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Der geheime Park


Stadtteil: Mitte
Bereich: Spandauer Vorstadt
Stadtplanaufruf: Berlin, Monbijoustraße
Datum: 10. März 2014
Bericht Nr.: 455

Geht man in den Innenhof der Oranienburger Straße 20, dann steht man völlig überraschend in einem Park, der so groß ist wie der Lustgarten. Einem Dreieck ähnelnd, auf allen Seiten von Häusern umgeben, leicht hügelig, lauschig, mit Sitzbänken, Liegewiese, Spielplatz. Mit viel Grün, Rasen, Büschen, Bäumen. Die umgebenden Häuser haben von ihrer Rückseite einen Blick oder Zugang zum Park. Bei mehreren Häusern sind hinter den Brandwänden - die dem Park zugewandt sind - die Treppenhäuser zu offenen Loggien für die Wohnungen umgestaltet worden. Nur die um eine halbe Etage versetzten Blindfenster in der Seitenfassade verraten, dass hier zusätzliche Lebensqualität in die Wohnungen gebracht wurde.

Die Oranienburger Straße verbindet die Friedrichstraße mit dem Hackeschen Markt. Dort am östlichen Ende stand die mittelalterliche Stadtmauer, umgeben von einem Festungsgraben. Die Stadt betrat man durch das Spandauer Tor am heutigen Hackeschen Markt, eine Brücke führte über den Festungsgraben. Nach dem 30-jährigen Krieg wurde die Stadt wie eine Festung ausgebaut, zwei Bastionen flankierten jetzt das Stadttor. Als später die Stadtbahn gebaut wurde, konnte man die Fläche der nicht mehr benötigten Stadtmauer zum Bau eines Viadukts gut gebrauchen. Die Mauer und die Brücke wurden hierfür 1877 abgetragen und der Festungsgraben zugeschüttet. Noch heute trägt die Straße, die den Hackeschen Markt einfasst, den Namen "An der Spandauer Brücke", obwohl es die Brücke seit fast 140 Jahren nicht mehr gibt.

Die alte Landstraße, die vom Spandauer Tor Richtung Westen führte - der Spandauer Heerweg -, wurde um 1700 wie eine Allee zur "Oranienburger Straße" ausgebaut, als die Spandauer Vorstadt entstand. Das gehobene Bürgertum schuf entlang dieser Allee für das sommerliche Vergnügen Gärten und Sommerhäuser ("Lust-Häuser"), ein Verein „Ressource zur Unterhaltung“ veranstaltete Bälle, Theateraufführungen und Konzerte. Auf dem Gelände des heutigen Krausnickparks gab es eine Kegelbahn, einen Musikpavillon und einen Springbrunnen. Aus einem Sommerlokal wurde später ein Ballhaus mit zwei großen Sälen. Nach der Wende wurde das große Innengelände an der Oranienburger Straße auf Initiative der Anwohner als öffentlicher Park angelegt. Noch haben der "tripadvisor" und andere Tippgeber-Reiseportale den Krausnickpark nicht entdeckt, aber wirklich geheim im Sinne von unbemerkt wird er wohl nicht lange bleiben.

Direkt gegenüber lag das königliche Schloss Monbijou, dessen kriegsbeschädigte Reste von der DDR abgetragen wurden (1), nur die Beamtenhäuser an der Monbijoustraße stammen noch aus Zeiten, als das Schloss noch stand. Sie sind 1912 für königliche Hofbeamte errichtet worden. Aus dem ehemaligen Barockgarten und späteren Landschaftspark im englischen Stil wurde nach der Wende der Monbijoupark, eine Szene-Schnittstelle, die bis zur Spreepromenade herunter reicht. Wir sind an einem schönen Frühlingstag unterwegs, die Menschen genießen die Sonne im Grünen. Der Schalenbrunnen ist noch ohne Wasser, Fernsehturm, Berliner Dom und die Synagoge grüßen herüber.

Das Viertel um die Oranienburger Straße ist der westliche Teil der Spandauer Vorstadt, östlich davon zum Alexanderplatz erstreckte sich das Scheunenviertel (2). Mehr als das künstlich wieder errichtete Nikolaiviertel (3) ist die Spandauer Vorstadt "die Altstadt" von Berlin. Ihr Wege- und Straßennetz ist fast vollständig aus der Gründungszeit überliefert, ein Großteil der historischen Bauten blieb erhalten und wurde so wieder hergestellt, dass die einmalige und unverwechselbare städtebauliche Eigenart der Vorstadt heute noch (oder wieder) sichtbar ist. Das gesamte Bauwerksensemble von A wie Ackerstraße bis Z wie Ziegelstraße wird heute als Denkmal behandelt. Seit der Sanierung stieg die Einwohnerzahl um 24% die Zahl der Kinder sogar um 66%, das fordert den Bezirk heraus, die Infrastruktur (Kitas, Schulen, Grünflächen) weiter zu entwickeln.

