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Wohltemperierte Architektur


Stadtteil: Charlottenburg-Wilmersdorf
Bereich: Fehrbelliner Platz, Stuttgarter Platz
Stadtplanaufruf: Berlin, Hochmeisterplatz
Datum: 30. März 2009

Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Auch beim Laufen sollte man mal quer zu den Hauptstraßen gehen, und so sind wir heute vom Fehrbelliner Platz zum Stuttgarter Platz unterwegs, überqueren dabei den Hohenzollerndamm und den Kurfürstendamm.

Am Preußenpark gegenüber dem Stadtentwicklungssenat sehen wir eine rote Wall-Säule, die Werkzeuge bereithält, um Hundekot aufzukehren. Wie selten wird doch in Berlin hieran erinnert und wie streng wird es in der hundevernarrten Stadt New York durchgesetzt ("clean up after your dog", Bild).

Viele interessante Bauten sehen wir auf unserer Route. In der Ballenstedter Straße stehen Einfamilienhäuser von Alexander Klein in "gefalteter Zeilenbebauung", die Fassaden folgen dem Straßenrand, springen zurück, wieder vor. Dadurch wird eine bessere Belichtung und Belüftung der Wohnungen und eine höhere Ausnutzung des Grundstücks möglich. Alexander Klein ist weitgehend unbekannt, obwohl er zu den renommierten Architekten gehört, die 1957 zum Bau des Hansaviertels eingeladen wurden.

Von Russland über Israel nach Amerika - das war Kleins Lebensweg, geprägt durch die Judenverfolgungen in Russland und Deutschland: In Odessa 1879 geboren, in St. Petersburg, Berlin, Haifa und New York gearbeitet, In New York 1961 gestorben. In der Zeit des "Neuen Bauens" zur Überwindung der verheerenden Massenquartiere war das Gebäudeklima sein Thema. Er entwickelte die 'Wohltemperierte Architektur', beachtete Sonneneinfallswinkel und Luftzirkulation. Wohnungsgrundrisse wurden auf Ganglinien, Bewegungsflächen, Blickbeziehungen, Raumproportionen sowie Licht- und Schattenwirkung untersucht. Um die Besonnung dem Tagesverlauf der Bewohner anzupassen, orientierte er die Schlafräume zur Morgensonne (Osten), die Wohnräume zur Abendsonne (Westen). Er schuf die "flurlose Wohnung", indem er den dunklen Flur durch einen hellen Wohnzimmervorraum ersetzte. Eine sparsame Beheizung erreichte er, indem er Zug und Kälteerscheinungen vermied, z.B. gegenüberliegende Fenster oder Fenster auf einer nicht besonnter Seite. Auch der städtebaulichen Klimafragen nahm er sich an. Seine Planungen waren darauf ausgerichtet, die gegenseitige Verschattung benachbarter Gebäude zu vermeiden und eine gute Durchlüftung eines Gebäudekomplexes zu erzielen. Steht das Gebäude quer zum Wind, werden alle Hauptaufenthaltsräume (Wohn- und Schlafzimmer) optimal durchlüftet und gekühlt.

In der Cicerostraße erreichen wir den BVG-Betriebshof und bangen, ob der Doppeldecker durch die Einfahrt passt. Am Nachbarhaus finden wir eine alte Wandbemalung, die für den Laien eindrucksvoll technisch aussieht aber wohl keine funktionsfähige Maschinenkonfiguration zeigt. An der Paulsborner Ecke Nestorstraße steht das Junggesellenwohnhaus von Bruno Buch, er hat in Berlin u.a. Industriebauten für die Ufa-Filmateliers, Opel, Sarotti errichtet, Das Wohnhaus mit Ein- und Zweizimmerwohnungen ist durch vertikale vorspringende Klinkerbänder am Eckeingang und horizontale Balkonbänder an den beiden Straßenseiten stark akzentuiert.

Am Hochmeisterplatz steht die gleichnamige Kirche mit sechseckigem Grundriss, die mit ihrer gedrungenen Gestalt romanische Elemente zitiert, im Historismus hat man die Stile anderer Epochen verwendet. Sie wirkt wie eine zu groß geratene märkische Dorfkirche, ihr Schöpfer war Baurat und Maurermeister.

Mendelsohns Schaubühne am Kurfürstendamm und sein sich tief ins Hinterland fortsetzender Wohnbaukomplex sind unser nächstes Ziel. Die "dynamisch-fließende Linienführung gepaart mit konstruktiver Klarheit", über die ich bereits im Bericht über den Bau des Universum-Kinos (der späteren Schaubühne) im Januar 2007 geschrieben hatte (1), findet sich auch bei den Wohnbauten. Die Balkon- und Fensterbänder aus dunklem Backstein schwingen sich elegant an der Längsseite in der Cicerostraße entlang und enden mit einem Bogen hinter dem Haus. Auf der Innenseite des Baublocks ragen die Treppenhäuser halbrund aus der Fassade (2). Das moderne Hochhaus, das sich Richtung Paulsborner Straße an den Mendelsohn-Bau anschließt, wirkt nicht wie ein Fremdkörper in dieser 5-stöckigen Siedlungsstruktur.

An der Gervinusstraße stoßen wir nicht nur auf einen firmentypischen Pappschachtelbau von Lidl, sondern auch auf ein historisches Gleichrichterwerk, das der S-Bahn-Hausarchitekt Richard Brademann (3) 1928 erbaut hat und das heute die "Kunsthalle Koidl" beherbergt. Jedenfalls verkündet dies ein Schild, die Halle selbst ist leer und außer der in einigen Medien hochgelobten Eröffnungsausstellung von Werken aus der Dresdner Bank-Kollektion vom Juni bis August 2008 ist auf der Homepage der "Kunsthalle" nichts aktuelles verzeichnet. "Der umtriebige Unternehmer Roman Maria Koidl, der etwa Most-Schokolade vermarktet, weiß, wie er clever (s)ein Ausrufezeichen setzten kann in der Berliner Kunstszene" schrieb die Berliner Morgenpost. Ob die Idee, "der Cool-Faktor von Mitte" habe sich bald überholt, man müsse den Leuten nur in Charlottenburg etwas anbieten, zu optimistisch war?

Am Stuttgarter Platz 20 nehmen wir die abendliche Stärkung im "Pan Deli Angeli" ein. Nicht ohne einen Blick in den reich geschmückten Eingangsbereich des Hauses zu werfen. Hier war schon immer das "schöne Ende" des Platzes, der früher nur Rotlichtmilieu war und sich heute immer mehr vom Schmuddelimage entfernt.

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(1) Bericht über die Schaubühne: Aufgesperrtes Maul
(2) Mehr über den Architekten Erich Mendelsohn: Mendelsohn, Erich
(3) Mehr über Richard Brademann: Brademann, Richard

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