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Ein lichtes Berliner Dörfchen


Stadtteil: Charlottenburg
Bereich: Eichkamp, Heerstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Waldschulallee
Datum: 8. Februar 2011

Westlich des Messegeländes erstrecken sich zwischen Avus und Heerstraße zwei Siedlungen, die man von S-Bahnhof zu S- Bahnhof gut erlaufen kann. Die Namen beider Siedlungen sind gleichzeitig die Stationsnamen ("Eichkamp" und "Heerstraße"). Wir beginnen unseren Spaziergang an der Avus-Seite.

S-Bahnhof Eichkamp
Der S-Bahnhof Messe-Süd(Eichkamp) hat ein janusköpfiges Gesicht. Über dem Südeingang steht noch der alte Name Eichkamp, auf der anderen Seite "Messe-Süd". "Eichkamp" verweist auf einen beschaulichen Siedlungsbahnhof, den der S-Bahn-Architekt Richard Brademann 1928 aus Backstein errichtet hat. Eine überdachte Treppe führt von dem pavillonartigen Empfangsgebäude über die Fernbahngleise zu den beiden Bahnsteigen. Zu den Olympischen Spielen 1936 wurde dann zusätzlich ein Nordausgang geschaffen, der zur Deutschlandhalle führt. Hier steht heute der Namen Messe-Süd 'dran, offiziell ist der Stationsname Eichkamp nur noch in einen Klammerzusatz vorhanden. 1936 hatte man den Bahnhof Eichkamp in "Deutschlandhalle" umbenannt, dies aber nach Kriegsende wieder rückgängig gemacht. Der alte Schriftzug "Eichkamp" auf der Siedlungsseite wird auch während dieser 10 Jahre weiter sichtbar gewesen sein. Wie schön, dann konnte man ihn gleich behalten nach der Rückbenennung.

Frakturschrift
"Eichkamp" ist in Frakturbuchstaben geschrieben. Eine Schriftart zeigt die individuelle, charakteristische Form der Buchstaben. "Jeder Buchstabe ein und desselben Alphabets hat ein und denselben Charakter" habe ich von einer Kunstlehrerin gebetsmühlenartig eingetrichtert bekommen, recht hatte sie, zu einem runden "o" passt kein eckiges "e". Die Schriftart ist ein Wiedererkennungszeichen mit Symbolwert, und so assoziieren wir unbewusst Fraktur-Schriften mit dem Nationalsozialismus. Zwar gibt es die "fractura germanica" bereits seit 1507, die runenhafte, gebrochene Frakturschriftart "Tannenberg" wurde aber tatsächlich erst 1933 entwickelt und von den Nazis als Amtsschriftart durchgesetzt. (Am jetzt umbenannten S-Bahnhof "Brandenburger Tor" kann man die aktuelle Bahn-Schriftart "DB Type" mit der Frakturschrift beim alten noch erhaltenen Stationsnamen "Unter den Linden" vergleichen.)

Und dann wurde plötzlich 1941 "im Auftrag des Führers" die amtliche Schrift auf Antiqua umgestellt, eine lateinische Schriftart mit fließenden Formen. Amtliche Drucksachen wurden neu gesetzt, die Zeitungen wurden umgestellt, die Schulbücher neu gedruckt, Ernennungsurkunden von Beamten durften nur noch in Antiqua gedruckt werden. Woher dieser Sinneswandel? Offiziell wurde als Grund genannt, die Schrift bestehe aus "Judenlettern", aber das war nur vorgeschoben. Acht Jahre nach Einführung hätte man nicht zugegeben, eine Schrift von jüdischen Typografen ausgewählt zu haben. Nahe liegender ist, dass die Nazis bei der Eroberung immer neuer Gebiete Schwierigkeiten bekamen, ihre Anweisungen verständlich zu machen, andere Völker konnten diese Schrift nicht lesen. Und so mussten sie sich mitten im Krieg von einem zutiefst "deutschen" Symbol trennen und Blei statt für Waffen vermehrt für Schriftlettern verwenden. Trotzdem ist die Frakturschrift DAS Nazisymbol geblieben und es reicht die Verwendung dieser Schrift, ironisch oder bitterernst, um hieran anzuknüpfen.

