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Stadtentwicklung wie im Brennglas


Stadtteil: Mitte, Wedding
Bereich: Brunnenstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Rosenthaler Platz
Datum: 12. Mai 2014
Bericht Nr: 462

Die Brunnenstraße ändert auf ihrem Weg zwischen 3 U-Bahnhöfen 3mal extrem ihr Gesicht: Vom schrillen Szenekiez über die bürgerliche Gründerzeit bis zur Kahlschlag-Sanierten West-Berliner Bausünde. Dabei sind es vom U-Bahnhof Rosenthaler Platz über Brunnenstraße bis Voltastraße nur 1,4 km Weglänge. Himmelsrichtungen und politische Richtungen waren zur Zeit der Teilung Berlins bekanntermaßen nicht unbedingt identisch, so gehörte der südliche Teil der Brunnenstraße bis zur Bernauer Straße zum Osten Berlins und der nördliche bis Gesundbrunnen zum Westen. Was Atmosphäre und Flair betrifft, hat der ehemalige Osten im Süden heute die Nase vorn, die Brunnenstraße setzt sich hier als Rosenthaler Straße mitten ins alte Stadtzentrum fort. Der vom Stadtentwicklungssenator veröffentlichte Index zur sozialen Stadtentwicklung mit 4 Kategorien von "hoch" bis "sehr niedrig" stuft die Brunnenstraße im ehemaligen Ost-Berlin "hoch" und "mittel" ein, im ehemaligen West-Berlin "niedrig" und "sehr niedrig".

Seit Jahren wird in der Brunnenstraße zwischen Rosenthaler Platz und Invalidenstraße/Veteranenstraße (1) ohne Unterlass gebaut und umgebaut. Fast würde man es bedauern, wenn sich eines Tages die Straßenbahn nicht mehr ihren Weg erkämpfen muss zwischen in zweiter Spur geparkten Bau- und Lieferfahrzeugen und bis an die Straße heranreichenden Bauzäunen. Dieser 350 Meter lange Teil der Brunnenstraße ist ein Mikrokosmos Berlins, hier findet sich von Ikonen der Prenzelberg- und Berlin-Mitte-Szene bis zur kommunalen Einrichtung ein unglaubliches Spektrum an Angeboten: Fitnessstudio, Musik-Café, Hotel, Nagelstudio, Tattoo-Studio, Stadtbücherei, Bioladen, Handyladen, Galerie, Buchladen mit Latte-Macchiato-Tresen, Lottoladen, Retro-Möbelladen, Sushi-Restaurant, Currywurstbude, Pasta-Fastfood, Internetcafé, Friseur-Stylist, Schuh-Location, Teppich-Design-Store. Und sicherlich ist schon wieder etwas Neues hinzugekommen, während Sie dieses lesen.

In einem monumentalen historischen Industriehaus mit imposanter Fassade sitzt standesgemäß eine Senatsbehörde, der Polizeiabschnitt muss sich mit einem modernisierten Plattenbau zufrieden geben. Der Weinbergspark (2) hat eine Kante zu diesem Teil der Brunnenstraße. Im Erdgeschoss des Wohnhauses Nr.10 befindet sich ein Zugang zum U-Bahnhof Rosenthaler Platz, eine für Berlin eher ungewöhnliche Erschließung. Über die gesamte Fassade des Gebäudes zieht sich der Spruch "Dieses Haus stand früher in einem anderen Land", denn "menschlicher Wille kann alles versetzen", auch ein Haus von der DDR in die Bundesrepublik. An dem ehemals besetzten Haus Nr.183 verkündete die Fassade "Wir bleiben alle", bis es dann doch geräumt wurde. Fünf Jahre stand es danach zugemauert, jetzt verdeckt ein Baugerüst die Hausansicht. Die Besetzer hatten freiwillig Miete gezahlt, doch bei dem mehrmaligen spekulativen Weiterverkauf waren sie unter die Räder gekommen. Schon in der Zeit der Industrialisierung hatte Berlin eine ungehemmte Grundstücksspekulation, die mit manchen Nachwendeereignissen vergleichbar ist.

