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Des Königs Garderegiment


Stadtteil: Charlottenburg
Bereich: Klausenerplatz
Stadtplanaufruf: Berlin, Gardes-du-Corps-Straße
Datum: 14. Juli 2014
Bericht Nr:: 470

Friedrich der Große, das war der geistreiche Gesprächspartner des Philosophen Voltaire in Sanssouci, der pfeiferauchende König im Tabakskollegium, der Erbauer des Forum Fridericianum, des Bauensembles Unter den Linden (1). Er holte Kolonisten ins Land, versuchte sich in der Seidenraupenzucht, sorgte für Toleranz im Land. Sein Vater trug den Beinamen "Soldatenkönig", hat aber nie einen Krieg geführt. Dagegen begann der Schöngeist Friedrich II. seine Regentschaft mit drei Kriegen, der tolerante Herrscher war auch ein aktiver Feldherr und Militärchef. Im Jahre seiner Thronbesteigung gründete er nach französischem Vorbild das Regiment der Gardes du Corps, eine Elitetruppe und gleichzeitig Leibwache des Königs. Als König residierte er im Schloss Charlottenburg, bevor er nach Sanssouci umzog.

Die Gardes du Corps hatten ihren Reitplatz direkt gegenüber dem Schloss, dort wo heute der Klausenerplatz liegt. Die auf den Platz führende Gardes-du-Corps-Straße hält diese Erinnerung wach. Die Offizierskasernen der Gardes du Corps wurden später an der Schloßstraße erbaut ("Stülerbauten"), sie dienen heute als Museen (u.a. Sammlung Berggrün). Auch das Königin-Elisabeth-Garderegiment - dessen Kaserne kurz vor 1900 an der Soorstraße errichtet wurde - hat hier im Quartier Spuren hinterlassen. Es übernahm in der Neufertstraße ein Magazin und baute es in eine Reithalle um. Heute kann man diese Funktion nur noch anhand der Gebäudeumrisse vermuten, denn später wurde das Gebäude als Notkirche und dann als Kino und heute als Biomarkt genutzt.

Der Kiez um den Klausenerplatz ist das Ziel unseres heutigen Stadtspaziergangs, im Jahr 2010 hatten wir uns dem Quartier bereits einmal vom Kaiserdamm aus genähert (2). Das Gebiet um den Klausenerplatz diente lange Zeit der Landwirtschaft, im Gründerzeitboom während der Industrialisierung wurde es dann dicht bebaut. In den Vorderhäusern mit den Schmuckfassaden und großzügigen Wohnungen lebte die gehobene Klasse. Die Hinterhäuser mit engen Höfen und extremer Verdichtung wurden von Arbeitern bewohnt, die sich ein Zimmer mit ihrer gesamten Familie und "Schlafgängern" teilen mussten (3). So war es kein Wunder, dass direkt gegenüber dem Charlottenburger Schloss ein „roter Kiez“ („kleiner Wedding“) entstand. In der Zeit der Weimarer Republik wurde hier anders als im überwiegend konservativen Charlottenburg SPD und KPD gewählt. Die Nazis terrorisierten mit SA-Sturm und Razzien die andersdenkende Bevölkerung, die es vorübergehend geschafft hatte, sich mit "Häuserschutzstaffeln" gegen Zwangsmaßnahmen und Überfälle zu organisieren. Den Bombenkrieg überstanden die Häuser ziemlich unbeschädigt, dann drohte der Mietskasernenstadt der Abriss durch Festlegung als Sanierungsgebiet. Teilweise wurden Innenblöcke "entkernt", aber gegen den Abriss wehrten sich die Bewohner, auch mit Hausbesetzungen. Die "behutsame Stadterneuerung" wurde das Modell für den Erhalt des Altbaubestandes, auch die Internationale Bauausstellung IBA 1984/87 folgte diesem Weg (4).

