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Das Alphabet von A bis W


Stadtteil: Lichtenberg
Bereich: Friedrichsberg, Dorfaue
Stadtplanaufruf: Berlin, Loeperplatz
Datum: 26. November 2012

Das Alphabet ist eine endliche Menge von Zeichen, sagt der Mathematiker, und drückt damit aus, dass es nicht unendlich viele Buchstaben gibt. Die Zahl der Buchstaben hat sich im Laufe der Jahrhunderte erhöht, seit die Römer - aufbauend auf den Etruskern und diese auf den Phöniziern - die griechische Buchstabenfolge zu einem lateinischen Alphabet geformt haben. Ursprünglich waren es bei den Römern 21 Buchstaben, denen im Laufe der Jahrhunderte mehrere Abwandlungen als zusätzliche neue Buchstaben hinzugefügt wurden. So kamen das Y und das U als Abwandlung des V hinzu und das W als doppeltes V (im englischen immer noch double-U genannt). Aus dem C wurde durch einen hinzugesetzten Querstrich das G abgeleitet, das J entwickelte sich aus dem I. Damit war das lateinische Alphabet mit 26 Buchstaben komplett. In einzelnen Sprachen wurden Buchstaben um Striche, Pünktchen, Häkchen, Kreise ergänzt, um weitere Laute darzustellen, so entstanden die Akzente und Umlaute.

Erst im Übergang zum Mittelalter kamen Kleinbuchstaben zu den Versalien (Großbuchstaben) hinzu. Wie soll man ABC-Schützen die unterschiedlichen Formen derselben Buchstaben erklären, fragte sich 1950 der US-Designer Bradbury Thompson und entwickelte eine neue Einheitsschreibweise, die nur noch eine Form pro Buchstabe kennt, und das sah so aus:
a B C D e F G H I J K L m n O P Q R S T U V W X Y Z.

Heute kennen wir Alphabete für viele Anwendungen, beispielsweise das Morse-Alphabet, die Braille-Blindenschrift, Flaggenalphabete, bei denen die Buchstaben durch unterschiedliche Flaggen gezeigt werden und Winkeralphabete, bei denen zwei Flaggen in unterschiedlichem Winkel gehalten werden. Es gibt Buchstabiertafeln, die die einwandfreie sprachliche Übermittlung von Begriffen sicherstellen sollen. So sollte man in den Anfängen des Telefonierens "fünnef" sagen, um die Zahl fünf unverwechselbar zu machen. Für Ö sagte man Öse oder Ödipus, für A Ärger oder Änderung. National und international gibt es unterschiedliche Begriffe für einen Buchstaben, beispielsweise für X, Y, Z - Xanthippe, X-ray, Xavier - Yellow, Yokohama, Yankee - Zulu, Zebra, Zeppelin.

Ein markgräflicher Schlossbaumeister hat das Alphabet mit der Architektur in der Weise zusammen gebracht, dass er Gebäudegrundrisse in Form von Buchstaben zeichnete. "Geschriebene Häuser" oder "Architektur in Wörtern" - wie man heute sagen würde - hat er 1773 in einem "Architektonischen Alphabet" veröffentlicht. Sechzig Jahre später zeigte ein italienischer Künstler in seinem "Pictorial Alphabet" Gebäude, die auch in der dritten Dimension als Buchstaben daherkamen (--> 1). Ansonsten wurden in der Architektur Buchstaben vor allem als Ornamente oder Fassadenschmuck verwendet.

