Bezirke
  ALLE ZIELE     Personen     Themen     Aktuell     Forum  
Charlottenburg-Wilmersdorf
Friedrichshain-Kreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Mitte
Die alte Mitte
Regierungsviertel, Hauptbahnhof und mehr
Tiergarten
Wedding
Neukölln
Pankow
Reinickendorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Treptow-Köpenick
Allgemein:
Startseite
Ich bin NEU hier
Hinweise
Kontakt
Impressum
Links
SUCHEN
Sitemap

Unglücklicher Fall eines Steines


Stadtteil: Mitte
Bereich: Scheunenviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Gormannstraße
Datum: 23. August 2010

"Hier ruhet Der Steinmetzgesell George Friedrich Trommer
Er starb den (...) Juni 1802 am Königl. Schloss Bau
durch den unglücklichen Fall eines Steines,
welcher ihm den Kopf zerschmetterte.
Durch seine Fügsamkeit und gute Eigenschaften
wird er seinen betrübten Eltern im Herzen stets unvergesslich bleiben".

Die monumentale Grabplatte mit diesem Spruch liegt auf dem Alten Garnisonfriedhof im Scheunenviertel. Es ist wahrscheinlich, dass hier die Handwerker am Schloss symbolisch geehrt werden sollten, denn dieser Teil des früher zweigeteilten Friedhofs war vor allem leitenden Militärs und verdienten Persönlichkeiten vorbehalten. Es gab jenseits der Gormannstraße einen weiteren Bereich für die einfachen Soldaten ("Gemeinenfriedhof"), der aber nicht mehr erhalten ist, weil er 1867 geschlossen und später zur Bebauung freigegeben wurde. Fast wäre zu DDR-Zeiten auch der heute in einen Park umgewidmete Friedhofsteil der Wohnbebauung gewichen, aber die Bagger, die schon mit dem Abräumen begonnen hatten, wurden woanders gebraucht (schreibt die Wochenzeitung "Junge Freiheit") oder der Protest von Denkmalpflegern und Kulturbund hatte Erfolg. Da waren allerdings schon rund 300 der 489 Gräber abgeräumt.

Der Alte Garnisonfriedhof ist Berlins ältester Militärfriedhof, er wurde ab1701 auf einem Gelände außerhalb der Stadtbefestigung erbaut, das der erste preußische König hierfür bereit gestellt hatte. Die Jahreszahl "1722" über der Eingangspforte verweist auf die kriegszerstörte und nicht mehr vorhandene Garnisonkirche. Die auf dem Friedhof vorhandenen Grabdenkmale ehren vor allem Militärs aus der Zeit der Befreiungskriege, mit denen die napoleonische Besatzung abgeschüttelt wurde und die 1813 zur Niederlage Napoleons in der Völkerschlacht bei Leipzig führten. Diese "deutsche Erhebung" war ein Schlüsselerlebnis der deutschen Nationalgeschichte nicht nur für konservative Bevölkerungsschichten.

Viele Grabmale auf diesem Friedhof, insbesondere die meist künstlerisch und technisch anspruchsvollen gusseisernen Grabkreuze, stammen aus der Königlichen Eisengießerei. Ebenfalls aus Gusseisen ist ein offenes, von schmalen Säulen getragenes "gotisches" Grabdenkmal mit einem Baldachin mit kleinen Türmchen (Fialen), in dem ein Jüngling mit vom Körper gleitenden Gewand aufrecht steht. - Ein gusseisernes klassizistisches Denkmal zeigt ein aufwendiges Waffenarrangement mit Helm auf einem viereckigen Sockel. - Eines der schönsten Stücke aus der Eisengießerei ist ein Sockelaufsatz mit der Abbildung eines von Blatt- und Blütenranken umgebenen weiblichen Schutzgeistes (Genius) mit Siegeskränzen in den Armen. - Den Grabplatten an Kirchenwänden (Epitaph) nachempfunden sind die auf einem Sockel aufrecht stehenden gusseisernen Inschriftenplatten mit Fialen, eine Besonderheit des Eisenkunstgusses wie auch der Grabgestaltung. - Mehrere Grabmale auf dem Friedhof sind nach Entwürfen oder Ideen von Karl Friedrich Schinkel gestaltet.

Antikisierende Säulen aus weißem Marmor auf einem Grab zeigen Wohlstand und Bildungsbeflissenheit zur Zeit des Historismus. Die Inschrift "Gott vor Augen / Wahrheit auf der Zunge / Brüderliebe im Herzen" findet sich auf dem Granitgrabmal eines Generals, das seine Zugehörigkeit zu den Freimaurern hervorhebt. Vier Sphinxfiguren richten ihren Blick in alle Himmelsrichtungen, auf einer Fläche umfassen sie ein Reliefportrait des Verstorbenen. - Zu den hier Bestatteten gehören bekannte Namen wie Lützow, Gontard, Brauchitsch, Holtzendorff, Knesebeck, Danckelmann, Stülpnagel, Puttkammer, Winterfeldt und der Dichter de la Motte Fouqué.

