Bezirke
  ALLE ZIELE     Personen     Themen     Aktuell     Forum  
Charlottenburg-Wilmersdorf
Friedrichshain-Kreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Mitte
Neukölln
Pankow
Reinickendorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Treptow-Köpenick
Allgemein:
Startseite
Ich bin NEU hier
Hinweise
Kontakt
Impressum
Links
SUCHEN
Sitemap

Zu Pferde durch die Havel


Stadtteil: Spandau
Bereich: Pichelsdorf, Bocksfeld, Weinmeisterhöhe
Stadtplanaufruf: Berlin, Alt-Pichelsdorf
Datum: 29. Juli 2013
Bericht Nr: 428

An einer langen Tafel sitzt Jesus inmitten seiner Jünger, Brot und Wein stehen auf dem Tisch. So hat Leonardo da Vinci das Abendmahl dargestellt, das letzte Zusammentreffen vor der Kreuzigung. In der christlichen Theologie hat sich das Brot in Christus' Leib verwandelt und der Wein in sein Blut, der Messwein hat deshalb eine rituelle Bedeutung. Gerade hat in Venezuela der Bischof angekündigt, Gottesdienste ausfallen zu lassen, wenn wegen der Lebensmittelknappheit kein Messwein mehr vorhanden ist. Wen wundert es da, dass die Mönche, die während der Ostkolonisation nach Brandenburg kamen, hier Weinberge anlegten, um ihren Messwein zu erzeugen?

Die "Ostkolonisation" heißt heute wissenschaftlich korrekt "hochmittelalterlicher Landesausbau", aber das soll uns nicht vom Thema abbringen. Einige Zeit vor der Jahrtausendwende zum Jahr 1000 war Brandenburg als wesentlicher Teil der "Nordmark" bereits einmal in deutscher Hand, die Slawen waren besiegt und unterworfen. Dann eroberten die Slawen 983 ihr Gebiet zurück. Erst 1157 konnte Albrecht der Bär im zweiten Anlauf die Ostkolonisation fortsetzen, er wurde Markgraf von Brandenburg und errichtete das Bistum Brandenburg neu. Ritter, Mönche und Bauern nahmen das Land in Besitz, die Slawen wurden zum Christentum bekehrt oder gezwungen.

In dieser Zeit kam also der Weinbau nach Berlin. Der Anbau an südlich geneigten Berghängen ist optimal für die Sonneneinstrahlung, hier hat Berlin - das in einem Urstromtal liegt - besondere Vorzüge. Die Spree fließt in einer Vertiefung, nördlich steigt das Gelände zum Barnim an und südlich zum Teltow. Die Barnimkante bietet einen Südhang zur Spree, hier fanden sich die besten Voraussetzungen, um Weinreben zu pflanzen. Im 16. Jahrhundert gab es hier 70 Weinberge und 26 Weingärten. Hinweise auf Weinberge finden sich heute noch in Straßennamen, beispielsweise in Köpenick (Weinbergstraße), in Kreuzberg (Am Weinhang), in Friedrichshain (Weinstraße, Querstraße zur Barnimstraße), in Mitte (Weinsbergsweg), in Spandau (Weinmeisterhornweg, früher "In den Weinbergen"). Weitere Anbaugebiete waren der spätere Windmühlenberg (Prenzlauer Berg) und der Hohe Weinberg, der dem Bau des Humboldthafens am Hauptbahnhof weichen musste. Das Gasthaus "Sandkrug" am Hohen Weinberg gab der Sandkrugbrücke über den Spandauer Schiffahrtskanal den Namen. Auch der Köpenicker Weinberg (Weinbergstraße) wurde abgetragen und als Baumaterial verwendet.

Es wird berichtet, dass die Berliner um 1700 jährlich 859 Eimer Landwein tranken. Natürlich tranken sie den Wein nicht aus Eimern, hiermit ist nur ein Maß angegeben, das 70 Litern entspricht, also waren es gut 60.000 Liter. Über Qualität und Geschmack des Weins wurde gespottet, Adolf Glaßbrenner nannte ihn "Fahnenwein", weil sich das ganze Regiment zusammen zieht, "wenn man ein Achtel Wein über die Fahne kippt". Überliefert ist auch, die Weinerträge gingen "durch die Kehle wie 'ne Säge". Für den Niedergang des Berliner Weinbaus werden mehrere Gründe genannt: Die Stadt dehnte sich aus, Bier verdrängte den Wein, strenger Frost setzte den Reben zu, jedenfalls war ab 1740 nach und nach Schluss.

