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Fantasievolle Gebilde wie frei geformte Skulpturen


Stadtteil: Spandau
Bereich: Wilhelmstadt
Stadtplanaufruf: Berlin, Weverstraße
Datum: 30. April 2013
Bericht Nr: 418

Fangen wir heute ausnahmsweise mit dem Ende an, mit dem Restaurantbesuch, der unsere Spaziergänge regelmäßig abschließt. Vom Laufen und Schauen hungrig und durstig geworden, versuchen wir meist, auch für diesen Teil der Stadtwanderung Lokalkolorit zu schnuppern und am Ort zu bleiben. Dafür würde ich mich in manch tiefe Niederung begeben, die mir mein Mitflaneur meist ausredet, weil er für einen gewissen Mindeststandard plädiert. Um es konkret zu sagen: für weißes Wellfleisch mit Sättigungsbeilage würde auch ich mich nicht an den Tisch setzen.

In der Pichelsdorfer Straße stellen wir erschreckt fest, dass wir zwischen Heerstraße und Bahnhof Spandau in einer kulinarische Wüste unterwegs sind. Wo gehen die Spandauer in der Wilhelmstadt essen? Ein Ristorante mit Pizzeria an der Wilhelmstraße, dort wo die Pichelsdorfer einmündet, versetzt uns in noch größeres Erstaunen. Ein normaler Italiener, voll eingerichtet, mit Tischdecken und Bedienung, stellt für 4,20 Euro das bestellte Tortellini-Gericht auf den Tisch, Spaghetti Aglio kosten 4,50 Euro. Wie kann man bei einem solchen Preis Miete, Strom, Zutaten, den Koch und den Ober bezahlen?

"Hier findet man urbanes Leben, also ein buntes Nebeneinander von Handel, Straßenverkehr sowie Wohnen und Freizeit. Für nette Abwechslung im Alltag sorgen die Restaurants und Cafés in Wilhelmstadt" lese ich auf der Homepage von "Mein Spandau", die von den "kulinarischen Genüssen" schwärmt und leidenschaftlich ausruft: "In jedem Falle heißt es in Spandau-Wilhelmstadt: Guten Appetit!". Wo haben diese "unabhängigen Redakteure" recherchiert, vor Ort doch wohl nicht? Realistischer ist wohl diese Aussage: "Das Gebiet um die Pichelsdorfer Straße im Spandauer Stadtteil Wilhelmstadt war einst der 'Kudamm Spandaus' mit einem breit gefächerten Angebot nicht nur im Bereich der Nahversorgung, sondern auch Mode, Spezialitäten und Dienstleistungen. Jedoch haben Geschäftsaufgaben, Ladenleerstände sowie die Ansiedlung von Spielcasinos und Geschäften im preiswerten Segment zu einem Trading Down des Standorts geführt" (Quelle: Planungsbüro "Die Raumplaner"). Der Begriff „Trading Down“ meint: Zunehmenden Leerstände und ausbleibende Kundschaft zwingen die Unternehmen, Qualität und Preise zu senken. Damit wird ein Prozess beschleunigt, der zu weiteren Leerständen und zur Verödung des Stadtteils führt. Nur zweifelhafte Vergnügungsstätten zahlen noch höhere Mieten, ansonsten verkommt der Gebäudebestand, weil Gelder für Instandsetzung und Modernisierung fehlen. Auch das Wohnumfeld ist betroffen, soziale Schichten und Milieus verändern sich, die städtische Infrastruktur leidet.

Mit diesem Abwärtstrend kämpfen viele Stadtteile und Innenstädte, Spandau steht da nicht allein. Steuerungskonzepte der Stadtverwaltung und Initiativen der Bewohner und Gewerbetreibenden können dieser Entwicklung entgegen wirken. Vor zwei Jahren wurde die Wilhelmstadt zum förmlichen Sanierungsgebiet erklärt, eine Stadtteilvertretung soll sich an folgenden Leitbildern ausrichten: "Ein lebenswerter Stadtteil für alle Bevölkerungsgruppen", "Starke Einkaufsstraße mit Profil" und "Straßen und Plätze als urbaner Lebensraum". Es sollen "Wasser-, Wander- und Fahrradtourismus" an der Havel und "Grüne Wege in die Wilhelmstadt" entwickelt werden. Man kann hoffen, dass die Abwärtsspirale durch diese Aktivitäten aufgehalten und umgekehrt werden kann, auch wenn vielleicht nicht alle Ideen realisiert werden, die hinter der blumigen Planersprache stecken.

