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Eiskunstlauf und Sommerkonzert


Stadtteil: Mitte
Bereich: Monbijoupark
Stadtplanaufruf: Berlin, Ziegelstraße
Datum: 2. Juli 2012

Zu viele Kranke könnten die Medizinstudenten verwirren, befand die Humboldt-Universität und beschloss bei ihrer Gründung 1810, das Medizinstudium unabhängig von der Charité zu organisieren. Für den Aufbau einer eigenen Universitätsmedizin sprach vor allem Humboldts Anspruch auf Unabhängigkeit der Wissenschaft, denn in der Charité wurden Militärärzte ausgebildet, davon sollten die zivilen Medizinstudenten unabhängig sein. Der "Massenpraxis" der Charité sollte eine Ausbildungsklinik mit kleinen stationären Einheiten entgegengesetzt werden. In der Ziegelstraße - die parallel zum Spreeufer verläuft - errichtete die Humboldt-Universität in den 1880er Jahren die Gebäude des Universitäts-Klinikums. Bis dahin mussten die Universitätskliniken an provisorischen Standorten - beispielsweise zeitweise in einer Mietwohnung in der Friedrichstraße 101 - unterkommen. Trotzdem waren Charité und Universität miteinander verknüpft, teilweise unterrichteten dieselben Professoren an beiden Institutionen. Mit der Berufung Ferdinand Sauerbruchs an die Charité 1927 wurde dort die Chirurgie beider Institutionen zusammen gelegt und die Chirurgieklinik in der Ziegelstraße geschlossen. Heute ist die Berliner Universitätsmedizin aufgrund eines Landesgesetzes von 2005 in der Charité als gemeinsames Projekt mit der Humboldt-Universität und der Freien Universität vereint.

Gelbe Klinkerbauten mit roten Verblendersteinen, farbige Terrakotten an der Straßenfassade, alte Schriftzüge wie "Augen- und Ohrenklinik" oder "Chirurg. Poliklinik" sind bis heute erhalten, nur ein Zusatz (wahrscheinlich "Kaiserliche") wurde über dem Eingang zur Poliklinik überdeckt. Die Ziegelstraße endet zwar an der Friedrichstraße, liegt aber abseits der touristisch ausgetretenen Pfade in Mitte. Wenn man hier um die Ecke kommt, fühlt man sich um hundert Jahre zurückversetzt. Hermann Blankenstein, der Berliner Stadtbaurat, errichtete hier 1873 als erstes noch heute erhaltenes Gebäude eine Schule ("Luisen-Lyzeum"), einen roten Backsteinbau mit Rundbogen- und Segmentbogenfenstern und dem unvermeidlichen Berliner Bären als Wappen, außerdem mit weiteren Terrakotten an der Fassade. Nebenan wurde in den 1880er Jahren das Universitätsklinikum errichtet, Architekt war Martin Gropius - der Großonkel des Bauhaus-Gründers Walter Gropius - im gemeinsamen Architekturbüro mit Schmieden.

Die Universitäts-Frauenklinik wurde ebenfalls in den 1880er Jahren von Gropius & Schmieden entworfen, sie stand an der Ziegelstraße östlich der Tucholskystraße. Der Eckturm ist heute noch weithin sichtbares Zeichen der alten Klinik, die in den 1930er Jahren weitgehend abgebrochen und entlang der Ziegelstraße durch einen zeitgenössischen mattweißen Bau ersetzt wurde. Abgeschlossen wird der Baukörper zur Monbijoustraße durch einen Rundbau mit auskragendem Flachdach, das über dem Gebäude zu schweben scheint. Die neue Frauenklinik war der einzige Bau, der kurz vor Ende der Weimarer Republik im Rahmen der geplanten umfassenden baulichen Neuordnung der Universitätskliniken verwirklicht wurde. Alle Bauten aus 1880er Jahren in der Ziegelstraße sollten wegen baulicher, technischer und hygienischer Unzulänglichkeiten durch Neubauten ersetzt werden. Mehrere Baukörper sollten sich zur Spree hin öffnen, zum ersten Mal war für das Klinikum die Wasserlage entdeckt worden, bis dahin orientierten sich alle Bauten zur Ziegelstraße, aber nicht zur Spree. Das war auch nicht verwunderlich, denn die Spree diente dem Warentransport, nicht dem Vergnügen. Auf der Spitze der Museumsinsel wurde erst nach 1900 das Bodemuseum errichtet. Vorher stand hier ein Packhof, in dem gewerbliche Güter und Waren gelagert wurden. Mit einem hölzerner Drehkran am Kai wurden die Schiffe be- und entladen.

Der einzige Bau in Bereich der Frauenklinik, der am Spreeufer mit Blick aufs Wasser errichtet wurde, ist das 1911 von der Ida-Simon-Stiftung finanzierte Krankenhaus für "Frauen mit verfeinerten Lebensgewohnheiten", sozusagen die Privatstation der Frauenklinik, denn das Haus war der Klinik angeschlossen. Mit dem roten Fassadenputz und den zur Spree weisenden Balkons ist das Haus ein Blickfang für Spaziergänger am Spreeufer. An der Ecke zur Monbijoustraße und weit in diese Straße hinein erstreckt sich ein neoklassizistischer Bau, der ebenfalls der Frauenklinik diente.