Wir sind im Scheunenviertel unterwegs, am Hackeschen Markt beginnt unser Rundgang. Für die Lebenden, die im "Szeneviertel" von der Friedrichstraße über die Linienstraße über den Hackeschen Markt und bis zum Alexanderplatz unterwegs sind, ist alles "Scheunenviertel", historisch gehört allerdings nur der Bereich zwischen Rosenthaler Straße und Rosa-Luxemburg-Straße dazu. Der Große Kurfürst, der nach dem Dreißigjährigen Krieg die Entwicklung seines Residenzortes zu einer modernen Stadt vorantrieb, hatte wegen der Brandgefahr den Bau von Scheunen 1672 nur noch außerhalb der Stadtmauer erlaubt. Im landwirtschaftlichen Gebiet nördlich der Dircksenstraße entstand das Scheunenviertel. Friedrich Wilhelm I. konzentrierte jüdische Bürger 65 Jahre später in den Bauten des Scheunenviertels, Juden durften nur durch das Rosenthaler Tor die Stadt betreten, vor der Stadt wurde für die Abgewiesenen eine "Judenherberge" errichtet. Im Zeitalter der Industrialisierung entwickelte sich das Scheunenviertel mit verdichteter Bebauung zum Hinterhof und Armenviertel Berlins. Vor dem ersten Weltkrieg wurde vom Berliner Magistrat eine Sanierung des Viertels begonnen, aber nicht vollendet. Die Nationalsozialisten zerstörten den Zusammenhalt der Bewohner des Scheunenviertels, sie gingen gegen die jüdische Bevölkerung vor. Zu DDR-Zeiten verfiel das, was nicht durch die Bomben vernichtet worden war. Die Neubauten nach der Wende haben dem Scheunenviertel ein völlig neues Gesicht gegeben, das spannend, aber nicht historisch ist.

Zwei Dinge fallen beim Flanieren auf: Zuerst, dass es noch Häuser gibt, die den Charme des Umbruchs nach der Wende 1989 haben, das Zerbröckelnde neben dem Neuen. Heute stehen sie in dem Szeneviertel, als wollten sie sich auflehnen gegen das Glattpolierte, gegen Verdrängung und Konsum, gegen den inszenierten Fortschritt. Viele Graffiti befindet sich an den alten Häusern. Der Hof des Projekts Schwarzenberg in der Rosenthaler 39 ist geradezu ein Graffiti-Musterbuch, außerdem prägen monströse Metall-Kreaturen das Bild des Hinterhofs. Zurückhaltend formuliert der Verein, das Haus hebe sich "optisch stark von den benachbarten Gebäudeensembles der Hackeschen Höfe und Rosenhöfe ab".

Im "Linienhof" wehren sich linke Bewohner gegen linke Architekten, die das Gebäude zu einem Projekt selbstbestimmten Bewohnens machen wollen. Was es schon ist, sagen die Bewohner und schreiben ans Haus: "Baut Euer Haus woanders! Linienhof bleibt". Ein weiterer Spruch "Soldaten sind Mörder" ist offensichtlich als Provokation für die Besucher des gegenüberliegenden Garnisionfriedhofs gedacht.

Und weiter fällt auf - wenn man in die Häuser hineingeht, wo dies möglich ist (beispielsweise in der Rosenthaler Straße) - dass manchmal unerwartet schöne restaurierte Treppenhäuser den Blick ins Innere belohnen.

Alte Bauten haben sich zumindest in Teilen erhalten und wollen zwischen den vielen Produkten junger oder arrivierter Architekten - geradezu ein Musterbuch aktueller Gestaltung - entdeckt werden. Von Franz Messel, dem Architekten des Kaufhauses Wertheim am Leipziger Platz, sind in der Sophienstraße Ecke Rosenthaler Reste seiner dortigen Wertheimfiliale in einen Neubau integriert worden, deren Architektur unübersehbar auf Architekten und Zweckbestimmung verweisen. In der Rosenthaler sind noch Reste der figürlichen Fassadengestaltung erhalten. In der Großen Hamburger 19a steht in der alten Baufluchtlinie, gegenüber der die heutige zurückgesetzt ist, das älteste Haus von 1691 mit einer Fachwerk-Remise auf dem Hof. In der Auguststraße ist ein Backsteingebäude des Stadtbaurats Blankenstein erhalten, das als Schule errichtet wurde und heute als Kulturhaus dient.

In der Großen Hamburger Straße finden sich Zeugnisse jüdischen Lebens im Scheunenviertel: der Jüdische Friedhof, die Jüdischen Knabenschule, das Mahnmal "The Missing House", das an die jüdischen Bewohner eines zerbombten Hauses erinnert und die von Lammert geschaffene Skulpturengruppe vor dem Friedhof, die an die Deportation von Juden erinnert.

In dem Lokal, das heute unseren Hunger stillen soll, sind fast alle Tische besetzt. Plötzlich stockt der Service, die Kellnerin steht mit vergeistigtem Blick hinter der Theke und kommt nicht wieder vor. Sie hat sich aus dem Stand in einen Gast verguckt und ist für profane Handlungen nicht mehr einsetzbar, ihre Kollegin hinter der Theke macht jetzt beide Jobs und erklärt uns das Geschehen auf intensives Befragen.

-------------------------------
> Zur Königlichen Eisengießerei steht mehr in dem Bericht Sachbearbeiter in Käfighaltung
> mehr Spaziergänge im Scheunenviertel: Scheunenviertel


Erfolgslose Buddelei
Wünsch dir was