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Berlins gefühlte Mitte


Stadtteil: Mitte
Bereich: Dorotheenstadt, Friedrich-Wilhelm-Stadt
Stadtplanaufruf: Berlin, Marienstraße
Datum: 4. Juni 2012

Berlin hat keine ausgewiesene Mitte. Die Altstadt gibt es nicht mehr, das Stadtschloss war nie der Mittelpunkt Berlins. Wo ist die gefühlte Mitte Berlins? Der Kreuzungspunkt zweier U-Bahnlinien an der Friedrichstraße nennt sich Stadtmitte, aber das volle Leben spielt sich ein, zwei Kilometer weiter nördlich ab. Am Bahnhof Friedrichstraße, dem S-Bahn-Kreuzungspunkt von Nord-Süd-Bahn und Stadtbahn, treffen außerdem die Fernbahn, die U-Bahn, die Spree und die Friedrichstraße aufeinander. Ein paar Schritte südlich davon schneidet der kurfürstlich-königlich-kaiserliche Pracht-Boulevard Unter den Linden die Flanier-, Einkaufs- und Amüsiermeile der Friedrichstraße. Demnächst erhält diese Kreuzung sogar einen eigenen U-Bahnhof, wenn die "Kanzlerlinie" bis zum Alexanderplatz verlängert wird.

Hier an dieser Ecke lagen das Café Kranzler und das Café Bauer am Boulevard gegenüber. 600 Zeitungen konnte man im Bauer lesen, die vornehmen Herren gaben sich hier dem Müßiggang hin, Damen wurden anfangs in gesonderten Damenzimmern vor den Blicken der Männer geschützt. "Das römische Leben" konnte man auf Wandbildern von Anton von Werner betrachten. Hier wurde auch für die Öffentlichkeit zum ersten Mal Berlin als Welthauptstadt der Elektrizität (Elektropolis) sichtbar: Das Café Bauer, die Kaiserhallen und einige Läden und Restaurants erhielten ab 1884 elektrische Beleuchtung, erzeugt von der ersten Blockstation zur Stromerzeugung im Keller des Eckhauses Friedrichstraße/Unter den Linden.

An der Friedrichstraße lagen und liegen die großen Theater nahe beieinander: Schinkels Königliches Schauspielhaus am Gendarmenmarkt (heute Konzerthaus), das Deutsche Theater, Reinhardts nicht mehr vorhandenes Großes Schauspielhaus (Poelzigs "Tropfsteinhöhle"), der Friedrichstadtpalast, das Berliner Ensemble (Brecht-Theater), der Admiralspalast. Mies van der Rohe entwarf für das Spreedreieck nördlich des Bahnhofs den ersten Wolkenkratzer Berlins, einen kühnen Glasbau, der nicht verwirklicht wurde. Der heutige Hochhausbau an dieser Stelle mit geschwungenem Grundriss wird geschmäht als "späte Rache der DDR", "bauästhetisches und städtebauliches Desaster", die Fassade sei "grau und rostig", die Proportionen stimmten nicht.

Die obere Halle des Bahnhofs Friedrichstraße wurde zweimal gebaut. Zunächst gab es ab 1882 zwei Bahnsteige mit tonnenförmiger Überdachung auf dem gemauerten Viadukt. Der zentrale Verkehrsknoten konnte aber bald den Verkehr nicht mehr bewältigen. Mit der Erweiterung auf drei Bahnsteige wurde 1925 eine neue Doppelhalle aus Stahl gebaut, die seitlich verglast ist. Die Bahnhofsfassaden wurden mit dunkel glasierten Klinkern verkleidet, Formsteine gliedern die Fläche und fügen Ornamente hinzu. Bei Zeitungen findet man im (Pflicht-)Impressum die Namen der Chefredakteure und Herausgeber, an Gemälden sind Monogramme üblich, auch an Bauwerken hinterlassen Baukünstler gern ihre Visitenkarte. Hier am Bahnhof haben sowohl der Eisenbauunternehmer und die Eisengießerei als auch die Hersteller der Außenfliesen und Ornamente Hinweise auf ihr Wirken hinterlassen. An der Eisenkonstruktion auf dem S-Bahnhof weisen Schilder auf die zwei Erbauer hin, am östlichen Bahneingang in der Unterführung zeigen sich die Hersteller der Eisenklinker und der Baukeramik.

