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Architektur kann man fühlen


Stadtteil: Kreuzberg
Bereich: Lindenstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Brandesstraße
Datum: 14. Mai 2012


Architektur kann man als Betrachter fühlen. Sie ist mehr als ein Bild, mehr als Ästhetik. Wir konstruieren aus dem, was wir sehen und dem, was wir wissen, sinnvolle Objekte. Massive Säulen tragen Lasten, auch wenn sie tatsächlich nur vor die Tragekonstruktion gesetzt wurden. Wir erwarten, dass eine Eisentür mit viel Kraft geöffnet werden muss. Wir setzen sichtbare und unsichtbare Teile zu einem Ganzen zusammen, das vielleicht in Wirklichkeit ganz anders aussieht. Wir erkennen einen Baustoff und sein Alter an seiner Oberfläche, vielleicht ist es aber nur eine Vorhangfassade. Wir spüren eine körperliche Resonanz auf Architektur, beispielsweise auf die "heilige Dämmerung" in Kirchen.

Daniel Libeskind hat beim Bau des Jüdischen Museums mehrfach auf die emotionale Wahrnehmung der Besucher gesetzt. Zusätzlich zu vielen Symbolen, die sich nur durch Wissen und Intellekt erschließen, verdichten Raumwirkungen das Spüren, in welche Bedrängnis der Holocaust den einzelnen Menschen gebracht hat. Nicht vom Tageslicht, sondern durch eine unterirdische Verbindung kommt man in das Gebäude. Lange Gänge im Untergeschoss mit sich kreuzenden Achsen machen orientierungslos. Die Achse der Vertreibung steigt nach hinten zu an und wird immer enger, man fühlt sich bedrängt und angestrengt. Kommt man von dort in den Garten des Exils hinaus, wird der Bewegungsraum durch 49 Stelen noch weiter eingeschränkt. Der kleinteilig mit Kopfsteinen gepflasterte Boden ist nach zwei Seiten abschüssig, das Gleichgewicht wird gestört, man droht zu fallen. Eine andere Achse führt unterirdisch in den Holocaust-Turm, einen gebäudehohen, kahlen, dunklen, kalten Raum, eine gebaute Leere. Eine schwere Eisentür fällt hinter einem ins Schloss. Nur durch einen schmalen Spalt unter der Decke dringen ein wenig Licht und verzerrte Außengeräusche. Es gibt die Welt, aber man ist von ihr abgeschnitten. Eine Leiter führt an der Wand nach oben, sie beginnt unerreichbar hoch über den Köpfen.

Die "presence of absence", die Leere, die uns nach der Vertreibung der Juden und ihrer Kultur geblieben ist, hat Libeskind durch Räume dargestellt, die zwar einsehbar, aber nicht begehbar sind (Voids). Diese Räume entstehen immer dort, wo der unregelmäßig gezackte Grundriss auf eine gerade Linie - den Zeitstrahl - trifft. Das Zackenmuster - beispielsweise als zerbrochener Davidstern oder Blitz zu deuten - stört Symmetrie, Harmonie, negiert den rechten Winkel, zeigt Zersplitterung - es ist ein Bau des Dekonstruktivismus. Auf den Stelen im Garten des Exils sind Bäume gepflanzt, dort oben ist ein unerreichbares Paradies.

Der Museumsbau konnte bereits besichtigt werden, bevor Ausstellungen eröffnet wurden. 350.000 Besucher haben das leere Gebäude gesehen, das durch seine bloße Präsenz tief beeindruckt. Ich habe mich damals gefragt, wie hier eine Ausstellung gezeigt werden kann, die nicht mit dem Gebäude in Kollision gerät. Tatsächlich gibt es kaum neutrale Ausstellungsfläche, der Bau wirkt stark auf die Ausstellungsobjekte ein (1).

Auf den ersten 25 Grundstücken der Kreuzberger Lindenstraße sind mehr als 250 Jahre Stadtgeschichte präsent - "Das ganze Gebiet um das Berlin-Museum ist selbst ein Museum" (Libeskind). 1733 wurde das einzige noch erhaltene Barockpalais der Friedrichstadt gebaut, das Kammergericht, heute Berlin-Museum. 1906 erbaute der Architekt Wilhelm Walther für die Victoria-Versicherung auf den Grundstücken Nr.20 bis 25 ein Bürohaus, eher ein Palais oder Schloss, mit Barock- und Rokoko-Elementen (2). 1929 ließ sich die Metallarbeitergewerkschaft von Erich Mendelsohn ein Verbandshaus errichten, dessen zwei Gebäudeflügel auf einen herausgehobenen Kopfbau an der Ecke Alte Jakobstraße zulaufen (3). Die IBA 1987 bebaute die Lücke zwischen dem Berlin-Museum und der Victoria-Versicherung mit dem Wohnpark am Berlin-Museum. 1998 wurde das Jüdische Museum fertig gestellt.

Die Lindenstraße ist heute in diesem Bereich eine Mischung aus Leere und dichter Bebauung, aus Stadtvillen mit postmoderner Architektur und Palais' aus der Kaiserzeit, aus renovierten Altbauten und avantgardistischer Büroarchitektur der 1920er Jahre.

Im Rahmen der IBA 1987 (Internationale Bauausstellung) haben acht internationale Architektengruppen Wohnungen im sozialen Wohnungsbau errichtet (4). Hinter einem sechsgeschossigen Klinkerbau an der Lindenstraße entstanden viergeschossige Stadtvillen, die zu einem Block zusammengefasst sind. Natürlich durften postmoderne Architekturdetails nicht fehlen. Das vorhandene Robinienwäldchen wurde am Rand umbaut. Hinter dem Museum wurde ein Barockgarten angepflanzt, der aber nur für Museumsbesucher zugänglich ist. Der zerstörte Querflügel hinter der Victoria-Versicherung wurde durch einen Neubau ersetzt. Der Eingang ist von postmodernen Säulen umgeben, davor hat der Architekt Mauerstücke aus dem zerstörten Altbau gesetzt.

Der interessanteste Ort - den man bei einem Spaziergang nicht verpassen sollte - liegt im Innern des Gebäudekarrees. Der parkähnliche Innenhof des Victoria-Gebäudes von Wilhelm Walther und die Übergange von Alt und Neu an dem Gebäude selbst und von den Stadtvillen zum Altbau vermitteln uns - und damit komme ich auf das Fühlen der Architektur zurück - einen Hauch von Harmonie, ein Gefühl, dass trotz der sichtbaren Brüche das Heute an das Gestern anschließt.

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(1) Mehr über Museen: Museen
(2) Mehr über den Architekten Wilhelm Walther: Walther, Wilhelm (Architekt)
(3) Das Haus der Metallarbeitergewerkschaft von Erich Mendelsohn:
Ein unten gelegenes mit einem oberen verbinden
(4) Mehr über die IBA 1987: IBA 1984/1987


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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Jüdisches Museum


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... hier folgen weitere Bilder ...
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Arm und reich liegen nah beieinander
Mauern als Anschauungsobjekte