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Amüsierbetrieb und Toteninsel


Stadtteil: Wilmersdorf
Bereich: Halensee
Stadtplanaufruf: Berlin, Lützenstraße
Datum: 19. Mai 2014
Bericht Nr.: 463

Die Villenkolonie Grunewald - in Halensee am Ende des Kurfürstendamms gelegen - wurde 1889 für die wirklich Wohlhabenden angelegt ("Millionärs-Kolonie"), Bismarck und die Deutsche Bank hatten dabei ihre Hände im Spiel (1). Die Terraingesellschaft sorgte für aufwendige Landschaftsplanung und großzügige Bebauung, und natürlich gab es auch eine monumentale Kirche auf einem Bauplatz, den die Kurfürstendamm-Gesellschaft zur Verfügung gestellt hatte (2). Einen Friedhof anzulegen, überließ man der Evangelischen Kirche, schließlich war die Terraingesellschaft nur für das Leben der Käufer zuständig und nicht für ihr Sterben. Trotzdem verwundert es etwas, dass das Gräberfeld dann 1891 auf einem Gelände eingerichtet wurde, das sich eher für eine Kleingartenkolonie der Eisenbahner geeignet hätte. Es war - im wörtlichen Sinne - ein Gleis-Dreieck zwischen Schienensträngen der Ringbahn und der Stadtbahn, die sich am Bahnhof Westkreuz (damals "Messe") schneiden. Noch heute wird man aufgeschreckt, wenn hinter den Gräbern plötzlich der ICE vorbeirauscht, ein Ort der Kontemplation könnte ruhiger sein. 1956 wurde dann auch noch mit dem Bau der Stadtautobahn begonnen, die mit der als Autobahnzufahrt ausgebauten Halenseestraße zusätzlichen Lärm produziert und ein weiteres Hindernis zwischen Friedhof und Villenkolonie schafft.

Der Zugang zum Friedhof Grunewald erfolgte erst durch einen Tunnel unter den Bahngleisen, später hat man eine Brücke errichtet. Aber, es blieb dabei, dieser Friedhof ist eine "Toteninsel", wie die Berliner bald spotteten. Anders als die steil aufragenden Felsen, die Arnold Böcklin in seinem bekannten gleichnamigen Bild gemalt hat, bestimmt hier eine Vertiefung gegenüber dem umliegenden Gelände den Charakter. Entlang der Einfassungsmauer sind im Friedhof viele Erbbegräbnisse zu finden, einige von ihnen mit kunsthistorischer Bedeutung. Die Grabwand des Reichsfinanzministers Dernburg ist mit einem mehrere Quadratmeter großen farbigen Mosaik geschmückt. An mehreren Grabanlagen gibt es Trauernde als Einzelfiguren oder Figurengruppen. Das Grab des Dichters Sudermann ziert die Büste der Hera, Beschützerin der Frauen, diese Spolie wurde aus dem Schlosspark Blankensee hierher versetzt.

Den Bahnhof Grunewald (heute Halensee) gab es bereits, als die Kurfürstendamm-Gesellschaft die Kolonie Grunewald einzurichten begann. Für die Elektrifizierung der Bahn wurde dann ein Gleichrichterwerk gebraucht, so wie es der Hausarchitekt der Bahn, Richard Brademann, an ausgewählten Punkten des S-Bahnnetzes in den 1920er Jahren mehrfach gebaut hat. Auf der Toteninsel war noch Platz, und so steht direkt neben dem Friedhof - von Bäumen weitgehend verdeckt - ein zweigeschossiges Gleichrichterhaus mit der mehrfach gefalteten Fassade, die so typisch ist für Brademanns Bauten für die Stromversorgung der Bahn (3). Wer seine Gebäude am Ostkreuz oder am Bahnhof Friedrichstraße kennt, wird hier sofort im Geiste abhaken: Wieder ein Brademann.

Geht man vom Kurfürstendamm in die Bornstedter Straße, dann taucht man gleich in die Geschichte Halensees als Vergnügungsviertel ein. In einem Lokal an der Ecke Bornstedter und Kronprinzenstraße konnten die Besucher des Lunaparks ihre erste Molle zischen, bevor sie sich zum Halensee auf den Weg machten. Das Gebäudeensemble war direkt im Blick, wenn man aus dem Bahnhof kam. Die Architekten hatten mit der städtebaulich gelungenen Ecklösung auf dem spitzen Grundstück und der "Schmuckfreudigkeit" des Hauses, mit der Figur eines Landsknechts an der Hauptfassade und einem Stufengiebel einen Gegenpart zu Aschingers Bauten am Halensee geschaffen. August Aschinger (4), der mit kostenlosen Schrippen zur Erbsensuppe und anderen guten Ideen Europas größter Gastronom wurde, hatte 1904 mit einem Küchenchef die "Terrassen am Halensee" gegründet, aus denen 1909 der Luna-Park wurde: ein Vergnügungspark wie New Yorks Coney Island, ein Märchenpalast mit Freitreppe und Wasserrutschbahn zum Halensee, mit Gebirgsbahnen und Wellenbad, und die Berliner kamen in Scharen. "Ein Nachmittag in Halensee ist fast so poetisch wie vier Wochen auf Capri", hat Theodor Fontane in seinem Roman "Jenny Treibel" einer Professorentochter in den Mund gelegt.