Die Eisenkonstruktionen auf dem Bahnhof sind genietet, die Rundköpfe der Nieten bilden ein Muster auf den Eisenträgern. (Nebenbei: Grenander hat auf U-Bahnhöfen verschiedene Nietenmuster spielerisch eingesetzt.) An der Bahnbrücke über die Spree kann man sehen, dass die äußeren Bögen noch aus der Bauzeit stammen - sie sind genietet, während die inneren Bögen nach der Wende ersetzt wurden - sie sind geschweißt.

In den 1920er Jahren wurde der S-Bahnbetrieb elektrifiziert. Richard Brademann, der Architekt der Reichsbahn, entwarf die notwendigen Gleichrichterwerke, die den von der BEWAG bezogenen Wechselstrom in Gleichstrom umwandeln. Östlich des Bahnhofs Friedrichstraße steht eines dieser Gebäude, ein expressionistischer Klinkerbau mit mehrfach gefalteter Fassade. Trotz seiner ausdrucksvollen Gestaltung fällt dieser Bau kaum auf, weil er sich bescheiden an eine Kurve des Bahnviadukts anschmiegt.

Im Krieg ist der Bahnviadukt der Stadtbahn beschädigt worden. Damit Stalin zur Potsdamer Konferenz 1945 mit dem Zug aus Moskau anreisen konnte, wurden die Schäden im Eiltempo notdürftig repariert und vorübergehend ein Gleis in der russischen Breitspur gelegt, die sich von der deutschen Spurweite unterscheidet. "Es lebe Stalin! Der beste Freund Deutschlands" konnte man noch 1949 auf einem Plakat am Bahnhof lesen.

In der Straßenunterführung gab es im Bahnhofsgebäude eine Buchhandlung und ab 1950 ein "Zeitkino", das Wochenschauen, kurze Dokumentar- und Kulturfilme zeigte. Zur gleichen Zeit öffnete auch in West-Berlin ein Aktualitätenkino in Bahnhofsnähe, das "AKI am Zoo". Was gespielt wurde, war eigentlich egal. In dieses Kino ging man, um Zeit zu überbrücken oder als Teenager-Pärchen, um sich im Dunkeln in der letzten Reihe herumzudrücken. Bei den West-Aktualitätenkinos ließ im Laufe der Zeit die Qualität nach, es wurden Schmuddelfilme, schließlich Sex-Filme gezeigt, und dann verschwand diese Kinogattung von der Bildfläche.

Später gab es im Bahnhof Friedrichstraße eine Mitropa-Gaststätte und zwei Intershops, als "reiner" Bahnhof wurde er wohl nie genutzt. Wenn heute beklagt wird, er sei ein "Einkaufscenter mit Gleisanschluss" geworden, weil Läden die untere Halle und die Galerie beherrschen, dann ist das die Konsum-Entwicklung, die immer stärker in unser Leben eingreift. Als vor 40 Jahren der Flughafen Tegel gebaut wurde, hat man ihn als Airport der kurzen Wege hoch gelobt. Heute kommt es bei einem Flughafenbau darauf an, möglichst viele Passagiere durch das zentrale Einkaufsparadies hereinzuschleusen. Die langen Wege zu den Flugsteigen muss man in Kauf nehmen, der Flughafen finanziert sich zu einem wesentlichen Teil von den umsatzabhängigen Ladenmieten. Auch die Fußballstadien werden heute nach Kosumüberlegungen organisiert, der Architekt Volkwin Marg bezeichnet das als "Stadionschichtung": es gibt die ganz wichtigen Besucher (VIP-VIPs), die wichtigen (VIPs), Businessmenschen, Claqueure und diejenigen, die einfach nur Fußball sehen wollen. Jede Gruppe hat ihren eigenen Platz und ihren eigenen Eingang, je konsumnäher und finanziell potenter, umso interessanter für den Veranstalter.