Deutschlandhalle
Die Deutschlandhalle soll abgerissen werden, die Messe möchte ihre Fläche hierher erweitern. Als Sportstätte für 10.000 Zuschauer der Olympischen Spiele 1936 errichtet, war sie zu dieser Zeit die größte Mehrzweckhalle der Welt und das in einer schlichten, sachlichen Architektur, die sich deutlich von anderen Bauten dieser Epoche abhebt. Hier fanden danach andere Sportveranstaltungen wie das Reit- und Springturnier, das Sechstagerennen, "Holiday on Ice", Musikveranstaltungen (Rolling Stones, Jimi Hendrix) und Zirkusveranstaltungen ("Menschen, Tiere, Sensationen") statt. Hanna Reitsch startete hier 1938 zum ersten Hubschrauberflug in einer Halle. 1943 setzten Bomben das Hallendach in Brand.

Nach dem Wiederaufbau war das Bauwerk zum Schluss Eissporthalle. Die Denkmalschützer des Bezirksamts hatten den Abriss untersagt, die übergeordnete Senatsbehörde aber die Genehmigung erteilt. Und nun zeigt sich, dass das mit dem Abriss technisch nicht so einfach ist. Der überhöhte Teil des Daches ("Laternendach") ist mit Eisenträgern so fest gefügt, dass nur eine Sprengung möglich ist. Nahe liegend ist der Vergleich, den ich im Internet gefunden habe: "Was die Bomben nicht geschafft haben, das erledigt jetzt der Senat".

Siedlung Eichkamp
Die Eichkamp-Siedlung ist nicht durch eine kapitalstarke Terraingesellschaft erschlossen worden, sondern durch die "Märkische Heimstätte", die nach Ende des Ersten Weltkriegs Siedlungsprojekte gegen die herrschende Wohnungsnot betreut hat. Max Taut, der "kleine Bruder" von Bruno Taut, entwarf den Bebauungsplan für ein "lichtes Berliner Dörfchen mit kindlich-schlichten Straßen und Häuschen" (so Ludwig Marcuse, der selbst hier wohnte). Die Straßen sind teilweise Sträßchen ohne Bürgersteig, so dass man jetzt die Siedlung zu einem von der EU begleiteten "shared place"-Projekt machen will, in dem alle Verkehrsteilnehmer alle öffentlichen Flächen gemeinsam nutzen, der Fußgänger auf dem Fahrdamm die gleichen Rechte hat wie das Auto auf dem (schmalen oder nicht vorhandenen) Bürgersteig.

Es waren mehrere Baugenossenschaften und -gesellschaften, die hier Reihen- und Doppelhäuser errichtet haben, außerdem gibt es Einfamilienhäuser und kleine Villen von privaten Bauherren. Die Bewohner versuchen mit unterschiedlicher Begabung, die Siedlung mal aufzuhübschen, mal ihr einen Kontrapunkt hinzufügen. Recht merkwürdig sind ein Haus mit Metallschiebetüren als Eingangstüren und ein Haus mit vollständig vergitterten Fenstern. Oder optisch aufeinander bezogene Doppelhäuser, die die Entfremdung der Nachbarn mit unterschiedlicher Farbe oder Dämmung so sichtbar machen, dass ein „Grenzstreifen“ entsteht.

Das früher von Max Taut bewohnte Haus (Lärchenweg 15) ist nicht mehr aus der heutigen Ansicht heraus zu identifizieren, Häuserreihen am Zikadenweg haben ihr einheitliches Aussehen verloren. Bei den kleinen quadratischen Fenstern, die im Fassadenbild ungewöhnlich angeordnet sind (wie kommt hier Licht in die Räume?), ist an fast jedem Haus eine Individualisierung versucht worden. Nur wenige Häuser in dieser Siedlung konnten noch dem Denkmalschutz unterstellt werden, dazu gehören Wohnhaus und Atelier von Arnold Zweig (Zikadenweg 59 und Kühler Weg 9).

Die Farbe der Treppenwangen am Haus Eichkatzweg 54 ähnelt der roten Currywurst-Soße. Vielleicht ist dies beabsichtigt, denn hier wohnte Herta Heuwer, die Erfinderin der Currywurst. Weder erfunden noch verkauft wurde die Wurst hier, die Würstchenbude stand Kant- Ecke Kaiser-Friedrich-Straße.