Der 52.Breitengrad wird in unserer Zeit als Nordgrenze für den Weinbau angesehen, Berlin liegt 60 km nördlich davon und wäre deshalb für Weinreben nicht geeignet. Doch der Klimawandel lässt die Grenze nach Norden wandern, Klimaforscher sagen, dass man 2050 bereits in Hamburg Wein keltern kann. In Berlin wird ohnehin im kleinen Umfang wieder Wein angebaut, auch wenn er nicht verkauft werden darf, weil die Stadt keine zugelassene Weinbauregion ist. Am Teufelsberg wurde das "Wilmersdorfer Teufelströpfchen" erzeugt (1), inzwischen ist die Produktion zur Nordkurve des Stadions Wilmersdorf umgezogen und lässt dort die "Wilmersdorfer Rheingauperle" wachsen. Der "Kreuz-Neroberger" reift am Fuße des Kreuzbergs. Eine Lichterfelder Oberschule hat einen schuleigenen Weingarten, dort arbeiten Schüler und Lehrer seit 10 Jahren an einem Weinbauprojekt. Im Humboldthain und im Britzer Garten sind weitere Anbauflächen, insgesamt soll es in Berlin 11 Weinberge und Weingärten geben.

Der Weinmeisterhornweg in Spandau - auf der Weinmeisterhöhe an der Scharfen Lanke - hat uns zu diesem Exkurs über den Berliner Weinbau inspiriert. Keltererweg, Küfersteig und Winzerstraße sind weitere Straßennamen mit Weinbezug im Umkreis. Und hier gibt es noch eine weitere Verbindung zu Albrecht dem Bären und dem Sieg über die Slawen. Jaczo von Köpenick, der letzte Slawenfürst, war auf der Flucht vor Albrecht dem Bären 1157 bis nach Gatow gekommen, wo er an der Havel in eine scheinbar ausweglose Situation kam. Sein dreiköpfiger Gott Triglav überhörte seine Hilferufe, da wandte er sich an den christlichen Gott seiner Verfolger mit einem Deal: für die Errettung würde er zum christlichen Glauben konvertieren. Ein Chronist berichtet: "Da schien es Jaczo, als fasste eine Hand den erhobenen Schild und hielte ihn über Wasser, so erreichten Pferd und Fürst schließlich das rettende Ufer der Landzunge". Aus Dankbarkeit wechselte Jaczo sofort den Glauben und hängte sein Schild und Horn an einen Baum, woraufhin dieser Ort Schildhorn geheißen wird. Im Laufe ihrer mündlichen Überlieferung soll diese Begebenheit sich allerdings einigermaßen verändert haben, denn Jaczo war schon Christ, bevor er nach Gatow kam und das gegenüberliegende Ufer hieß auch schon vorher Schildhorn. Eine Säule erinnert auf Schildhorn an den Slawenfürst, am Westufer der Havel hält der Jaczo-Turm die Erinnerung lebendig. Südlich der Havelklinik an der Gatower Straße verwittert dieser Turm an einem Waldweg vor sich hin.

Historisch gesichert ist dagegen, dass ein Teil der Gatower Straße und der Weinmeisterhöhe bis 1945 nicht zu Berlin, sondern zur Brandenburger Gemeinde Seeburg gehörte. Fast bis zum Ufer der Havel reichte der "Seeburger Zipfel" vom westlich gelegenen Seeburg nach Berlin herein. Zum Problem wurde das erst, als Seeburg am Ende des Zweiten Weltkriegs zur sowjetischen Besatzungszone und Gatow zum britischen Sektor von Berlin gehörte. Sowjets und Briten tauschten den Zipfel gegen West-Staaken, jetzt konnten die Briten ungehindert zu ihrem Gatower Flughafen fahren und die Sowjets gewannen den Staakener Flughafen hinzu.

Zu dem Seeburger Zipfel gehörte auch die Haveldüne, die in Wirklichkeit keine Düne ist, sondern eine eiszeitliche Aufschüttung. Während der Blockade wurde hier Kies abgebaut, um Baumaterial für die eingeschlossene Stadt zu gewinnen. Die Schienen für die Loren gingen von der Höhe bis zum Wasser, dort wurde der Kies auf Schiffe umgeladen. Die Düne wurde aber nur vorübergehend genutzt und nicht vollständig abgebaggert, das Schicksal mancher Weinberge und anderer Erhebungen blieb ihr erspart (3). Heute haben wir von hier einen weiten Ausblick über die Havel und die gegenüberliegenden Ufer. Der Himmel inszeniert eine friedliche Schicht von weißen Wolken auf hellblauem Hintergrund, darüber braut sich unheilvoll in dunklen Wolken ein Unwetter zusammen. Was für ein Blick!

