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Kein Spital an keinem Platz


Stadtteil: Mitte
Bereich: Spittelmarkt, Zeitungsviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Schützenstraße
Datum: 1. Februar 2010

In den 1920er Jahren - es gab noch kein Fernsehen - erschienen in Berlin knapp 150 Tageszeitungen(!), darunter für Sozialdemokraten der "Vorwärts", für Kommunisten die "Rote Fahne", für Liberale das "Berliner Tageblatt", für Deutschnationale der "Berliner Lokal- Anzeiger". Schriftsteller wie Kurt Tucholsky, Joseph Roth, Erich Kästner verfassten Artikel In den Feuilletons, weil sie von den schmalen Buchautorenhonoraren nicht leben konnten.
Willi Münzenberg, welterfahrener KPD-Funktionär und zweitgrößter Medienunternehmer der Weimarer Republik, gab die "Welt am Abend", "Berlin am Morgen" und die AIZ - "Arbeiter Illustrierte Zeitung" heraus. Die auflagenstärksten Zeitungen erschienen bei August Scherl ("Berliner Lokal-Anzeiger", "Die Woche", "Der Tag", aber auch "Die Gartenlaube"), bis er sich mit Lotteriesystemen und der Einschienenbahn verspekulierte und Alfred Hugenberg seinen Verlag übernahm. Der Monarchist Hugenberg, Mitbegründer der Deutschnationalen Volkspartei, führte einen Medienkonzern aus Verlagen, Nachrichtendiensten, Werbeagenturen und Filmgesellschaften ("Ufa-Film"), mit Mosse kämpfte er um die Vorherrschaft bei der Zeitungswerbung.

In dem von Leopold Ullstein gegründete Verlag erschienen die "Vossische Zeitung", die "Berliner Morgenpost", aber auch das erstes Boulevardblatt Deutschlands, die "B.Z. am Mittag". In den Feuilletons seiner großbürgerlich-liberalen Zeitungen schrieben Alfred Kerr und Theodor Wolff. Der mit Ullstein konkurrierende Zeitungsverleger Rudolf Mosse begann als Anzeigenvermittler, in seinem Verlag gab er u.a. das "Berliner Tageblatt", die "Berliner Morgen-Zeitung" und die "Berliner Volks-Zeitung" heraus. Sein 1903 erbautes Verlagshaus an der Schützenstraße Ecke Jerusalemer Straße wurde zwanzig Jahre später von Erich Mendelsohn erweitert und neu gestaltet. Wer die markanten architektonischen Eckgestaltungen am Metallarbeiterhaus und an der Schaubühne kennt, wird den expressionistischen Schwung wieder erkennen. Ein kräftiges Gesims über dem Eingang soll als "mitwirkendes Bewegungselement" auf den Straßenverkehr reagieren (1).

Vom Mossehaus ist es nur einen Steinwurf zur Kochstraße, das Hochhaus des Springerkonzerns beherrscht heute das Zeitungsviertel. Dass sich auch die DDR von dem unmittelbar an der Grenze zu Ost-Berlin gelegenen Bau bedrängt fühlte, kann man an der Nachkriegsbebauung an der Leipziger Straße und um den Spittelmarkt ablesen, die Hochhäuser dort schirmen den Blick auf den Springer Bau ab.

Der Spittelmarkt, das Ende der Leipziger Straße, ist ein Platz, den es nicht mehr gibt, benannt nach einem Spital, das hier nicht mehr steht. Lediglich ein Plattenbau mit Coca-Cola-Reklame und ein Knick in der Straße Leipziger/Gertrauden markiert den Platz, an dem das Gertraudentor der Berliner Stadtmauer und das St.-Gertrauden-Stift für adlige Jungfrauen, später Hospital für mittellose und kranke Bürger standen.

Als Berlin noch eine Festung war, wurde die Leipziger Straße durch den Festungsgraben unterbrochen , am Gertrauden-Bollwerk (Spittel-Bastion) stellten die Spittelkolonnaden die Verbindung über den Graben her. Es waren zwei gegenüberliegende, halbkreisförmige Säulenhallen mit rückwärtigen Läden. Bereits 1929 wurde wegen der Straßenverbreiterung eine Hälfte davon abgerissen, die andere Hälfte wurde nach Kriegszerstörung wieder aufgebaut. Der Obelisk in der Mitte der Kolonnaden ist eine ehemalige Meilensäule, die ebenfalls hier am Platz stand (2). Der Platz, der einstmals das dem Potsdamer Platz entgegengesetzte Ende der Leipziger Straße markierte und in dem strahlenförmigen Straßenverlauf vom Mehringplatz (Belle-Alliance-Platz) einen Eckpunkt bildete, ist nicht mehr existent.

Der U-Bahnhof Spittelmarkt ist als "Unterpflasterbahnhof" gebaut, befindet sich also direkt unter der Straßendecke und hat mehrere Sichtfenster zur Spree. Die Straßenbahngesellschaft GBS hatte durch Gerichtsbeschluss verhindert, dass die U-Bahn unter der von ihr befahrenen Leipziger Straße gebaut werden durfte.

Nach unserem Rundgang über den Spittelmarkt und durch eine Ecke des Zeitungsviertels sind wir durchgefroren und hungrig. In der Charlottenstraße finden wir einen Italiener, dessen Name sich mit "Uferpromenade" übersetzen lässt, er stillt zufriedenstellend unseren Hunger und Durst.

Auf meinen Heimweg zur Chausseestraße sehe ich am klaren Nachthimmel in Höhe des Bahnhofs Friedrichstraße einen Regenbogen. Sieben Farben verschießen die Laserkanonen, der Regenbogen reicht vom Haus der Kulturen der Welt bis zum Alexanderplatz und "verbindet so zwei symbolträchtige Orte. Ein leuchtendes Zeichen am Berliner Himmel, das die alte Kluft zwischen West und Ost überbrücken soll", ein Kunstwerk des diesjährigen Transmediale-Festivals von Yvette Mattern.

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(1) "Mendelsohn-Ecken" an den Gebäuden:
Ein unten gelegenes mit einem oberen verbinden und Aufgesperrtes Maul
(2) Meilenstein am Spittelmarkt: Von hier aus wurden die Entfernungen zu anderen Orten gemessen:
Ein spiritueller Flaneur


Einstein im Untergrund
Zerlegt - versetzt - wieder aufgebaut