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Gutes Bier und Dividendenjauche




Stadtbezirk: Kreuzberg
Bereich: Am Tempelhofer Berg
Stadtplanaufruf: Berlin, Fidicinstraße
Datum: 22. September 2009

Gutes Bier und Dividendenjauche

Der Boxer Johann Trollmann war der Muhammad Ali der dreißiger Jahre. Ein Boxer, der nicht allein auf seine Schlagkraft vertraute, sondern seine Gegner austanzte. Trollmann wich den Schlägen der Gegner mit blitzschnellen Pendelbewegungen aus, vermied lange Schlagwechsel, ließ die Gegner einfach nicht an sich herankommen. Aber wenn er seine Chance sah, schlug er blitzschnell zu. Er war jung, schnell, kräftig, geschmeidig und biegsam. Der schlanke schwarzhaarige junge Mann mit Zigeunerblut in seinen Adern begeisterte vor allem die Frauen am Ring. Während der Kämpfe führte er teilweise wie ein Entertainer Gespräche mit den Zuschauern in der ersten Reihe. 1933 mit 25 Jahren gewann er seinen ersten Kampf um die deutsche Meisterschaft, doch der Präsident des Boxsportverbandes, ein Nationalsozialist, wollte keinen Meistertitel vergeben. Die Nazis verabscheuten das „undeutsche Instinktboxen“, deswegen ließ der Verbandsfunktionär den Siegerkranz schon während des Spiels aus der Halle bringen. Doch die Zuschauer tobten, und der Funktionär bekam es mit der Angst zu tun und ließen ihm den Kranz umhängen, Trollmann weinte vor Freude. Wegen dieses „armseligen Verhaltens” wurde ihm Tage später schriftlich der Titel wieder aberkannt.

Sechs Wochen später wurde ein neuer Kampf gegen einen gefürchteten Nahkämpfer angesetzt. Trollmann durfte nicht tänzeln, er sollte „mit offenem Visier” und „Fuß bei Fuß” kämpfen. Der Boxverband verbot ihm also, den Schlägen des Gegners auszuweichen, sonst würde er seine Lizenz verlieren. Am Kampftag hatte Trollmann seine Haare mit Wasserstoff blond gefärbt und seinen Körper mit Mehl weiß bestäubt. Ein Zigeuner darf nicht Deutscher Meister werden? Gut, da habt ihr einen Arier! Das Publikum schwieg betreten. Trollmann stellte sich breitbeinig hin und ließ sich angreifen. Fünf Runden lang nahm er die Schläge des Kleineren hin, obwohl er ihn leicht hätte austanzen können, dann ging er nach schweren Kopftreffern zu Boden. Die Nazis hatten seine Karriere vernichtet, später vernichteten sie auch ihn selbst. Bevor er 1944 im KZ umgebracht wurde, machten die SS-Wachmannschaften sich einen Spaß daraus, ihm Boxhandschuhe überzuziehen und ihn mit dem Spruch "Los Zigeuner, wehr dich!" zu verprügeln.

Trollmanns Kämpfe um die Meisterschaft fanden 1933 in der Kreuzberger Bockbierbrauerei (zwischen Fidicinstraße und Schwiebusser Straße) statt. Hier soll eine Gedenkskulptur entstehen, ein Boxring in Originalgröße aus Beton und Stahltrossen, eine Ecke des Rings sinkt in den Boden ab.

Es war der bayerische Brauer Georg Hopf (nomen est omen), der in der Fidicinstraße ab 1838 das erste Bockbier Berlins produzierte. Zahllose Bockbierfeste wurden hier gefeiert, auch Veranstaltungen wie Konzerte, Sportkämpfe und Theatervorführungen und politische Versammlungen aller Parteien fanden hier statt. So wird z.B. vom 19. Februar 1891 berichtet, dass "trinkfrohe und seßhafte Männer im großen Saal der Bockbierbrauerei, Tempelhofer Berg, die Bockbiersaison eröffneten. Mit Fanfarenstößen wurde der Moment des Bockanstichs feierlich verkündet."

1920 übernahm die Schultheiss-Brauerei diesen Standort und legte die Produktion still. Die nach der Kriegszerstörung des Zweiten Weltkrieges noch erhaltenen Gebäude der Bockbierbrauerei sind heute ein Gewerbepark mit unterschiedlichen Mietern. Einen Teil der kühlen Keller nutzt z.B. eine Weingroßhandlung und wirbt damit: "Die damals zur Herstellung von Bier benötigte Kühlung dient uns heute zur idealen Lagerung der Weine."