Auf die Idee, das Standard-Alphabet durch Weglassen von vier Buchstaben für die Schüler schneller erlernbar zu machen, ist aber bisher nur eine Schule gekommen: An der Straßenfront der Mildred-Harnack-Schule in Lichtenberg ist ein Alphabet mit 22 Buchstaben zu sehen. Dass das X, Y und Z fehlen, kann man auf Anhieb feststellen, das fehlende Q merkt man dann auch noch. Sollte Wilhelm Busch hier die Hand geführt haben? Auch ihm war zu X und Y nichts eingefallen, als er sein "Naturgeschichtliches Alphabet" dichtete. Bei W heißt es dort: "Der Walfisch stört des Herings Frieden. Des Wurmes Länge ist verschieden." Danach folgt dann gleich Z wie Zwiebel, X und Y gibt es nicht. Aber warum zu wenige Buchstaben an dieser Schule?

Ein Bürger namens Gerd hatte 2008 das Bezirksamt gebeten, bei der bevorstehenden Fassadensanierung das fehlende "Q" nachzurüsten (dass auch XYZ fehlen, war ihm entgangen), aber natürlich kann eine denkmalgeschützte Fassade nicht aufgrund besserer Erkenntnis verändert werden, Historie geht vor Perfektion. Schon seit 1905 steht die Fassade so da, erbaut von Hans Schütte. Die Köpenicker hatten ihn 1901 in Bonn abgeworben, um ihr Rathaus zu bauen, doch schon zehn Monate später machte Lichtenberg ihm ein noch besseres Angebot, so dass er hier Gemeinde-Baubeamter wurde und für Köpenick nur noch nebenbei arbeitete. Das Lichtenberger Rathaus konnte er nicht mehr bauen, das stand schon seit 1898, aber die Gemeinde-Doppelschule für Knaben und Mädchen, in der heute die Mildred-Harnack-Schule untergebracht ist, eine Staatliche Europaschule mit Deutsch und Russisch. Vielleicht hat Hans Schütte aufgrund seiner Doppelbelastung in Köpenick und Lichtenberg das Alphabet nicht bis zum Ende gezeichnet? Mal sehen, ob meine Anfrage bei der Schule Klarheit bringen wird.

Die Schule liegt in Friedrichsberg, einer vergessenen Kolonie südlich der Frankfurter Allee. 1771 gegründet, ging sie hundert Jahre später in Lichtenberg auf. Die vorletzte Erinnerung an die Kolonie war der Bahnhof Frankfurter Allee, der bis 1897 Friedrichsberg hieß, heute gibt es nur noch die Friedrichsberger Straße in Friedrichshain als letzten Hinweis (--> 2). Die Mildred-Harnack-Schule an der Schulze-Boysenstraße und die ebenfalls nach NS-Widerstandskämpfern benannten umliegenden Straßen halten die Erinnerung an die "Rote Kapelle" wach. Schulze-Boysen, Harnack, Coppi, Guddorf und andere Mitglieder dieser Gruppe wurden bereits vor dem 20.Juli 1944 - dem Attentat auf Hitler - verhaftet. Schulze-Boysen war in einem Funkspruch der sowjetische Militäraufklärung, den die deutsche Abwehr entschlüsselt hatte, mit Name und Adresse genannt. Schon vorher hatten die Sowjets ihm Unrecht getan: Schulze-Boysen und Harnack hatten ihre dienstlichen Kontakte zur sowjetischen Botschaft genutzt, um auf den bevorstehenden Angriff Hitlers auf die Sowjetunion hinzuweisen. Stalin tat dies als Desinformation ab, so gutgläubig war er zu diesem Zeitpunkt gegenüber Hitler (--> 3). An der Schulze-Boysen-Straße steht ein Denkmal für die Rote Kapelle, das der Metallbildhauer Achim Kühn geschaffen hat.

Die Hochhäuser im Umfeld der Frankfurter Allee haben sich in Friedrichsberg von Plattenbauten zu ansehnlichen Wohngebäuden entwickelt. Die Fassaden sind durch vorgehängte kleinteiligere Fliesenelemente hinterlüftet und wärmegedämmt, die Gebäude wurden auch im Innern saniert. Inzwischen gibt es kaum noch Leerstand, die Mieten sind niedriger als in den Szenebezirken Prenzelberg oder Friedrichshain, die Verkehrsverbindungen ideal.

