Bezirke
  ALLE ZIELE     Personen     Themen     Aktuell     Forum  
Charlottenburg-Wilmersdorf
Friedrichshain-Kreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Mitte
Die alte Mitte
Regierungsviertel, Hauptbahnhof und mehr
Tiergarten
Wedding
Neukölln
Pankow
Reinickendorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Treptow-Köpenick
Allgemein:
Startseite
Ich bin NEU hier
Hinweise
Kontakt
Impressum
Links
SUCHEN
Sitemap

Vor und hinter der Synagoge


Stadtteil: Mitte
Bereich: Spandauer Vorstadt
Stadtplanaufruf: Berlin, Große Hamburger Straße
Datum: 27. August 2012 (12. Januar 2004)

Wie baut man eine Synagoge? Vor dieser befremdlich erscheinenden Frage standen Eduard Knoblauch und - in seiner Nachfolge - Friedrich August Stüler. Zwar gab es seit 1671 eine jüdische Gemeinde in Berlin, eine Synagoge aber durfte sie zunächst nicht errichten. Als 1714 die erste Synagoge in Berlin in der Rosenstraße (Heidereutergasse) eingeweiht wurde, durfte sie nach außen nicht erkennbar sein: keine Türme und Kuppeln, um Verwechslungen mit christlichen Kirchen auszuschließen, nicht höher als ein Bürgerhaus, obwohl der Talmud gerade dieses fordert. Diese Privat-Synagoge befand sich in einem bürgerlichen Barockbau. Erst nach 1847 - als die Jüdische Gemeinde einen offiziellen Status als Religionsgemeinschaft erhielt (Körperschaft des öffentlichen Rechts) - wurde der selbstbestimmte Bau einer eigenen Synagoge möglich. Bis dahin wurde in einer unglaublichen Folge von Ansiedlung, Vertreibung, Wiederaufnahme, Einschränkung der Rechte den Juden keine nachhaltige Teilhabe zugestanden. So durften sie beispielsweise Berlin nur durch ein Stadttor - das Rosenthaler Tor - betreten. Erst 1812 wurden Juden durch den "Emanzipationsedikt" Staatsbürger im Preußischen Staate.

Synagoge Oranienburger Straße
Da es keine Vorbilder für diese Bauaufgabe gab, orientierten sich Knoblauch und Stüler an anderen Stilen. Sie wählten dafür die Baukunst der Araber, die als Vorläufer des gotischen Stils galt. Die Mauren haben nach der Eroberung Spaniens die Architektur geprägt (Beispiele Cordoba, Grenada), wobei christliche Baukunst durch den maurischen Stil beeinflusst, überlagert und umgeformt wurde. Mit der Synagoge in der Oranienburger Straße schufen die Architekten nicht nur ein ungewöhnliches Bauwerk, sie gaben auch den maurischen Baustil als charakteristische Form für diese Bauaufgabe vor. Fontane schrieb begeistert, dass diese Synagoge "an Pracht und Herrlichkeit christliche Kirchen weit in den Schatten stellt". Andererseits gab es auch Neid darüber, dass das schönste und prächtigste Gotteshaus der deutschen Hauptstadt ausgerechnet eine Synagoge ist (v.Treitschke).

Vor den Nazi-Pogromen vom 9.November 1938 konnte die Synagoge durch beherztes Eingreifen eines Polizeioffiziers bewahrt werden. Er vertrieb die eingedrungenen SA-Leute mit vorgehaltener Pistole unter Hinweis auf den Denkmalwert des Gebäudes und holte die Feuerwehr zum Löschen des bereits gelegten Brandes. Fünf Jahre später wurde das Gotteshaus bei einem Bombenangriff zerstört. 1988 hat Erich Honecker den teilweisen Wiederaufbau gefördert, um gutes Wetter für einen Staatsbesuch in den USA zu machen, deren jüdische Lobby er für sich einnehmen wollte. Nach der Wende wurden die beiden charakteristischen Kuppeln nachgebaut. Die zerstörte Haupthalle ist in ihren Umrissen auf dem Hof sichtbar gemacht worden, sie wurde nicht wieder aufgebaut.