Waldschulallee
Entlang der Waldschulallee kommen wir in eine ganz andere Epoche, eine andere Welt. Im Nachkriegs-West-Berlin konnte man ein Traumhaus gewinnen, wenn man ein Scheckheft vom "Tag der offenen Tür" kaufte (als "Berlin-Scheckheft" lebt es noch heute ohne Traumhaus weiter). Der Gewinner zog in einen Bungalow, der extra für diesen Zweck gebaut worden war. Die Häuser, vor denen man in den 1960er Jahren sehnsuchtsvoll stand, wirken heute natürlich etwas mickrig und verbergen sich hinter hohen Hecken. Ein Stück weiter Richtung Heerstraße beginnt eine ausgedehnte Sportwelt mit dem Mommsenstadion und vielen Sportplätzen. Eichkamp hat noch mehr sportliches zu bieten, nämlich einen Pferde-Dressurstall, einen Reitverein, einen Verein für Dobermannfreunde und einen für Pudel.

Studentendorf Eichkamp
Zwischen S-Bahn, Harbigstraße und Marienburger Allee liegt das Studentendorf Eichkamp, das nach Ende des Zweiten Weltkriegs von Studenten auf dem Gelände eines ausgebombten Gymnasiums in Handarbeit ("work-camp") mit aufgebaut und selbstverwaltet wurde. 1950 wohnten 30 Studenten hier, heute sind es 444. Am Ende der Waldschulallee bestimmen Schulen das Bild. Zuerst wurde 1910 die Waldschule hier eröffnet, eine "Freiluftschule" für "schwächliche, ärztlich zu betreuende" Grundschüler. Später folgten die Pavillons der Waldoberschule. Dritter im Bunde wurde 1995 die Jüdische Grundschule. Deren Gebäude sind wie die Umrisse einer Sonnenblume angeordnet, was sich von der Straße aus nicht erschließt, hier sieht man massive Betonbauten.

Siedlung Heerstraße
Auch die Siedlung Heerstraße zwischen Waldschulallee und S-Bahn war eine Siedlung mit preiswerten Ein- und Zweifamilienhäusern. Die von der Gemeinnützigen Baugesellschaft Berlin-Heerstraße gebaute Siedlung wurde vom Bezirksamt subventioniert, zum Teil waren die Bauten für städtische Beamte vorgesehen. Im Gegensatz zu Eichkamp waren hier die Straßen etwas großzügiger dimensioniert und von Bürgersteigen flankiert. Den Bebauungsplan hatte Bruno Möhring entworfen, in der Boyenallee parallel zur Eisenbahn baute die „Königliche Preußische Eisenbahnverwaltung“.

Ich habe selbst mehrere Jugendjahre in einem Reihenhaus der Marienburger Allee verbracht und erinnere mich, dass die Schallisolierung der Häuser gegeneinander nicht optimal war. An der Wand zum Nachbarhaus schlafend wurde ich eines Morgens um fünf Uhr wach, als der Nachbar an der angrenzenden Küchenwand eine Etage tiefer die Brotschneidemaschine bediente. Die Vorstellung eines leckeren Butterbrots ließ auch mich nicht wieder einschlafen, bis ich in unserer Küche eine Scheibe Brot abgeschnitten hatte. Als ich bei dem heutigen Rundgang intensiv schauend vor dem Haus stand, bat der heutige Bewohner mich herein, eine Besichtigung und ein freundschaftliches Gespräch schlossen sich an. Nach 40 Jahren erkennt man zwar vieles wieder, ein Heimatgefühl hat sich aber nicht eingestellt.

S-Bahnhof Heerstraße
Der S-Bahnhof Heerstraße hat einmal ein paar Stunden als "Staatsbahnhof" erlebt. Er liegt an der Ost-West-Achse einer preußischen Paradestrecke, die im Rahmen von Hitlers und Speers "Germania"-Planung zu einer Prachtstraße ausgebaut werden sollte. Im September 1937 hatte Hitler den Sonderzug seines faschistischen italienischen Kollegen Mussolini am S-Bahnhof Heerstraße halten lassen, um ihn hier zu empfangen, im Gedenken an diese Inszenierung sollte der neu zu bauende repräsentative Staatsbahnhof "Mussolini-Bahnhof" heißen. Die U-Bahn, die vom Theodor-Heuss-Platz ("Adolf-Hitler-Platz") nach Spandau verlängert werden sollte, hätte vom Kreuzungsbahnhof Heerstraße einen Abstecher zur "Wehrtechnischen Hochschule" gemacht, die an der Teufelsseechaussee entstehen sollte. Ihr Baufeld wurde nach Kriegsende unter dem Schutt der ehemaligen Hauptstadt "Germania" begraben, darüber erhebt sich der Teufelsberg, und das ist auch gut so.
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Näheres zum Teufelsberg: Teufelsberg
Und zur U-Bahn nach Spandau: Dreifache Luise


Ein gradliniger Lebenslauf
Im Innenraum der Rennbahn