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Hosenbandorden auf dem Hinterhof


Stadtteil: Mitte
Bereich: Oranienburger Vorstadt
Stadtplanaufruf: Berlin, Chausseestraße
Datum: 15. Januar 2013

Die Chausseestraße in Berlins Mitte wird durch zwei ehemalige Berliner Mauern begrenzt. Im Norden konnte man über den Grenzübergang Chausseestraße nach Ost-Berlin einreisen. Die obersten zweihundert Meter der Chausseestraße liegen im Wedding, nördlich einer vom Autofahrer kaum wahrgenommenen Brücke geht die Chausseestraße in die Müllerstraße über. Im Süden bekam man bis 1867 am Oranienburger Tor Eingang in die Stadt, die Akzisemauer (Zollmauer) setzte sich östlich in der Torstraße und westlich in der Hannoverschen Straße fort. Hier wurden die Waren verzollt, die Berlin von außerhalb erreichten. Gleichzeitig wurden die Soldaten der Garnisonsstadt durch die Mauer am Desertieren gehindert. Durch das Tor kommend betrat man die Friedrichstraße und erreichte an der Kreuzung Unter den Linden die "gefühlte Mitte" Berlins (--> 1).

Wer Stadtentwicklung in bewegten Bildern sehen möchte, sollte derzeit gegenüber der Baustelle des Bundesnachrichtendienstes flanieren. Noch sind die Schlapphüte nicht da, aber schon drängen sich die Bauprojekte. Was entstehen soll, sieht man im Moment meist lediglich auf Schildern. Nur auf einem Grundstück wühlen zwei Bagger lustlos in einem Wasserloch, das mal Baugrube werden soll. Aber lange wird es nicht mehr dauern, dann boomen hier die Bauarbeiten. Noch sind unscheinbare Reste der DDR-Grenzbefestigung an der Chausseestraße und Liesenstraße auszumachen, doch im Hintergrund sind schon Türen und Fenster aus allen Altbauten herausgebrochen worden. Ein streunender Fuchs begegnet uns in dieser Ruinenlandschaft, die an den Domfriedhof angrenzt. Das Tier wird sich wohl bald ein neues Domizil suchen müssen.

Die Chausseestraße war einmal ein Mittelpunkt der Maschinenindustrie, Zwischen Torstraße und Liesenstraße erstreckte sich "Feuerland". Hier arbeiteten bis in die 1880er Jahre die Maschinenfabriken von Borsig, Egells, Pflug, Wöhlert, Schwartzkopff. Die rauchenden Fabrikschornsteine - damals Symbole des Fortschritts - gaben dem Quartier den Namen. Nach den Fabrikanten (bis auf Egells) sind auch die Straßen in Feuerland benannt. Feuerland liegt in der Oranienburger Vorstadt, das war damals außerhalb Berlins. Unmittelbar vor dem Oranienburger Tor begann das Industriequartier von Borsig mit Arkaden und Bauten im Neorenaissance-Stil. Nach der Randwanderung der Industriebetriebe (--> 2) wurden um 1890 auf dem ehemaligen Fabrikgelände repräsentative Wohngebäude errichtet. Das Eckgebäude an der Torstraße und Chausseestraße nutzt architektonisch geschickt seine prominente Lage, die Ecke ist abgerundet, mehrere Etagen sind optisch zusammengefasst, sie geben dem Bauwerk Bedeutung und Gewicht. An der Chausseestraße 13 ist das ehemalige Borsigsche Kontorhaus erhalten. Im Mittelpunkt der gegliederten Sandsteinfassade steht wie eine mittelalterliche Heiligenfigur die Bronzeskulptur eines Schmiedes, bekrönt von einem Baldachin.

