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Abgerissen, aufgegraben, zugeschüttet, umgesetzt


Stadtteil: Mitte
Bereich: Alt-Berlin
Stadtplanaufruf: Berlin, Rosenstraße
Datum: 2. April 2012

Repariert, abgerissen, aufgegraben, zugeschüttet, umgesetzt - in der ehemaligen Berliner "Altstadt" kann man wie im Brennglas die Eingriffe unterschiedlicher Zeiten in gewachsene Stadtstrukturen beobachten.

Berlin hat keine Altstadt wie andere Städte, die alten Bauten wurden nach dem Zweiten Weltkrieg radikal abgeräumt, nachdem man zunächst Kriegsschäden repariert hatte. Der historische Stadtgrundriss wurde fast vollständig beseitigt und durch eine neue Ausfallstraße (Grunerstraße) zerschnitten. Seit der ersten mittelalterlichen Stadterweiterung 1250 hatte sich im Berliner Teil der Doppelstadt Cölln-Berlin um die Marienkirche und den Neuen Markt der dicht besiedelte historische Stadtkern entwickelt. Zwischen Spree und heutiger Dircksenstraße (Stadtbahnviadukt) entstanden Wohn- und Bürohäuser, Geschäfts- und Warenhäuser, Ämter, Markthallen und ein Spital. Das Alte Rathaus als mittelalterliches Rats- und Verwaltungszentrum entstand im 13.Jahrhundert an der Rathausstraße. 1865 wurde es abgerissen und durch das räumlich und zeitlich parallel errichtete Rote Rathaus ersetzt.

Die DDR hatte bei der "sozialistischen Umgestaltung" des Stadtzentrums ein städtebauliches Band von Karl-Marx-Allee bis Unter den Linden vor Augen. Der Fernsehturm war das städtebauliche Ausrufungszeichen dieser Neugestaltung. Eine Grünfläche von dort bis zur Spree verdrängte den historischen Stadtkern. Das Marx-Engels-Denkmal wurde als Symbol der neuen deutschen Staatsräson in den Mittelpunkt der Grünfläche gestellt, umgeben von Reliefs und Stelen, die als Ensemble für den "befreiten Menschen" stehen. Der Neptun-Brunnen wanderte vom Schloßplatz in die neue Grünanlage. Vom Heiliggeist-Viertel an der Spandauer Straße blieben nur die Spandauer Straße und Rosenstraße, umgeben von einer "städtebaulichen Restfläche".

Jetzt bringt der U-Bahnbau das Gelände erneut in Bewegung. Die "Kanzlerlinie" wird vom Brandenburger Tor zum Alexanderplatz verlängert. Sie verläuft unter dem Marx-Engels-Forum und bekommt einen Bahnhof "Berliner Rathaus". Marx und Engels wurden auseinander gesägt, mussten einen anderen Platz näher am Wasser finden und ihre Sicht auf die Dinge ändern - sie schauen jetzt Richtung Westen (vorher nach Osten), ein Schelm, wer das für Zufall hält. „Sacco und Jacketti“ - so wurden die beiden spöttisch genannt - sollen an ihren angestammten Platz zurück kommen, wenn die U-Bahn gebaut ist. Vielleicht werden sie auch - einem Vorschlag des Verkehrsministers Ramsauer folgend - auf dem Sozialistenfriedhof Friedrichsfelde entsorgt?

Vor dem Roten Rathaus stieß man bei den Tiefbauarbeiten für den U-Bahnhof "überraschend" auf Fundamente und Kellerräume des mittelalterlichen Rathauses. Die Bau-Ökonomie, nur das abzutragen, was sichtbar ist, und das Übrige einfach zuzuschütten, hatte man sich wohl nicht vorstellen können. Das Gelände wurde für die Archäologen eingezäunt und nach deren Arbeit größtenteils wieder zugeschüttet. Ein Teil der Keller wird abgebaggert werden, ein Teil soll über einen besonderen Zugang zu besichtigen sein.

Auch an der Spandauer Straße wurde aufgebuddelt und wieder zugeschüttet. 1995 fand man beim Leitungsbau Fundamente des Pulverturms, des Spandauer Tores und der Garnisonkirche. Die Funde wurden teilweise entfernt, der Rest zugeschüttet. Seitdem fährt die Straßenbahn darüber, Autos und Fußgänger bewegen sich auf verborgenen Resten des alten Berlin.

Der Pulverturm in der alten Stadtmauer neben dem Spandauer Tor war 1720 explodiert. Der König hatte die Königlichen Pulver-Mühlen und das Pulver-Magazin außerhalb der Stadt in Moabit neu errichten lassen. Der alte Pulverturm neben dem Spandauer Tor sollte deshalb unter strengen Sicherheitsauflagen ("keinen Tabak rauchen und die Arbeit nur in Filzsocken verrichten") abgebrochen werden. Trotzdem geschah das Unglück, das viele Menschenleben forderte und die Garnisonkirche zerstörte. Der Nachfolgebau der Kirche wurde 1943 durch Bomben beschädigt und 1960 abgetragen. Nur der Name "Garnisonkirchplatz" erinnert noch an den Sakralbau.

Ganz in der Nähe an der Spandauer Straße stand das Heilig-Geist-Spital, eines der ältesten Berliner Hospitäler (1272). Davon erhalten geblieben ist nur die Kapelle aus dem 13.Jahrhundert. Die Heilig-Geist-Kapelle gehört damit zu den ältesten Bauwerken Berlins.

Die Rosenstraße steht für einen erfolgreichen mutigen Widerstand gegen die Judenvernichtung im Dritten Reich. 1943 wollten die Nazis Berlin endgültig "judenfrei" machen, Juden wurden in mehrere Sammellager gebracht. Juden aus "Mischehen" internierte man in einem Gebäude der Jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße, teilweise wurden sie von dort in Konzentrationslager deportiert. Angehörige - vorwiegend Frauen - demonstrierten tagelang vor dem Gebäude in der Rosenstraße und setzten sich unüberhörbar für die Freilassung der Inhaftierten ein. Aufgrund der Proteste wurden nach und nach alle in die Rosenstraße verbrachten freigelassen, sogar aus den Konzentrationslagern zurückgeholt. Der mutige Frauenprotest ist verfilmt worden, ein Denkmal in der Rosenstraße erinnert an den Widerstand.

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(1) Gefundene Skulpturen ("entartete Kunst") sind hier ausgestellt: Museumsgeheimnisse


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