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Millionen für eine Villa - gern auch in bar


Stadtteil: Wilmersdorf
Bereich: Villenkolonie Grunewald
Stadtplanaufruf: Berlin, Johannaplatz
Datum: 14. April 2009

Zur gleichen Zeit wie die Berliner Mietskasernen ("Wohnungen der Arbeiter und Armen") (--> 1) entstanden Ende des 19.Jahrhunderts in Berlin Villenviertel, meist von Terraingesellschaften entwickelt, hinter denen Banken standen. Um den Kurfürstendamm wie von Bismarck gewünscht als großstädtische Verbindung zum Grunewald auszubauen, machte man ein Kopplungsgeschäft: Die Kurfürstendamm-Gesellschaft der Deutschen Bank finanzierte den Kudammausbau und kaufte dafür das Gelände der Villenkolonie im Grunewald für 1,20 Mark pro Quadratmeter. Nach der Erschließung erzielte sie Baulandpreise von 8,30 Mark pro qm, bis zur Jahrhundertwende stiegen die Bodenpreise auf 15,40 Mark. Weder der Berliner Magistrat noch die Forstverwaltung hatten den Verkauf gewollt, und die Berliner kommentierten die teilweise Abholzung ihres Ausflugsquartiers für Villenbauten mit dem Gassenhauer "Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion".

Mit dem Kudamm war die Zufahrtstraße zur neuen Villenkolonie Grunewald geschaffen, und die Bauordnung für die Vororte (!) von Berlin legte 1892 eine großzügige Bebauung fest: Abstand zum Nachbarn 8 Meter, Tiefe des Vorgartens 4 Meter, die Häuser hatten keine Rückfronten sondern Fassaden rundherum, Souterrain und Dachgeschoss durften nur zur Hälfte als Wohnungen genutzt werden. Auch die Terraingesellschaft formuliert ihre Vorstellungen in einem Ortsstatut, Villen für ein oder zwei Familien sollten hier entstehen.

Das Baugelände war eine sumpfige Waldsenke, die trocken gelegt werden musste. Hubertussee, Koenigssee, Dianasee und Herthasee wurden künstlich angelegt und als artesische Brunnen mit von selbst aufsteigendem Grundwasser befüllt. (Im Gegensatz zu den Lausitzer Tagebauseen, die wir gerade zu Ostern besucht haben und die über viele Jahre aus umliegenden Flüssen mit Kalkanreicherung aufgefüllt werden, damit der eisenhaltige Untergrund kein rotes Wasser erzeugt).Durch diese aufwendige Landschaftsplanung entstand eine malerische Gesamtwirkung der Villenkolonie. Die Ufer gehörten zu den Wassergrundstücken, und das ist bis heute zum großen Teil immer noch so trotz aller Bemühungen des Bezirksamts, öffentliche Uferwege durchzusetzen.

Unser Rundgang führt über Koenigsallee, Herbertstraße, Lynarstraße, Johannaplatz Winklerstraße, Bettinastraße, Fontanestraße, Bismarckallee, Lassenstraße, Hubertusallee. Der Johannaplatz liegt in einem sternförmigen Netz von Straßen und Alleen. Die Koenigsallee verweist auf keinen König, sondern auf den preußischen Bankier Felix Koenigs, der zu den Gründungsvätern der Villenkolonie gehört. Nach Bismarck, der mit politischem Druck den der Verkauf landeseigener Forsten für die Siedlung ermöglicht hatte, wurde eine Allee und die Brücke über den Hubertussee benannt, nach seiner Frau der Johannaplatz, nach seinem ältesten Sohn die Herbertstraße. Die Brücke wird flankiert von steinernen Fabelwesen mit einer Mischung aus ägyptische Sphinx und gründerzeitlichem Frauenbild.

In der Villenkolonie wohnten die Wohlhabenden, die von dem Kritiker Alfred Kerr boshaft beschrieben wurden als "einfach schwere Kapitalisten, gepflegte Bauern im Millionärskaff". Aber er selbst wohnte auch dort und fühlte sich im Grunewald ganz wohl, genau wie die Bonhoeffers, Max Planck und Willy Birgel, später Harald Juhnke, Harry Meyen und Romy Schneider. Walther Rathenau, Außenminister in der Weimarer Republik, wurde 1922 in der Koenigsallee von Anhängern der rechtsextremen "Organisation Consul" ermordet, ein Gedenkstein erinnert daran. Nach dem 2.Weltkrieg wurden Reihenhäuser und Bungalows dort gebaut und Villen in Eigentumswohnungen aufgeteilt. Jetzt hat sich das Bild wieder gewandelt, Botschaftsresidenzen wurden neu gebaut (z.B. Norwegen) oder sind in alte Villen eingezogen (z.B. Vereinigten Arabischen Emirate) und Interessenten aus Ländern, in denen man nach dem Wegfall des Eisernen Vorhangs binnen kurzem unermesslich reich werden konnte, zahlen Millionen für eine Villa - gern auch in bar, wie die Morgenpost schrieb.

In einem Knick der Bismarckallee steht die monumentale Grunewaldkirche, die von der Wohlhabenheit der Bewohner der Villenkolonie profitiert hat. Und es war natürlich die "Kirchenjuste", Kaiserin Auguste Viktoria, die auch hier mit immaterieller Unterstützung ihr großes Herz für Kirchenbauten gezeigt hat. Weniger als 2 Jahre brauchte man für den spätgotischen Bau. Dietrich Bonhoeffer wurde in der Grunewaldkirche konfirmiert. Heute sind im "Treffpunkt Kultur Kunst Kirche in Grunewald" Gottesdienste, diakonische Treffen, Musikveranstaltungen, Ausstellungen, Trödel- und Weihnachtsmärkte auf dem Programm.

An der Paulsborner Ecke Hubertusallee finden wir einen Italiener, der uns hungrige Flaneure verköstigt.

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(1) "Die Wohnungen der Arbeiter und Armen" ist eine 1852 von Carl Friedrich Hoffmann veröffentlichte Anleitung für Baumeister. In einem Musterbuch hat Gustav Assmann 1862 die unterschiedlichen Bauprinzipien klar benannt: Bei einem Wohnhaus, das über mehrere Etagen die gefragten Mietswohnungen bieten soll, steht "die Rentabilität des Baus als die fast allein massgebende Rücksicht oben an und alle anderen Schranken, welche die Freiheit in der Disposition begrenzen, sind möglichst eng gezogen". Für alle anderen Bauten, also auch Villen, ist "die nach Innen und Aussen angemessenste Gestaltung eines Gebäudes zu erstreben".

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