Große Hamburger Straße
Die Synagoge sollte nach königlicher Vorgabe in Kreuzberg "versteckt" werden, die Jüdische Gemeinde bestand aber auf ihrem eigenen Grundstück in der Oranienburger Straße. Hier im Umfeld war ein Zentrum jüdischen Lebens, an der Großen Hamburger Straße gab es ein jüdisches Gemeindehaus, ein jüdisches Krankenhaus, einen jüdischen Friedhof. Später kamen ein jüdisches Altersheim und die jüdische Knabenschule hinzu. Als "Toleranzgasse" stand diese Straße beispielhaft für die gute Nachbarschaft zum katholischen St. Hedwigs-Hospital und der protestantischen Sophienkirche. In der Nazizeit wurde die Schule als Sammellager für die Deportation Berliner Juden missbraucht, das Altersheim wurde durch Bomben zerstört. Auf einer Gedenktafel an der Knabenschule wird unverzagt Moses Mendelssohn zitiert: "Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen, das Beste tun". Sein Grabstein ist der einzige, der noch auf der Grünfläche des ehemaligen Friedhofs steht.

Vor dem Friedhof steht eine Skulpturengruppe, die ursprünglich für das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück geschaffen wurde. Sie zeigt deshalb nur Frauen- und Mädchenfiguren. Die Figurengruppe wurde zu DDR-Zeiten als Denkmal für die Opfer des Faschismus ohne konkreten Bezug zur Deportation und Vernichtung der Juden hier aufgestellt. Auf dem Friedhof ist als einziges Grabmal das von Moses Mendelssohn erhalten.

Zwei Installationen versuchen, die Spur der früheren Hausbewohner aufzunehmen. In der Großen Hamburger Straße 15-16 wird an ein zerbombtes Haus auf den Seitenwänden der stehen gebliebenen Nachbarhäuser erinnert ("The Missing House"). Die Stockwerke und Zimmereinteilungen sind noch erkennbar, die Namen und Lebensdaten der Bewohner stehen auf großen Schildern, die vom Bürgersteig aus lesbar sind. Am Koppenplatz 6 werden an den letzten jüdischen Hauseigentümer und seine Angehörigen durch einen Stammbaum im Innenhof an einer Brandmauer erinnert.

Koppenplatz
Am Koppenplatz verweist das Denkmal "Der verlassene Raum" eindrucksvoll auf die Leere, die durch Deportationen räumlich wie menschlich entstanden ist. Auf dem Parkett eines Wohnzimmers steht ein Tisch und ein Stuhl, ein weiterer Stuhl ist umgeworfen, wie es beim hastigen Verlassen eines Raumes passiert. Das Parkett ist von einem Wortfries umgeben, "Oh die Wohnungen des Todes ..." (Nelly Sachs). Bereits zu DDR-Zeiten ausgewählt, wurde der Entwurf erst nach der Wende realisiert.

"Stolpersteine" sind eine Erinnerung an vertriebenes jüdisches Leben nicht nur in Berlin. Es sind in den Bürgersteig eingelassene quadratische Steine mit Messingplatte. "Hier wohnte ...", "deportiert ..." und die Namen und Daten der Verschwundenen sind eingraviert. Erinnerung wird ganz konkret in den Alltag geholt, weil man den Stein nicht übersehen kann, darüber "stolpern" muss. Im ehemaligen jüdischen Viertel an der Großen Hamburger Straße weisen nicht nur einzelne, sondern viele Stolpersteine nebeneinander auf die früheren Bewohner hin.

Hedwig-Krankenhaus
Das von der katholischen St. Hedwig-Gemeinde eingerichtete Krankenhaus befindet sich seit 1850 in der Großen Hamburger Straße. Es ist heute akademisches Lehrkrankenhaus der Charité, wird aber von einem privaten Träger (Alexianer GmbH) betrieben. Von den historischen Gebäuden an der Großen Hamburger Straße reicht das Krankenhausgelände mit mehreren Innenhöfen bis an die Rückseite der Synagoge. Dort zwischen Synagoge und altem Gebäudebestand werden gerade mehrere Neubauten für das Krankenhaus errichtet.

