Bezirke
  Stadtplan     Personen     Themen     Aktuell     Forum  
Charlottenburg-Wilmersdorf
Friedrichshain-Kreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Mitte
Neukölln
Pankow
Reinickendorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Treptow-Köpenick
Allgemein:
Startseite
Ich bin NEU hier
Hinweise
Kontakt
Impressum
Links
SUCHEN
Sitemap

Ein spiritueller Flaneur


Stadtteil: Neukölln
Bereich: Reuterkiez
Stadtplanaufruf: Berlin, Sanderstraße
Datum: 12. Januar 2015
Bericht Nr: 492

Der Mittelpunkt Berlins ist da, wo ich wohne, dachte sich der Aktionskünstler "Herr Spahn" und markierte im Mai 2001 auf dem prominenten abgeräumten Grundstück in der Cuvrystraße (1) mit Pferd und Pflug eine kreisförmige Frühjahresfurche. Jeder hat eben seine eigene Vorstellung, wo für ihn das Herz der Stadt schlägt. Stadtsoziologen halten die Kreuzung Friedrichstraße/Unter den Linden für die gefühlte Mitte Berlins (2), weil Berlin kein eigentliches Zentrum hat. Die Entfernung zu anderen Orten wurde früher in Berlin von dem Meilenstein am Spittelmarkt (Dönhoffplatz) aus gemessen (3). Inzwischen ist der Bezugspunkt ein paar Meter weiter zur Ecke Seydelstraße gewandert. Am U-Bahnhof Stadtmitte kreuzt eine wichtige Nord-Süd-Linie eine prominente Ost-West-Linie (4), das sehen (nur) unsere Verkehrsbetriebe als Stadtmittelpunkt an.

Schon seit der Gründung Groß-Berlins wird die Fahnenstange am Roten Rathaus von den Statistikern als Stadtmittelpunkt bezeichnet, doch wo ist die geografische Mitte? Stellt man sich den Stadtgrundriss als Laubsägearbeit vor und hält auf einem Zeigefinger diese Fläche in der Waage, dann hat man den geografischen Mittelpunkt gefunden. Mit einem Computermodell wurde aus 3.745 Punkten der Stadtgrenze ermittelt, dass sich dieser Flächenmittelpunkt in der Alexandrinenstraße 12-14 in Kreuzberg befindet. Eine amtliche Hinweistafel wurde aufgestellt. Und nun hat ein studierter Geograf und pensionierter Leiter des Potsdamer Planetariums "einfach aus Spaß" den geografischen Mittelpunkt neu berechnet und ihn ganz anders verortet. Mit Google Maps hat er die längste Nord-Süd-Ausdehnung und die längste Ost-West-Ausdehnung halbiert, und plötzlich ist das unspektakuläre Haus Spremberger Straße 4 im Reuterkiez der Mittelpunkt Berlins. Jedenfalls hat dort das Navi unseres Geografen verkündet: "Sie haben ihr Ziel erreicht". Den Hauseigentümer hat’s gefreut, er hat naive Stadtbildchen an die Fassade malen lassen, deren Sinn sich aber erst erschließt, wenn man diese Geschichte kennt.

Damit sind wir bei unserem heutigen Spaziergang im Reuterkiez angelangt. Am Landwehrkanal trifft Neukölln (Maybachufer) auf Kreuzberg (Paul-Lincke-Ufer), was zu dem Kunstnamen "Kreuzkölln" geführt hat, zusammengesetzt aus Bestandteilen beider Bezirksnamen. Die nordwestliche Ecke des Reuterkiezes mit dem Kottbusser Damm als Fernverkehrsstraße und dem Landwehrkanal als Wasserstraße bot für Industriebetriebe hervorragende Verbindungen. In dem Dreieck bis zur Pflügerstraße siedelte sich zunächst Gewerbe an, später folgten Wohnungen. Zuletzt wurde der südöstliche Teil des Reuterkiezes entwickelt, der an die sumpfigen "Cöllnischen Wiesen" (Köllnische Heide) angrenzte (5). In der Spremberger, Schinke- und Friedelstraße befinden sich heute noch Gewerbehöfe hinter den repräsentativen Vorderhäusern. 350 Gewerbebetriebe hat das Quartiersmanagement im Reuterkiez gezählt, "kleine und kleinste Betriebe, zur Hälfte von Migrant/innen geführt", davon wahrscheinlich viele zur Nahversorgung.