Weitere Zeugnisse aus der Feuerland-Zeit finden sich auf einzelnen Hinterhöfen. In der ehemaligen Lokfabrik im Innenhof der Chausseestraße 9 - 10 wurden inzwischen Büros für Medienunternehmen eingerichtet. Die rückwärtige Fabrikhalle in der Chausseestraße 5 aus gelben und roten Klinkern weist über den beiden mächtigen Rundbogenfenstern ein gusseisernes Wappen auf, das unsere Aufmerksamkeit weckt. Löwe und Einhorn sind durch ein Spruchband verbunden: "Dieu et mon Droit" steht dort, "Gott und mein Recht", das ist der Wahlspruch der britischen Monarchen, aber warum in Französisch und warum hier? Der englische König Heinrich VI. - der gleichzeitig König von Frankreich war und fließend französisch sprach - hatte den Spruch ausgewählt. Noch heute gehört der französische Text zu dem Wappen der englischen Königin. Die gusseiserne Prägung am Fabrikgebäude zeigt zwischen Löwe und Einhorn außerdem ein Wappenschild mit dem Spruch "Honi soit qui mal y pense", "Ein Schelm wer schlechtes drüber denkt". Hier wird also der Hosenbandorden dargestellt, der exklusive Orden des Vereinigten Königreiches, den auch einige deutsche Herrscher verliehen bekamen. 1842 erhielt ihn der preußische König Friedrich Wilhelm IV., 1861 folgte Wilhelm I., der spätere deutsche Kaiser. Bereits 1858 war der spätere Kaiser Friedrich III. noch als Kronprinz Ordensträger geworden. Das namensgebende blaue Band mit einer Schnalle wird unter dem linken Knie getragen, Frauen legen es am linken Oberarm an.

In der Fabrik in der Chausseestraße 5 produzierte von 1826 bis 1871 die Eisengießerei Egells, Berlins erste größere private Eisengießerei. Die "Allgemeine Handlungs-Zeitung mit den neuesten Erfindungen und Verbesserungen im Fabrikwesen" schrieb 1929, die neue Eisengießerei werde der Königlichen Eisengießerei keinen Abbruch tun, da die Nachfrage nach Gusswaren steige. Auch wenn die Prägung eines königlichen Ordensmotivs eher in die königliche Eisengießerei gehört hätte, so vermute ich, wird wohl Egell mit der Herstellung beauftragt worden sein und dies stolz als Hoflieferant durch den Eisenguss an seinem Giebel kundgetan haben.

Weitere Gebäude aus der früheren Industriezeit stehen im Innenhof der Chausseestr.48 (Hinterhoffabrik) und der Chausseestr.35, wo zum Schluss Flohr-Otis Fahrstühle und Paternoster produzierte. Hinter der Baulücke des ausgebombten Hauses Chausseestr.102 ist die Fassade eines grün-weiß gefliesten Fabrikgebäudes sichtbar. Hier blieb das Ballhaus Berlin mit einem zweistöckigen Ballsaal als einziger Tanzpalast erhalten, 1905 als Bürgerlokal “ Zum Alten Baden “ mit großem Kaffeegarten eröffnet, 1911 als “ Schwantkes Festsäle “ und später als “Chaussee-Palast“ weitergeführt. Im Innenhof der Chausseestraße 103 steht eine Remise aus gelbem Backstein mit einem Pferdekopf als Fassaden-Terrakotta. Die Einfahrt in den Hof ist mit Begrenzungsschienen versehen, die die Pferdewagen auf Spur gehalten haben.

Zwischen Hannoverscher Straße und Invalidenstraße erstreckten sich vor der Zollmauer - und damit vor der Stadt - große Friedhofsflächen, die zum Teil später eingeebnet wurden. Der Dorotheenstädtische und der Französisch Reformierte Friedhof sind erhalten geblieben und zum Prominenten-Liegeplatz geworden. Es ist eine ganz eigene Welt, die wir heute links liegen lassen müssen, auch wenn Borsig und Brecht unmittelbar zur Straßengeschichte gehören. Das Brecht-Haus ist gleich nebenan, von seiner Wohnung zum Grab braucht es nur ein paar Schritte.

Die alten Häuser in der Chausseestraße können viele Geschichten erzählen, greifen wir nur einige heraus. Die zu Mustern zusammengesetzten glasierten Fliesen im Hof und in der Einfahrt der Chausseestraße 123 hat der Bauherr Carl Galuschki auch an der Fassade seines Luisenhauses in der Badstraße 39 verwendet. Dort prägt die markante und eigenwillige Fassade den Platz, wo die Luisenquelle den Gesundbrunnen zu einem Badeort machte (--> 3).

Im Galuschki-Haus an der Chausseestraße wurde 1912 nach nur zwei Monaten der Untergang der Titanic in einem Stummfilm nacherzählt. "Beim Schiffsuntergang im Hinterhaus wurde die Bühne noch von Hand ins Schaukeln gebracht, der Kesselraum war auf ein Stück Leinwand gemalt", beleuchtet wurde mit Tageslicht, denn das Atelier befand sich unter einem Glasdach. Die Filmfirma zog bald in die Babelsberger Filmateliers um, in den alten Räumen folgten bis 1934 Argus-Film, Nobody Film, Boheme-Atelier, Promo-Film, Karlchen-Film, Commerz-Film als Mieter.

