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Bären im Alten Stadthaus


Stadtteil: Mitte
Bereich: Molkenmarkt
Stadtplanaufruf: Berlin, Parochialstraße
Datum: 8. und 9. September 2012


Altes Stadthaus
Einen Stararchitekten hatte Berlin engagiert, um sein zu klein gewordenes Rathaus zu ergänzen. Als "Geheimer Baurat" hat Ludwig Hoffmann in Berlin mehrere hundert kommunale Bauten errichtet: Badeanstalten, Krankenhäuser, Museen, Schulen, Verwaltungsgebäude, Brücken (--> 1). Nach dem international bestaunten Erstlingswerk - dem Reichsgericht in Leipzig - konnte der junge Architekt aus vielen Angeboten seinen Job wählen. Einen besser bezahlten Verwaltungsjob bei der Reichsregierung lehnte er ab, um 1896 Stadtbaurat der Stadt Berlin zu werden - er wollte bauen, nicht verwalten.

Sein Hauptwerk, das Alte Stadthaus an der Spandauer Straße, öffnete sich am Denkmaltag 2012 für Besucher. Das war die Gelegenheit, eine besonders sachkundige Führung zu bekommen, sitzt doch das Landesdenkmalamt selbst in dem Gebäude, in dem einst auch Ludwig Hoffmann und seine Bauabteilung arbeiteten. Eigentlich sollte es nur ein Beamtensilo werden, die Stadt Berlin war in der Gründerzeit - zugleich Zeit der Industriellen Revolution - so stark gewachsen, dass zu den 300 Beamten im Roten Rathaus Platz für weitere 1.000 Staatsbedienstete geschaffen werden musste. In dem Altstadtquartier, das aus vielen kleinen Parzellen bestand, wurden 32 Grundstücke zusammen gelegt, wodurch ein Bauplatz in einem trapezförmigen Straßenkarree entstand. Hoffmann hatte den Anspruch, mit bescheidenen Finanzmitteln zu bauen, zugleich aber ein repräsentatives kommunales Gebäude zu errichten. Auf seinen Reisen nach Nord- und Süddeutschland, Italien, Griechenland, Holland, Belgien, Dänemark, England studierte er Bauweisen und Baumaterial. Besonders die italienische Renaissance hatte es ihm angetan, die Proportionen, die Behandlung von grob behauenen Natursteinen (Rustika), der Aufbau der Geschosse von der Sockelzone, Mezzanine (niedrigerem Zwischengeschoss), Piano Nobile (Bel Etage) und den Hauptgeschossen bis zum Dachgeschoss, die Verwendung von Säulen, die mehrere Etagen der Fassade zusammenfassen (Kolossalordnung), all das untergliedert den von seinen Ausmaßen monumentalen Bau des Stadthauses. Durch den trapezförmigen Grundriss des Gebäudes brachten Brechungen der Achsen im Innern und der Fassade eine willkommene Auflockerung.

An zwei Stellen hat Hoffmann dem Zweckbau besondere Akzente hinzugefügt, mit dem Bärensaal als zentraler Festhalle und dem Rundturm mit Kuppel. Der Turm stellt bewusst eine Beziehung zu den beiden Domen am Gendarmenmarkt her. Italienische Städte wie Siena hatten ihren Rathäusern Türme als Zeichen ihres Selbstbewusstseins und als Gegengewicht zu Kirchtürmen gegeben, hieran mag Hoffmann angeknüpft haben. Wie mächtig die Last des Turms auf das Mauerwerk der darunter liegenden Etagen abgeleitet wird, kann man im Dachgeschoss wahrnehmen. Architektur kann man fühlen, lautet eine Aussage (--> 2), hier bestätigt sie sich wieder. Vielleicht hat Hoffmann das auch deshalb besonders sichtbar gestaltet, weil die Baupolizei jahrelang Bedenken wegen der Tragfähigkeit hatte und erst ein Antichambrieren Hoffmanns beim Kaiser den Turmbau ermöglichte.

