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Moskauer Museumsdirektor leitet Berliner Museum


Stadtbezirk: Lichtenberg
Bereich: Karlshorst-Nord
Stadtplanaufruf: Berlin, Stolzenfelsstraße
Datum: 11. Mai 2009

Heute sind wir im ehemaligen Sperrgebiet unterwegs. Am Ende der Rheinsteinstraße in Karlshorst steht das Haus, in dem am 8.Mai 1945 deutsche Militärs unter Führung von Generalfeldmarschall Keitel vor dem russischen Marschall Shukow die bedingungslose Kapitulation unterzeichneten. Das 1936 gebaute Offizierskasino der Wehrmacht war von da an Sitz der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (1), Karlshorst wurde bis 1963 Sperrgebiet für Deutsche, innerhalb von 24 Stunden mussten rund 8000 Einwohner hier ausziehen. In dem Gebäude wurde 1949 die erste Regierung der DDR von den Russen legitimiert. Heute ist hier ein Museum, das zwei Chefs hat: es wird von dem Direktor des Zentralen Streitkräftemuseums in Moskau und dem Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums in regelmäßigem Wechsel geleitet wird.

Wir sind vom S-Bahnhof Karlshorst aus nördlich der S-Bahn unterwegs. Die Vorstellung, in einem Zuge auch im Süden die "Colonie Carlshorst" und die Waldsieldung Wuhlheide zu erwandern, müssen wir als zu ehrgeizig aufgeben, das "Dahlem des Ostens" werden wir uns für einen späteren Spaziergang vornehmen (2).

Dem Reichsbahn-Architekten Karl Cornelius verdanken wir nicht nur den markanten Wasserturm am Ostkreuz, sondern auch eine ganze Reihe von S-Bahnhöfen, die bis zum 1.Weltkrieg entstanden sind, wie Grunewald, Wollankstraße, Hermsdorf, Tegel, Blankenburg, Karow, Köpenick und Karlshorst, wo wie heute aussteigen. Direkt gegenüber an der Stolzenfelsstraße steht eine Reihe von Gründerzeithäusern mit Stuckmotiven auf der Fassade. Durch den Rheinsteinpark kommen wir zum Deutsch-Russischen Museum und von dort zur Kirche der Paul-Gerhardt-Gemeinde. Als hier russisches Sperrgebiet war, wurde sie als Pferdestall und Speicher genutzt. Nach Aufhebung des Sperrgebiets hat man sie neu gesegnet als Kirche "Zur frohen Botschaft". So kann man auch mit Kirchennamen feinen Spott verbreiten.

An der Dönhoffstraße, die nördlich der Bahntrasse verläuft, finden wir nicht nur die Feuerwehr in einem historischen Gebäude, sondern hier treffen wir auch auf den Wohnsitz einer berühmten Schriftstellerin, die als uneheliches Kind einer Marketenderin und eines Saaleschiffers geboren wurde und deren Leben nach demselben Schema verlief wie die Handlung all ihrer Romane: Die Figuren durchlaufen einen Weg durch Leid und Not hin zum kleinbürgerlichen Glück. Ihre Romane heißen "Unschuldig-schuldig", "Deines Bruders Weib", "Ich lasse Dich nicht!" oder "Wo die Heide blüht", und ihr Name ist Hedwig Courths-Mahler. 30 Millionen Exemplare ihrer Bücher wurden verkauft, nur ihr Buch ohne Happy-End. "Wir sind allzumal Sünder" fand kein Publikum.

Ein weiterer Bau an der Ecke Treskowallee versteckt seine Vergangenheit hinter einer stupiden Fassade: 1897 Vergnügungslokal. 1945 russisches Haus der Offiziere, 1956 Kreiskulturhaus Karlshorst, 1992 Musikschule Lichtenberg, jetzt zum Abriss freigegeben. Auf dieser Straßenseite sind auffallend viele Gebäude in einem so maroden Zustand, als wären noch keine 20 Jahre seit der Wende vergangen.

Das Essen, das den heutigen Rundgang in Karlshorst krönen sollte, war als italienisches Nudelgericht auf der Speisekarte aufgeführt, schmeckte aber zusätzlich nach vietnamesischer Fischsoße und chinesischem Maggi vor und war scharf gewürzt. Wir hätten gleich gehen sollen, als der Junge, der uns die Speisekarte brachte, die dort fehlenden Fußnoten etwas ungewöhnlich erklärte. Hinter manchen Gerichten stand der Hinweis "2)", eine entsprechende Fußnote gab es aber nicht auf der Karte. Das bedeute, wir hätten zwei Wünsche frei, erklärte er uns mit todernstem Gesicht. Nach Beispielen gefragt, ergänzte er "Brot oder Parmesan-Käse". Wenn man im italienischen Namen dieses Lokals einen Buchstaben austauscht, heißt die deutsche Übersetzung: "Übles Leben". Eben.

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(1) Mehr über das Militärgelände in Karlshorst: Am Luftschiffhafen
(2) Hier steht der zweite Spaziergang: Für mein Jeld jehste nich wieder baden

Klicken Sie hier, um zur Galerie zu gelangen.

Mit der Pferdebahn bis Weißensee
Für mein Jeld jehste nich wieder baden