Nach diesem Schlenker zur Bornstedter Straße bin ich am Anfang des eigentlichen Spaziergangs angelangt, der heute noch einmal wie schon vor 11 Jahren am goldenen Obelisken am Henriettenplatz (5) beginnt. Ende und Anfang des Kurfürstendamms werden durch die beiden Obelisken markiert, die Heinz Mack zum 750jährigen Stadtjubiläum 1987 für das Europa-Center und den Henriettenplatz entworfen hat. Beide Monumente haben gleiche Ausmaße, sie sind auf einer Grundfläche von 2 Metern im Quadrat 35 Meter hoch und enden oben mit einer abgeschrägten Spitze. Der Lichtpfeiler an der Tauentzienstraße ändert computergesteuert Farbe und Aussehen je nach Tageszeit und Lichtintensität, der goldfarbene Obelisk in Halensee spiegelt in seiner einheitlichen Oberfläche die unterschiedlichen Umgebungseinflüsse.

Auch die verschnörkelten Hardenberg-Leuchten sind erst zum Stadtjubiläum als Nachfolger von Peitschenmasten am Kurfürstendamm aufgestellt worden Eigentlich sind sie hier ein Fremdkörper, denn der Entwurf stammt aus der Hardenbergstraße am Zoo. Schuld an der Umrüstung war der SPIEGEL, der im Februar 1981 am Kurfürstendamm "Europas größtes Cafehaus" vermisste, in dem eine "Luft aus Freiheit, Frechheit und Benzin" wehte, und stattdessen "Fassaden im Geiste des Nierentischs" und andere Scheußlichkeiten bespöttelte. Das wollte der Senat nicht auf sich sitzen lassen. So schuf er ein "Lineares Regelwerk Kurfürstendamm", um das weltstädtische Ambiente der Flaniermeile stärken. Bäume, Pflasterung, Straßenmöbel, Werbung, Architekturqualität, Verkehr, Hotelvordächer, Kiosk-Container, Pflanz-Schalen, Verkehrszeichen, Hinweisschilder, Briefkästen, Farbgebung, Beleuchtungseffekte, für alles wurden - preußisch ausführlich - Regeln aufgestellt. Ein Erfolg, wie sich bei einer Überprüfung 2008 herausstellte, das Regelwerk gilt heute noch.

Kurfürstendamm und Auto - zwei, die zusammen gehören. 1882 begann Siemens auf einer 540 m langen Versuchsstrecke in Halensee Versuche mit einem Fahrzeug, dessen Bauform die Herkunft von der Kutsche nicht verleugnen konnte, man nannte es "Electromote" (6). Der Mittelstreifen des Kurfürstendamms war auf Bismarcks Wunsch als Reitweg ausgestaltet worden - das Pferd als Vorgänger des Automobils. 1905 schrieb ein Berlin-Führer über den Kurfürstendamm: "Sogenannte Prachtstraße mit prunkvollen Häuserfassaden. Reitweg. Vorsicht vor Automobilen!". 1908 sah der Baedecker den Kurfürstendamm "von zahlreichen eleganten Automobilen und Wagen belebt". Und dann, welch ein Niedergang heutzutage - Busspuren auf dem Damm und Bäume auf dem Mittelstreifen. Jedenfalls für den alternden Playboy Rolf Eden, der sich ereifert: " Ich steh mit meinem Rolls Royce im Stau und die Arbeitslosen sind mit dem Bus schneller". Tja, die Zeit bleibt nicht stehen, aber der Rolls Royce.

Am Kurfürstendamm arbeitete die Familie Eduard Winter, die erst aufs Auto gesetzt hat und dann auf das Pferd umgestiegen ist. Eduard Winter hatte in den 1920er Jahren Unter den Linden US-Marken wie Buick, Chevrolet und Cadillac vertrieben. Nach dem Krieg wurde er Generalvertreter für Volkswagen und Porsche und bebaute am Kurfürstendamm Ecke Karlsruher Straße ein Straßenkarree mit Ausstellungs-, Büro und Werkstattgebäuden für seine Fahrzeugmarken. Das Firmengelände ist mit gut 11.000 qm genauso groß wie der gut 11.000 qm große Friedhof Grunewald zwischen den Gleisen - eine Duplizität am Kurfürstendamm. Das "VW-Porsche-Haus" von 1956 ist als Baudenkmal geschützt, der Name des Autounternehmers am Haus hat noch seine Berechtigung, denn aus seinem Betrieb ist eine Immobiliengesellschaft geworden. Man hat sich "aus dem operativen Fahrzeughandel zurückgezogen", eine nette Formulierung dafür, dass das Autohaus in Schwierigkeiten geraten war und von der Volkswagen-AG übernommen wurde.