Tagsüber ist die Oranienburger eine Touristenmeile, in der Dunkelheit wird sie zum Straßenstrich. "Ich war schockiert, wie gut die Damen aussahen", schreibt ein Tourist im Internet und ein anderer liefert eine Beschreibung des Outfits dazu: "Im Sommer mit hohen Stiefeln, den String über der Strumpfhose und extrem abgezwängter Wespentaille, in den Wintermonaten in schillernden wattierten Einteilern und Moon­boots". Der Bezirk hält still: "Das ist halt freie Marktwirtschaft. Wir stehen da außen vor“. In den ersten Jahren nach der Wende war die Oranienburger ein schräger und hipper Ort, im DDR-Rohzustand von Künstlern entdeckt, mit dem Tacheles als weltbekanntem Mittelpunkt der alternativen Kunst- und Kulturszene. Später übernahm gegenüber im Postfuhramt die viel beachtete Fotogalerie "c/o" die Räume im morbiden Charme, ein hervorragender Hintergrund für ihre Präsentationen. Beides ist Vergangenheit, das Tacheles-Gebäude wurde versteigert, das Postfuhramt wird von einem Investor renoviert, alle Mietverträge sind beendet. Eine langfristige Entwicklung vom schrägen Biotop zum edlen Geschäftsviertel zeichnet sich ab.

Dem Postfuhramt schräg gegenüber liegt das Telegraphenamt, das mit anderen Bauten bis zur Spree herunter einmal das "Forum Museumsinsel" werden soll (4). Das Telegraphenamt war an das Berliner Rohrpostsystem angeschlossen, mittels Druckluft wurden Schriftstücke in zylindrischen Behältern durch die Rohre gejagt. Als nach Ende des Zweiten Weltkriegs Teile dieses Netzes unbrauchbar waren, ersann man den "Postschnelldienst". Zwischen den funktionsfähigen Teilen der Rohrpostanlage wurden die Sendungen mit Motorrädern oder anderen Fahrzeugen befördert, ein hocheffizientes und schnelles Ersatzsystem. Im Bundesarchiv ist ein Bild aus dieser Zeit (1950) überliefert, das einen motorradfahrenden Postbeamten vor dem Telegraphenamt in der Oranienburger zeigt. Heute wird gefaxt, die Rohrpost wurde überflüssig.

Die Synagoge mit ihren goldenen Kuppeln prägt das Bild der Oranienburger Straße. Fontane schrieb begeistert, dass diese Synagoge "an Pracht und Herrlichkeit christliche Kirchen weit in den Schatten stellt". Sie war der Mittelpunkt eines jüdisch geprägten Wohnviertels, dem wir einen eigenen Spaziergang gewidmet haben: "Vor und hinter der Synagoge" (5).

Die Oranienburger Straße 39-40 hatte zwei eigene Kinder-Gespenster, solange dort noch eine baufällige Mauer war, in die man einen Obolus zur Erfüllung seiner kleinen Wünsche hereinstecken konnte. Inzwischen ist das Haus verputzt und die dienstbaren Gespenster sind verschwunden. In der Oranienburger Straße 67 wohnte und starb Alexander von Humboldt, eine am Haus unscheinbar gehängte Gedenktafel erinnert daran. Direkt davor ist der Eingang zur S-Bahn, die hier in einem Tunnel verläuft, der Richtung Friedrichstraße die Spree unterquert. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs fluteten Pioniere der Roten Armee versehentlich den Tunnel. Als sie die Reste der in der Spree liegenden Ebertbrücke (Tucholskystraße) sprengten, ahnten sie nicht, dass hierunter der S-Bahntunnel verläuft.

Zwei große Innenhöfe an der Oranienburger Straße freuen sich über Besucher. Design, Kunst, Kleingewerbe, Dienstleistung, Gastronomie verlocken zum Schauen, Kaufen und Verweilen. Die Heckmann-Höfe bestehen aus mehreren ineinander übergehenden Höfen - ehemaligen Gärten -, sie gehen bis zur Auguststraße durch. Der Kunsthof ist ein original erhaltenes Gebäudeensemble, das um einen Innenhof gruppiert ist, zur Straße klassizistisch, im Innenhof im italienischen Villenstil mit Rundbogenfenstern. Ein Cookieautomat im Hof, knallrot und mit Glubschaugen, wird von der Keksbäckerin nachgefüllt, wenn er in Betrieb ist. Sie meint, es sei der erste Keksspender der Welt.

Am östlichen Ende der Oranienburger verengt sich die Straße, hier stehen sich die Häuser wegen der historischen Baufluchtlinie sehr nahe gegenüber. Dies ist die Meile zweier wohlhabender Handwerker, die miteinander wetteiferten mit Neorenaissance-Bauten. Bäckermeister Klinge in Haus-Nr.84 baute schlicht, ließ aber die Eingangstür und die Wohnungstüren im Neorenaissancestil entwerfen und den Treppenaufgang mit Holzimitations- und Intarsienmalerei verzieren. Ein paar Jahre später errichtete Fleischermeister Prausnitzer auf der schmalen Parzelle Nr.4 gegenüber ein Wohn- und Geschäftshaus mit einer Fassade in Kolossalordnung. Die Säulen und Pilaster verbinden zwei Etagen miteinander, gekrönt werden die Säulen von einem Giebel in Segmentbogenform, der aufgesprengt ist - welch eine Dynamik! Und damit man sah, wer hier residiert, ließ er zwei Rinderköpfe als Skulpturen anbringen. Im Seitenflügel des Gebäudes war bis 1987 tatsächlich eine Fleischerei untergebracht.

Am Monbijouplatz lädt uns das Café in dem Haus mit der markant geschwungenen Glasfassade zum Verweilen ein. Ein sonniger Tag in der Oranienburger Straße - das kann wie Urlaub sein.

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(1) Schloss Monbijou: Eiskunstlauf und Sommerkonzert
(2) Scheunenviertel: Unglücklicher Fall eines Steines - und - Scheunenviertel
(3) Nikolaiviertel: Palastschaustelle
(4) Forum Museumsinsel: Eiskunstlauf und Sommerkonzert
(5) Jüdisches Viertel: Vor und hinter der Synagoge



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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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