Sophienkirche
Jeder Herrscher versucht, der Nachwelt bleibende Zeichen zu hinterlassen, am besten Bauwerke, die sind dauerhaft. Tamerlan war genial, von seinen Kriegszügen über die halbe (damals bekannte) Welt brachte er unter Zwang die begabtesten Baumeister und Handwerker mit und ließ sich von ihnen die schönsten Moscheen, Medresen (Koranschulen) und Mausoleen errichten. So wurde Samarkand zur Perle der islamischen Welt. Preußische Herrscher waren anspruchsloser, sie bauten Kirchen ("Kirchenjuste", --> 1) oder einfach nur Kirchtürme auf vorhandene turmlose Gotteshäuser, wie der Soldatenkönig. Dies dann aber auch in Perfektion: Friedrich Wilhelm I. schickte seinen 18jährigen Baumeister Johann Friedrich Grael zum Studium hoher Turmbauten nach Straßburg, Halberstadt, Dresden und Frankfurt am Main und setzte ihn dann beispielsweise auf die Türme der Heiliggeistkirche in Potsdam, der Sophienkirche und der Petrikirche in Berlin an. Der Petrikirchturm stürzte ohne Graels Schuld ein, der Turm der Sophienkirche steht heute noch. In den 300 Jahren ihres Bestehens ist diese Kirche schon oft umgebaut worden: Altar vor der Ostwand, neue Apsis, erhöhte Decke, neubarocke Zierde, Ostgiebel, umgebende Wohnhäuser und Westzugang. Dieses Ensemble von Wohnhäusern und Kirche macht heute den Reiz aus, wenn man dem Ruf des Kirchturms von der Großen Hamburger Straße aus folgt. Im Putz der Wohnhäuser sind bis heute Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg zu sehen.

Die Oranienburger Straße wurde nach der Wende zur Flaniermeile, die Neue Hamburger Straße zu einem Ort, den sich die Bewohner mit den vielen Touristengruppen teilen müssen (3). Dieses Gedränge ist ein positives Zeichen dafür, dass unsere Stadt sich den dunklen Seiten ihrer Geschichte stellt. Wie üblich fehlt auch nicht ein Anwohner, der - auf ein Kissen auf der Fensterbank gestützt - dem Treiben auf der Straße zusieht.

Wortlabyrinth aus dem Tacheles
Im Januar 2004 hatten wir in der Oranienburger Straße ein Kunstwerk gesehen, das inzwischen einem Neubau gewichen ist. Damals hatte ich geschrieben: "Und dann ist da noch die andere Gegenwart: ein temporäres Kunstwerk aus Buchstaben, ein Wortlabyrinth (--> 2), das vorübergehend Platz gefunden hat auf einer Baustelle. Vor den Autos bietet sich die käufliche Liebe an, es ist unverkennbar die Oranienburger Straße. Ob dies den Künstler bewogen hat, die Angebote der Mädchen plakativ in seine Buchstaben aufzunehmen?" Auf jeden Fall war der Weg vom Atelier zum Aufstellort nicht weit, denn denn geschaffen hatte dieses Metallkunstwerk Hüseyin Arda, dessen Werkstatt sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Tacheles befindet.

---------------------------
(1) Über die Kirchenjuste und den Kirchenbauverein: Kirchenbauverein, "Kirchenjuste"
(2) weitere Buchstabengruppen dieses Künstlers fanden wir später in der Nähe vom Ostkreuz: Ostkreuz - Richtung Westkreuz
(3) Ein Spaziergang entlang der Oranienburger Straße: Der geheime Park


--------------------------------------------------------------
... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
--------------------------------------------------------------


--------------------------------------------------------------
... und hier sind weitere Bilder ...
--------------------------------------------------------------


Sucht sich einen Platz unter dem Apfelbaum
Berlin ist Bewegung