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Spiritus is ooch Nahrung


Stadtteil: Mitte
Bereich: Unter den Linden, Nikolaiviertel, Molkenmarkt
Stadtplanaufruf: Berlin, Am Festungsgraben
Datum: 24. August 2009

Berlin sei wie eine amerikanische Stadt, meint ein Architekturkritiker, sie baue, reiße ab, baue neu. So wird Berlin eine Collage kurzfristiger Strömungen und langfristiger Epochen. Wieweit Baudenkmäler authentisch sind oder nicht, kann man an den Palästen in Mitte sehen. Nein, ich meine nicht den Palast der Republik, der auch dem Stadtrecycling zum Opfer gefallen ist, sondern die Palais überwiegend aus dem 18.Jahrhundert, die heute noch stehen.

Wenn man auf Bildern sieht, wie im Berliner Stadtgebiet am Ende des Krieges von den meisten Gebäuden nur Fassadenstümpfe übrig geblieben sind, dann drängt sich die Frage auf, woher heute historische Innenräume, Portale, Fassaden, Giebel, Dachgauben kommen. Die Palais in Mitte jedenfalls sind fast ausschließlich Nachbauten unter Verwendung von Teilen der Ruinen, im Innern oft von vornherein auf eine neue Nutzung ausgerichtet. Es ging dabei um die Fragen buchstabengetreuer Nachbau, veränderter Weiterbau, Erhaltung der Ruine als Mahnmal. Und um die moralische Wahrhaftigkeit: Ist Kopie nicht Lüge? In den Monaten nach Kriegsende war effektiver Neuaufbau für manchen nur bei radikaler Enttrümmerung denkbar, schließlich lebte die Bevölkerung in Kellern, in überfüllten oder kriegsbeschädigten Wohnungen. Den Spruch der Geschichte annehmen, nannte man das, nicht ungeschehen machen, was geschehen ist.

Andererseits bestand das Verlangen, die Identität der Städte zu bewahren, die auch Teil der eigenen Identität ist. Die Haltung der Stadtverantwortlichen wechselte mehrfach zwischen Erneuern und Bewahren. Der Bauhausarchitekt und Miterbauer der Stalinallee Richard Paulick hatte 1951 einen Plan für den historischen Wiederaufbau der Straße Unter den Linden entwickelt, der von DDR-Regierung beschlossen und verwirklicht wurde. Andererseits wurde Schinkels Bauakademie beseitigt und das Stadtschloss.

Im klassizistischen Alten Palais, von Langhans mit einer Pergola zum Opernplatz (Bebelplatz) erbaut, lebte Kaiser Wilhelm I. als Kronprinz und später auch als Kaiser. Vom Eckfenster aus konnte er den Wachwechsel an der Neuen Wache beobachten, wobei ihm wiederum die Berliner zusahen. 1943 bis auf die Fassade zerstört, wurde es 1964 mit veränderter Raumaufteilung und Raumhöhe neu aufgebaut, heute nutzt es die Humboldt-Uni.

Um die Ecke am Opernplatz (Bebelplatz) steht die "Kommode", die Königliche Bibliothek, die Friedrich der Große hatte erbauen lassen, sie ist selbst kein Palais, Aus ihre lateinische Giebelinschrift "Nahrung des Geistes" (nutrimentum spiritus) machten die Berliner "Spiritus is ooch Nahrung".

Das barocke Kronprinzenpalais ist ebenfalls ein Neubau hinter historischer Fassade, angereichert mit einem Teil der Schinkelschen Bauakademie, deren linkes Hauptportal am rückwärtigen Gartenpavillon angefügt wurde. Vorn ein Portikus mit korinthischen Säulen, darüber ein Balkon, am Seitentrakt eine Säulenpergola, soweit alles historisch, und dann ein Bruchstück eines völlig anderen Gebäudes, das ist ein historischer Steinbruch aber keine authentische Rekonstruktion eines früheren Bauwerks. Mit dem Kronprinzenpalais durch einen Brückenbau verbunden ist das Prinzessinnenpalais. Das Gebäude mit Mansarddach war ursprünglich ein Rokoko-Wohnhaus, der Wiederaufbau erfolgte als Oper-Cafe mit Gartenterrasse und neuem Innenleben, wie es für ein Cafe geeignet ist.

Der gegenüberliegende Hauptbau der Humboldt-Uni war ebenfalls vorher ein Prinzenpalais, das dann am Beginn des 19.Jahrhunderts der neuen Uni gewidmet und mehrfach umgebaut wurde, Von den Kriegszerstörungen blieben nur wenige Gebäudeteile verschont, insbesondere ein Treppenhaus ist original erhalten geblieben.

Quer über die Straße Unter den Linden verlief früher der Festungsgraben, ein Teil der überflüssigen und bald wieder eingeebneten Stadtbefestigung des Großen Kurfürsten. Von der Spree im Süden ging es vorbei an der Mohrenstraße, Jägerstraße und Oper hinüber zum Palais des Prinzen Heinrich (Humboldt-Universität) und dann zum Kupfergraben. Dort war die Spree wieder erreicht. Auch die Prinzen waren nicht erbaut von diesem Gewässer, Kronprinz Friedrich Wilhelm adressierte einen Brief an seine Schwester "An die Prinzessin Luise, wohnhaft am stinkerigen Graben", und die Post kam an. Archäologen haben zwischen Prinzessinnenpalais und Staatsoper Reste der alten Befestigung ausgegraben.