Obwohl Konsum in der DDR nicht durch Werbung angeregt werden musste - es gab ja eher zu wenig als zuviel - hat eine Werbefläche am Bahnhofsgebäude eine interessante Geschichte. Auf einem Mosaik, das heute über dem südöstlichen U-Bahneingang angebracht ist, sieht man zwei Frauen im ägyptischen Stil, die für Lippenstift und Nagellack der DDR-Kosmetikfirma Gerdeen Reklame machen. Als der Name Gerdeen verschwand, weil die Produktion von einem größeren Kombinat übernommen wurde, bekam Interflug die Werbefläche, mit ihrer Werbung zerstörte sie einen Teil des Mosaiks. Nach der Wende ließ die Bahn das Mosaik als Denkmalschutzmaßnahme aufwendig wiederherstellen. Der Bahnmitarbeiter, der am Infoschalter im Bahnhof sitzt, weiß davon nichts, nur dass früher alles viel besser war, kann ich ihm entlocken.

Ein anderes Kunstwerk aus DDR-Zeiten ist nicht erhalten geblieben - in einer Art Kulturkampf ("Formalismusdebatte") haben die DDR-Oberen es 1951 selbst übermalen lassen. Horst Strempel, Professor an der Kunsthochschule Weißensee, hatte im Innern des Bahnhofs das Wandbild "Trümmer weg ... baut auf" geschaffen, das den sozialistischen Arbeiter zu wenig realistisch, zu sehr im Stil der (bürgerlichen) Moderne zeigte. Der bildende Künstler sollte Werktätige darstellen, die freudig, lebendig, kraftvoll sind und positiv wirken. Bereits 1932 war ein Bild Strempels von der Großen Berliner Kunstausstellung entfernt worden, das hatte ihn in der Nazizeit zur Emigration getrieben. Jetzt wiederholte sich das Schicksal in der nächsten deutschen Diktatur, Strempel flüchtete nach West-Berlin.

Der Bahnhof Friedrichstraße war zu Mauerzeiten der absonderlichste Grenzbahnhof der DDR. Auf dem Viadukt ein S-Bahnsteig für Züge aus Ost-Berlin, die hier endeten, abgegrenzt mit einer Sichtblende vom S-Bahnsteig für Züge aus West-Berlin, die hier endeten und vom Haltepunkt der Fernzüge. Im Untergrund eine U-Bahn-Geisterlinie und eine S-Bahn-Geisterlinie, die beide von West-Berlin nach West-Berlin unter Ost-Berlin hindurch fuhren und nur am Bahnhof Friedrichstraße im Osten hielten. Draußen vor der Tür der "Tränenpalast", so hieß im Volksmund die Personenkontrolle für Ausreise. Eine Zeit lang auch kleine Buden wie auf dem Weihnachtsmarkt, aufgestellt für die Passierscheinabkommen. Im Innern des Bahnhofsgebäudes Räume für unterschiedliche Kontrollorgane, die sich gegenseitig belauerten: Grenzkommando, Transportpolizei, Zoll, Stellen des Innenministeriums, Staatssicherheit, Personenkontrolleinheit, Überwachungszentren, Vernehmungsräume, Arrestzellen. Für konspirative Unternehmungen gab es sogar zwei kontrollfreie Schleusen von Ost nach West. Nach der Wende wurde im Gebäude all das zurückgebaut, so wurde im Bahnhof Platz für die Läden geschaffen.