Die Fassade des vom Senat genutzte Hauses Nr.188 wird durch Natursteinpfeiler gegliedert, aus der sich "bay windows", hervorwölben. Das sind Fenster, deren Vorsprung nicht wie ein Erker von Mauerwerk eingefasst wird. Beim Brunnenhof (Haus Nr.181) bestimmen bay windows fast wie Schaufenster alle Etagen der ansonsten sehr viel schlichteren Fassade. Das Miethaus Brunnenstraße 5 zitiert die Renaissance mit einer ausdrucksvollen Natursteinfassade, die durch einen breiten Erker und durch Gesimsbänder pro Etage betont wird. Andere Fassaden zeigen zurückhaltenden Klassizismus oder gar keine Fassadenelemente mehr, weil sie "entstuckt" wurden.

In diesem architektonischen Mikrokosmos darf natürlich ein experimenteller Neubau nicht fehlen. Das Haus Nr.9 "repräsentiert garnichts", ist undefiniert, unauffällig, und genau damit fällt es auf. Gegen historisierende Fassaden setzt der Architekt Kunststoffflächen (Polycarbonat), die vom jeweiligen Nutzer der Etage nach seinem Geschmack ausgewählt werden können. Es ist wie ein "gebautes Architekturmodell", das "abends leuchtet wie ein Smartphone-Display". Die Etagen der angrenzenden beiden Nachbarhäuser sind auf unterschiedlicher Höhe. Der Neubau dockt auf jeder Seite an die dortige Etagengliederung an, der Sprung erfolgt im Neubau innerhalb jeder Etage. Im Hof schwingt eine Freitreppe von einem Balkon nach unten. Der Architekt Arno Brandlhuber wohnt selbst in einer Etage dieses Neubaus, der für die Fachwelt entweder ein Kreativ-Biotop oder eine Brutalität ist. Die Provokation ist Brandlhubers Impetus, in Krampnitz schuf er eine "Anti-Villa" - einen sanierten Betonkubus - zwischen konventionellen Einfamilienhäusern.

Und die Höfe in der Brunnenstraße! Anders als die halb-öffentlichen Innenhöfe mit Geschäften und Cafés wie beispielsweise am Hackeschen Markt sind die in der Brunnenstraße liegenden Höfe nicht für Publikum vorgesehen, manche kann man trotzdem betreten - und staunen. Das sind nicht Höfe, das sind kleine Wohnviertel mit Balkons, die sich da manchmal auftun. In anderen Innenbereichen gibt es Graffiti bis zum Abwinken oder Fabriketagen und Remisen. Gerade zur Ackerstraße hin haben die Höfe eine ungewöhnliche Tiefe, was auf die Siedlung Neu-Vogtland zurückzuführen ist, die sich hier vor der Berliner Stadtmauer erstreckte (3). Auch der Brunnenhof nutzt diese Ausdehnung für mehrere hintereinander geschachtelte Innenhöfe, ein Glaskubus wurde zusätzlich für den Empfangsbereich der Stadtbücherei in einen Hof integriert.

Man soll aber nicht glauben, dass die Brunnenstraße als Szenekiez eine Erfindung der Nachwendezeit sei. Der Flaneur Julius Rodenberg sieht "ein farbenreiches Bild neuesten Berliner Lebens", als er im Mai 1884 - also genau 130 Jahre vor uns - auf den Platz vor dem Rosenthaler Tor hinaustritt. In der Brunnenstraße „bis zur Veteranenstraße ist Laden an Laden, und am Abend, wenn die Lichter funkeln, blitzt und schimmert es hinter den Fenstern, vor denen, auf beiden Seiten, eine kauf- und schaulustige, wenig verwöhnte Menge hin- und herwogt. Alles, von einem Hemdenknopf angefangen bis zu completen Ausstattungen und Hauseinrichtungen", kann man hier kaufen. Auch auf Abzahlung, und er befürchtet, dass dieses System für die Arbeiter "nicht empfehlenswert" sei. Das Publikum war damals weniger hip, es war die "wenig verwöhnte Menge" der Arbeiter, die im Wedding wohnten. Knapp 70 Jahre später zeigt ein Bild aus dem Bundesarchiv statt einer wogenden Menge von Kauflustigen, wie DDR-Bürger in der Nachkriegszeit vor einem Konsum in der Brunnenstraße anstehen. Welch ein Sprung innerhalb von nur gut zwei Generationen!