Zwei Wasserflächen flankieren den Zugang von Pichelsdorf in die Wilhelmstadt: der Grimnitzsee mit Zugang zu Havel und der See im Südpark. Am Grimnitzsee wird der Besucher von der Bronzefigur des (sitzenden) Apolls mit Kithara begrüßt. Über Künstler und Entstehungszeitraum der hier aufgestellten Plastik ist nichts bekannt, es gibt aber ein antikes Vorbild, die Marmorfigur des (stehenden) Apollo Kitharoidos. Die römische Statue aus dem 2.Jahrhundert wurde von Friedrich dem Großen erworben und wird heute auf der Museumsinsel ausgestellt. Darüber ist die Bronze am See mit der Berliner Geschichte verknüpft. Vielleicht dachte der Schöpfer auch daran, dass der nackte Apollo zwischendurch sein Musikinstrument aus der Hand legt und sich im Wasser erfrischt.

Zwischen Grimnitzsee und Pichelsdorfer Straße liegt die Siedlung Birkenwäldchen des Architekten Richard Ermisch (1). Er ist uns durch seine expressionistische Wohnsiedlung an der Falkenseer Chaussee (2) schon einmal in Spandau begegnet, auch beim Bau des Messegeländes hat er mitgewirkt. Beim Birkenwäldchen ist die Gestaltung zurückhaltender als am Falkenhagener Feld, die Gebäude sind rostrot geputzt und haben beigefarbene Balkons. Backsteine als Umrandungen für Fenster und Türen und als Bänder gliedern die Fassade. An den Türumrandungen werden die Backsteine mit über Eck stehenden Kanten in senkrechter Pfeilergliederung als Schmuck eingesetzt. Eine weitere Ermisch-Siedlung entstand zwischen Betcke- und Weverstraße ebenfalls Ende der 1920er Jahre. Die weiß verputzten Bauten haben farbige Fensterrahmen und Backsteinumrandungen an den Fenstern.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Betckestraße hatte der Spandauer Stadtbaurat Karl Elkart in der Zeit der Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg eine städtische Wohnanlage geschaffen, in deren "Ehrenhof" mit einer Skulptur an die Notzeit erinnert wird. "Nach dem großen Kriege wurde diese Baugruppe durch die Stadt Spandau zur Linderung der Wohnungsnot im Jahr 1919 errichtet" steht am Sockel einer Kalksteinfigur der Göttin Flora, die ein Füllhorn entleert. Der historisierenden Fassade des Wohnblocks sieht man die Bauzeit nicht an. Solche Fassadengestaltungen gehörten zum untergegangenen Kaiserreich, ein Indiz für Elkarts konservative Einstellung, die die Zeichen der neuen Zeit nicht erkannt hat. In der Nazizeit war er dann mehr zu Hause, als Stadtbaurat in Hannover hatte er wesentlichen Anteil an Judenverfolgungen, er genoss er die "Anerkennung des Führers", Albert Speer nahm ihn einen Arbeitsstab auf.

Auf unserem Weg durch die Adamstraße begleitet uns die dritte Ermisch-Wohnanlage, die bis zur Weverstraße reicht. Das ungewöhnlichste Merkmal dieser Bauten ist die Farbe Pastell-Türkis, die an allen Häusern flächig mehrere Fenster zu einem Band zusammenfasst, Türen umrandet und als farbiger Fries das Dach optisch in die Höhe zu heben scheint. Doch dabei bleibt es nicht. Verspielte Fantasieelemente im leeren Rahmen, Sprossenfenster, expressionistische Portale, die nicht hervorspringen, sondern hinter die Fassadenlinie zurückgesetzt sind, hier haben die Augen etwas zu schauen. Zurzeit wird die Wohnanlage als "Adamshof" vermarktet, die Dachgeschosse werden zu Wohnungen ausgebaut. Die Initiatoren haben offensichtlich zu der Bauidee keinen Zugang gefunden: Sie erwähnen in der Baubeschreibung nur den Bauherrn, aber nicht den Architekten Ermisch und haben nur die "zeittypischen Satteldächer" entdeckt, nicht aber die ungewöhnlichen Fassadendetails.

