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Invaliden und Veteranen


Stadtbezirk: Mitte
Bereich: Invalidenstraße, Veteranenstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Invalidenstraße
Datum: 20. September 2010

Im Stadtraum wird Werbung unmittelbar wahrgenommen - sonst hätte sie ihr Ziel verfehlt. Mancher erinnert sich gern an die kreative Verhüllung des Brandenburger Tores durch die Telekom bei den Bauarbeiten ab dem Jahr 2000 oder an den riesigen als aufgespießter Fußball umgestalteten Fernsehturm zur Fußball-WM 2006. Auch großformatige Werbeplakate gibt es weiterhin, auch wenn sie nach dem Willen des Senats nur noch für sechs Monate genehmigt werden sollen.

Kunst im Stadtraum hat es da schon schwerer, hier lässt die Aufmerksamkeit der Stadtregierung zu wünschen übrig, letztmalig hat 2002 der Stadtentwicklungssenator Peter Strieder hierzu etwas offizielles im Internet veröffentlicht. Nur ein temporäres Kunstwerk hatte eine Megawirkung - die Verhüllung des Reichstages durch das Ehepaar Christo. Andere Kunstwerke gehen leichter unter, gerade wenn sie als Teil der eigenen Lebenswelt (nicht) wahrgenommen werden.

Auf der Sandkrugbrücke (Invalidenstraße) entdecke ich - durch ein Schild am Brückengeländer aufmerksam geworden - dass der Fußgängerbereich Zeichen enthält, die leicht als verwitterte Oberfläche durchgehen könnten, dies wäre ja etwas Normales in unserer Stadt, die arm aber sexy ist. Hier wird von Gabriele Basch mit Ost- und Westsymbolen unter den Füßen eine "Wahre Geschichte" erzählt, an der Brücke verlief die Mauer. Humboldthafen und Schifffahrtskanal gehörten zu Ost-Berlin, hier gab es bei einem Fluchtversuch durchs Wasser den ersten Mauertoten. Der Grenzübergang Invalidenstraße befand sich hinter der Brücke, auch hier gab es mehrere gescheiterte Durchbruchsversuche. Und dann der Mauerfall - Ich erinnere mich, wie am Wochenende nach der Wende hier auf Westseite ein Vopo und auf Ostseite ein Westberliner Polizist in einem Pulk von Bürgern angeregte Diskussionen geführt haben - ein in ihrer Friedlichkeit und Grenzüberschreitung anrührendes Bild.

Die Invalidenstraße ändert auf dem Weg von Westen nach Osten mehrfach ihr Gesicht. Sie beginnt an der Straße Alt Moabit im (politischen und geografischen) Westen mit dem Teilstück, das ich "Der graue Westen" nenne. Vorbei an Polizei, Staatsanwaltschaft und Leichenschauhaus im Süden und dem "Zellengefängnis" im Norden (der Grünfläche, die das erschreckende "Preußische Mustergefängnis" erfahrbar macht) ist man froh, wenn man dieses triste Straßenstück hinter sich gelassen hat. Danach beginnt die Großstadt, die Invalidenstraße wird "Straße der Hauptstadt": rechts der Hauptbahnhof (früher Lehrter Bahnhof), der vom Nord-Süd-Tunnel gekreuzt wird. Nach Norden hoch wird hier die Heidestraße ein großes Baufeld werden, ein neues Quartier soll entstehen. Es macht offensichtlich Sinn, uns von der Invalidenstraße ab und zu auch in die Nebenstraßen hineinzudenken oder dort hineinzugehen.

Auf dem weiteren Weg der Invalidenstraße dann links der Hamburger Bahnhof als Museum der Gegenwartskunst. Weiter links das Wirtschaftsministerium, die Panke, das Verkehrsministerium, das Naturkundemuseum,

Das Wirtschaftsministerium arbeitet an der Ecke Scharnhorststraße in einem Backsteingebäude, auf dessen Fries an der Fassade Schriftgelehrte dargestellt sind, ein tröstliches Versprechen über die Kompetenz der Ministerialbeamten. An Platz mangelt es hier nicht, um einen Minister und sein Gefolge aufzunehmen denn endlos weit in die Scharnhorststraße hinein ziehen sich die Beamtensilos. Sie umrahmen eine eigene, nicht öffentliche grüne Parkfläche ohne Durchgang zum Wasser. Man muss bis zum Invalidenfriedhof gehen, um zur Uferpromenade des Spandauer Schifffahrtskanals zu gelangen.

