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Ein waschechter Berliner Schotte


Stadtteil: Charlottenburg
Bereich: Heerstraße, Scholzplatz
Stadtplanaufruf: Berlin, Kiplingweg
Datum: 26. Mai 2014
Bericht Nr: 464

Mit "Ich bin ein Mac" (I'm a Mac) warb der Niedersächsische Ministerpräsident David McAllister 2013 für seine Wiederwahl. Die Aussage "Ich bin ein Berliner" wäre in Hannover nicht hilfreich gewesen, aber - sie hätte gestimmt, denn McAllister ist ein waschechter Berliner Schotte. Die Hälfte seiner Schulausbildung hat er in Berlin bekommen, dann zogen seine Eltern ins Niedersächsische. Auch sein "Migrationshintergrund" wurde von der CDU politisch vermarktet, und dass er zwei Pässe hat, sollte zeigen, wie modern er ist. Aber er ist einfach zu nett, bleibt lieber Sonntags bei seiner Familie, als zu Jauch in die Talkshow zu gehen, muss nicht von Imageberatern die Kanten weggebügelt bekommen, weil er keine hat. Von Wulff hatte er Niedersachsen geerbt, als dieser Bundespräsident wurde, wiedergewinnen konnte er das Amt des Regierungschefs nicht. Wenn er in aller Öffentlichkeit bei einer Kahnfahrt mit seinem Kabinett ins Wasser fiel (Mai 2012), kam er schnell wieder hoch, aber politisch will es nicht gelingen.

Dabei war McAllister schon als Kind gewohnt, sich auf der Überholspur zu bewegen. Sein Vater war britischer Militärbeamter in Berlin, und wenn er auf der Autobahn durch die DDR nach Westdeutschland fuhr, konnte er auf der Fahrspur der Alliierten an den Kontrollen der Vopos vorbeifahren, während Deutsche das Handschuhfach öffnen und die hintere Sitzbank anheben mussten. Aufgewachsen ist David McAllister in der britischen Militärsiedlung an der Heerstraße am Hardyweg. Nicht Oliver Hardy - der Dicke von "Dick und Doof" - war Namenspate dieser Straße, sondern der britische Schriftsteller Thomas Hardy, so wie ab 1955 alle Straßen in der britischen Siedlung die Namen von britischen Schriftstellern bekamen.

Britische Siedlung Heerstraße
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs richteten die Siegermächte in ihren Berliner Sektoren Stützpunkte und Wohnsiedlungen für die Militärangehörigen ein. Die Amerikaner in Zehlendorf, die Briten in Charlottenburg, die Franzosen in Reinickendorf, die Russen in Karlshorst (1). Am Olympiastadion war das Britische Hauptquartier, südlich davon entstand die Britische Siedlung Heerstraße, die bis an die Wohnsiedlung im ehemaligen Gutsbezirk Heerstraße heranreicht (2). Zu der britischen Siedlung gehörten ein britisches Krankenhaus (heute Paulinen-Krankenhaus) und eine britische Schule (Berlin British School), zu der 1971 die zweisprachige Charles-Dickens-Grundschule hinzukam.

Drei Architekten, denen die Nachwelt keine Kränze flocht, haben hier in den 1950er Jahren für die Engländer Typenhäuser und Doppelhäuser errichtet. Obwohl die Gesamtanlage unter Denkmalschutz steht, ist für die Bauten zwischen Scottweg und Dickensweg („Siedlung Westend“) wohl die Zeit abgelaufen. Die Deutsche Wohnen AG als neuer Eigentümer will die hier vorhandenen und genutzten 212 Wohnungen abreißen und Neubauten mit 500 Wohnungen stattdessen errichten. Einfache Bauweise, fehlender Schallschutz, fehlende Wärmedämmung, ungünstige Grundrisse und zu niedrige Räume ließen keine Sanierung der Altbauten zu, begründet man das. Die Nähe zum S-Bahnhof Olympiastadion und zur Heerstraße lässt offensichtlich eine hohe Rendite bei verdichteter Bebauung erwarten. Aber andere Bautypen der Siedlung sind offensichtlich teilweise saniert. An der Kranzallee stoßen dann repräsentative Landhäuser aus den ausgehenden 1920er Jahren und die einfachen Bauten der Militärsiedlung ziemlich krass aufeinander. Rund um den Kiplingweg stehen hier die Bauten der Militärsiedlung in Serie nebeneinander, und freie Flächen sind mit Bändern von Flachgaragen verstellt.

