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Kanaldeckel und Schlangengraben


Stadtteile: Neukölln, Treptow, Kreuzberg
Bereich: Neuköllner Schiffahrtskanal
Stadtplanaufruf: Berlin, Wildenbruchplatz
Datum: 15. August 2011

In der Ecke Berlins, die wir heute besuchen, stoßen drei Stadtteile zusammen, und so wandern wir von Neukölln über Treptow nach Kreuzberg, danach sind die Füße etwas müde.

Begonnen haben wir am Wildenbruchplatz. In dem Park steht ein Mühlensteinbrunnen. Das Grünflächenamt Neukölln hat hier keine echten Mühlsteine zu einem Brunnen geformt, sondern Kunststein, deswegen heißt es auch Mühl-en-stein. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, besonders wenn hier mal Wasser sprudelt (was es heute nicht tat, Brunnen in Betrieb sind inzwischen ein echter Luxus in der Stadt).

Dafür gibt es nebenan genug Wasser, der ehemalige Schlangengraben wurde 1902 zum Neuköllner Schiffahrtskanal (--> 1) umgebaut, er verbindet den Landwehrkanal mit dem Teltowkanal (für Wanderer am Wasser: der Gartenkulturpfad Neukölln führt am Neuköllner Schiffahrtskanal entlang). Wenn man sich die steile Uferböschung ansieht, eingezäunt oder blickdicht bepflanzt, kann man sich fragen, warum die umliegenden Wohnquartiere so wenig von der Wasserlage profitieren. Es gibt für die Verbindung zum Wasser drei Kategorien: Wasserzugang, Wasserblick, Wassernähe. Hier trifft keine davon zu, weil der Kanal sich abschottet. Berlin hat Ufer auf einer Länge von 500 Kilometern, trotzdem beginnt die Stadt erst nach und nach, die Attraktivität dieses Lebensraums wahrzunehmen und sich hierhin zu öffnen. Dabei ist Berlin/Cölln seit seiner Entstehung an einer Flussniederung (Mühlendamm) mit dem Wasser verbunden. Man sagt, Berlin sei vom Kahn aus erbaut worden, weil die Baustoffe auf dem Wasser herangeschafft wurden. Auf dem Wasser konnte mit Oberbaum und Unterbaum der Schiffsverkehr im Verlauf der Stadtmauer kontrolliert werden (--> 2). Aufgrund des "Niederlagsrechts" (oder "Stapelrechts") zwang die Stadt durchreisende Kaufleute, ihre Ware auszuladen und auf dem Markt anzubieten, bevor sie weiterreisen konnten. Wasser war Rohstoff und Kühlmittel für Industrieanlagen und der Transportweg für ihre Güter. Erst als Häfen und Industrie brach fielen, die die Verbindung der Stadt zum Wasser verhinderten, wurde das Leben am Wasser attraktiv. Strandbars mitten in der Stadt, ein Badeschiff in der Spree, die Stadt hat eine neue Attraktion, auch der Tourismus profitiert davon. Immobilienentwickler schreiben eine Nähe zum Wasser herbei, die so gar nicht existiert: Das Yoo steht nicht "an einer der letzen und besten Spreeuferlagen von Mitte" am Schiffbauerdamm, sondern zurückgesetzt auf dem Platz "Am Zirkus". Viele Bewohner werden das Wasser nicht einmal sehen können, aber die Anziehungskraft der Wasserlage wird aus dieser sprachlichen "Umdeutung" merkbar, das wird sich auch im Preis ausdrücken.

An der Heidelberger Straße überschreiten wir die Bezirksgrenze nach Treptow. Die Markierung des Mauerverlaufs mit einer Doppelreihe Pflastersteine ist immer wieder hilfreich, hier ist auf dem Pflaster zusätzlich der Hinweis auf eine weitere Grenze aufgesprüht: "Hier beginnt das Lohn- und Rentengebiet Ost", auf der gegenüberliegenden Seite „… West“. Die Partei DieLinke aus dem Bezirk nutzt den 50.Jahrestag des Mauerbaus und die Berliner Wahl, um auf die immer noch bestehende "soziale Spaltung" hinweisen. An der Grenze zu anderen West-Bezirken hat sie Schilder mit diesem Text aufgestellt, die aber schnell verschwunden sind.

Nach dem Stadtplan und der Bezirksbeschilderung liegt hier "Alt-Treptow", aber davon ist nichts mehr zu sehen. Zuerst war hier früher Vorwerk, dann Gutsbezirk, mit Windmühlen ("Lohmühlen") und Gasthäusern auf der weitgehend abgeholzten Köllnischen Heide. Der Schwerpunkt von Treptow lag aber östlich von hier an der Spree, die Straße Alt-Treptow hinter dem Treptower Park und am Rand des Plänterwaldes weist darauf hin.

Je näher wir zur Straße Am Treptower Park kommen, umso repräsentativer wird die Wohnbebauung. Wir haben hiefür heute keinen Blick, das muss einem späteren Spaziergang vorbehalten bleiben. Im Hintergrund werden die Schuckert-Höfe gerade für eine moderne Nutzung umgebaut. Nicolas Berggrün investiert hier, der den notleidenden Karstadt-Konzern übernommen hat. Neben anderen Immobilien ist das Café Moskau in seinem Besitz. Sigmund Schuckert war ein Pionier der Elektroindustrie, er konstruierte Dynamomaschinen und Bogenlampen und überraschte 1893 auf der Weltausstellung in Chicago mit dem größten Scheinwerfer der Welt, in seinem Licht konnte man nachts noch in 16 km Entfernung ein Buch lesen. Nach Schuckerts Tod wurde das Unternehmen von Siemens übernommen und als Siemens-Schuckertwerke weiter geführt.

