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Wo Libellenflügel in der Sonne glitzern


Stadtteil: Charlottenburg
Bereich: Mierendorffkiez
Stadtplanaufruf: Berlin, Am Spreebord
Datum: 21. Juli 2014
Bericht Nr: 471

Man wohnt in "Weltstadtlage", tritt auf die Terrasse, "wo Libellenflügel in der Sonne glitzern – begleitet vom Summen im Blütenmeer. Mit Wind im Haar kann man den Weitblick über Berlin genießen, an klaren Nächten nach den Sternen greifen". Dieses Lebensgefühl soll ein Neubau am Goslarer Ufer an der Spree vermitteln, doch trotz der quietsch-romantischen Maklerprosa sind wohl noch nicht genügend Interessenten gefunden worden, um loszulegen. Ein paar Meter weiter in der Darwinstraße sollen "innovativen Wohneinheiten" mit "360 Grad Rundumsicht" an der Spree entstehen, auch hier gibt es nur eine Ankündigung. Doch was wird man von dort aus sehen, wenn man nicht auf die Libellenflügel blickt oder rund um sich schaut? Die Wassernähe allein bringt es nicht, wichtig ist auch, dass man in einer "Gegend" wohnt. Tatsächlich werden aber diese Neubauten in einem Gewerbegebiet errichtet, es gibt keinen Supermarkt und kein Café, keinen Bus und keine U-Bahn in der Nachbarschaft. Statt dessen residiert hier "Heidis Kuschelecke", aber dort flattern keine Libellen, sondern andere Geschöpfe ("Wir können hart sein, zart oder lieb, wie Euer Trieb es mag"), die richtigen Nachbarn für Luxusapartments werden das auch nicht sein . Vorn an der Spree war früher die Strandbar "Paradiso Beach". Sie musste weichen, weil der Investor auf diesem Grundstück nach den Sternen greifen will, um Libellenflügel in der Sonne glitzern zu lassen, mal sehen, was draus wird.

Ein Spreekieker ganz anderer Art war der Rundfunkpionier Alfred Braun, dessen Bronzefigur am Südufer der Spree steht und auf die zukünftigen Bauten herüber schaut. Er war Schauspieler, ein Schüler Max Reinhardts, doch die meisten Menschen kannten nur seine Stimme. Braun war der erste deutsche Rundfunksprecher, für das neue Medium war er gleichzeitig ausführendes Organ und Impulsgeber. Er arbeitete nicht nur im Studio, sondern meldete sich auch mit Live-Reportagen, die den Nerv seiner Zuhörer trafen. Nicht er sei zum Rundfunk gekommen, sondern der Rundfunk sei zu ihm gekommen, beschrieb Braun seinen Wechsel von der Schauspielerei zum Funkbetrieb. Mit „Achtung, Achtung, hier ist Berlin" meldete er sich 1923 bei seinen Zuhörern, und nach einem Weg über Verfolgung und Anpassung in der Nazizeit nahm er ab 1962 in der SFB-Sendung "Spreekieker" seine Heimatstadt aufs Korn.

Mit seinem Blick über die Spree schaut der "Spreekieker" aus Bronze auf Kalowswerder. Diese historische Ortsbezeichnung - abgeleitet von dem Namen eines Bauernhofes - ist im Laufe der Jahrhunderte schlicht verloren gegangen, Mierendorffkiez (nach dem zentralen Mierendorffplatz) nennt man es heute, aber das ist nur eine Hilfskonstruktion, weil ein wirklicher Name fehlt. Auch das auf Moabiter Seite angrenzende Martinikenfelde hat seinen Namen im Laufe der Zeit verloren (2), eine seltsame Duplizität der Ereignisse.

Der Mierendorffkiez ist eine von Wasser umgebene, fast quadratische Insel im Stadtgrundriss, die Spree umschließt hier mit einem Knick zwei Seiten des Karrees, die anderen beiden werden durch Kanäle gebildet (Westhafenkanal, Charlottenburger Verbindungskanal). Das Kraftwerk Charlottenburg, das ehemalige Gaswerk Charlottenburg, der BSR-Recyclinghof liegen hier östlich der Sömmeringstraße, umgeben von Autowerkstätten, anderen Gewerbebauten, tiefer liegenden Kleingärten. Das Gebiet am Goslarer Ufer hat kein Gesicht, es ist ein Unort, auf dem sich außer uns kaum jemand zu Fuß bewegt.

Von dem Gaswerk an der Gaußstraße ist nur noch der Wasserturm aus rotem und gelbem Backstein übrig geblieben. Die stadtbildprägenden Kugel-Hochdruckbehälter - 50 Meter hohen Stahlkugeln - sind ebenso abgerissen worden wie die denkmalgeschützten Kraftwerksbauten des Charlottenburger Stadtbaurats Paul Bratring. Zu seinen erhaltenen Bauten gehören die Feuerwache Alt Lietzow (1) und das Stadtbad in der Krummen Straße. Das Kraftwerk Charlottenburg des Architekten Georg Klingenberg ist dagegen als Heizkraftwerk weiter in Betrieb, die Kohlebefeuerung wurde stillgelegt. An den Bauten entlang der Spree kann man die Entwicklung in den unterschiedlichen Epochen ablesen: Maschinenhalle in märkischer Backsteingotik, Kesselhaus als rot verklinkerter sachlicher Industriebau mit markanten Fensterachsen, Gasturbinenanlage als orangefarbener Kubus mit in den Himmel ragenden Abgasrohren. Für die nicht mehr benötigten Bauteile hatte Vattenfall einen Wettbewerb unter Architekturstudenten ausgeschrieben, das preisgekrönte „Entspannwerk“ (Thermalbad nach römischem Vorbild) aber nicht verwirklicht.

