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Die Berliner bauen ihre Berge selber


Stadtteil: Wilmersdorf
Bereich: Teufelsberg
Stadtplanaufruf: Berlin, Teufelsseechaussee
Datum: 31. Juli 2011

Wohin mit dem Schutt aus 50.000 kriegszerstörten Berliner Gebäuden? Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das, was die Trümmerfrauen nicht recyceln konnten, in Berlin (wie auch in anderen Städten) zu Bergen angehäuft, die man später begrünte. Man schuf oder erhöhte Erhebungen in (Volks-)Parks im Friedrichshain (Oderbruchkippe und zwei Bunkerberge), im Humboldthain (Humboldthöhe), in der Hasenheide (Rixdorfer Höhe), in der Tempelhofer Marienhöhe. Und man schüttete neue Berge auf am Rudower Dörferblick, am Insulaner und am Wilmersdorfer Teufelssee, wo mit dem Teufelsberg der höchste Trümmerberg Berlins (115 Meter) entstand. In Friedrichsfelde baute man das "Friedrichsfelder Gebirge", das seit der Erweiterung des Tierparks 2002 ein ideales Gelände für Gebirgstiere ist. Auf der Biesdorfer Höhe führten Schuttablagerungen, angeblich auch vom gesprengten Berliner Stadtschloss, zum "Biesdorfer Berg". Eine Kinderbuchautorin textete folgerichtig: "Die Berliner bauen ihre Berge selber".

Und was macht man mit dem neuen Berg? Am Teufelsberg hat es seit der Begrünung des Schutts mit 180.000 Bäumen viele zivile Nutzungen (1) gegeben, Rodeln, Skifahren, Drachensteigen, Gleitschirmfliegen, Bergsteigen ("Wilmersdorf statt Watzmann", Der Spiegel). Ein Südhang wurde zum Weinberg (2), später hat man das Weingelände ins Stadion Wilmersdorf verlegt, das ebenfalls auf Trümmerschutt angelegt war. Aus dem "Wilmersdorfer Teufelströpfchen" wurde so die "Wilmersdorfer Rheingauperle". Einzelne verwilderte Weinstöcke sind noch im Dickicht des Teufelsbergs zu finden.

Und die militärischen Nutzungen des Teufelsbergs? Die Bauruine der Wehrtechnischen Fakultät aus Hitlers Germania-Hauptstadt-Planungen verschwand unter dem Kriegsschutt des Trümmerbergs. Die Erhebung von 115 Metern lockte die Amerikaner und Briten, von hier aus Funkverkehr zu belauschen, angeblich soll der Berg die höchste Erhebung im Raum bis Moskau sein.

Auf dem Teufelsberg saßen die Amerikaner und beschafften mit ihren Abhöranlagen Informationen aus der Sowjetunion und der DDR. Auch die Briten waren dort (schließlich befand man sich im britischen Sektor der viergeteilten Stadt), sie wurden aber nicht mit soviel Aufmerksamkeit bedacht wie die Amis. Die Abhörstation gehörte zum Echelon-Netz, mit dem Amerikaner, Kanadier, Briten, Australier und Neuseeländer militärische und diplomatische Informationen der Sowjetunion und ihrer Verbündeten abhörten. Ihre Autos ließen die Mitarbeiter der Abhörstation von einem türkischen Automechaniker reparieren, „The Meister“ nannten sie ihn ehrfurchtsvoll- sie wussten nicht, dass er Stasi-Mitarbeiter war. Einen finanziell klammen amerikanischen Unteroffizier mit Zugang zu streng geheimen Dokumenten konnte er anwerben und jahrelang abschöpfen. Am Flughafen Tempelhof übernachteten amerikanische Militärpersonen in einer netten Privatpension in der Dudenstraße, die von Stasi-Agenten betrieben wurde. Die Hotelchefin hatte sich gegenüber dem östlichen Geheimdienst verpflichtet, "wichtige Aufgaben zur Erhaltung und Sicherung des Friedens für die gesamte Menschheit" zu übernehmen. Das könnte man denken, wenn alle Staaten Geheimdienste haben, dann gleicht sich das aus, lediglich beim Zeitpunkt des Wissens hat dann mal der eine und mal ein anderer Staat die Nase vorn.