Der Bärensaal reicht über alle Geschosse, in der obersten Etage kann man durch runde Bullaugen in den Saal hinunter sehen, ein Umgang mit Rundbögen erlaubt den Blick von der ersten Etage. An den Saalwänden aus grauem Naturstein sind Sinnsprüche eingemeißelt, die keinen Bezug zum Ort haben Ihre Wirkung auf Besucher wird gering gewesen sein, oder ändert das Lesen dieser Zeilen Ihr Leben: "Eine gelinde Antwort stillet den Zorn, aber ein hart Wort richtet Grimm an". Zu DDR-Zeiten wurde das nur wenig kriegsbeschädigte Haus vom DDR-Ministerpräsidenten bezogen, Hammer und Zirkel prangten an der Fassade, auch die Stasi hatte hier einen Horchposten. Wie bei manchen anderen Bauten wurde die sozialistische Umgestaltung von Räumen durch Zwischendecken und Wandverkleidungen erreicht, nach der Wende kamen unter den Einbauten die historischen Schichten wieder ans Tageslicht. So auch beim Bärensaal, der von der DDR in einen kastenförmigen Sitzungssaal mit Stuhlreihen verwandelt wurde. Die Bärenskulptur war entbehrlich und kam - na logisch - in den Tierpark Friedrichsfelde. Die "Würde durch Distanz", die der Bildhauer dem Bären gegeben hatte, indem er ihn auf einen hohen Sockel stellt, ist dann nach der Wende wieder hergestellt worden. Die vier kleinen Bären, die im Vestibül auf Kugeln herumjonglieren, sind ebenfalls wieder da. Wo die Wände durch die Einbauten verletzt worden waren, hat man dies als Spuren der Geschichte nach heutigem Denkmalschutzverständnis sichtbar gelassen. Auch die ehemals weiß geputzte Tonnendecke des Bärensaals zeigt jetzt im Nachkriegszustand ohne Putz, dass sie aus Ziegeln gemauert wurde. Das ist nicht das Bild, das sich Hoffmann vorgestellt hat, aber dieser für die Augen schmerzhafte Bruch zu den grauen Natursteinwänden verweist auf den Bruch in der deutschen Geschichte.



Großer Jüdenhof
Der Haupteingang des Alten Stadthauses liegt an der Jüdenstraße. Nur wenige Schritte entfernt wird gerade von Archäologen der Große Jüdenhof ausgebuddelt, dessen Anlage in die früheste Berliner Stadtgeschichte zurückreicht. Im 13.Jahrhundert von Juden angelegt, haben hier schon seit den 1450er Jahren keine Juden mehr gewohnt - ihre Geschichte ist eine Abfolge von Ansiedlung und Vertreibung, von Ausgrenzung und Teilhabe (--> 3). Der Hofgrundriss ist seit Anbeginn unverändert geblieben, die Anwohner wechselten. Die freigelegten Keller stammen aus der Zeit nach dem 30jährigen Krieg, also Mitte des 17.Jahrhunderts. Die dicken Feldsteine, die man auf einer Grundmauer sieht, waren der Unterbau für ein Fachwerkhaus. Nachdem Fundstücke - beispielsweise Geschirr und ein Tierpfotenabdruck in einem Mauerstein - gesichert wurden, gehen die Archäologen jetzt aufs Ganze: mit Baggern wollen sie die Kellerräume abtragen, um Spuren einer früheren Schicht freizulegen. "Abtiefen" nennen sie das in ihrer Fachsprache, das ist aber nur ein anderes Wort für tiefer buddeln. Nicht erschrecken, warnen sie, alles ist dokumentiert. Durch alle Berichte über die Ausgrabungen zieht sich ein roter Faden: sie wollen ein Ritualbad der jüdischen Gemeinde, die Mikwe, finden, das hier an einer Synagoge vermutet wird.

Die Altstadt Berlins, die hier gestanden hat, gibt es nicht mehr. Der historische Stadtgrundriss wurde fast vollständig beseitigt und durch eine neue Ausfallstraße (Grunerstraße) zerschnitten, die den Jüdenhof gerade noch verschont hat (--> 4). Hier ist eine Neubebauung geplant, die Ausgrabungen können also nur die Informationen sichern, ohne die Fundstelle zu erhalten. Es bleibt spannend, welche Spuren der Berliner Stadtentwicklung in der historischen Mitte weiter ans Tageslicht kommen.



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(1) mehr über Ludwig Hoffmann: Hoffmann, Ludwig
(2) Architektur kann man fühlen: Architektur kann man fühlen
(3) Jüdisches Leben in Berlin: Jüdisches Leben
(4) Berlins Altstadt: Abgerissen, aufgegraben, zugeschüttet, umgesetzt


Eiskunstlauf und Sommerkonzert
Buchstabensuppe und Wörterflut