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Für mein Jeld jehste nich wieder baden



Stadtbezirk: Lichtenberg
Bereich: Karlshorst
Stadtplanaufruf: Berlin, Hoher Wallgraben
Datum: 18. Mai 2009


Auf dem "Geläuf von Carlshorst ", einer von der Armee angelegten Rennbahn, fand 1884 das erste öffentliche Pferderennen statt. Erst 10 Jahre später wurden die Anlagen der zivilen Trabrennbahn Karlshorst eröffnet. In den 1930er Jahren war Karlshorst die bedeutendste Berliner Rennbahn für Hindernisrennen, sie war mit ihren einfachen Holztribünen nicht mehr modern, aber volkstümlich. Es gab ein Parforcejagdrennen, das durch einen See führte. Ross und Reiter stürzten bei einem solchen Rennen in die unangenehm kühlen Fluten, ein aufgebrachter Zuschauer sah sich um den Wettsieg betrogen und rief: "Für mein Jeld jehste nich wieder baden!".

Am S-Bahnhof Karlshorst steht ein Fachwerkbau, der einmal Bahnhofsgebäude für den Kopfbahnhof "Rennbahn" war, die Schienen enden heute noch hier. Der vordere Teil des Gebäudes war den hochherrschaftlichen Besuchern der Rennbahn vorbehalten, er hieß deshalb "Kaiserpavillon". Von hier aus kam man nicht nur zur Rennbahn, sondern auch zur 1893 gegründete Villenkolonie.

"Karlshorst war ein überschaubarer, im Osten der Hauptstadt gelegener Vorort, überwiegend bewohnt von mittlerem Bürgertum. ... Berlin war keine Stadt, die man ins Herz schloss, doch fühlte man sich in ihr rasch zu Hause. Und Karlshorst war eine Art kleinstädtische Variante der gewaltigen Metropole". Der Publizist Joachim Fest, bekannt geworden durch die Moderation des kritischen Magazins "panorama", eine Hitler-Biografie und als Mitherausgeber der FAZ, hat seine Jugend im Norden Karlshorsts verlebt und beschreibt in seiner Autobiografie "Ich nicht" eindringlich, wie in der NS-Zeit selbstständiges Denken und Kritik im Alltag schleichend aber unübersehbar immer weiter unterdrückt und Menschen in die Verzweiflung getrieben wurden.

Joachim Fests Großvater Heinrich Straeter war mit dem Baumeister Oscar Gregorovius für die Parzellierung und Straßenführung der neuen "Colonie Carlshorst" verantwortlich ( -->(1)). Südlich der Bahnlinie entstand das Prinzenviertel (weil es damals nach preußischen Prinzen benannt war), ein "Dahlem des Ostens". Die Bauvereinigung “Eigenhaus” von Gregorovius und Straeter wollte ursprünglich nur kleine Siedlungshäuser für Arbeiter und Angestellte bauen, bediente aber bald das Umfeld der von den höheren Schichten besuchten Trabrennbahn mit repräsentativen Villen.

Im Süden schließt sich an die Villenkolonie die 1919 von Peter Behrens gestaltete Waldsiedlung Wuhlheide an, eine Gartenstadt mit zweigeschossigen Ein- bis Vierfamilienhäusern, Hausgärten und Stallungen für Kleintierhaltung. Hier ist also wirklich für das einfache Bürgertum sparsam gebaut worden, die schlichten Bauten mit Fensterläden sind aber heute noch begehrt. Peter Behrens war "Hausarchitekt" der AEG und hat vor allem Fabrikbauten (AEG Turbinenhalle) und Bürogebäude (Alexanderhaus, Berolinahaus) entworfen. Bei der Waldsiedlung folgte er der seriellen Bauweise mit wenigen Haustypen und mit der farbigen Fassadengestaltung dem Beispiel von Bruno Taut, setzte die Farbe aber nicht ein, um die einzelnen Häuser voneinander abzuheben.

So haben wir bei zwei Rundgängen (2) die fünf Gesichter von Karlshorst kennen gelernt: die Wohnungsbauten im Norden, in denen Joachim Fest aufgewachsen ist, das Gebiet der ehemaligen sowjetischen Kommandozentrale, die Rennbahn, die Villenkolonie und die Waldsiedlung. Und dieses Mal achten wir darauf, zum Abschluss in einem Lokal nicht "übles Leben", sondern vernünftiges Essen zu bekommen, und speisen im Gattopardo. Auch der Name ist unverfänglich, er weist auf einen Roman von Tomasi de Lampedusa über einen sizilianischen Fürsten hin, der einen Leoparden im Familienwappen führt. Da wir kein Wildgericht ordern, ist wohl auch kein Zootier auf unserem Teller gelandet.

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(1) "Colonie Carlshorst": Seit der Rechtschreibreform 1901 schrieb man beides mit "K" statt mit "C". Auf der Orthographischen Konferenz in Berlin wurde für alle deutschsprachigen Staaten eine gemeinsame Rechtschreibung festgelegt, dadurch wurde Epheu zu Efeu, aus Cassel wurde Kassel und aus Cöln wurde Köln, statt regiren schrieb man regieren, statt Geheimniß Geheimnis, statt Thal und Thür schrieb man Tal und Tür. Nebeneinander bestanden weiter Schreibweisen wie Shawl und Schal, Accent und Akzent, central und zentral, social und sozial.

(2) Hier steht der andere Rundgang in Karlshorst: Moskauer Museumsdirektor leitet Berliner Museum

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Hierzu gibt es einen Forumsbeitrag
Lichtenberg (Karlshorst), baden gehen (18.5.2009)

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Moskauer Museumsdirektor leitet Berliner Museum
Villenviertel für den kleinen Mann