Kranzallee, Lyckallee
Die Kranzallee geht in die Lyckallee über. Beide tragen Namen ostpreußischer Orte, nicht auf Anhieb wird hier ein Zusammenhang mit der Kriegspropaganda des Deutschen Kaiserreichs deutlich. Die "Winterschlacht bei Lyck" in Masuren war ein erbitterter Kampf deutscher gegen russische Soldaten im Ersten Weltkrieg 1915. Gleichzeitig lief die "Winterschlacht in der Champagne", bei der die Deutschen an der Westfront erstmalig Giftgas einsetzten, das Fritz Haber in der Thielallee in Berlin entwickelt hatte (3). In dem Zweifrontenkrieg war der Sieg über die russische Armee bei Lyck ein vorübergehender Erfolg, der sogar den Kaiser aus Berlin anreisen ließ. "Kaum waren die Sieger in die Stadt eingezogen, da erschien auch der Kaiser", um den sich "die soeben aus schweren Kämpfen kommenden, von Schmutz und Blut bedeckten Krieger jubelnd drängten, 'Deutschland, Deutschland über alles' drang aus vielen tausend Kehlen zum Himmel empor", schrieb damals die Frankfurter Zeitung. Man feierte den Sieg auch auf Postkarten, und man gab der bisher nur nummerierten Straße nahe der Heerstraße den Namen "Lyckallee". Auch die 1915 benannte Tannenbergallee feiert den Sieg in einer Schlacht an der Ostfront. In den 1920er Jahren wurden auch die Kranzallee, Tapiauer Allee, Stallupöner Allee und andere Straßen im Quartier nach ostpreußischen Orten benannt (Cranz, ostpreußisches Seebad). Hatte man so schnell den Zusammenhang mit dem mörderischen Krieg vergessen, dass man nur die Anknüpfung an die Region, nicht aber an die verheerenden Schlachten sah?

Britischer Soldatenfriedhof
Angrenzend an die britische Siedlung wurde auch ein Soldatenfriedhof angelegt. Eine Erläuterungstafel am Eingang weist darauf hin, dass die knappe Hälfte der Bomberbesatzungen im Zweiten Weltkrieg in Europa den Tod fand, mehr als 55.000 Männer im Alter von durchschnittlich 22 Jahren. Hier an der Heerstraße sind rund 3.600 Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg beerdigt, in Reih und Glied über den Tod hinaus: Eine britische Kommission ist seit 1917 für die einheitliche Gestaltung der Commonwealth-Soldatenfriedhöfe überall auf der Welt zuständig. Ob in Stahnsdorf, in Klagenfurt, auf den Azoren, in Tunesien, in Kanada, in Namibia, in Australien, Papua-Neuguinea, es gibt eine genormte globale Gräberkultur für alle Länder dieser Erde. Überall gibt es das Hochkreuz mit Schwert ("Cross of Sacrifice") und den Erinnerungsstein mit immer derselben Inschrift ("Stone of remembrance") und Grabsteine aus einheitlichem Material in einheitlicher Gestaltung. Die Reihe der Gräber zieht sich so in einem unendlichen gleichförmigen Band um die Erdkugel.

Für Kreuz und Schwert sind eigentlich die Kreuzritter bekannt, sie kämpften im Zeichen des Kreuzes, im Auftrag des Christentums (tatsächlich aber im Interesse eines Papstes, der sie dazu angestiftet hatte). Bei dem britischen "Cross of Sacrifice" ist das Schwert in das Kreuz eingearbeitet, es wird sozusagen eins mit ihm. Das Kreuz als Symbol des Todes und das Schwert als Symbol der Tapferkeit verbinden sich miteinander, trösten die Lebenden. Versteht man das Schwert dagegen als (strafende) Gerechtigkeit, dann hat der Soldat sein Leben in einem "gerechten" Krieg hingegeben, geopfert ("sacrifice"). In einer Zeit, die von kriegerischem religiösem Fanatismus gebeutelt ist, kann man eine solche religiös-kriegerische Symbolik nicht unbeteiligt ansehen.

