichen Platz verblieben ist der "Handwerker mit Sohn".

Dieser Kiez zwischen Ostbahnhof und Stralauer Platz wird durch Plattenbau-Hochhäuser dominiert, er findet trotz einiger Grünflächen kein einheitliches Gesicht. An der Rüdesheimer Straße 45a umzingeln die Plattenbau sogar eine Kirche, in einer Nische steht sie wie im Hinterhof, obwohl es das bei Hochhäusern gar nicht geben kann. Von der Kneipe zur Kirche und dann ins Abseits, das ist der ungewöhnliche Weg dieses Gotteshauses. Seit 1860 stand hier ein Gasthaus. Für die erste Betreuung der katholischen Industriearbeiter, die am heutigen Ostbahnhof ankamen, kaufte der katholische Arbeiterverein das Grundstück und errichtete das Leo-Hospiz. Geplant waren ein Wohnheim, eine Beratungsstelle, außerdem Küche, Bibliothek und Lesehalle. An die Gastwirtschaft wurde eine kleine Kapelle angebaut, die durch eine Falttür vom Gastraum getrennt war. "Bei Gottesdiensten wurde diese Tür geöffnet, in der Kapelle befand sich der Geistliche und in dem Gastraum die Gemeinde. Im Laufe der nächsten Jahre gelang es dem ersten Pfarrer der Gemeinde langsam, den Gastraum zu einem Gottesdienstraum umzugestalten" (St. Antonius-Gemeinde). Damit war der Weg von der Kneipe zur Kirche geschafft. Den Anbau mit Chor und Altar gibt es immer noch, ein bescheidenes Türmchen mit Kreuz krönt sein Dach. Zu DDR-Zeiten wurde 1970 die umgebende Bebauung einschließlich des Pfarrhauses abgerissen, auch eine Seite der Kirche fiel der sozialistischen Spitzhacke zum Opfer. Damit ging der Haupteingang verloren, an dessen Stelle ist ein mehrstöckiges Wohnhaus an die Kirche angedockt worden.

Bevor die DDR die Stalinallee nach Vorbildern des großen Bruders in Moskau baute (3), war sie auf der Suche nach einem eigenen Architekturstil, der sozialistisch war, gleichzeitig aber die Tradition des Klassizismus im Sinne Schinkels aufnahm. Diese "Architektur nationaler Tradition" bestimmte das Baugeschehen 1950 bis 1955, einzelne Bauten sind auch im Berliner Stadtbild zu finden (4). Dazu gehört die Ellen-Key-Schule in der Rüdersdorfer Straße, die heute am Nachmittag des ersten Schultags nach den großen Ferien wie ausgestorben am Wegesrand liegt. Und doch: zwei Fontänen sprudeln ihr Wasser in die Luft, hier ist noch Leben.

In der letzten Woche hatten wir das Thema Notkirchen vor Augen. Nicht weit von hier im Boxhagener Kiez steht die Offenbarungskirche in der Simplonstraße, eine von zwei noch erhaltenen Notkirchen. Es ist eine Saalkirche aus vorgefertigten Hölzern. Der mächtige Innenraum fasst 500 Gläubige. Die Kirche wirkt nicht behelfsmäßig, sie ist - auch angesichts ihrer Größe - in den Stadtraum eingegliedert, anders als die Methodisten-Kirche in der Richard-Sorge-Straße (5).

Für unser Flaniermahl sind wir im richtigen Kiez angelangt, in der Sonntagstraße bekommen wir Speis und Trank und können dann vom Ostkreuz die Heimreise antreten.

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(1) Pintsch, Pintsch, Pintsch. Ich weiß, dass es auch andere Unternehmen gibt, die diese Technik herstellen, die "Schaltbau Company", wie sie sich in entsetzlichem Denglisch nennt, hat kein Monopol, aber alle diese Entwicklungen und Erfindungen stammen von Julius Pintsch und seinen Söhnen.

(2) Weinbau an der Barnimkante des Urstromtals: Zu Pferde durch die Havel
(3) Baustil der Stalinallee: Brücke mit Romantikfaktor
(4) Weitere "Architektur nationaler Tradition" der DDR in der Chausseestraße: Hosenbandorden auf dem Hinterhof
(5) Mehr über Notkirchen: Notkirchen


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Biermord hinter der Brauerei
Vor Ankommen wird gewarnt