An der Straße Am Festungsgraben hinter dem Kastanienwäldchen und dem Maxim-Gorki-Theater liegt das Palais am Festungsgraben, ein spätklassizistischer Wohnbau für einen preußischen Finanzminister, mit einem Tanz- und Festsaal heute ein kultureller Anziehungspunkt. Zu DDR-Zeiten war des „Haus der DSF“. Hinter dieser Bezeichnung verbirgt sich die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, nach der Gewerkschaft die zweitgrößte Massenorganisation in Ostdeutschland.

Im Nikolaiviertel, das wegen seiner künstlich geschaffenen Historie auch schon mal architektonisches Disneyland genannt wird, steht ein Palais, das den Höhepunkt aller Palais-Bauanekdoten bildet, das Ephraim-Palais. Der im 18.Jahrhundert geschaffene Eckbau wurde damals im Volksmund "die schönste Ecke Berlins" genannt. Das Rokokopalais verbindet als Eckbau zwei im stumpfen Winkel zueinander stehende Seitenflügel. Die Fassade ist mit Säulen und Pilastern vertikal gegliedert, Balkone mit vergoldeten Gittern und heitere Puttenskulpturen und eine mit Vasen versetzten Balustrade zieren das Haus, das der Münzpächter Friedrichs des Großen für sich erbauen ließ.1936 wurde es abgetragen, weil es der Verbreiterung des Mühlendamms im Wege stand. Nummeriert und eingelagert überstanden die sorgsam behandelten 3.000 Gebäudestücke den 2.Weltkrieg, die Lagerstätte gehörte nach dem 2.Weltkrieg zu West-Berlin.

So feindlich waren die beiden Stadthälften nicht immer zueinander, wie man vielleicht glauben könnte. Als das 750.Stadtjubiläum nahte, das man getrennt und in Konkurrenz zueinander feiern wollte, erinnerte sich Ost-Berlin an die Gebäudestücke, die doch schön zum Nikolaiviertel passen würden. Und West-Berlin hatte als Tauschobjekt das Archiv der Königlichen Porzellanmanufaktur im Auge, das Ost-Berlin besaß. Also tauschte man, und das Ephraim-Palais-Puzzle wurde "nahe dem ursprünglichen Standort" (um 12 m versetzt ) nach 50 Jahren "originalgetreu" wieder zusammengefügt. Ja, man schuf auch hier mehr als das Original und setzte eine Kopie der Schlüterdecke aus dem 1889 abgebrochenen Wartenbergschen Palais in den 1.Stock. Heute wird hier Stadtgeschichte ausgestellt, das Haus gehört zum Berliner Stadtmuseum und ist zugleich selbst ein ganz spezieller Teil dieser Historie.

Am Molkenmarkt ist das Palais Schwerin gut erhalten, aber der Platz, einst Zentrum der historischen Handelsstadt Berlin, ist verschwunden. Achtspurig rauscht der Verkehr über die Freifläche zwischen Rotem Rathaus und Stadthaus ("Asphalt-Monstrum" schreibt die Berliner Morgenpost). Der Molkenmarkt, der heute nur ein Parkplatz vor dem Stadthaus ist, soll wieder ein Ort zum Wohlfühlen werden, zum Verweilen, mit Lebensqualität. Ein umbauter grüner Platz vor dem Stadthaus soll entstehen und kleinteilige Parzellen in Anlehnung an historische Umrisse drum herum. Einen ähnlichen Retro-Look plant man zwischen Stadtschloss und Rotem Rathaus, die Diskussion hierzu ist eröffnet. Das Palais Schwerin, das hier am Molkenmarkt steht, wurde für einen Staatsminister gebaut, später hatte hier das Polizeipräsidium sein Quartier, bevor es zum Alexanderplatz zog. Die Gegend hatte bis dahin den Ruf eines der "unerfreulichsten Viertel Berlins". 1936 wurde das Palais für den Neubau der Münze abgetragen und einige Meter versetzt neu aufgebaut. Selbst hier ist nicht mehr alles ursprünglich.

Nachdem ich nun schon das Asphalt-Monster heil überquert habe, führt mich mein Rundgang schließlich noch zur Klosterstraße zum Podewil'schen Palais. Im preußischen Barock erbaut, im Äußeren erhalten geblieben und nach Kriegsschäden als Haus für Kulturveranstaltungen innen neu aufgebaut. Unter der Kellerdecke hat man an diesem Platz eine mittelalterliche Schmiedewerkstatt gefunden. Eine Querstraße der Klosterstraße, die bis 1965 bestand, hieß seit dem 15.Jahrhundert Kleine Schmiedegasse.

Ich gestehe, der Hunger trieb mich in die nächstgelegene Restauration, und das war im Nikolaiviertel.

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Palastschaustelle
Sucht sich einen Platz unter dem Apfelbaum