Auf der Freifläche zwischen Wirtschafts- und Verkehrsministerium - dem Invalidenpark - ist eine Schiefe Ebene aus dem Boden geklappt, ein schmaler, von Mauern eingefasster, in der Höhe ansteigender Gang, den man bis zu seinem plötzlichen Ende einige Meter über dem ihn umgebenden Platz besteigen kann. Eine Anzüglichkeit auf die Schwierigkeiten dieser Ministerien? Nein, es ist die von Christophe Girot geschaffene Skulptur, eine aus einem Wasserbecken aufsteigende schräge bis zu 7 m hohe Mauer als Erinnerung an den Untergang der Berliner Mauer. Im heutigen Invalidenpark stand das Invalidenhaus, das ab 1748 Kriegsinvaliden und ihre Familien aufnahm und der Straße ihren Namen gab. Die Berliner Stadtmauer hatte an der Kreuzung mit der Luisenstraße ein Stadttor ("Neues Tor"). Der Platz heißt immer noch so, dahinter schließt sich das Gelände der Charité und im weiteren Verlauf der Tierärztlichen Hochschule an.

Auf der Invalidenstraße geht es jetzt weiter zur "Szene von Mitte" rund um die Chausseestraße, die südlich zum Brecht- Haus, zur Oranienburger Straße, zum Berliner Ensemble, zum Deutschen Theater, zu den Linden führt, "Ständige Vertretung" und Kulturkaufhaus Dussmann nicht zu vergessen. An der Chausseestraße lag früher "Feuerland", die Borsig-Fabrik mit ihren rauchenden Schloten bestimmte das Bild, bis sie bei der Randwanderung der Industrie an Standorte zog, die damals außerhalb der Stadt lagen. Das ehemalige Kontorhaus in der Chausseestr.13 zeigt heute noch den Namen Borsig als Schriftzug. In der Rosenthaler Vorstadt bis zur Brunnenstraße war eine Kolonie für Handwerker aus dem sächsischen Vogtland ("Neu-Vogtland") entstanden, die sich im Laufe der Zeit in ein Wohnviertel für Arme verwandelte. Während der Industrialisierung baute man hier Mietshäuser dicht an dicht, die Vorstadt wurde zum dichtest besiedelten Teil Berlins.

Auf dem letzten Stück bis zur Brunnenstraße (die vom Wedding bis nach Mitte herunter reicht), ist noch ein bisschen "Entwicklungsland". Aber auch hier sehe ich Baukräne wie an allen anderen Teilen der Invalidenstraße. Es wird kräftig gebaut, die großen Friedhöfe oberhalb des Pappelplatzes verheißen den Lebenden, die in die Neubauten einziehen sollen, den unverbaubaren Blick. Die Szenelage in Reichweite des Prenzelberg-Kiezes ändert sich rapide, nur das ehemals besetzte Haus in der Brunnenstraße ("Wir bleiben alle") ruht mit vermauerten Eingängen und Fenstern. Gegenüber verkündet ein Gebäude : "Dieses Haus stand früher in einem anderen Land", nämlich in jenem Land, das 1990 untergegangen ist,

In diesem Bereich der Invalidenstraße liegt der dritte Bahnhof: Stettiner Bahnhof (heute Nordbahnhof). Der Kopfbahnhof für die Eisenbahn nach Stettin war ein Zentrum urbanen Lebens. An der Invalidenstraße lag das Baltic-Hotel (heute ein Seniorenheim), das Postamt N4, eine Markthalle (Ackerhalle), drei Kaufhäuser an der Ecke Brunnenstraße (davon steht heute nur noch das Jandorf). An der vierten Ecke beginnt der Weinbergspark, hier stoße ich auf das Berliner Urstromtal, der Park liegt an der Kante zum Barnimer Höhenzug. Im Park räsoniert Heinrich Heine - auf einem Sockel sitzend - darüber, dass wir keine Idee ergreifen, sondern die Idee uns ergreift und uns zu Knechten macht. 2002 wurde ein Zweitguss dieser Plastik vor dem Ostflügel der Humboldt-Universität aufgestellt zur Erinnerung daran, dass Waldemar Grzimek sie ursprünglich für das Kastanienwäldchen hinter der Neuen Wache gedacht hatte. Die DDR-Oberen fanden sie aber nicht genügend heldenhaft und verbannten sie in den Weinbergspark.

Die Veteranenstraße ist die östliche Verlängerung der Invalidenstraße, auch begrifflich steht sie in demselben Kontext – der Gebrechliche hat ausgedient. Bald ist man am Zionsplatz, hat seinen Fuß in den benachbarten Bezirksteil Prenzlauer Berg gesetzt. In der Kastanienallee gibt es viele Möglichkeiten, sich nach diesem Spaziergang zu stärken, bevor man selbst invalide wird.
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Frühere Spaziergänge in dieser Gegend:
Honigmond am Nordbahnhof
Schiefe Ebene
An der Laterne aufgehängt
Schmalzstullenkino
Im Dreieck springen
Sachbearbeiter in Käfighaltung
Universum Landesausstellungspark

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Sophien-Friedhof


Schwimmbäder und Pferdeskelette
Berlins gefühlte Mitte