In der Schinkestraße 20 produziert seit 1904 die "Berliner Blechschild Manufaktur" die Werbeschilder, die zu Sammlerstücken wurden, beispielsweise für „Knorr's Hafermehl“ oder „Black Cat Virginia Cigarettes“, „Brennabor Klappwagen“ oder „His Master’s Voice“. Ebenfalls in der Schinkestraße kann man bei Wischmeyer & Hindersmann Gedrucktes beziehen oder bei Fingerhut & Tilch Bilderrahmen herstellen lassen. Die Schokofabrik in der Schinkestraße 8-9 gibt es schon seit den 1970er Jahren nicht mehr. Der Hausbesitzer verständigte sich damals mit Hausbesetzern, die hier billigen Wohnraum ausbauten, aber die Bauaufsicht wollte das nicht dulden, eine ungewöhnlich verquere Geschichte. Dann gab es hier das "Türkenzentrum" (einen Kulturverein) und ein Kindertheater. Heute sind kaum noch Wohnungen im Gewerbehof, aber "Lofts zum Wohnen und Arbeiten" werden angeboten, eine Investorengruppe ist jetzt Eigentümer.

Zwei Kirchen - eine evangelische und eine katholische - stehen in der Nansenstraße. Die Nikodemuskirche ist - ungewöhnlich für einen evangelischen Kirchenbau in Berlin - in die Blockrandbebauung einbezogen. Tatsächlich war ursprünglich ein freistehendes Gotteshaus geplant, das sich die Gemeinde dann aber nicht mehr leisten konnte. Franz Schwechten (6) sollte auf dem Reuterplatz einen Kuppelbau für 1.100 Gläubige errichten. Den bescheideneren Bau hat Kaiserin Auguste Victoria, die "Kirchenjuste" (7) unterstützt, entworfen wurde er - nomen est omen - von Christoph Gottlob. Nach Kriegszerstörung wurde die Nikodemuskirche wieder aufgebaut. Die beiden Portalfiguren - die Apostel Petrus und Paulus - erinnern daran, dass der nicht verwirklichte Bau auf dem Reuterplatz „Peter-und-Paul-Kirche“ heißen sollte.

In der St. Christophorus-Kirche in der Nansenstraße - einer mächtigen Basilika - arbeiten die Pallottiner, eine religiöse Männergemeinschaft ("Armut und Ehelosigkeit"), die sich auf den Heiligen Vinzenz Pallotti beruft, der erst 1963 von Papst Johannes XXIII. heiliggesprochen wurde. War Vinzenz Pallotti ein spiritueller Flaneur? Auf ihrer Homepage zeigen die Pallottiner seine Schuhe als Ausdruck seiner Tatkraft, Gottes Liebe in die Welt zu bringen. "Man sieht ihnen an, wie viele Wege sie gegangen sind. Sie zeugen von unzähligen Schritten über das Pflaster und durch die Strassen von Rom". Als Gläubiger in seinem Sinne kann "jeder in seinen Schuhen Menschen in Liebe begegnen. Wir Pallottiner versuchen dies in vielen Schuhen und auf vielen verschiedenen Wegen. Jeder Mitbruder bringt sich mit seinen Möglichkeiten, mit seinen Gaben und Talenten ein". Die Pallottiner leisten in Neukölln konkreten Einsatz für Arme und Flüchtlinge, unter anderem mit dem Nachbarschaftshilfeprojekt "Pallotti-Mobil".

Bruno Taut hat am Kottbusser Damm Ecke Bürknerstraße einen Eckbau errichtet, der sich mit wellenförmiger Fassade und Ornamenten an den Balkonbrüstungen stark von seinen typischen Bauten abhebt, die vor allem Farben als Ornamente einsetzten (8). Im südöstlichen Teil des Reuterkiezes stehen weitere Taut-Bauten, die wir uns für einen weiteren Spaziergang aufgehoben haben. Zum Abschluss finden wir in der Friedelstraße einen Griechen, aus dessen Küche Düfte ziehen von geröstetem Knoblauch und von einem Pfannengericht, das man ein Ideechen früher hätte vom Herd ziehen sollen.

-----------------
(1) Baugrundstück Cuvryhöfe: Kanaldeckel und Schlangengraben
(2) Berlins gefühlte Mitte: Berlins gefühlte Mitte
(3) Meilenstein am Spittelmarkt: Kein Spital an keinem Platz
(4) U-Bahnhof Stadtmitte: Stadtmitte, unten
(5) Köllnische (Cöllnische) Heide: erlesener Geschmack, bezaubernde Liebenswürdigkeit
(6) Franz Schwechten: Schwechten, Franz
(7) "Kirchenjuste": Kirchenbauverein, "Kirchenjuste"
(8) Bruno Taut: Taut, Bruno

--------------------------------------------------------------
... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
--------------------------------------------------------------

--------------------------------------------------------------
... und hier sind weitere Bilder ...
--------------------------------------------------------------

--------------------------------------------------------------
Unsere Route
--------------------------------------------------------------

zum Vergrößern ANKLICKEN



Vier Siedlungen in der Heide
Parkbänke mit und ohne Rückenlehnen