Nördlich des Klinikgeländes konzentrieren sich Bauten der Post: an der Oranienburger Straße das Postfuhramt (1881) und das Telegraphenamt (1913) neben einem von der Post umgenutzten Logenhaus (1791), in der Tucholskystraße das Fernsprechamt (1926) und ein Post-Forschungsinstitut (1963). Bis auf das Postfuhramt liegen sie in einem Block zwischen Tucholskystraße und Monbijoustraße, der mit dem anschließenden Block bis zur Spree als "Forum Museumsinsel" zu einem Quartier umgebaut werden soll, das der Plaza des New Yorker Rockefeller-Centers nachempfunden ist. Als in den 1930er Jahren die Luxusboutiquen an der Plaza schwächelten, wertete man den Platz durch Events für jede Jahreszeit auf. Im Winter eine Eisfläche, im Sommer ein Konzertplatz, der Platz im Rockefeller-Center wurde so zu einem Stadtraum, in dem man sich begegnet. Weihnachtsmarkt, Eislauffläche, Freiluftkonzerte verspricht auch der Berliner Investor für seine Erlebniswelt - wie sich die Bilder ähneln.

Es ist ein ehrgeiziges Projekt, das der "Pizzakönig" Freiberger (1) seit Jahren zielstrebig verfolgt. 2001 kaufte er den "Postblock", 2007 die Frauenklinik. Das zu DDR-Zeiten errichtete Eckgebäude Oranienburger/Tucholskystraße ließ er unter Denkmalschutz stellen. Für den ersten Bauabschnitt am Gropius-Eckturm hat er den Stararchitekten Chipperfield gewonnen, dessen Entwurf mit runden Fensterbögen zur Spree orientalisch anmutet. Der Berliner Denkmalrat lobt die "hohe gestalterische Qualität" des gesamten Projekts, möchte aber verhindern, dass Freiberger sich die Ziegelstraße einverleibt, die eine "charakteristische Straße der Spandauer Vorstadt" ist und bemängelt, dass zu viele neue Balkons vorgesehen sind. Palais, Residenz, Ensemble - das Exposé spart nicht mit ambitionierten Begriffen. Man kann hoffen, dass der Anspruch an das neue Stadtquartier nicht mit zunehmendem Projektfortschritt sinkt, immerhin bestimmen 40.000 qm Grundstücksfläche - fast die Grundfläche der Cheops-Pyramide – den Charakter des Gebiets zwischen Spree und Oranienburger Straße.

Das "Forum" grenzt direkt an den Monbijoupark, der heute eine "geschützte Grünfläche" ist. Hier stand von 1706 bis 1959 das Schloss Monbijou, dessen Geschichte von Königen und ihren Herzdamen beherrscht wird. Mal war es die Maitresse des Königs, mal die Königin, die in diesem Schloss wohnte. Es begann mit dem großen Kurfürsten, der das Mustergut (hier wuchs die erste einheimische Kartoffel) erst seiner ersten, dann seiner zweiten Frau schenkte. Das erste Schloss baute Reichsgraf von Wartenberg, der Premierminister Königs Friedrich I., seine Frau war eine Maitresse des Königs (2). Großzügige königliche Spenden ermöglichten den Bau. Bewohnt wurde es - man ahnt es schon - von Frau von Wartenberg, der Geliebten des Königs. Friedrich II. (der Große) spielte als Kind in diesem Schloss, seine Mutter - Königinmutter Dorothea - veranstaltete hier im Sommer Soupées, Maskenbälle und Konzerte. Mit ihrem Mann - dem geizigen Soldatenkönig - hatte sie wenige Gemeinsamkeiten. Der "dicke Lüderjahn", Friedrichs Nachfolger (Friedrich Wilhelm I.), schob seine Frau Friedrike Luise nach Monbijou ab und widmete sich anderen Liebschaften. Das Abschieben der Königin war wohl die einzige Ähnlichkeit mit seinem Vorgänger, hatte doch auch Friedrich der Große seine Frau lieber auf Schloss Niederschönhausen als an seiner Seite gesehen. Zeitgleich mit dem Baubeginn auf der Museumsinsel gliederte die Kaiserliche Kunstkammer Altertümer ins Schloss Monbijou aus, unter Kaiser Wilhelm I. wurde es als Hohenzollernmuseum öffentlich zugänglich.

Auch die überlebensgroße Marmorbüste Chamissos, die auf einem polierten Granitsockel am Park steht, hat mit einer der Königinnen im Schloss Monbijou zu tun. Adelbert von Chamisso - der große Dichter der Romantik - war als 15-jähriger ab 1796 Page bei Konigin Luise, die dafür sorgte, dass er geregelten Unterricht bekam.

Das zunächst aus einzelnen Pavillons bestehende Schloss wurde mehrfach umgebaut und erweitert. 1717 war Zar Peter der Große mit seinem Gefolge Gast im Schloss Monbijou, hinterlassen haben sie es in desaströsem Zustand. 1943 wurde es von Bomben getroffen, die DDR ließ die Ruine drei Jahre nach der Sprengung des Stadtschlosses abtragen.

Angespornt durch unseren Spaziergang, wollten wir eine (frische) Pizza auf den Teller haben, doch daraus wurde nichts. In der Auguststraße klappte der Ober mit dem Hinweis "aus" die Speisekarten-Seite mit den Pizza zu, der nächste ins Auge gefasste Italiener in der Friedrichstraße an der Torstraße hatte sich mit unbekanntem Ziel verabschiedet. So bekamen wir zum Schluss ein nordafrikanisches Gericht in der Claire-Waldoff-Straße serviert und waren zufrieden.

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(Textversion vom 28.Juli 2015)
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(1) Freiberger: Sein Vater arbeitete sich vom bayerischen Bäcker zum drittgrößten Eiskremhersteller Deutschlands hoch, Ernst Freiberger produziert täglich 1,5 Mio. Tiefkühlpizza und -pasta.
(2) Mehr über den Reichsgrafen von Wartenberg: Übererfülltes Soll und preußische Misswirtschaft


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Universitätsklinikum Ziegelstraße


Brückentag
Bären im Alten Stadthaus