Am Höhenweg oberhalb des Havelufers gibt es mehrere Architektur-Highlights aus den 1930er Jahren. Hermann Henselmann, der später Architektur und Städtebau der DDR wesentlich geprägt hat, errichtete die Villa "vom Hoff", Hermann Mattern, der spätere TU-Professor für Gartenbau, entwarf den Garten dazu. Das Nebenhaus baute Hans Scharoun, auch hier schuf Hermann Mattern zusammen mit Herta Hammerbacher, seiner Kollegin und Ehefrau, die Gartenanlage. Auch der Backsteinbau auf dem Nachbargrundstück ist als Denkmal eingetragen. An der Straße Zur Haveldüne 2 schließlich steht ein Stahlplatten-Fertigteilhaus.

Nördlich der Scharfen Lanke lag das Fischerdorf Pichelsdorf, dessen Ursprünge wie bei vielen anderen Berliner Dörfern ins 14.Jahrhundert zurückreichen. Bis zum 19.Jahrhundert gehörte auch Pichelswerder dazu, eine Halbinsel zwischen Havel und Stößensee. Pichelswerder war ein Ausflugsgebiet, mehrere Ausflugsgaststätten lockten die Spandauer und Berliner ans Wasser. "Diese Gegend wird stark zum Vergnügen besucht, und für die schönste von Berlin gehalten", schrieb 1806 ein Berlin-Lexicon. Pichelsdorf hatte dagegen seinen dörflichen Charakter behalten. Alles änderte sich 1903, als mit dem Bau der Heerstraße begonnen wurde. Durch zwei Brücken - die Stößenseebrücke und die Freybrücke (4) - wurde Pichelswerder mit dem Festland verbunden. Die Heerstraße führte direkt durch das Dorf Pichelsdorf, mehrere Dorfhäuser fielen dem Straßenbau zum Opfer. Das wenige Dörfliche, das übrig geblieben war, wurde seit den 1970er Jahren durch überdimensionierte Terrassenhäuser beseitigt, die die Wasserlage zur Steigerung des Wohnwerts nutzten.

An Alt-Pichelsdorf schließt sich Bocksfeld an, die versteckte Gartensiedlung eines Architekten, der in der Architekturgeschichte nur mit diesem einen Bauprojekt vertreten ist: Reihenhäuser in Gruppen, durch Vor- und Rücksprünge gegliedert, mit markanten Doppel-Erkern, Hausgärten, Tordurchgängen, alles in schlichter "Neuer Sachlichkeit". Ursprünglich sollten Polizeibeamte des Festungsgefängnisses hier einziehen, dann wurde während der Bauzeit der Nutzerkreis auf Postbeamte geändert, als die Genossenschaft Postheimstätte das Projekt übernahm.

Weiter westlich steht die evangelische Gnadenkirche, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Carl Theodor Brodführer errichtet wurde, also der Nachkriegsmoderne zuzurechnen ist. Ursprünglich sollte hier eine Notkirche stehen, so wie sie als Behelfskirche nach Kriegsende mehrfach aufgestellt wurde (5). Es gab standardisierte Typen von Fertigkirchen, Otto Bartning hatte in Deutschland insgesamt 43 Typenkirchen errichtet, eine steht in der Simplonstraße im Boxhagener Kiez. Zurück zum Architekten der Bocksfelder Gnadenkirche: Carl Theodor Brodführer hatte in den 1920er und 1930er Jahren ganz unterschiedliche Bauten in Berlin errichtet. Die verglaste Halle des Bahnhofs Friedrichstraße ist sein Werk (6) und eine weitere Kirche (Lindenkirche Homburger Straße), für die Wasserwerke baute er mehrere Verwaltungsgebäude.

Von der Heerstraße bis zur Haveldüne, lang und interessant war unser Weg. Der Bus bringt uns zurück in die Innenstadt, wo wir beim Griechen am Amtsgerichtsplatz unter dem Baldachin sitzen, während das Wasser vom Himmel fällt.

---------------------------
(1) Mehr über den Teufelsberg: Die Berliner bauen ihre Berge selber
(2) Flughafen Staaken: Mata Hari auf dem Flugfeld
(3) Andere abgetragene Berge: Marienhöhe, Schöneberg
(4) Pichelswerder und die Brücken der Heerstraße: Die Heerstraße an der Havel
(5) Mehr über den Bau von Notkirchen nach dem 2.Weltkrieg: Notkirchen


Fantasievolle Gebilde wie frei geformte Skulpturen
Rückzug ins Taubenhaus