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Buchstabensuppe und Wörterflut


Stadtteil: Mitte
Bereich: Festival of Lights
Stadtplanaufruf: Berlin, Potsdamer Platz
Datum: 14. Oktober 2012

"Ich wohne wenn Sie nach Berlin 'reinkommen gleich links", soll der Maler Max Liebermann seine Stadtwohnung neben dem Brandenburger Tor beschrieben haben. Noch exklusiver lebt man in dem jetzt fertig gestellten Renommierprojekt des Senats, den sechs Luxuswohnungen IM Brandenburger Tor. Die Maisonette-Apartments in den Säulen und im Gebälk des Tores werden nicht über den freien Wohnungsmarkt angeboten, sondern von der Senatskanzlei zugeteilt, schließlich handelt es sich um ein städtisches Denkmal von ikonografischer Bedeutung. Einziehen können hier nur handverlesene Bürger, die völlig loyal zu unserer Stadtregierung stehen und Gewähr dafür bieten, dass sie mit Fähnchen winkend am Fenster stehen, wenn unser Regierender mit einem Gast der Stadt durchs Tor schreitet.

Bei dem diesjährigen "Festival of Lights" bekommt das Brandenburger Tor per Lichtprojektion eine Vielzahl von Fenstern angedichtet, die Formen wechseln, manchmal erblickt man Menschen hinter den virtuellen Öffnungen. Aber das ist nur ein vorübergehender Spuk, einziehen kann in unsere Stadtikone natürlich niemand, und dem Regierenden und seinem Gast werden beim Durchschreiten des Tores eher Touristen zuwinken als bestellte Berliner Claqueure. Das Lichterfestival hat hier wieder eine kreative Erleuchtung realisiert, und das im doppelten Wortsinne.

Am Gendarmenmarkt ist der rote Teppich ausgerollt, im Konzerthaus wird der "Echo" verliehen. Die eigentlichen Lichtinstallationen des Lichterfestivals sind hier nicht neu, aber immer wieder eindrucksvoll. Beide Dome und das Konzerthaus bilden mit dem Platz ein harmonisches Ensemble, das durch die punktuelle nächtliche Beleuchtung neu in Szene gesetzt wird.

Das Hotel de Rome am Bebelplatz bietet eine Projektionsfläche für ganz unterschiedliche Themen. Mal wird ein romantisches Märchen erzählt, dann wird virtuelle Architektur auf reale Architektur projiziert, schließlich scheint Metropolis aus Fritz Langs Film auferstanden zu sein. Dagegen macht das Adlon auf riesiger Fläche Werbung für Volkswagen, das ist ein eindeutiger Fehlgriff des Festivals. Dem Berliner Dom werden wie jedes Jahr zu viele verschiedene Muster aufgeblendet. Dass er auch als Werbefläche für das Reiseland Österreich herhalten muss, zeigt wohl einen Trend weg von der "zweckfreien Kunst" hin zur offenen Kommerzialisierung des Festivals.

Am Potsdamer Platz läuft man in einer Buchstabensuppe herum, ab und zu werden kleine Nebenschwaden auf den Platz geblasen. Am Kollhoff-Tower schieben sich Bildfragmente zu immer neuen Figuren zusammen, die gleich wieder im Nebel verschwinden und von neuen Bildschichten überlagert werden. Real ist hier nichts, alles ist Assoziation, die Themen Berlin, Potsdamer Platz, Zeit, Raum und Licht mischen sich und sind vergänglich wie die Gegenwart und das Leben. "Time drifts" - die Zeit bewegt sich, treibt dahin. Alles fließt, baut sich auf, überlagert sich mit anderem, wird verdrängt. Der Augenblick, kaum dass er uns bewusst ist, ist er schon wieder vergangen. Auch Goethes Faust möchte am Ende seines Lebens den Augenblick festhalten und ruft ihm zu: "Verweile doch! du bist so schön!", doch er bleibt vergänglich trotz des Pakts mit dem Teufel.

Die Lichtinstallation am Potsdamer Platz hat der Berliner Künstler Philipp Geist geschaffen. An dem Wörterteppich können sich die Besucher mit Vorschlägen beteiligen, so werden sie Teil der Installation, auch wenn sie ihren Beitrag in der dahinfließenden Wörterflut kaum herauslesen werden.

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