Eine Szene aus dem Café Bauer hat August Blunck in einem Gemälde eingefangen. An der Wand ist schemenhaft erkennbar "Das römische Leben", rechts im Vordergrund sitzt Adolph Menzel an einem Tisch. Menzel hatte es nicht weit, als er in der Marienstraße 22 gewohnt hat, sie liegt direkt neben dem S-Bahnviadukt nördlich des Bahnhofs Friedrichstraße. Von der Spree bis zur Invalidenstraße reicht das Quartier um die Marienstraße - Friedrich-Wilhelm-Stadt -, das 1825 angelegt wurde. 40 Bauten aus der Gründungszeit sind im Quartier noch vorhanden, die Marienstraße ist fast vollständig erhalten, fast wie ein Museumsdorf zeigt sie die Miethausarchitektur jener Zeit. Die dreigeschossigen Häuser wurden überwiegend nachträglich aufgestockt, der klassizistische Fassadenschmuck - in manchen Fällen durch Elemente des Historismus abgelöst - verstärkt die authentische Wirkung der Straße.

In der Marienstraße 24 hat Frau Merkel in Studentenzeiten als "Hausbesetzerin" mit ihrem ersten Mann gewohnt. Das war, wie sie selbst sagt, keine politische Aktion, sondern eine geduldete Selbsthilfe-Aktion zur Wohnraumversorgung. Anders als in West-Berlin, wo die Hausbesetzungen sich gegen den Abriss lebenswerter, instandsetzungswürdiger Altbauten richteten, waren in Ost-Berlin Wohnungsbesetzungen durch brave Bürger, die dringend ein Dach über dem Kopf brauchten und selber eine Bleibe auskundschafteten, durchaus üblich.

Die Friedrich-Wilhelm-Stadt wird geprägt durch die Charité und die Tierarzneischule. Die FDP hat ihre Parteizentrale im ehemaligen St. Maria-Victoria-Stift, einer Heilanstalt in der Reinhardtstraße. Außerdem gab es mehrere Privatkliniken, insgesamt ist hier das medizinische Berlin stark vertreten. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Wissenschaft (Humboldt-Universität). Mehrere Theater (Deutsches Theater, Brecht-Ensemble) prägen die musische Ausrichtung des nur wenige Straßenzüge umfassenden Quartiers. Einen ehemaligen Bunker an der Reinhardtstraße hat sich das Ehepaar Boros zu einer ungewöhnlichen Kunstgalerie umbauen lassen. Auch das Militär war hier vertreten, in der Reinhardtstraße hatte das 2. Garde-Regiments zu Fuß für Übungen bei schlechtem Wetter ein Exerzierhaus, von dem nur noch das Portal erhalten ist und die unhistorische Beschriftung "Residenz am Deutschen Theater" trägt.

Die Straßen sind hier überwiegend nach Prinzen und Prinzessinnen des Königshauses benannt. Mit der Schumannstraße setzte sich der Terrainentwickler und Grundstücksspekulant Johann Schumann selbst ein Denkmal.

Unser abschließendes Flaniermahl wird uns beim Italiener neben dem Exerzierhaus-Portal unfreundlich auf den Tisch geschoben. Hier sind wir schon mehrfach essen gegangen, aber nicht immer freundlich behandelt worden. Über dieses Lokal berichte ich heute bewusst in der Vergangenheitsform.

Ein ehemaliger Bahnhofsmitarbeiter und fortdauernder Bahnenthusiast ("Pufferküsser") hat mehrere Ideen für unsere genaue Betrachtung des Bahnhofs Friedrichstraße eingebracht, vielen Dank an Hans-Jürgen M.

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Berlins geografische Mitte: Ein spiritueller Flaneur
Geisterbahnhöfe, U-Bahnhof Stadtmitte Stadtmitte, unten
Bei Grenander haben die Nieten Muster: Berolinas linke Wade
Hausbesetzungen in West-Berlin: Gesetzestreue Steinewerfer
Mori-Ogai-Gedenkstätte, Marienstraße Ecke Luisenstraße: Zudringliche Zimmerwirtin
Alle Beiträge zur Friedrichstraße: Friedrichstraße

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In einem Forumsbeitrag gibt es Kommentare und Ergänzungen zu diesem Bericht:
Mitte, Bahnhof Friedrichstraße (4.6.2012)


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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Friedrichstraße


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... und hier sind weitere Bilder ...
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Friedrich-Wilhelm-Stadt


Invaliden und Veteranen
Hosenbandorden auf dem Hinterhof