Die letzte Ermisch-Wohnanlage auf diesem Spaziergang finden wir an der Wilhelmstraße, durchgehend zur Konkordiastraße. Bauherr war auch hier der Bezirk Spandau über seine Gemeinnützige Baugesellschaft Adamstraße. Zeitgleich mit den anderen drei Siedlungen errichtet, wird hier mit wieder neuen Materialien und Proportionen gearbeitet. Gelbe Ziegel und weiß geputzte horizontale Fassadenflächen, die über dem Erdgeschoss auch die abgerundeten Hausecken umfassen, Ornamente aus Ziegelbändern, Ermisch hatte immer neue Ideen, seine Bauten unverwechselbar zu machen.

Ich hoffe, dass meine Architektur-Begeisterung für den geneigten Leser - die geneigte Leserin - noch erträglich ist, denn hier kommt noch ein ungewöhnlicher Bau aus den 1920er Jahren, den wir an der Jägerstraße Ecke Weißenburger Straße gesehen haben. Der Architekt B.Bohne - über den sonst die Bohne nichts bekannt ist - hat sich ein Eckhaus spendiert, das nicht mit expressionistischen Details geizt. Bauten des Expressionismus, das sind fantasievolle Gebilde wie frei geformte Skulpturen, die mehr sind als funktionelle, architektonische Konstruktionen. Die heutigen kühnen Architektur-Ikonen, die mit dem Computer entworfen sich scheinbar über physikalische Gesetzmäßigkeiten hinwegsetzen können, sie haben eine Gemeinsamkeit mit der Zuspitzung der Ausdrucksmöglichkeiten im Architektur-Expressionismus. Geschwungene Dächer, spitze Türme und fließende Wandflächen bewirken einen dynamischen Gesamteindruck, und genau das hat B.Bohne an seinem Gebäude gezeigt.

Und dann gab es auf unserem Stadtspaziergang etwas, das wir nicht gesehen haben, nicht sehen konnten, weil es abgerissen, ausradiert wurde: das Spandauer Kriegsverbrechergefängnis an der Wilhelmstraße. Hier bewachten Soldaten der vier Siegermächte sieben führende Nazis, die bei den Nürnberger Prozessen zu langen Freiheitsstrafen verurteilt worden waren. Von 1966 bis 1987 war Rudolf Hess der letzte, einzige Gefangene, für den die monatliche Wachablösung zelebriert wurde. Nach seinem Tod hat man das Gefängnis abgerissen, damit es nicht zur Pilgerstätte für Neonazis würde. Die Britische Besatzungsmacht errichtete hier das „Britannia Centre Spandau“, ein Einkaufszentrum für ihre Soldaten. Nach der Wende zunächst von Discountern genutzt, liegt inzwischen ein neuer Bebauungsplan für das Gelände vor, der Abriss der Altsubstanz hat begonnen. Weitere Informationen gibt es nicht, deshalb verfolgen Anwohner aufmerksam jede Bewegung auf dem Grundstück, sie haben schon die vorläufige Einstellung der Bauarbeiten erreicht. Sollte es der genius loci - der Ungeist des Ortes - sein, der hier zu so schlechter Kommunikation führt, die Misstrauen auslöst, ja auslösen muss?

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Ein Spaziergang auf der gegenüberliegenden Havelseite: Dorf mit Lagegunst
(1) Mehr über Richard Ermisch: Ermisch, Richard
(2) Expressionistische Wohnsiedlung an der Falkenseer Chaussee: Im Landeanflug


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Spandauer Festungsbauwut
Zu Pferde durch die Havel