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Ein unten gelegenes mit einem oberen verbinden


Stadtplanaufrufe:
Haus des Metallarbeiterverbandes: Berlin (Kreuzberg), Alte Jakobstraße
Haus des Rundfunks: Berlin (Charlottenburg), Masurenallee
Datum: 13. September 2009

Ein unten gelegenes mit einem oberen verbinden

Eine Treppe ist eine Treppe ist eine Treppe. So wie ein Stuhl ein Stuhl ist. Die Treppe geht es hinauf und hinab, immer abwechselnd, das ist die Bewegung des Lebens. Ist man in jungen Jahren immer zwei Stufen auf einmal die Treppe hinaufgestürmt, so werden mit zunehmendem Alter die Schritte des Menschen kleiner, bis er in Gemächlichkeit die Stufen erklimmt.

Wenn jemand die Treppe hinauf fällt, dann hat er Erfolg in seinem Beruf. Doch Vorsicht, je höher die Treppe desto tiefer der Fall. Wer bessere Zeiten erlebt hat, für den kann es bitter sein, fremde Treppen zu steigen. Die Treppe kehrt man von oben, doch der Treppenfeger steht im Ansehen weit unten.

Walter Jens hat die Treppenrede erfunden, er wählte eine Treppe als erhöhten Standpunkt in der alten Akademie, damit ihn alle verstehen konnten. So wurde die Treppe zum Pult des Wissenschaftlers.

Die Erfahrung von Aristoteles, dass alle Dinge miteinander verbunden sind, hat die Treppenforschung zu ihrem Motto erkoren. Die Scalalogie leitet ihren Namen von "scala", dem italienischen Begriff für Treppe ab. Sie ist die "Wissenschaft von den Wechselwirkungen zwischen Mensch und Treppe", denn "schließlich kann niemand eine Treppe steigen, ohne die Stufen zu berühren". Die Treppe ist mehr als ein Transportobjekt, das geschaffen wurde, um ein unten gelegenes mit einem oberen zu verbinden. Sie ist ein Kulturobjekt, sie sagt etwas über die örtliche Herkunft, die Entstehungszeit, den Bauherrn, den Architekten aus. Doch der Kulturverfall ist offensichtlich, es gibt immer weniger "begeisterungsfähige" Treppen

Dass eine Treppe zur Ouvertüre des Hauses werden kann, haben in der Weimarer Zeit beispielhaft zwei Architekten gezeigt, deren Bauten am Denkmaltag für das Publikum geöffnet wurden: Erich Mendelsohn mit dem Haus des Metallarbeiterverbandes und Hans Poelzig mit dem Haus des Rundfunks.

Das Gebäude für den Metallarbeiterverband folgt mit zwei Seitenflügeln dem Straßenverlauf des dreieckigen Grundstücks nahe dem Landwehrkanal an der Ecke Alte Jakobstraße. An ihren Scheitelpunkt hat Mendelsohn einen erhöhten Kopfbau mit konkav eingewölbter Ecke gesetzt. Ein Fahnenmast auf der Höhe des Sitzungssaals in der obersten Etage betont gleichzeitig die Bedeutung des Gewerkschaftsverbandes und das stadträumliche Gewicht des Hauses. Ein Vordach überfängt in kühnem Schwung den voll verglasten Haupteingang. Hier wie am Treppengeländer und den Glasabtrennungen der Etagen wird Messing in verschwenderischer Fülle verwendet, ein edles Metall als Hinweis auf die Metallarbeitergewerkschaft. In den Seitenflügeln ist die Verwaltung untergebracht, der Kopfbau ist der Gewerkschaftsleitung und - mit dem Sitzungssaal - den Delegierten vorbehalten.

Das Treppenhaus - und hier bin ich bei meinem verbindenden Thema - ist lichtdurchflutet, die Treppe scheint zu schweben. Sie führt spindelförmig in das Obergeschoss, von Messinghandläufen begleitet. In der Mitte des Treppenhauses hängt ein Beleuchtungskörper vom obersten Geschoss herab bis zum Erdgeschoss, ein Messingstab, der auf jeder Etage eine Glaskugel mit messingnen Fassungen trägt. Und die "Hintertreppe"? Auch die Treppen im Verwaltungstrakt sind anspruchsvoll gestaltet. Die Handläufe sind nicht aus Metall, nähern sich aber in der Farbe an. Sie sind in sich gerundet und leiten geschwungen in die nächste Etage über.

Das Gewerkschaftshaus ist 1930 eingeweiht worden, das Haus des Rundfunks von Hans Poelzig folgte 1931. Beide Bauten haben nur kurze Zeit dem eigentlichen Ziel dienen können, bevor die Nazis die Gewerkschaften verboten und den Rundfunk gleichschalteten.

Poelzigs Bau folgt ebenfalls den Grundstücksgrenzen mit einem dreieckigen Gebäudegrundriss. Von der geraden Straßenfassade an der Masurenallee laufen zwei konvexe Seitenflügel zu einer gemeinsamen Spitze zusammen. Der braune Ziegelbau hat als einzige Verzierung violett-bräunliche glasierte Keramikplatten. Die Fenster sind überwiegend quadratisch, die Fensterkreuze und Rahmen in schwarz und weiß abgesetzt. In den Innenhof des Gebäudes hat Poelzig drei Sendestudios mit richtungweisender Akustik gesetzt. Einer der kleinen Säle wurde mit drehbaren Wandvertäfelungen ausgestattet, die auf die für Musik und Sprache unterschiedliche Nachhallzeit eingestellt werden können. Im großen Sendesaal fängt die Bestuhlung den Nachhall bei geringer Publikumszahl ab.

Der zentrale Lichthof hinter dem Haupteingang hat Treppen zu beiden Seiten. Die Treppenaufgänge und die Umgänge werden durch gelbe Keramikbrüstungen mit quadratischen Öffnungen begrenzt, die Wandlampen haben quadratische Einteilungen. Damit wird das Quadrat der Fenstergliederung der Fassade im Gebäudeinnern wieder aufgenommen. In den Seitenflügeln finden sich Treppenhäuser, die mit den gewendelten Treppen und den vom Himmel kommend wie an einer Schnur aufgereihten Lampen an das Mendelsohnsche Haupttreppenhaus erinnern.

Das Funkhaus spielte in der Nachkriegszeit eine skurrile Rolle, weil die Russen es nicht an die für diesen Sektor verantwortlichen Briten herausgeben wollten und so der (Ost-)Berliner Sender täglich sein Programm von Westberlin aus verbreiten konnte. Schließlich sperrte die Britische Armee 1952 das Grundstück mit Stacheldraht ab, aus dem "Haus des Rundfunks" wurde ein "Haus der Stille". Der Berliner Rundfunk war in die Nalepastraße umgezogen, aber die Russen wollten nicht weichen. Deshalb stellte man ihnen Wasser, Strom und Heizung ab. Sie verheizten daraufhin die gesamte Inneneinrichtung einschließlich des großen Sendesaals und machten in dem Sendesaal Schießübungen. Erst 1956 wurde dieser Zustand beendet, ab 1958 kam das Programm des Senders Freies Berlin aus dem Funkhaus.

Bei der Studio-Besichtigung fällt mir eine "Räusper"-Taste auf, mit der der Radiosprecher mal kurz die Aufnahme unterbrechen kann, wenn’s im Hals kratzt.

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Hierzu gibt es einen Forumsbeitrag:
Kreuzberg, Metallarbeiterverbands-Haus (13.9.2009)

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