Uns zieht es jetzt zur alten Lichtenberger Dorfaue, die nicht "Alt-Lichtenberg" heißt, wie man es in Berlin eigentlich erwarten könnte, sondern Möllendorffstraße (--> 4). Wichard Joachim Heinrich von Möllendorf (damals noch mit einem "f") war märkischer Adliger und Militär. Er brachte es 1782 bis zum Gouverneur von Berlin, damit unterstanden ihm alle Berliner Regimenter und militärischen Einrichtungen. Klar, dass während der DDR-Zeit die Straße nach einem kommunistischen Gewerkschafter benannt war, aber nach der Wende erhielt sie ihren militärischen Namenspatron zurück.

Von dem dörflichen Ambiente ist weniger als in Marzahn übrig geblieben, Mietwohnhäuser stehen dicht an der alten Dorfaue, nur seitlich der Straße im Stadtpark wirkt es noch beschaulich. Auf der Dorfaue (Loeperplatz) steht vor der Dorfkirche die Skulptur eines Sämanns. So wie wir es in der Schule gelernt haben und heute noch auf den Feldern Brandenburgs sehen, greift er mit der rechten Hand in einen Sack, den er am Körper trägt, und wirft dann mit weit ausholender Geste den Samen in die Ackerfurche. Oder sehen Sie nur wuchtige Landmaschinen, die die riesigen Ackerflächen auf und ab fahren und aufkratzen und befüllen? Der Bauer sät, pflanzt, pflügt, mäht, erntet, so wie es im Kinderlied heißt: "Er pflüget den Boden, er egget und sät / und rührt seine Hände frühmorgens und spät". Oder gibt es nur noch Landwirtschaftsunternehmen als Großbetriebe? Werden Schulkinder heute noch gefragt; "Ein Bauer geht aufs Feld: Er sät das Korn aus. Seht zu, wohin es fällt und was wohl daraus wird"? Die Kinder kennen meist nur lila Kühe, woher sollen sie etwas vom Korn wissen? Das Bild des Sämanns wird schon in der Bibel bemüht, das "Gleichnis vom Sämann" im Markus-Evangelium steht für Gottes Wort, das gesät wird und im Herzen aufgehen soll. Und wenn Sie vom Säen träumen? Sehen Sie einem jungen Sämann bei der Arbeit zu, spricht das für ein zufriedenes Leben, sehen Sie einen alten Sämann, dann liegt harte Arbeit vor Ihnen. Und wenn man sich selbst im Traum säen sieht, dann erwartet einen reicher Kindersegen, die Fruchtbarkeit liegt sozusagen nicht auf, sondern in der Hand, schon babylonische Traumforscher glaubten daran. Noch mehr Saat: "Fromme Weiber und gute Freunde seyn dünne gesäet" hieß es schon im Mittelalter, und damit verabschieden wir uns aus dem alten Lichtenberg.

Ach ja, der Sämann auf dem Loeperplatz: Er steht und sät bereits seit 1915 dort, sein Schöpfer ist unbekannt (--> 5).

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(1) Assoziationen für ihre Bauten hat die Architektur manches Mal aus anderen Bereichen bezogen, beispielsweise von Ozeandampfern: Häuser wie Ozeandampfer
(2) Mehr zu Friedrichsberg: Brauereibesichtigung
(3) Mehr über Realität, Information und Desinformation: Wie wirklich ist die Wirklichkeit
(4) Hier waren wir schon einmal 2005: Für Hunde verboten
(5) Neue Erkenntnisse über den Sämann im Spaziergang zum angrenzenden Roedeliusplatz: Rittergut Lichtenberg


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Hierzu gibt es einen Forumsbeitrag:
Lichtenberg, Mildred-Harnack-Schule (26.11.2012)


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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Friedrichsberg


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... und hier sind weitere Bilder ...
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