Nördlich der Fidicinstraße gab es zwei weitere Brauereien am Tempelhofer Berg, die (wie am Prenzlauer Berg) ihre Gär- und Lagerkeller in den Hang gruben. Bier wurde ein "Nahrungsmittel für alle Klassen", und die Brauereien erlebten einen Boom, der nach der Reichsgründung in den "Gründerjahren" auch zu heftigen Wirtschaftsspekulationen und langfristig zu einem Verdrängungswettbewerb führte, obwohl zu Anfang besonders im Sommer "Biernoth" bestand.

In der "Gartenlaube" wurde 1875 über den "Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin" beim Bier („Dividendenbier“) berichtet: "Das Publicum wurde nicht blos übertheuert, dreimal betrogen: man beeinträchtigte und verleidete ihm auch den Genuß, man verkümmerte ihm des Leibes Nahrung und Nothdurft. Besonders geschah dies mit einem Artikel, der neben dem Brode im täglichen Haushalt eine Hauptrolle spielt. In ganz Deutschland steigert sich seit länger als 30 Jahren der Bierconsum, ist namentlich das sogenannte „Baierisch“ zu einem Nahrungsmittel für alle Classen geworden Bis 1870 war es durchweg ein reines gehaltvolles Getränk; mit dem Gründungsschwindel verlor es sofort und reißend an Geschmack und an Güte." Das qualitätslose Biers wird in diesem Artikel als "Dividendenjauche" beschimpft -->(1). Schon damals wurde bei den (Brauerei-)Aktiengesellschaften beklagt: "unverhältnißmäßig hoch sind die Tantièmen, welche Vorstand und Aufsichtsrath beziehen".

Die beiden Brauereien in der Straße Am Tempelhofer Berg --> (2) sind in Haus Nr.6 die Monopol-Brauerei, früher Hilsenbein und im Nebenhaus Nr.7 die Brauerei Habel. Beide sind irgendwann unter dem Dach der Schultheiss-Brauerei gelandet, zu der drüben im Victoria-Quartier am Kreuzberg schon seit 1891 die frühere Tivoli-Brauerei gehörte. Ich nehme heute an der Führung durch einen ehemaliger Schultheiss-Braumeister (nach Stilllegung 1981 Hausmeister beim Gewerbepark) teil. 56 Jahre Kenntnis des Geländes, angefangen als Kind im Luftschutzkeller. In den unterirdischen Verließen gab es Bunkeranlagen für den Schutz der Bevölkerung und später ein Senatslager mit gewaschenen leeren Bierflaschen mit Metallbügelverschluss, 3,5 Millionen Stück. Diese Kombination erinnert an den Gasometer in der Fichtestraße, der ebenfalls Luftschutzbunker und Senats-"Eichhörnchen"-Lager war.

Kurt Mühlenhaupt, der "Zille des Nachkriegs-Berlins", hatte im ehemaligen Pferdestall sein Atelier, bevor er nach der Wende ins Brandenburgische umzog. Mehrere seiner Gartenzwerge sind als Zeitzeugen im Hof stehen geblieben. Die Tanzschule „Walzerlinksgestrickt“ nutzt das Ambiente des früheren Sudhauses. Eine Lagerhalle ist in die großzügige Spiel- und Abenteuerlandschaft "Jolo" verwandelt worden, die Kindern viel Bewegung und den Eltern eine Rückzugsmöglichkeit bietet, eine gute Idee besonders für schlechtes Wetter.

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(1) Köstlich ist auch die Beschreibung der Berliner Weiße: "Weißbier ist ein moussirendes, in heißen Sommertagen ganz probates, nur in Cholerazeiten etwas gefährliches Getränk. Um es überhaupt trinken zu können, muß man mindestens zehn Jahre in Berlin gelebt haben. Um es mit Geschmack zu trinken, muß man in Berlin geboren sein. Dem Fremden, dem Anfänger erscheint es wie Lehmwasser, und es schmeckt ihm auch nicht besser. Dem geborenen Berliner dagegen dünkt es Champagner; "
(2) Der Kreuzberg ist mit 66 Metern die höchste Erhebung des Tempelhofer Berges, die Straße Am Tempelhofer Berg liegt deshalb in Kreuzberg und nicht in Tempelhof.


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