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Horchposten ohne Fledermäuse


Stadtteil: Reinickendorf
Bereich: Cité Foch
Stadtplanaufruf: Berlin, Nimrodstraße
Datum: 10. Februar 2014
Bericht Nr: 451

Moses hat von Gott eine Liste der Tiere diktiert bekommen, die die Menschen nicht essen sollen, weil diese Tiere unrein sind. In der Rubrik "Vögel" gehört dazu die Fledermaus. Tatsächlich ist die Fledermaus aber ein fliegendes Säugetier, schließlich sind Mücken auch keine Vögel, nur weil sie fliegen können. Kannte sich Gott in seiner eigenen Schöpfung nicht aus? Oder hat Luther die Bibel unscharf übersetzt und dort stand im Original "Eulen" und nicht "Fledermäuse" im Text?

Außer der Bezeichnung als "unrein" haben Fledermäuse noch andere symbolhafte Bedeutungen zugeschrieben bekommen, ja sie sind in unserer Kultur im echten Wortsinne "verteufelt" worden. Dem Teufel sollen sie ähnlich oder verwandt sein. Ganz anders geht die chinesische Kultur damit um, dort werden die Fledermäuse mit Glück und langem Leben verbunden. Allerdings beruht das auf einer Besonderheit der chinesischen Bedeutungszuschreibung: Fledermaus und Glück verbinden sich zu ein und demselben Sinngehalt, weil sie in der Aussprache ähnlich klingen. Wenn Begriffe ähnlich oder gleich ausgesprochen werden, aber unterschiedliches bedeuten - wie beispielsweise im Deutschen "Seite" und "Saite" -, dann führt das in China manchmal in den Aberglauben. So werden im Chinesischen "vier" und "Tod" ähnlich ausgesprochen, so dass kein Chinese eine Telefonnummer oder ein Autokennzeichen mit einer vier akzeptieren würde. Die "acht" für Reichtum ist dagegen begehrt. Und so kann man an der Eingangstür eines chinesischen Hauses eine Fledermaus als Schnitzerei finden, die den Bewohnern Glück bringen soll.

Wie komme ich auf Fledermäuse, wo wir doch heute in der Cité Foch unterwegs sind, einer ehemaligen Siedlung für die französischen Besatzungssoldaten? Aus einem Umwelt-Stadtplan ergibt sich, dass sich in der Siedlung Fledermäuse an mehr als 20 Orten niedergelassen haben, nur nicht in dem verlassenen Spionagezentrum der Franzosen. Dabei wären sie dort am ungestörtesten, eine Mauer mit aufgesetztem Stacheldraht umgibt das Areal inmitten der Cité Foch. Bis 1994 hatten die Franzosen hier ihre Abhörstation, danach übernahm sie der deutsche Geheimdienst für ein paar Jahre, seitdem ist das Gelände ungenutzt und unzugänglich. Aber vielleicht durften die Fledermaus-Späher auch nicht in die Bauten, und die Fledermäuse sind hier ganz unter sich.

Die alliierten Besatzungsmächte haben gern deutsche Bauvorschriften ignoriert, schließlich waren sie die Sieger und konnten aus eigener Machtfülle handeln. So war es bei den Russen, die sich mit ihrer Botschaft Unter den Linden über das Lindenstatut hinwegsetzten (1) und bei der US-Militäradministration, der bei den Bauten auf dem Düppeler Feld die Bürgerproteste gleichgültig waren (2). Auch die Wohnsiedlung der französischen Alliierten in Waidmannslust entsprach nicht deutschem Planungsrecht. Die Wohnungen hatten nicht deutschen Standard, deshalb sind beispielsweise die Bidets nach dem Abzug der Franzosen ausgebaut worden. Die Straßen mit den blauen Straßenschildern waren Privatgelände, auch wenn sie von der Öffentlichkeit benutzt werden konnten. Ein Bebauungsplan ändert das jetzt und überführt die Straßen in kommunales Eigentum. Ein Anwohner erzählte uns, dass Hundebesitzer das "Privatgelände" genossen hätten, sie konnte ihre Hunde ohne Leine laufen lassen, weil das Ordnungsamt in diesem Gebiet nicht zuständig war.

"Klein Frankreich mitten in Berlin", schreibt der bundesrepublikanische Makler Bima (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben), "Straßennamen zeugen von der französischen Vergangenheit, Schulen wurden nach französischen Dichtern und Denkern benannt. Die blauen Straßenschilder machen die Erinnerungen an den Urlaub in Frankreich wieder wach". Man muss schon einige Phantasie haben, wenn man das Französische an dieser Siedlung herausstreicht. Auch die blauen Straßenschilder werden wohl verschwinden, wenn das Berliner Planungsrecht voll auf die Siedlung angewendet werden kann.