Die Häuser in der Christstraße vermitteln das Bild einer Gründerzeitstraße aus den 1870er Jahren, sie haben bis heute fast unzerstört überdauert, lediglich durch Aufstockungen wurden die ersten niedrig errichteten Häuser an die spätere Traufhöhe angepasst. Es gibt nur einige wenige Straßen oder Kieze in Berlin, an denen aus unterschiedlichen Gründen die Stadtentwicklung äußerlich vorbeigegangen ist (5). Das historische Flair und die Authentizität werden gern für Filmaufnahmen genutzt. Auch aktuelle Streifen entstehen hier, so drehte beispielsweise die ARD-Vorabendserie "Berlin, Berlin" mehrfach in der Christstraße.

Im Gründungsfieber nach der Reichsgründung gab es in Charlottenburg einen Architekten, der an dem Bau von Mietskasernen und der Verwertung von Baugrundstücken in großem Umfang profitiert hat - den "Baukönig von Charlottenburg", Alfred Schrobsdorff. Am Klausenerplatz bebaute er die Grundstücke 8-9, 11, 14, 19, in der Seelingstraße und Danckelmannstraße stehen weitere Gebäude im Kiez, die er errichtet und verkauft hat. Als Denkmale sind heute 41 seiner noch vorhandenen Häuser in ganz Charlottenburg eingetragen. In der Kantstraße 125 hat er in einem Gartenhaus hinter seinem Mietwohnungsbau eine Synagoge eingerichtet. In Westend, das Schrobsdorff mit seiner Terraingesellschaft (6) Neu-Westend AG parzellierte, baute er seine eigene Villa, die nicht mehr erhalten ist.

Heute fördert die Schrobsdorff-Familienstiftung die Erhaltung öffentlicher Baudenkmäler, auch seine Hausverwaltung und sein Bauunternehmen bestehen noch. Das Grab auf dem Luisenfriedhof II soll schon durch seine schiere Größe und die Masse des Natursteins beeindrucken. Fünf massive Säulen und zwei Eckstützen tragen den Giebel des tempelartigen Grabdenkmals, das mit seiner Wucht die rückwärtig angrenzenden Gräber fast erschlägt. "Oh Liebe, Du bist stark" steht rückseitig auf dem Sockelrest eines anderen Grabsteins. Das ist nicht so leicht für die Liebe, einem solchen massenhaften Druck im Rücken standzuhalten.

Den Klausenerplatz, der bis dahin diagonal von Wegen gekreuzt wurde, gestaltete der Berliner Gartendirektor Erwin Barth in den 1920er Jahren als Gartenanlage, Dadurch wurde die Fläche zu dem Schmuckplatz, so wie James Hobrecht es in seinem Entwurf für den Stadtgrundriss vorgesehen hatte (7). Der Spielplatz inmitten des Platzes verschwand, als im Zweiten Weltkrieg ein Schutzbunker für die Bevölkerung auf dem Platz errichtet wurde. Der auf der Bunkerplatte angesiedelte Kinderspielplatz wurde wieder "tiefer gelegt" auf die ursprüngliche Höhe, als man den Bunker beseitigt hatte. Gegenüber Südseite des Platzes beherrscht die Kirche St. Kamillus aus den 1930er Jahren das Bild. Über dem Kirchenraum wurden mehrere Etagen für ein Seniorenheim eingerichtet, alles überragt von zwei viereckigen Glockentürmen. Für schwerhörige Senioren ein idealer Platz mit Weitblick.

An der Sophie-Charlottenstraße Ecke Seelingstraße wohnte Heinrich Zille. Um die richtigen Motive für seine Skizzen zu finden, musste er nur aus der Haustür heraustreten. "Schilderer des Berliner Volkslebens" nennt ihn eine Gedenktafel am Hause am Lokal "Pinselheinrich". Doch Zille war nicht nur mit dem Zeichenstift unterwegs, auch als Fotograf hat er den Kiez dokumentiert, der auf manchen Bildern noch so ländlich-unbewohnt wirkte. Man kann Zille beim Skizzieren über die Schulter schauen, im Köllnischen Park steht er lebensgroß in Bronze (8). Bevor er berühmt wurde, stand Zille Modell für die Büste des Ritters Wedigo von Plotho auf der Siegesallee (9). Wenn Kaiser Wilhelm II. an den Figuren aller preußischen und Brandenburger Herrscher entlangritt, ahnte er nicht, dass Heinrich Zille ihn hier als Ritter anschaute.