Zu Rodenbergs Zeiten war die Brunnenstraße noch nicht durchgängig bis zum Gesundbrunnen bebaut. Auf freien Flächen sah er "Kartoffelfelder der Armen, denen unser Magistrat, zu billigem Pachtzins, Land und Saatkartoffeln, an Hülfsbedürftige vergibt, aber nur an solche, welche die würdigsten und mit einer großen Zahl von Kindern gesegnet sind. Jede dieser Familie erhält eine Parcelle durch das Loos zugewiesen und unter einen städtischen Aufseher gestellt, der für Ordnung zu sorgen hat und die Leute in der besten Art der Bearbeitung ihres Ackers unterrichtet." Doch Rodenberg sieht auch die enorm wachsende Stadt, die nach freien Bauflächen greift: "Allerdings, je weiter die Stadt vorschreitet, desto mehr muß der Acker hinausrücken; und auch hier, in der Brunnenstraße, sieht man schon neben demselben große Placate, welche dem Vorübergehenden die Wahl lassen, das betreffende Terrain als Kartoffelfeld zu pachten oder als Baugrund zu kaufen."

Auf dem Weg nach Norden ist an der Invalidenstraße/Veteranenstraße schlagartig der Szenekiez vorbei. Hier standen früher drei Kaufhäuser an den Ecken, nur das Kaufhaus Jandorf ist stehen geblieben. Auch dort, wo heute der Weinbergspark die Brunnenstraße flankiert, standen Bauten aus der Gründerzeit. Erstaunlicherweise wurden die kriegszerstörten Häuser nicht wieder aufgebaut oder durch Plattenbauten ersetzt. Stattdessen schuf die DDR in den 1950er Jahren den Park, der sich mit einem Café, Wasserbecken, Rosengarten und Rasenflächen bis auf den Hang des Berliner Urstromtals (4) erstreckt. Auf dem Berg wurde früher Theater gespielt (5), im Mittelalter wurde hier Wein angebaut (6), danach pflanzte man Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht Friedrichs des Großen (7). In der Gegenwart hatte der Park eine Zeit lang Probleme mit Drogendealern, eine Bürgerinitiative ist erfolgreich dagegen angegangen.

Bis zur Brunnenstraße schließt sich eine bürgerliche Wohngegend an. Gründerzeithäuser und mehrere dreigeschossige Häuser aus der ersten Bauphase um 1850 - noch vor der Reichsgründung - sowie Innenhöfe mit ehemaligen Stockwerksfabriken bestimmen den Charakter dieses Straßenabschnitts. Vor der Bernauer Straße ist die beim Mauerbau 1961 in den Stadtgrundriss geschlagene Schneise als Mauer-Gedächtnisstätte (8) erhalten geblieben. Selbst noch 25 Jahre nach dem Mauerfall schaut man verständnislos auf die Wunden, die der Stadt und ihren Menschen zugefügt wurden. Jenseits der Bernauer Straße - im ehemaligen West-Berlin - ist wenigstens auf einer Straßenseite die alte Bebauung teilweise erhalten geblieben. Die andere Straßenseite wurde kahlsaniert, mit Wohnsilos bebaut, der westlichen Variante von Großsiedlungsbauten.