Jüdischer Friedhof Heerstraße
Direkt neben dem britischen Militärfriedhof wurde in den 1950er Jahren der jüdische Friedhof Heerstraße angelegt, als die jüdische Gemeinde sich in eine Ost- und Westgemeinde spaltete. Er ist damit Teil des "Doppelten Berlin", jener Zwillingsstadt, die funktionsgleiche Bauten in jeder Stadthälfte hatte: Funkturm/Fernsehturm, Zoo/Tierpark, Kongresshalle/CongressCentrum, Freie Volksbühne/Volksbühne, auch Stalinallee/Hansaviertel sind ein Beispiel dieses Wettbewerbs der Systeme (4). Uns blieb leider der Weg zu Ernst Deutsch, Hans Rosenthal, Lotti Huber, Heinz Galinski versperrt, denn schon um 17 Uhr schließt sich das Friedhofsportal.

Sendemasten
Zwischen den beiden Friedhöfen gibt es eine weitere Erinnerung an die Berliner Teilung: den Sendemast am Scholzplatz, der 1963 nach dem Mauerbau als Provisorium errichtet wurde bis zur Fertigstellung des West-Berliner Fernsehturm mit Sende- und Aussichtsturm im Norden Berlins. Provisorien haben manchmal ein zähes Leben, der West-Berliner Fernsehturm wurde nicht verwirklicht, der Sendemast steht heute noch und ist mit 230 m Berlins zweithöchstes Bauwerk (nach dem Fernsehturm am Alexanderplatz). Von hier strahlte der Sender Freies Berlin Radio- und Fernsehprogramme mit erhöhter Leistung weit in das Gebiet der DDR. Der rbb als Nachfolger des SFB sendet heute von hier aus seine digitalen Programme, denn 2003 wurden die analogen Fernsehsender in Berlin abgeschaltet.

Keinen Kilometer von hier entfernt, in der Stallupöner Allee 19-23, gab es seit 1946 eine weitere Sendeanlage mit 50 m hohen Sendemasten. Die Deutsche Reichspost hatte schon in den 1930er Jahren eine geheime Sendeanlage in einen Bunker errichtet, getarnt mit einem Wohnhaus. Der britische Soldatensender BFN und der NWDR (Nordwestdeutsche Rundfunk) sendeten von hier, später der BBC und der SFB. Das 25-jährige Jubiläum der SFB-Mittelwelle wurde 1971 hier im Bunker gefeiert. Inzwischen sind die Sendeanlagen abgebaut und das Haus ist 2013 abgerissen worden. Ein Investor hatte eine bessere Ausnutzung des Grundstücks durchgesetzt, der Denkmalschutz wurde aufgehoben, weil eine wirtschaftliche Nutzung nicht mehr möglich sei.

Der Scholzplatz ist nach dem letzten Bürgermeister Charlottenburgs vor der Eingemeindung nach Groß-Berlin benannt. In Kassel war er gerade erst 11 Monate in gleicher Funktion im Amt, da boten die Charlottenburger 60% mehr Gehalt und warben ihn 1917 ab. Jedenfalls wird das auf der Homepage von Kassel als Grund genannt, die Kasseler sind wohl immer noch sauer auf ihn. Ernst Scholz hatte im Laufe seines Lebens viele Funktionen, er war nacheinander Abgeordneter im Preußischen Herrenhaus und im Reichstag, Kämmerer in Wiesbaden und Düsseldorf, Parteivorsitzender der Deutschen Volkspartei, sogar Reichswirtschaftsminister, schrieb juristische Kommentare über Hypothekenrecht, Genossenschaftsrecht und Gemeindesteuern, ist aber der Nachwelt nicht durch seine Taten im Gedächtnis geblieben.

Im ehemaligen "Waldhaus" an der Heerstraße nahe dem Scholzplatz kann man bei einem Italiener mit sardinischem Einschlag im Vorgarten den Sommerabend genießen. Chardonnay und Saltimbocca alla Romana kamen zügig auf den Tisch und waren wohlschmeckend, da konnte selbst der kontinuierliche "Autokorso" auf der Heerstraße unser Wohlgefallen nicht stören.
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(1) Alliierte in Berlin:
a) Amerikaner in Zehlendorf: Der Rollmops passt nicht ins Aquarium
b) Briten am Olympiastadion: Im Innenraum der Rennbahn
c) Franzosen in Reinickendorf: Horchposten ohne Fledermäuse
d) Russen in Karlshorst: Moskauer Museumsdirektor leitet Berliner Museum

(2) Siedlung Heerstraße: Ein lichtes Berliner Dörfchen
(3) Fritz Haber, Thielallee: Amerikanische Vorbilder
(4) Hansaviertel: Gestern war sie die Stadt von morgen

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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Nördlich der Heerstraße



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... und hier sind weitere Bilder ...
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Südlich der Heerstraße



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