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Übererfülltes Soll und preußische Misswirtschaft


Stadtteil: Lichtenberg
Bereich: Wartenberg
Stadtplanaufruf: Berlin, Egon-Erwin-Kisch-Straße
Datum: 8. Oktober 2012

Seit 1375 trägt das Dorf Wartenberg seinen Namen, doch hier gibt es keinen Berg, wonach ist das Dorf benannt? Wenn der Name nicht aus der Topografie abgeleitet wurde, dann könnte er auf einen adligen Grundbesitzer verweisen, der den Ort gegründet hat. Auch dies scheidet aus, die ersten Eigentümer waren Bürgerliche aus Berlin und Cölln. Wahrscheinlich haben die ersten Bewohner, die während der Ostkolonisation ins Land gekommen sind, den Ortsnamen aus ihrer alten Heimat mitgebracht. So findet sich - um ein anderes Beispiel zu nennen - Lichterfelde als Ortsname in Sachsen-Anhalt, Berlin und Brandenburg insgesamt vier Mal, er verweist auf flämische Einwanderer. Wartenberg kommt als Ortsname in vier Bundesländern vor, von dort könnte er nach Berlin gelangt worden sein. Für die Herkunft des ursprünglichen Namens gibt es mehrere Möglichkeiten, Burgen und Berge in Deutschland heißen so, und es gibt das Adelsgeschlecht der Wartenberger.

Ein unangenehmer Zeitgenosse aus dieser Sippe war Johann Kasimir von Kolbe, Reichsgraf von Wartenberg, in der Pfalz geboren und nach Berlin „zugereist“. Er diente dem ersten preußischen König Friedrich I., aber in Wirklichkeit diente der König ihm, um Macht an sich zu reißen und sich zu bereichern. Wartenberg machte Karriere als Schlosshauptmann von Berlin, Oberstallmeister, Oberkammerherr, Generaldirektor der Domänen, Marschall des Königreichs Preußen, Protektor der Königlichen Akademien, Generalerbpostmeister, Premierminister. Er sorgte dafür, dass der König im Luxus leben konnte, skrupellos führte er ihm auch noch die eigene Frau als Mätresse zu. Sie wohnte im Schloss Monbijou (--> 1), ihr Mann im Palais Wartenberg an der Langen Brücke (jetzt Rathausbrücke), die sein König gebaut und mit einem Standbild des Großen Kurfürsten geschmückt hatte (--> 2). Und es soll Wartenberg gewesen sein, der Friedrich bei der Krönung 1701 den Purpurmantel umlegte, bevor dieser sich selbst die Krone aufsetzte. Misswirtschaft, Verschwendung, Korruption – auch das hat es in Preußen gegeben, und es endete mit einer weichen Landung für Wartenberg. Die „die drei schlimmen Weh“, wie die Berliner Wartenberg und seine Minister Wartensleben und Wittgenstein nannten, mussten 1710 abtreten. Um die königliche Verschwendung zu finanzieren, hatten sie die Untertanen ausgebeutet mit Kutschensteuer, Kaffeesteuer, Teesteuer, Schokoladensteuer, Perückensteuer, Hutsteuer, Stiefelsteuer, Strumpfsteuer, Stempelsteuer, Jungfernsteuer (für unverheiratete Frauen zwischen 20 und 40), Kopfsteuer. Als die Korruption überhand nahm, wurden sie entlassen. Aber Wartenberg wurde nicht zur Rechenschaft gezogen, stattdessen durfte er - mit einer Pension bedacht - Preußen verlassen.

Der Reichsgraf von Wartenberg hatte also mit dem Dorf nichts zu tun, das heute zu Lichtenberg gehört. Kommt man als Flaneur hierher, so kann man nicht viel erwarten, ein einigermaßen authentischer Platz ist das nicht, trotz einiger alter Bauten, die sich in einem Gemisch von hinterlassener DDR-Tristesse und gesichtsloser Neubebauung verlieren. Seinen Dorfanger hatte der Ort schon vor 200 Jahren verloren, als südlich davon ein Gutshof zum neuen Ortsmittelpunkt wurde. Die historische Dorfkirche wurde am Kriegsende von der SS gesprengt, weil sie den anrückenden russischen Truppen als Orientierungspunkt hätte dienen können. Der Kirchhof verlor damit auf Dauer seine Mitte, eine neue Kirche mit ovalem Grundriss wurde in der Hochhaussiedlung südlich des Dorfes gebaut.

Auf unserem Weg durchs Dorf begegnen uns mehrfach Hinweise auf die LPG 1.Mai. An der Lindenberger Straße hat sie nach der Wende ehemalige Felder als Baugrund erschlossen, 76 Grundstücke zwischen Hechtgraben und Dorfstraße sind entstanden, die Bebauung läuft - und wie sie läuft, jegliches Verantwortungsgefühl für das Stadtbild scheint den Bauherren fremd zu sein. Das ist die Abwicklungsphase einer mehrfach preisgekrönten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft der DDR, deren Tätigkeit in vielen Fotodokumenten im Bundesarchiv angesehen werden kann. Die LPG hat beispielsweise 1955 am "Wettbewerb zur Steigerung der pflanzlichen und tierischen Produktion" teilgenommen und dabei ihr selbst gesetztes Soll übererfüllt. Die Maurerbrigade der LPG hatte sich verpflichtet, den Abferkelstall vorfristig zum 20.April fertig zu stellen und trotz des ohnehin engen Termins dann auch noch 5 Tage schneller gemauert, am 15.April war der Stall fertig.

Zwei Pfuhle liegen innerhalb des Dorfes, das wesentliche Naturerlebnis aber ist der Landschaftspark, der nördlich des Dorfes am Hechtgraben beginnt. Ehemalige Rieselfelder wurden in einen Ring von Grünflächen verwandelt, der auf der Hochfläche des Barnim mehrere Lichtenberger Dörfer umschließt. Die hier entstandenen Biotope haben nicht nur Rad- und Wanderwege zu bieten, auch Tiere haben hier ihren Lebensraum. In Wartenberg weiden Heckrinder, die keine Rückzüchtung der Auerochsen sind, dem Typus aber nahe kommen. Aus der Zoodirektorendynastie Heck waren es die Brüder Lutz und Heinz, die diese Züchtung begannen. Natürlich werden diese Tiere, die bis zu einer Tonne schwer werden können, im Landschaftspark durch Stacheldraht und Elektrozaun von dem staunenden Städter getrennt.

Zum Schluss unseres Spaziergangs begegnen wir in der Nähe des S-Bahnhofs Hohenschönhausen einem Meilenstein, der eine Meile von Berlin entfernt aufgestellt wurde. An der Falkenhagener Chaussee nahe Pablo-Picasso-Straße steht die nur 85 cm hohe Rundsäule heute, nicht mehr ganz am historischen Platz, aber schön, dass sie überhaupt noch da ist. 18 Meilensteine soll es in Berlin noch geben, einige davon haben wir schon am Wegesrand gesehen (--> 3).

Für unser Flaniermahl fahren wir zum Hackeschen Markt zurück. An der Dircksenstraße bedient man uns in einem Thailänder zuvorkommend mit einem guten Essen.

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(1) Schloss Monbijou: Eiskunstlauf und Sommerkonzert
(2) Lange Brücke: Brückentag
(3) Meilensteine: Meilenstein, Meilensäule, Stundensäule, Postsäule


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Nach dem Vorbilde der Bienenarbeit
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