Der westliche Teil des Mierendorffkiezes Richtung Spree und Tegeler Weg liegt dem Charlottenburger Schloss gegenüber. Eine Zugbrücke führte dort über die Spree, wo heute die Schloßbrücke die Verbindung herstellt. Trotzdem war es kein erweiterter Schlossbezirk, sondern eine "Kleine-Leute-Gegend", in der vor allem eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft, die "Gemeinnützige Baugesellschaft Berlin-Heerstraße" (später Teil der GSW), vier- bis fünfgeschossige Miethäuser errichtete. Am Mierendorffplatz schuf der Charlottenburger Gartenbaudirektor Erwin Barth (3) eine aufwändige Parkanlage mit Brunnen, Blumengarten, Spielplatz. Kleine Laternen mit quadratischem Glaszylinder rahmen die Zugänge ein, Barth wusste, was die Einwohner im Kiez brauchten: "Wenn irgendwo eine reiche Ausstattung der Plätze mit verschwenderischer Blumenfülle, mit Brunnen und dergleichen angebracht ist, so ist es da, wo Leute wohnen, die sich keine eigenen Gärten leisten können."

Auch den Goslarer Platz legte Barth gärtnerisch an, der Entwurf stammte noch von seinem Vorgänger. Es gibt einen Spielplatz, aber den Springbrunnen im nördlichen Bereich an der Kaiserin-Augusta-Allee ließ Barth weg. Bei unserem Besuch wirkt der Park vernachlässigt, der Bereich um die Parkbänke ist ziemlich verdreckt. Die Kaiserin-Augusta-Allee ist Teil des alten Spandauer Heerwegs, der von der Mitte Berlins über die Oranienburger Straße nach Spandau führte (4). Wir wechseln einmal kurz über den Verbindungskanal nach Moabit, weil uns vom anderen Ufer eine ausdrucksvolle Fassade unter dem trapezförmiger Restgiebel eines Krüppelwalmdachs herüberlockt. Wie ein Hut sitzt das Dach über der Fassade, die von vorstehenden Backsteinköpfen durchsetzt ist. Dies ist kein historisierendes Gebäude, sondern eine phantasievolle Neuschöpfung aus Backstein mit Hauben über den Portalen und Fassadenvorsprüngen. Figuren und Reliefs thematisieren das Lernen und zeigen damit, dass hier Schüler unterrichtet werden. Zur Kaiserin-Augusta-Allee hin wird das Schulgebäude von einer Wohnanlage mit spielerischen, fast expressionistisch anmutenden Fassadendetails eingerahmt. Hier hat wieder - wie auf der "Schloss-Seite" - die kommunale "Gemeinnützige Baugesellschaft Berlin-Heerstraße" Kleinwohnungen (bis zweieinhalb Zimmer) für Arbeiter und Angestellte errichtet.

Im Mierendorffkiez finden sich mehrere Gotteshäuser. Eine "Moschee ohne Minarett" - also in einem Wohnhaus - gibt es am Goslarer Platz. Ein geplantes Islamisches Kulturzentrum mit Moscheebau an der Keplerstraße kam 2008 nicht zustande, weil der Grundstückseigentümer dann doch einen anderen Kauf-Interessenten vorgezogen hat. Drei christlichen Kirchen begegnen wir auf unserem Weg: Südlich der Spree an der Wintersteinstraße hat sich die Russisch-orthodoxe Gemeinde “Schutz der Gottesmutter” (Maria Himmelfahrt) eine ehemalige Kita zur bescheidenen Kirche mit goldenen Kuppeltürmen umgebaut, sie hält ihre Gottesdienste auf "Kirchenslawisch" ab. An der Mindener Straße errichtete die "Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien" einen modernen Kirchenbau, der – etwas befremdlich - an prominenter Stelle im Erdgeschoss als Parkplatz für Autos ausgestaltet ist. Der Kirchenbaumeister Otto Bartning (5) schuf in den 1930er Jahren die Gustav-Adolf-Kirche an der Fabriciusstraße Ecke Herschelstraße. Beeindruckend, wie die Pfeiler und Joche der Kirche, je näher sie dem Turm kommen, immer weiter in die Höhe streben.

Am Mierendorffplatz ist es dann Zeit, in die U-Bahn einzusteigen. Die Bahnhöfe auf der Linie nach Spandau wurde vom Senatsbaudirektor Reiner G. Rümmler fast immer mit Assoziationen zu dem Stationsnamen gestaltet (6). Nur beim Mierendorffplatz ließ ihn seine Gestaltungsmuse im Stich, deshalb ist hier nur ein stilisiertes "M" mit Fliesen nachgezeichnet.

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(1) Das Kraftwerk Charlottenburg mit Siemenssteg und die Feuerwache von Paul Bratring haben wir bei einem Rundgang im Juni 2005 fotografiert: 300 Jahre Charlottenburg
(2) Martinikenfelde: Kathedrale der Arbeit, Tempel der Produktion
(3) Erwin Barth: Barth, Erwin Stadtgartendirektor
(4) Spandauer Heerweg: Der geheime Park
(5) Otto Bartning: Bartning, Otto
(6) U-Bahnhof Mierendorffplatz: Metropolis im Untergrund

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Des Königs Garderegiment
Kirche und Moschee in Farbe