"Wir haben uns vorgenommen, den Wedding so zu erneuern, daß die Mängel der Gründerzeit überwunden werden, daß das Odium der Zweitklassigkeit verschwindet, daß ein intaktes Stadtbild Abbild einer intakten Gesellschaft wird", hat der Weddinger Bürgermeister damals verkündet. Am guten Willen fehlte es nicht, die sozialen Mängel waren erkannt, aber die stadtplanerische Umsetzung war ein Irrweg, wie erst später sichtbar wurde. Es entsprach dem Zeitgeist, den Mietskasernen die Schuld an den sozialen Zuständen zu geben und keine Mischung von Wohnen und Gewerbe mehr zuzulassen. Im Sanierungsgebiet Brunnenstraße ("Brunnenviertel") wurden nach dem Mauerbau alle Altbauten abgerissen, Grundstücke zusammengelegt und neue Hoch- und Flachbauten mit Straßenüberbauungen errichtet. Trotz großer Freiflächen entstand eine gesichtslose Trabantenstadt, eine Schlafstadt, aus deren Gebiet mehr als 1.700 Läden, Kneipen und Kleinbetriebe verdrängt worden waren. Auch die alt eingesessenen Einwohner wurden in entfernte Stadtviertel umgesetzt, ein fast völliger Bevölkerungsaustausch im Sanierungsgebiet war die Folge. Erst später erkannte man, dass Altbauten durch Modernisierung an die heutigen Wohnbedürfnisse angepasst werden können, ohne die gewachsenen Strukturen eines Quartiers zu zerstören.

Sogar einen Brunnen hat die Brunnenstraße vor der Großsiedlung auf Höhe des U-Bahnhofs Voltastraße. Im "Supermarkt" an der Ecke Demminer Straße werden keine Lebensmittel mehr verkauft, es ist ein Marktplatz für Ideen und kreativen Austausch geworden, eine Nachnutzung, die dem Kiez etwas mehr Leben einhauchen will. Bei der Veranstaltung "Work & Shop" beispielsweise können Kunst-Interessierte selbst ihre Ideen umsetzen oder das ansehen und kaufen, was Maler, Illustratoren, Fotografen, Keramiker hergestellt haben.

Dieser Spaziergang verdichtet auf 1.400 Metern den Blick auf die Stadtentwicklung: im Zeitraffer (Industrialisierung bis Nachwendehype), im Vergleich der politischen Systeme (Ost/West), in Architekturepochen (Vorstadtbauten bis Gegenwartsarchitektur), im sozialen Gegensatz (mit allen Kategorien). Man kann aus der U-Bahn kommen, Wohnhöfe bestaunen, Graffiti entziffern, Shoppen, beim Latte Macchiato in Büchern stöbern, abhängen in der grünen Oase Weinbergspark, die Teilung der Stadt nachempfinden, eine Trabantenstadt in der Innenstadt erleben, und dann wieder in die U-Bahn steigen und zurückfahren. Flanieren - nicht nur durchlaufen, sondern hinsehen und etwas erfahren, wahrscheinlich sogar staunen. Das tun, was Flaneure immer tun, "das heißt: so tun, als ob sie nichts täten, und dabei die Augen sehr gut aufmachen" (Cees Noteboom).

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(1) Invaliden- und Veteranenstraße: Invaliden und Veteranen
(2) Weinbergspark: Volkspark am Weinbergsweg
(3) Neu-Vogtland: Bier und Schokolade
(4) Berliner Urstromtal: Urstromtal
(5) Theater auf dem Wollankschen Weinberg: Schlag recht viel Miete raus
(6) Weinanbau: Weinanbau
(7) Seidenproduktion und Maulbeerbäume: Seidenproduktion
(8) Mauer-Gedenkstätte: Mauergedenkstätte



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... ACHTUNG, es folgen DREI Bildergalerien ...

In den Bildunterschriften sind die Teilbereiche der Brunnenstraße angegeben:
(I) Szenekiez
(II) bürgerliche Wohngegend
(III) ehemaliges West-Berlin
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... und hier sind weitere Bilder ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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