Bezirke
  ALLE ZIELE     Personen     Themen     Aktuell     Forum  
Charlottenburg-Wilmersdorf
Friedrichshain-Kreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Mitte
Die alte Mitte
Regierungsviertel, Hauptbahnhof und mehr
Tiergarten
Wedding
Neukölln
Pankow
Reinickendorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Treptow-Köpenick
Allgemein:
Startseite
Ich bin NEU hier
Hinweise
Kontakt
Impressum
Links
SUCHEN
Sitemap

Einfach nur nass


Stadtbezirk: Wedding
Bereich: Gesundbrunnen
Stadtplanaufruf: Berlin, Travemünder Straße
Datum: 12. September 2010

Die Eisenbahn nach Stettin fuhr im Wedding ebenerdig durch die Stadt. 1842, als man die Strecke angelegt hatte, war die Gegend um die Badstraße noch "wüst", nur im Norden an der Panke gab es die Kuranlagen des Gesundbrunnens. Und so kreuzte die Fernbahn an der Grüntaler Straße die Badstraße, nur durch einen Bahnübergang mit Schranken gesichert. Im weiteren Verlauf der Grüntaler Straße wurde die Eisenbahn dann auf einen erhöhten Damm geführt, dessen niedriger Durchgang an der Bellermannstraße "Eselsbrücke" genannt wurde, denn so mancher unachtsame Tropf schlug dort mit seinem Kopf an. Ab 1873 fuhr dann auch noch die Pferdebahn über die Kreuzung Badstraße/Grüntaler Straße, und der Lärm von 100 Zügen täglich nervte die Anwohner, denn inzwischen hatte sich der Gesundbrunnen zu einem lebendigen Stadtteil entwickelt. Erst die Verlegung der Fernbahn zur tiefer liegenden Ringbahn am S-Bahnhof Gesundbrunnen entschärfte 1897 das Verkehrs- und Lärmproblem.

Auch im Norden an der Pankebrücke wurden Veränderungen am Stadtgrundriss vorgenommen. 1906 legte man die Travemünder Straße als Uferweg direkt an der Panke an und bereits 1885 war die Badstraße vor der Brücke über die Panke aus dem geraden Nord-Süd-Verlauf in eine diagonale Richtung verschwenkt worden. Die Grundstückseigentümer Gebrüder Galuschki waren von beiden Änderungen betroffen, denn ihnen gehörten mehrere Grundstücke im Gesundbrunnen. Für die Travemünder Straße mussten sie ein Drittel ihres gerade erst vor 14 Jahren gebauten Eckhauses Badstraße 38/39 ("Luisenhaus") abreißen, wurden aber dafür natürlich entschädigt.

Von der Veränderung des Straßenverlaufs der Badstraße dagegen profitierten sie, denn sie gewannen Land hinzu. Übrigens kann man am Haus Badstraße 33 die veränderte diagonale Straßenführung sehr gut ablesen: es steht unmotiviert schräg zur neuen Straßenflucht, weil es an der alten Straße erbaut wurde. Zurück zum Haus der Galuschkis an der Badstraße 35 ("Marienbad"). Das an der alten Straßenflucht stehende Wohnhaus mit der klassizistischen Straßenfassade wurde plötzlich zum Hinterhaus, weil in der neuen Straßenflucht ein weiteres Wohnhaus - diesmal im Jugendstil - davor gebaut werden konnte. Im Hof stoßen die beiden Welten aneinander, und so wird eine Putzfassade des Historismus im rechten Winkel von einer weiß-blau gefliesten Fassade weiter geführt.

Und damit sind wir bei der Heilquelle, der Gesundbrunnen seinen Namen verdankt. Das Gelände hinter dem Jugendstilhaus Badstr.35 bis zur Ecke Luisenhaus Badstraße 39 gehört zu dem historischen Luisenbad, das vorher „Friedrichs-Gesundbrunnen“ hieß, weil König Friedrich I. auf seine heilende Wirkung stieß. 1751 wurde sie als Heilquelle anerkannt und vom Hofapotheker Behm vermarktet. Der Besuch von Königin Luise 1799 führte dann weitere zehn Jahre später zur Namensänderung. Ab 1850 siedeln sich Gerber oberhalb der Panke an und machen mit ihren Verunreinigungen den Fluss zur "Stinke-Panke". 1869 begann der Niedergang des Bades, bei Bauarbeiten wurde die Heilquelle angestochen, 1882 wurde sie bei Kanalbauarbeiten verschüttet. Das Badehäuschen wechselte mehrfach den Standort, es war aber niemals in dem Haus der heutigen Stadtbibliothek, die deshalb auch korrekt den Zusatz "am" Luisenbad führt. Vielmehr stand es auf dem Eckgrundstück Badstraße 39/Travemünder Straße, dort wind stolz oben an der Fassade eine Darstellung des Badehauses gezeigt.

Auf dem Innenhof gab es eine Abfüllanlage für das Heilwasser, und ein „Comptoir“. Nach Schließung des Bades begann das zweite Leben als Vergnügungsmeile. Es entstand ein Biergarten, das Lichtspielhaus „Marienbad“ und ein Theater, dessen Vestibül heute als Eingangshalle zur Stadtbibliothek genutzt wird. Der Puttensaal im ersten Stock des Vestibüls muss vor der denkmalgerechten Instandsetzung in den 1980er Jahren ein erschreckendes Bild geboten haben. Löcher in der abgehängten Decke gaben einen Blick in den teilweise zerstörten Puttenfries frei, ein Teil der Puttenköpfe lag auf dem Fußboden. Neben dem Theater gab es die übliche Kaffeeküche für die aus der Stadt anströmenden Gäste ("Der alte Brauch wird nicht gebrochen, hier können Familien Kaffee kochen"). Die Stadtbibliothek ist als moderner verglaster Anbau und um eine Etage vertieft geschickt hinter dem Vestibül errichtet worden, die Wunden des durch Abriss in den 1980er Jahren vernichteten Theatersaales blieben sichtbar.

Und was blieb von der Bade- und Vergnügungsherrlichkeit? Die repräsentativen Bauten an der Badstraße - Luisenhaus und Marienbad - beherrschen den Straßenraum, das Luisenhaus mit roten, weißen, gelben und grünen Klinkern, die zu geometrischen Ornamenten und Friesen zusammengesetzt sind, das Haus Marienbad mit seiner aufwendigen Jugendstilfassade. Im Keller des Hinterhauses sprudelt manchmal so etwas ähnliches wie eine Quelle, die Wasserbetriebe mögen aber diese Bezeichnung nicht, für sie ist es "einfach nur nass".
----------------------------------------
Im Februar 2005 waren wir schon einmal in Gesundbrunnen:
Gesund trotz vieler Apotheken


Gesund trotz vieler Apotheken
Asche im Taubenschlag