Geheimdienste sind wichtig - wir haben gleich drei, damit keiner übermächtig wird: einen fürs Inland, einen fürs Ausland und einen fürs Militär (Verfassungsschutz, Bundesnachrichtendienst, Militärischer Abschirmdienst). Das, was überall in der Welt in der Sprache der Dienste gern "Aufklärung" genannt wird, kann genauso gut "Desinformation" sein, also das (Ver-)Fälschen, Verschweigen, Unterdrücken der Wahrheit, um andere zu täuschen. Selbst eine Täuschung kann eine Desinformation sein mit der Absicht, der andere möge sie erkennen und das darunter mutmaßlich verborgene für die Wahrheit halten, was dann in Wirklichkeit die gelungene Täuschung ist. Doppelbödigkeit gab es an der Ost-West-Grenze in Altglienicke, als Amerikaner ein russisches Datenkabel anzapften und von der Gegenseite – die das wusste – mit Spielmaterial versorgt wurde (3).

Ein weiteres Mittel von Geheimdiensten ist die Unterwanderung, Untergrabung, Subversion, damit hat die Stasi gern "feindlich-negative Kräfte" verfolgt, sogar bis in den Westen hinein. Spionage ist ein Staatsverbrechen, ist Landesverrat - wenn es die anderen betreiben. Da sich dies alles im Geheimen abspielt, mit Verrat, Liebesgeschichten, Verzweiflung garniert, ist das Interesse der Öffentlichkeit groß, bei Filmstorys und noch mehr im wirklichen Leben. Und der Ort kann die Atmosphäre schaffen, ein Absolvent der Film- und Fernsehakademie hat den Film "Der Spieler" ausschließlich auf dem Teufelsberg gedreht.

Selbst der polnische Papst Karol Wojtyla hatte einen Spion des polnischen Geheimdienstes in seiner unmittelbaren Umgebung, was angesichts seiner Bedeutung und Einflussnahme auf Solidarnos und die Demokratiebewegungen im Ostblock nicht verwunderlich ist. Aber Spionage muss sich nicht immer gegen Feinde richten, man weiß auch gern, was seine Freunde machen. Und der Vorwurf der Spionage kann sich auch gegen Menschen richten, die nicht "gegen" ein Land, sondern "für" eine Idee handeln und damit kaum Schaden anrichten. Der Inhaber von Photo-Porst, "Marxist und Millionär" Hansheinz Porst, hatte solche "landesverräterischen Beziehungen" zum Osten Deutschlands. Im Grunde war er nur zu früh gestartet, denn "Wandel durch Annäherung" war später der Weg zur Wiedervereinigung. Eindrucksvoll ist auch der Satz, mit dem sein Vater ihn über die Gefängniszeit hinweg trösten wollte: Du kommst hier wieder raus, die Wärter haben lebenslänglich.

Die optische Wirkung der Abhöranlage wird durch die runden Radarkuppeln bestimmt, "Radom" heißen sie, ein Kunstwort, zusammen gezogen aus radar dome. Im Kontrast zu seinem futuristischen Aussehen ist so ein Radom eine ganz banale Hülle, in der sich die eigentlichen Spionagewerkzeuge befinden. Vom Äußeren kann man nicht auf die Einrichtung im Innern schließen, das ist ein optischer Schutz. Es erinnert ein wenig an die Kulturgeschichte der Hose, sie macht die vorhandene Ausstattung unsichtbar (aus "Die Verpackung des männlichen Geschlechts", Gundula Wolter, Jonas Verlag). Ein Radom hält Witterungseinflüsse (Niederschläge, Windlast) ab und kann durch ihre Materialien durchlässig für elektromagnetische Wellen sein und gleichzeitig andere Strahlung absorbieren. Im Innern befinden sich Antennen, Messgeräte und Abhöranlagen. Die Abhörspezialisten und Auswerter der Field-Station saßen täglich acht Stunden und länger in fensterlosen Räumen. An der Cafeteria im Innenhof konnte man im Tageslicht Pause machen, für die Briten brachte ein Versorgungsbus täglich Tee und Sandwich.

Nach mehreren gescheiterten Versuchen, die nach der Wende überflüssige Radarstation für andere Nutzungen umzubauen (Wohnungen, Hotel, Universität) war die Anlage zwischenzeitlich ungeschützt dem Vandalismus preisgegeben. Nach heutigem Stand ist keine Bebauung mehr zulässig, weil es sich inzwischen um Forstgebiet handelt. Für gebuchte Besichtigungs- und Fototouren kann man das von einem Sicherheitsdienst bewachte Gelände aber betreten. Von den Bahnhöfen Heerstraße, Eichkamp (Messe-Süd) oder Grunewald erreicht man die Station nach einem Fußmarsch durch den Grunewald.

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Alles über Berliner Berge finden Sie hier: Berge
(1) Ein Besuch auf dem zivilen Teufelsberg: Teufelsberg
(2) Weinanbau in Berlin: Weinanbau
(3) Spionage in Altglienicke: Wie wirklich ist die Wirklichkeit


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