Eduard Winter ist lange tot, sein Unternehmen verkauft keine Autos mehr, und seine Töchter haben eine andere Leidenschaft: die Pferde. Marion und Madeleine - inzwischen selbst im Rentenalter - sind die Grandes Dames des Reitsports. Beiden zusammen gehören 30 der erfolgreichsten deutschen Spring- und Dressurpferde, die von Superstars wie Ludger Beerbaum und Isabell Werth geritten werden, schrieb die "Welt" 2003. So kommt eine Familie vom Auto wieder aufs Pferd - Geschichten, die der Kurfürstendamm schrieb.

Und noch einmal Kurfürstendamm und Auto: Wenn ein Porsche sich im Geschwindigkeitsrausch überschlägt, dann passt es ins Bild, dass sich das auf dem Kurfürstendamm abspielt - so geschehen im Oktober letzten Jahres. Der Kurfürstendamm ein weiteres Mal als Versuchsstrecke für Automobile, diesmal im Selbstversuch eines Porschefahrers.

Der Reitweg in den Grunewald bekam 1830 den Namen „Churfürsten Damm“, ab 1874 in neuer Schreibweise Kurfürstendamm. Die Querstraßen in Halensee wurden zunächst mit Nummern unterschieden, beginnend mit der späteren Lützenstraße an der Ringbahn als "Straße 1". In den 1880er Jahren kam man auf die Idee, die Querstraßen des Kurfürstendamms nach Kurfürsten zu benennen. Georg Wilhelm, Johann Georg, Joachim Friedrich, Johann Sigismund und der Markgraf Albrecht (der Bär) bekamen so "ihre" Straße. Nicht auf Anhieb erkennbar ist, dass die Cicerostraße nach Kurfürst Johann Cicero benannt ist, die Hektorstraße nach Joachim II. Hektor und die Eisenzahnstraße nach Kurfürst Friedrich II. den Eisernen. Die historische Erinnerung an den Eisernen war wohl schon verblasst, als man ihn ehrte, denn er hatte die Rechte der Stadt beschnitten und damit einen offenen Aufruhr ausgelöst, der als "Berliner Unwille" bekannt geworden ist (7). Mit der Katharinenstraße wurde 1892 sogar eine Frau mit einer Straßenbenennung geehrt, die nicht einmal Regierende, sondern "nur" Ehefrau des Kurfürsten Joachim Friedrich war: Katharine, Markgräfin von Brandenburg-Küstrin.

Auf dem heutigen Rundgang folgen wir dem Kurfürstendamm bis zur Albrecht-Achilles-Straße und kehren über die Westfälische Straße zurück. Am Hochmeisterplatz kreuzen wir eine frühere Route (8). In der Bildergalerie finden Sie einige Gründerzeithäuser mit reichhaltigem Fassadenschmuck, die wir auf diesem Weg gesehen haben. Aus dem früheren Albrecht-Achilles-Krankenhaus ist inzwischen ein Finanzamt geworden. Vielleicht können in der ehemaligen Notaufnahme jetzt Selbstanzeigen von Menschen aufgegeben werden, die um ihr weiteres Leben in Freiheit fürchten.

In der Westfälischen Straße 29 hat Vladimir Nabokov 1934 seinen Roman "Verzweiflung" geschrieben. Ein Schokoladenfabrikant mit einer dummen, aber schönen Frau begeht einen perfekten Mord an einem Doppelgänger, vielleicht ist er auch schizophren, denn er "erschrickt vor seinem eigenen Schatten, der tot zu seinen Füßen zusammenbricht". Sie sehen schon, es ist schwer, diese Romanhandlung in einem Satz zusammen zu fassen, am besten ist selber lesen. Nabokov war vor der Oktoberrevolution 1917 nach Deutschland geflohen und schrieb zu Anfang vor allem für Exilrussen. Später floh er vor den Nazis in die USA und ging nach dem Krieg in die Schweiz. Bekannt geworden ist Nabokov vor allem durch seinen umstrittenen Roman "Lolita", über eine Kindfrau zwischen Kindlichkeit und körperlicher Reife. Nach Marcel Reich-Ranicki war es "absurd und lächerlich", diesen Roman in die Nähe der Pornographie zu rücken. Man sieht den Altmeister der Literaturkritiker geradezu körperlich vor sich, wie er diese Worte in der ihm eigenen Diktion auf die Zuhörer schleudert.
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Zu diesem Bericht gibt es einen Forumsbeitrag: Friedhof Grunewald, "Toteninsel" (19.5.2014)

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(1) Kolonie Grunewald: Millionen für eine Villa - gern auch in bar
(2) Mehr über Terraingesellschaften: Terraingesellschaften
(3) Mehr über Richard Brademann: Brademann, Richard
(4) Mehr über August Aschinger: Aschinger, August
(5) Im August 2003 waren wir bereits am Henriettenplatz: Der goldene Obelisk vom Henriettenplatz
(6) Versuche mit Automobilen: Versuchsstrecke für Automobile
(7) Mehr über den Berliner Unwillen: Schlossbaustelle unter Wasser
(8) Ein früherer Spaziergang führte über den Hochmeisterplatz: Wohltemperierte Architektur



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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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