Bei unserem Rundgang finden wir eine Ansiedlung von 80 Gebäuden mit unterschiedlichen Strukturen und wärmegedämmten Fassaden vor. Schaut man sich die Fassaden näher an, dann sieht man, dass die um das Jahr 2000 aufgebrachte Dämmung bereits von innen heraus fleckig wird. Die Dachwohnungen - so sagt uns ein Anwohner - sind wohl unzureichend gedämmt. Die äußeren Fassadendämmungen sind ein Thema für sich, der Wirkungsgrad ist tatsächlich gering, die Brandanfälligkeit ist gravierend, die Schicht ist leicht zu beschädigen und wird schnell unansehnlich, auch durch Algen. In einer späteren Stadtentwicklungsphase wird man sicherlich überall die Dämmungen abreißen und die ursprünglichen Fassaden wieder herstellen.

Kommt man vom Bahnhof Waidmannslust über die Nimrodstraße zur Cité Foch, dann grüßt die Königin-Luise-Kirche aus der Bondickstraße herüber. Dort liegt eine Villenkolonie, die "Jägersiedlung" mit Straßennamen wie Hubertus, Halali und Diana (3). Die 80 Wohngebäude der Cité Foch wurden in den 1950er Jahren südlich des Packereigrabens errichtet, einem kleinen Wasserlauf, der bis zum Nordgraben (4) fließt. Zu der Siedlung gehören ein Einkaufscenter an der Avenue Charles de Gaulle und ein Schwimmbad. Beide gammeln in unterschiedlicher Phase der Verwahrlosung vor sich hin.

Die Berliner Morgenpost und die Berliner Zeitung berichteten 2005, dass das Hallenbad in der Cité Foch - das einstige "Franzosenbad" - wieder eröffnet wird. Daraus wurde nichts, und jetzt ist das Ende beschlossene Sache. Aus dem Bebauungsplan soll das Schwimmbad herausgenommen werden, weil "für die Nutzung kein öffentlicher oder privater Bedarf mehr besteht" und kein Betreiber gefunden werden konnte. Das Einkaufscenter aber wird dringend benötigt, es ist aus einem anderen Grunde völlig verkommen: Dem Schweizer Investor, der es erworben hatte, ist wohl das Geld ausgegangen und einen Käufer findet er auch nicht. Nach dem Auszug der Franzosen wurden zeitweilig ein SB-Warenhaus, ein Getränkemarkt, ein Fitnesscenter, ein Aldi-Markt hier betrieben. Jetzt ist das Gelände sich selbst und dem Vandalismus überlassen. Das Bezirksamt wollte den Investor zur Instandhaltung verpflichten, aber es kann in der Schweiz nicht einmal eine behördliche Verfügung amtlich zustellen, weil kein Rechtshilfeabkommen besteht. So wurden vor zwei Jahren erst einmal für 6.000 Euro Türen und Fenster gesichert. Der Schandfleck mitten in der Siedlung ist geblieben, nur Fotografen mit Sinn für verlassene Orte, den Reiz des Zerfallenden, für die Ästhetik der Freudlosigkeit kommen gern hierher.

Anders als beim Einkaufszentrum ist bei dem Sport- und Freizeitzentrum des französischen Militärs, dem "Centre Talma", der Übergang in deutsche Hand hervorragend gelungen. Namenspatron des Zentrums ist wahrscheinlich der von Napoleon geschätzten Schauspieler François-Joseph Talma. Man rühmte ihn für die Wahrheit seiner Darstellungen, die Natürlichkeit des Spiels und die geschichtliche Treue seiner Kostüme. Das Centre Talma wurde nach der Übernahme von den Franzosen räumlich nicht verändert, es ist jetzt ein MädchenSportZentrum und EventCenter mit dem Schwerpunkt auf nahezu professionellen Tanzgruppen. Daneben gibt es weitere Sport- und Freizeitangebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Bei den Kursen für Jugendliche geht man sehr sensibel vor, sie werden nur für Mädchen, gemischt oder nur für Jungen angeboten. Die Kursteilnehmer sollen lernen, Respekt vor sich selbst und vor anderen zu haben. "Respect Girls" ist ein Ziel, "wir wollen uns nicht nur bewegen und Spaß haben, wir möchten auch etwas bewegen. Mit unserem Tanz stellen wir uns gegen die Diskriminierung von Frauen".

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Hierzu gibt es einen Forumsbeitrag: Cité Foch (10.2.2014)
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(1) Sowjetbotschaft Unter den Linden: Goodbye Lenin
(2) Bauten auf dem Düppeler Feld: Stammbahn nach Düppel
(3) In der "Jägersiedlung" Waidmannslust: Bismarckdenkmal ohne Bismarck
(4) Nordgraben: Nordgraben



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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Einkaufscenter Cité Foch

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Unsere Route
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