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Leere, Lücke, Zwischenraum


Stadtteil: Mitte
Bereich: Auguststraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Auguststraße
Datum: 26. März 2012

Ist eine Lücke ein Nichts? Oder ist sie eine Leere, wo vorher etwas war? Ergänzen wir das, was da war, virtuell zu einem vollständigen Bild? Fühlen wir einen Verlust, einen Schmerz, wenn wir die Leerstelle sehen, oder ist es eine Befreiung, jetzt dort endlich Nichts zu sehen? Wer an das leere Grasfeld in Berlins Mitte denkt, wo der Palast der Republik abgetragen wurde und wo vorher - wer weiß das nicht - das Stadtschloss stand, wird wohl einen Bau virtuell ergänzen, selbst wenn er vielleicht das freie Feld besser findet.

"Die Löcher sind die Hauptsache in einem Sieb" schrieb Joachim Ringelnatz, und Christian Morgenstern gewann im Gedicht "Der Lattenzaun" der Lücke eine skurrile Variante ab:

Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da -

und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm,
mit Latten ohne was herum,

Ein Anblick gräßlich und gemein.
Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri- od- Ameriko.

Und in "Ameriko" sind wir bei einer anderen Variante des architektonischen Zwischenraums: In New York ist der Künstler Gordon Matta-Clark 1973 auf Grundstücksstreifen gestoßen, die bei der Vermessung von Grundstücksgrenzen als "herrenloses" Land übrig geblieben waren. Matta-Clark war studierter Architekt, interessierte sich aber weniger fürs Bauen, mehr für "Anarchitektur". Er ersteigerte 15 solcher "fake estates" (unechte Grundstücke). Das waren fußbreite Streifen vor einer Einfahrt, ein Quadratmeter Bürgersteig, winzige Teile der Bordsteine, ein Sammelsurium von baulich nicht nutzbaren Flächenresten, die er zu Kunstwerken erklärte. Auch Gebäude nahm er sich vor, schnitt vier Ecken heraus ("splitting: four corners") oder sägte einen Spalt in Dach und Wand (“building cuts”). Es ist die Zeit der "land art", aus Stadt- und Landschaftsräumen wurden Installationen. Heute werden diese Projekte in Museen ausgestellt, die Protagonisten leben meist nicht mehr, aber ihre kreativen Ideen können die Nachwelt anregen.

Kehren wir nach Berlin zurück: Durch die Bomben des Zweiten Weltkriegs und die Abrisspolitik in der Nachkriegszeit sind viele Lücken in das Stadtbild gerissen worden, die nach und nach wieder bebaut wurden (--> 1). Lücken, die eigentlich für ein Haus zu klein sind, sind manchmal trotzdem geschlossen worden. Das "Handtuchhaus" am Kudamm 70 hat nur eine Tiefe von zweieinhalb Metern, und in der Oranienstraße 46 steht das kleinste Haus Kreuzbergs seit jeher mit einer Grundfläche von nur 48 qm (--> 4).

In der Innenstadt werden Gebäude Brandwand an Brandwand gebaut, in Vororten muss man einen "Bauwich" weit vom Nachbarn weg bleiben. So heißt diese Abstandsfläche, die sich nach der Gebäudehöhe bemisst und meist zwei bis fünf Meter beträgt. Gebäude Wand an Wand - Lücken, die nur bessere Schlitze sind, dürfte es dann gar nicht geben, eigentlich. Bei Fachwerkhäusern sieht man sie manchmal, und in (Ost-)Berlins Mitte sind sie bei der Ergänzung des Altbaubestandes durch Plattenbauten die Regel, wenn man genau hinschaut. Plattenbauten beruhten auf einem industriellen Fertigungsverfahren, das nur wenige Variationen zuließ, um rationell zu bleiben. Nun wäre es Zufall, wenn die Lücke zwischen zwei Altbauten genau dem Vielfachen einer Standardplatte entspräche - also blieben zwangsläufig regelmäßig Lücken zwischen Altbau und Plattenbau.

Es gab viele Ausprägungen von Untüchtigkeit, architektonisch mit dieser Lücke umzugehen. Manche Lücke ist nur im Erdgeschossbereich verkleidet, durch vorgesetzte Elemente oder Mauerwerk. Andere Zwischenräume sind straßenseitig bis zur Höhe des Gebäudes geschlossen. Satellitenaufnahmen zeigen, dass der Mauerwerksspalt fast immer zum Himmel offen blieb. Besondere Fürsorge für den Spalt hat man in der Invalidenstraße an der Platte für die Humboldt-Biologen walten lassen. Hier ermöglicht eine Klappe in der Seitenwand, den Unrat zwischen den Gebäuden in Augenschein zu nehmen.