Jenseits der Ringbahn und der Stadtautobahn liegt der Luisenfriedhof II, ein ehemaliger Cholerafriedhof, der bei der Neuanlage 1854 auch für "Obduktionsleichen" vorgesehen war. Wenn man den Friedhof betritt, vermisst man gleich eine Begrenzungsmauer mit Erbbegräbnissen, die bei alten Bestattungsorten typisch ist. Die knirsch an der Ostseite vorbeiführende Stadtautobahn und die parallel dazu fahrende Ringbahn lassen vermuten, dass der Friedhof einmal größer war, und tatsächlich musste er sowohl für die Ringbahn als auch für die Schnellstraße Gelände abtreten. Zuletzt wurden 1959 zweihundert Gräber umgebettet. Trotzdem gibt es noch einige Erbbegräbnisse.

In einem der noch vorhandenen Erbbegräbnisse ist Richard Böckh bestattet, ab 1875 Leiter des "Statistischen Bureaus der Stadt Berlin" und einer der bekanntesten deutschen Statistiker jener Zeit. Er erarbeitete aus den vorhandenen Bevölkerungsdaten "Sterbetafeln", das sind Tabellen, aus denen man die (statistische) Lebenserwartung ablesen kann. Zur Zeit sind das 77 Jahre für Männer und 82 Jahre für Frauen. Eine andere Idee von ihm könnte zu seiner Zeit hilfreich gewesen sein, nämlich die Nation nicht nach geographischen Merkmalen zu bestimmen, sondern nach ihrer gemeinsamen Sprache. In der heutigen Zeit würde das gewaltige Verwerfungen bringen, dann würde man die Ostukraine Russland zuordnen, soweit dort russisch gesprochen wird, der vorhandene Konflikt würde noch weiter angeheizt.

Am Bahnhof Westend hielt früher nicht nur die Ringbahn, es gab auch einen Güterbahnhof und eine direkte Anmarschstraße für das Königin-Elisabeth-Regiment. Vier Bahnsteige hatte Westend, heute wird nur noch einer benutzt, einer liegt brach. Die restlichen beiden Bahnsteige sind verschwunden, aber noch als freie Flächen zwischen den Gleisen erkennbar. Eine Kuriosität: Hier auf der Ringbahn gab es ab 1888 einen Kopfbahnhof für die Stadtbahn, sie fuhr von Westkreuz aus in den Bahnhof ein und dann wieder Richtung Ostkreuz zurück. Dieser Streckenteil wurde nicht elektrifiziert und der Kopfbahnhof deshalb abgerissen. Auch die Ringbahn hatte zeitweise einen Kopfbahnhof, die Cheruskerkurve, die den kreisrunden Ring unterbrach (10).

Am Klausenerplatz finden wir unseren Ruhepunkt. Wieder ist es die griechische Küche, die ich in anderen Kiezen öfter vermisst habe. Mit Blick auf Erwin Barths Schöpfung - den Klausenerplatz als Gartenkunstwerk - beschließen wir unseren Rundgang.

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(1) Friedrich der Große: Friedrich der Große
(2) Früherer Besuch im Klausenerplatz-Kiez: Fortschritt im Ledigenheim
(3) Wohnen in Mietskasernen: Mietskasernen und Hinterhöfe
(4) Internationale Bauausstellung IBA: IBA 1984/1987
(5) Erhaltene Gründerzeitviertel: Gründerzeit-Quartiere
(6) Mehr über Terraingesellschaften: Terraingesellschaften
(7) Stadtgrundriss von James Hobrecht: Hobrecht, James
(8) Heinrich Zille im Köllnischen Park (Bild in der Bildergalerie): Bundeskanzlerin und Stadtbärin
(9) Die Siegesallee im Tiergarten: Siegesallee
(10) Cheruskerkurve: Vier Siedlungen in der Heide

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Ein waschechter Berliner Schotte
Wo Libellenflügel in der Sonne glitzern