Auf dem Bürgersteig der Stuckstraße in Treptow fällt mir ein Kanaldeckel mit der Beschriftung "Canalisation von Rixdorf" auf. Ich gestehe, dass ich unterwegs immer wieder auch nach Kanaldeckeln schaue, die genau wie Häuser, Gebäude-Ensemble oder Grünanlagen Geschichte verkörpern oder sogar Denkmale sein könn(t)en, auch wenn dieser Zusammenhang vielleicht noch nicht entdeckt worden ist. Mit dieser kleinen Verrücktheit wähnte ich mich allein, bis ich jetzt feststellen musste, dass es im Internet umfangreiche Fotosammlungen und einige wenige Kommentare zu diesem Thema gibt. Der besagte Kanaldeckel (bitte sagen Sie niemals Gullydeckel, ein Gully nimmt durch seine Öffnung das Regenwasser von der Straße auf, der Kanaldeckel verschließt den Einstieg für eine Person in den Abwasserschacht), also der Kanaldeckel liegt in Treptow, verweist aber mit seiner Beschriftung auf das benachbarte Rixdorf (Neukölln). Der Stern in der Mitte des Deckels ist kein Russenstern, wie man bei flüchtigem Hinsehen vermuten könnte, denn der Deckel ist schon vor 1902 gegossen worden, die Rechtschreibreform 1901 hat aus dem "C" der Kanalisation ein "K" gemacht. In dem Stern befindet sich ein doppeltes E, das kann ein Logo der Eisengießerei Eberswalde sein, der Hersteller Budde & Goehde saß in Eberswalde. Rixdorf hat bereits 1893 seine Kanalisation in Betrieb genommen, Treptow folgte wohl erst später. Es ist möglich, dass Rixdorf die Abwässer in diesem Teil Treptows mit entsorgt hat, oder der Deckel ist auf verschlungenen Wegen auf den Treptower Schacht gelangt. In der nächsten Straße steht jedenfalls schon wieder Treptow auf einem Kanaldeckel.

Metalldiebe stehlen reihenweise Kanaldeckel, selbst aus China wird das berichtet. Kanaldeckel werden als Wurfgeschosse bei Einbrüchen benutzt. In der Schweiz wird das Wort "Dole" für die Schachtabdeckungen verwendet, dort hat sich ein Verein für "Dolologie" gegründet (ich dachte Vereinsmeierei gibt's nur in Deutschland). Bei Einstellungsgesprächen kann man mit der Frage rechnen, warum Schachtdeckel rund sind, um die Kreativität des Bewerbers zu testen. Mögliche Antworten hierzu sind: „Schachtdeckel sind rund, weil Schächte rund sind“ oder: "Runde Schachtdeckel können nicht durch die kreisförmige Schachtöffnung fallen" oder "Runde Kanaldeckel sind für Autoreifen weniger gefährlich als eckige mit Kanten" - wenn Ihnen noch mehr einfällt, umso besser.

Eigentlich sind wir jetzt nur noch auf der Suche nach einem vernünftigen Lokal, um unseren Hunger zu stillen, doch dazu müssen wir bis nach Kreuzberg laufen. Auf dem Weg verkündet uns im Restaurantschiff Hoppetosse ein gelangweilter Mitarbeiter, nachdem wir ihn hinter seinem Tresen aufgetrieben hat, die Küche sei geschlossen. Im "Freischwimmer" an der Lohmühlenbrücke sollte man - der Karte nach zu urteilen - lieber nur etwas trinken. So tröstet uns zunächst auf dem weiteren Weg der Spreeblick, der Molecule Man mit seinem Licht- und Schatteneffekt in der untergehenden Sonne und die Wandbemalung in der Cuvrystraße. Es ist "Mural Art" (man kann aber auch einfach nur Wandmalerei sagen), die der Künstler Blu auf zwei Wänden zeigt. Links einen kopflosen Menschen mit Uhren an jedem Handgelenk, verbunden durch eine Goldkette (eine Fessel?), rechts zwei Figuren, die sich gegenseitig mit den Händen im Gesicht demaskieren wollen (3). Im Angesicht dieser Wandmalereien sitzen wir im Freien und lassen es uns schmecken.

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(1) Schiffahrtskanal mit nur zwei "f" ist kein Schreibfehler, der Name des Kanals ist ein Eigenname, der nicht an der letzten Rechtschreibreform teilgenommen hat. Dass es früher anders gehandhabt wurde, kann man an den unterschiedlichen Schreibweisen von Cottbus sehen (Kottbusser Tor, Cottbusser Straße, siehe hierzu Das größte Gemälde der Welt

(2) Oberbaumbrücke und Unterbaumbrücke: Unwillige Bürger in der Residenzstadt

(3) Dieses Grundstück, genannt Cuvryhöfe, wurde bei einer Kunstaktion zur Mitte Berlins erklärt: Ein spiritueller Flaneur


erlesener Geschmack, bezaubernde Liebenswürdigkeit
Gebaute Hygiene