Chausseestraße 121 birgt seit der Wende in einem Holzverschlag eine Stele, die an den Spartakus-Bund erinnern soll. Karl Liebknecht hatte hier sein Büro als Rechtsanwalt, hier wurde der Spartakus-Bund gegründet. Mit ihm sollte "der zielbewußteste Teil des Proletariats die ganze breite Masse der Arbeiterschaft zur proletarischen Weltrevolution" führen (nach Rosa Luxemburg, Dez. 1918). Im Januar 1919 ging der Spartakusbund in der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) auf. Wenn die zur Zeit laufenden Bauarbeiten beendet sind, wird der Öffentlichkeit ein schmaler Park um die Stele herum zugänglich gemacht.

Vier Frauenfiguren thronen auf dem Attikageschoss der Chausseestraße 117, eine hat ein Auto in der Hand. Die AG für Automobilunternehmen baute 1914 dieses Haus, das auf dem zweiten Hof eine bemerkenswerte Rarität hat. Hier steht Berlins erste Hochgarage - so eine Art Parkhaus für Dauerparker -, die allerdings jetzt Wohnungen enthält. In der Kantstraße 126 ist eine 1930 gebaute Hochgarage heute noch in Betrieb, die sogar über getrennte Auffahrts- und Abfahrtsrampen verfügt ("Kant-Garagen-Palast").

An der Ecke zur Invalidenstraße prägt ein Turm aus rotem Sandstein das Gebäude Chausseestr.111, umrahmt von zwei Gebäudeflügeln mit Arkadengängen. Es ist überraschenderweise ein DDR-Bau aus der Zeit, als "Nationalen Tradition" die Architektur bestimmen sollte (1950er Jahre), also neuer sozialistischer Inhalt in einer traditionellen architektonische Verkleidung, und das bedeutete für Berlin, Klassizismus zu zitieren.

Über ein Volkskaffeehaus in der Neuen Schönhauser Straße hatte ich im Oktober 2008 berichtet (--> 4). Alfred Messel baute an der Chausseestraße 105 ein weiteres Haus für diesen Verein, der Arbeiter vom Alkoholgenuss abhalten und ihm als Ersatz Kaffee und Tee für wenig Geld anbieten wollte, ein erzieherisches Ansinnen, das nicht gelingen konnte. Das Haus im Stil der Neorenaissance weist in der Fassade unterschiedlich große Rundbögen bei der großen Speisehalle für Männer und dem kleineren Gastraum für Frauen auf.

Zum Schluss noch ein Wort zu dem palastartigen Gebäude Chausseestraße 94, das den DDR-Grenzübergang flankiert hat, auf Bildern des Bundesarchivs ist es mehrfach als Hintergrund im Kontrollbereich zu sehen. Es ist ein Krieger-Vereinshaus, das 1910 unmittelbar neben dem Exerzierplatz der Garde-Füsiliere errichtet wurde (dem Platz, auf dem jetzt der BND baut). Der Deutsche Kriegerbund, 1873 gegründet, kümmerte sich um die Bestattung verstorbener Soldaten, die Versorgung der Hinterbliebenen, förderte die "Erhaltung des Brauchtums". Er war ein "Reichskriegerverband", ohne sich so zu nennen. Natürlich übernahmen im Dritten Reich die Nazis die Regie und hielten im Krieger-Vereinshaus ihre Veranstaltungen ab.

Auf dem Pflaster des ehemaligen Grenzübergangs sind weiterhin die "Kaninchenzeichen" deutlich sichtbar. Kaninchen waren die einzigen, die damals ohne Gefahr für Leib und Leben beliebig von diesseits nach jenseits der Grenze wechseln konnten, eine hintersinnige Kunstaktion nahm nach der Wende diese Grenzgänger als Symbole auf (-->5).

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(1) Friedrichstraße: Friedrichstraße
(2) Randwanderung der Industrie: Randwanderung der Berliner Industrie
(3) Luisenhaus, Badstraße 39, Bild in dieser Bildergalerie: (einfach nur nass)
(4) Volkskaffeehaus: Kaffee statt Alkohol - da kommen keine Gäste
(5) Mehr über "Kaninchenzeichen" an der Grenzkontrollstelle und über das "Stadion der Weltjugend", auf dessen ehemaligem Gelände der BND baut: Sachbearbeiter in Käfighaltung


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Berlins gefühlte Mitte
Ziviler Ungehorsam - und die Stadt blüht