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Aufgesperrtes Maul


Stadtteil: Wilmersdorf
Bereich: Halensee
Stadtplanaufruf: Berlin, Rathenauplatz
Datum: 16. Januar 2007

Im Dezember 2005 hat die Charlottenburger Bezirksbürgermeisterin zu einem Kiezspaziergang vom Adenauerplatz zur Schaubühne eingeladen. Wir sind heute in der Verlängerung dieser Route auf dem Kurfürstendamm Richtung Halensee bis zum Rathenauplatz unterwegs.

In Dörfern und Kleinstädten weisen fast alle Straßennamen auf den nächsten Ort ("Berliner Straße") oder eine lokale Katasterbezeichnung ("Am Anger") hin. In der Großstadt sind wir gewohnt, mit der Benennung einer Straße berühmten Menschen oder Ereignissen ein Denkmal zu setzen (siehe die Diskussion um eine Rudi-Dutschke-Straße). Da muss man erst zweimal hinsehen, um den Namen "Kurfürstendamm" als Zweckbezeichnung zu erkennen. Über diesen Knüppeldamm durch die Sümpfe ritten einst die Churfürsten vom Berliner Stadtschloss zur Jagd in den Grunewald. Ihnen zu Ehren sind in Halensee die meisten Kudamm-Querstraßen nach Kurfürsten benannt (Achilles, Hektor, Eisenzahn, Georg Wilhelm, Cicero, Joachim Friedrich).

Die Schaubühne am Lehniner Platz ist der erste markante Punkt auf dem Weg nach Halensee. Expressionismus in der Architektur - das war die Zeit von Erich Mendelsohn (1887-1953). In Potsdam baute er den Einsteinturm, in Luckenwalde eine Hutfabrik, am Potsdamer Platz in Berlin das (im Krieg zerstörte) Columbus-Haus. Dem als Universum-Kino errichteten Bau am Lehniner Platz schreiben Architektur-Kritiker "dynamisch-fließende Linienführung gepaart mit konstruktiver Klarheit in Gebäuden von expressiver Plastizität" zu. Motorhauben, Schiffsrümpfe und Flugzeugflügel sollen bei der Konstruktion Pate gestanden haben.

Die WOGA (Wohnungsverwertungs-AG) beauftragte Mendelssohn, eine Fläche von 40.000 qm zu bebauen. In seinen Konzept bilden ein Kino, ein Kabarett, ein Restaurant, ein Hotel, Läden und eine Wohnanlage eine Einheit. Die typischen Häuserfronten parallel zum Straßenverlauf werden durch schwingende Halbrundformen unterbrochen, zwei niedrige Kopfbauten bilden den Eingang zu der Ladenstraße, die auf das zurückgebaute Appartementhaus zuläuft und von ihr überbrückt wird. Die Zeitgenossen, die gedanklich noch wilhelminische Ordnung und Blockbebauung in gerader Linie gewohnt waren, haben diese Bauweise als "aufgesperrtes Maul" empfunden. Mit dem KaDeKo, dem Kabarett der Komiker fand hier der Zeitgeist der zwanziger Jahre sein Quartier, in den dreißigern trotzte hier der unerschrockene Werner Finck auf der Bühne den Nazis.

Der Kinobau für das Universum löste sich von der bis dahin vorherrschenden Theater-Architektur und fand eine eigene architektonische Ausdrucksform für das neue Medium Film (so wie sich Autos immer weiter vom Kutschwagen emanzipierten). Wie paradox, dass nach dem Umbau 1981 dann doch mit der Schaubühne ein Theater diesen Filmbau übernahm. Der Umbau nach unterschiedlicher Zwischennutzung (Beatschuppen, Musicaltheater - "Hair" habe ich hier gesehen) kam einem Kahlschlag gleich: man musste den Bau quasi abreissen und neu aufbauen, "um ihn zu retten" - ein weiteres Paradoxon der Nachkriegs-Baugeschichte.

Auf dem Mittelstreifen vor der Schaubühne steht Bernhard Heiligers Plastik "Auge der Nemesis". Schlagen wir gedanklich den Bogen zu dem anderen Ende unserer Tour, dem Rathenauplatz, auf dessen verkehrsumtosten Rondell "2 Betoncadillacs in Form der nackten Maja" von Vostell stehen. Ein Kunstwerk, das zur Zeit seiner Entstehung (750-Jahrfeier Berlins 1987) wütende Proteste und die übliche Diskussion über "Was ist Kunst" hervorrief und heute ganz schlicht im Internet-Skulpturenverzeichnis wie die Plastik von Bernhard Heiliger unter dem Bereich "Nachkrieg-West" von Berlin nachgewiesen wird.

Die Vergänglichkeit der Autokultur, auf die Vostell mit dieser Skulptur und weiteren eingemauerten und aufgeschichteten Autos in Spanien und Köln hinweisen wollte, ist seinem eigenen Kunstwerk immanent: Immer wieder bröckelte der Beton ab, die Autos verrosteten, so dass die Vostell-Skulptur mehrfach nachgebessert werden musste. Die Familie des inzwischen verstorbenen Künstlers hat es jetzt komplett wiederherstellen lassen und bedankt sich für den "großen Zuspruch aus der Berliner Öffentlichkeit und der Befürworter für ihr Engagement und freut sich, dass nach fast 20 Jahren, das damals umstrittene Kunstwerk heute auf grossen Zuspruch trifft und für die Mehrheit der Berliner dieses Symbolträchtige 'Wahrzeichen' aus Berlin nicht mehr wegzudenken ist." In einem Internetforum konnte man auch auch entgegengesetzte Meinungen lesen: "Die Skulptur hat sich überlebt. Sie ist wie ein Witz, den man jeden Tag hört und der einem mittlerweile gründlich über ist."

Auf unserem Rundgang kommen wir in der Karlsruher Straße am "Aspria" vorbei, einem Club für Wellness, Lifestyle und Sport mit einer "unvergleichliche Auswahl an Einrichtungen und Dienstleistungen in einem neuen, spektakulären Gebäude auf einer Fläche von 12.000 qm" (Bild). Diese "spektakuläre" Glasfront findet in Halensee ebenso ihren Platz wie die stille Schönheit einer beleuchteten Eingangstür an einem alten Bürgerhaus (Bild).

Nachdem uns ein Thailänder ohne Gäste zu wenig einladend schien, beendeten wir im "Rapallo" mit ialienischem Essen unseren Rundgang.

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Mehr über den Kurfürstendamm: Kurfürstendamm



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