Noch extremer wurde es, wenn der Plattenbau einen Straßenknick bewältigen musste oder die Brandwände von Altbauten nicht rechtwinklig verliefen. Wie viele Quadratmeter Wohnraum wurden hier verschenkt, wie viele Mieter hätten sich über einen breiteren Balkon, ein größeres Zimmer gefreut und dafür gern in Kauf genommen, dass zwei Ecken nicht rechtwinklig aufeinander stoßen. Statt dessen grenzte ihre Wand an ein Nichts an, und die Lücke in der Fassade im Straßenknick wurde mit Plattenteilen gefüllt, die blind ohne Fenster nur den Leerraum verdecken (Joachimstr.12). Ein Architekturkritiker bezeichnet das ironisch als "Baudenkmal der sozialistischen Postmoderne".

Dass es im Einzelfall anders ging, dass durchaus mit der Platte individuelle Lösungen möglich waren, zeigt sich an der Auguststraße Ecke Gipsstraße. Eine Ecklösung mit einem stumpfen Winkel - welch eine Herausforderung. Und es war möglich, ohne Gebäudelücken die Winkel auszufüllen, und eine städtebaulich akzeptable Ecke zu erzeugen. Sogar die Andeutung eines Mansarddaches ist vorhanden, und die abgeknickten keilförmigen Elemente, die mehrere Mansarddachbereiche zusammenfassen, sind ebenfalls erkennbar Plattenzuschnitte.

Am 5. März 2012 hielt der Abteilungsleiter der Praktischen Denkmalpflege des Bayerischen Landesamts einen Vortrag zum Thema „Die Erotik der Fuge – Denkmalpflege und Architektur der 1960/70er Jahre“. Ich weiß nicht, welche Sinnenfreude einen bayerischen Denkmalpfleger angesichts einer Mauerritze überkommt, den von den Plattenbaulücken erzeugten Lücken würde ich aber jede Sinnlichkeit absprechen.

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Zu Morgensterns "Lattenzaun"
Dieses Gedicht sollte - so wünschte es sich Morgenstern von seinem Verleger - ohne Druckerschwärze gedruckt, also nur "eingepresst" werden. Auch hier ein Spiel mit dem "Nichts" und dem "Sein": Ein weißes Blatt ohne Buchstaben ist kein Text, geprägte Buchstaben schaffen Zwischenräume(!) in dem glatten Papier. Morgenstern lebte ab 1884 in Berlin. In seinem Tagebuch schrieb er: "Berlin - gerade da, wo es am feinsten sein will -, wimmelt von unanständigen Häusern im künstlerischen Sinne", solche Häuser seien zusammenhangslos nebeneinander gedrängt und hätten längst Häuser zu heißen verwirkt. Und: "Ich erinnere mich z.B. bei Berlin keines einzigen mir zusagenden Zaunes" - viele der Zäune waren blickdichte Bauzäune, die eben gerade keine Zwischenräume hatten.

(1) Erstaunlich viele "historische Bauten" sind Nachbauten unter Verwendung von Teilen der Ruinen, im Äußeren manchmal vereinfacht, im Innern oft von vornherein auf eine neue Nutzung ausgerichtet. In Ost-Berlin wurden der Gendarmenmarkt (teilweise) und das Nikolaiviertel historisierend neu gebaut. Die IBA 1984/87 (Internationale Bauausstellung) hat in West-Berlin behutsam einen Teil der Lücken gefüllt, wenn auch nicht mit den alten Ansichten, sondern in der spielerischen Vielfalt der Postmoderne.
(a) "historische" Nachbauten: Spiritus is ooch Nahrung
(b) Gendarmenmarkt: Soldaten an der Friedrichstraße,
Nikolaiviertel: Spiritus is ooch Nahrung
(c) IBA 1984/87: IBA 1984/1987
(d) Kreuzbergs kleinstes Haus: Erste Kreuzberger Wohngemeinschaft


Soldaten an der Friedrichstraße
Abgerissen, aufgegraben, zugeschüttet, umgesetzt